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Gemischte Gefühle – Mit neuer Technik gesund und autonom durchs Leben

Ob intelligente Gadgets, adaptive Technologien oder Pflegerobotik: Technische Assistenzsysteme gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie können den Menschen dabei helfen, gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen – etwa der Pflegenotstand angesichts des demographischen Wandels – zu bewältigen. Neben Chancen bringt neue Technik aber auch Risiken mit sich, die es zu hinterfragen gilt.

Im FoKoS wurde am 8. November 2018 über die Möglichkeiten und Grenzen technischer Assistenzsysteme diskutiert.

Die Digitalisierung ist ein stark wachsendes Feld, in dessen Rahmen technische Assistenzsysteme eine wichtige Rolle spielen. So können etwa intelligente Gadgets oder Böden, die Veränderungen im Gangbild sowie Stürze erkennen, dazu beitragen, dass ältere Menschen länger und mit möglichst hoher Lebensqualität in ihrem persönlichen Umfeld leben können. Denkbar ist außerdem, dass für die Pflege im häuslichen Umfeld künftig Roboter mit Assistenzfunktionen eingesetzt werden. Sowohl die bereits existierende neue Technik als auch die Zukunftsvisionen in diesem Bereich gehen mit Chancen und Risiken einher, die reflektiert werden müssen.

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Cognitive Village“ am Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKoS) hat sich in den letzten drei Jahren mit der partizipativen Gestaltung technischer Assistenzsysteme beschäftigt. Um Anwendungen anbieten zu können, die den Bedürfnissen der zukünftigen Endnutzerinnen und Endnutzer entsprechen, wurden diese bei der Entwicklung einbezogen. Entstanden sind technische Lösungen, die das Verhalten von Menschen rund um die Uhr analysieren sowie benötigte Hilfestellungen schnell, individuell, gezielt und überall anbieten können.

Im FoKoS fand am 8. November zunächst ein interdisziplinärer Workshop mit renommierten Wissenschaftsexpertinnen und -experten aus aller Welt statt, in dessen Rahmen die vom Projekt „Cognitive Village“ erreichten Fortschritte im Bereich intelligenter Algorithmen der Mustererkennung vorgestellt wurden. In mehreren Diskussionsrunden sprachen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem über technologische Innovationen, zum Beispiel aus dem Feld künstliche Intelligenz, daraus resultierende Implikationen für die Gesellschaft und die Verantwortung der Wissenschaft. Abends wurden einem öffentlichen Publikum dann die Ergebnisse des Workshops vorgestellt. An der Podiumsdiskussion nahmen Dr. Regina Görner (Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen), Prof. Dr. Barbara Hammer (Universität Bielefeld, CITEC Center), Heiner Vogelsang (Landesvertreter der Techniker Krankenkasse NRW) und Dr. Martin Brüchert (BMBF-Projektträger) teil. Moderiert wurde die Diskussionsrunde von den Siegener Wissenschaftlern Prof. Dr. Claudia Müller und Prof. Dr. Marcin Grzegorzek.

Einig waren die Diskutierenden sich vor allem in einer Hinsicht: Damit technische Assistenzsysteme zur Lösung zentraler Zukunftsaufgaben beitragen können, muss auf Inter- und Transdisziplinarität gesetzt werden. Dies bedeutet einerseits, dass Forschende unterschiedlicher Disziplinen zusammenarbeiten – und dass es etwa für die Entwicklung eines Assistenzsystems nicht nur Informatiker, sondern zum Beispiel auch Psychologen braucht. Andererseits sollen aber auch Akteure außerhalb der Wissenschaft einbezogen werden. „Solche interdisziplinären Forschungsprojekte können einen ganz wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass man den Menschen wirklich in den Blick nimmt“, bemerkte Dr. Regina Görner in diesem Zusammenhang, „Ich bin sehr froh darüber, dass die Ausrichtung auf die Nutzerperspektive in der Forschung jetzt eine größere Rolle spielt.“

Technische Assistenzsysteme sollten allerdings nicht nur den Bedürfnissen der Endnutzerinnen und Endnutzer entsprechen, sondern für diese ebenfalls transparent und verständlich sein. Insbesondere im Kontext von künstlicher Intelligenz sei dies, so Prof. Dr. Marcin Grzegorzek, von Bedeutung: „Oft werden Systeme entwickelt, die am Ende nicht einmal die Entwickler verstehen. Wir haben es dann mit einer Black Box zu tun und stoßen auf ein Nachvollziehbarkeitsproblem, das viele Schwierigkeiten gesellschaftlicher und rechtlicher Art mit sich bringt.“ Wichtig sei es deshalb, die Funktionsweise neuer Technik verständlich zu machen. Die Wissenschaft habe hier eine große Verantwortung und müsse, wie Prof. Dr. Barbara Hammer hinzufügte, auch eine gewisse Data Literacy der Nutzerinnen und Nutzer fördern: Diese sollten verstehen können, wie die neuen Systeme funktionieren, und darüber hinaus wissen, welche persönlichen Daten gespeichert werden und was mit diesen passiert.

Prof. Dr. Barbara Hammer warnte auch vor falschen Erwartungshaltungen an künstliche Intelligenz: „Die Rolle von maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz wird sowohl über- als auch unterschätzt. Es ist dringend notwendig, dort eine korrekte Erwartungshaltung für das, was sie leisten kann, und das, was sie nicht leisten kann, zu erreichen. Wichtig ist außerdem ein Verständnis dafür, dass KI immer mit einer klaren Beschränkung kommt und kein Allheilmittel ist.“ Technische Assistenzsysteme, so Prof. Dr. Hammer weiter, sollten die Anwenderinnen und Anwender zudem unterstützen – und nicht abhängig machen.

Auch Heiner Vogelsang mahnte an, neben den Möglichkeiten neuer Technik auch deren Grenzen zu erkennen, dabei aber keine Gelegenheiten verstreichen zu lassen. Das Siegener Forschungsprojekt „Cognitive Village“ hob er positiv hervor: „Dass hier mit den Menschen gesprochen wird, ist wichtig. Es kann gefragt werden: ‚Was braucht ihr denn eigentlich?‘ oder ‚Welche Technologien könnten denn bei euch welches Problem lösen?‘. Hier wird nicht am Bedarf der Menschen vorbeigeforscht, sondern bedarfsgerecht entwickelt. So können digitale Lösungen gefunden werden, die den Menschen wirklich weiterhelfen.“

Der Abend im Forschungskolleg der Universität Siegen hat deutlich gemacht, dass die Entwicklung und Erforschung neuer Technik von der Zusammenarbeit verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, aber auch von der Nähe zum Bürger profitieren kann. Dies hob Dr. Olaf Gaus, Geschäftsführer des FoKoS, zum Schluss noch einmal hervor. Er stellte dabei auch die besondere Rolle des Forschungskollegs heraus: „Wir sind hier in der Region Südwestfalen – und die ist uns wichtig. Unter dem Stichwort der zukünftigen gesundheitlichen Versorgung wollen wir wissen: Was ist zu tun, was ist wird von den Menschen verlangt? Und da darf man gemischte Gefühle haben. Wir wollen alle unabhängig bleiben und alles von dem, was wir jetzt können, auch zukünftig können – unabhängig davon, ob wir 20, 40 oder 80 Jahre alt sind. Das ist zwar eine große Herausforderung, aber wenn wir das wollen, dann müssen wir dafür sorgen und uns in der Region Südwestfalen eine Meinung darüber bilden, wie unsere Zukunft aussehen kann.“

2018-11-08 Podium Gemischte Gefühle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


v. l. n. r. 
Dr. Regina Görner, Heiner Vogelsang, Dr. Martin Brüchert, Prof. Dr. Barbara Hammer, Prof. Dr. Claudia Müller, Prof. Dr. Marcin Grzegorzek

Text: Finja Walsdorff

Fotos: Niklas Jung