Für eine korrekte Darstellung dieser Seite benötigen Sie einen XHTML-standardkonformen Browser, der die Darstellung von CSS-Dateien zulässt.

Lili - Heft 104

Zusammenfassung als PDF

Thema: Zweitspracherwerb

Herausgeber dieses Heftes:
Wolfgang Klein





Inhalt

Wolfgang Klein
Einleitung

Clive Perdue and Saskia Schenning
The expression of spatial relations in a second language:
two longitudinal studies

Marianne Starren and Roeland van Hout
Temporality in learner discourse: What temporal adverbials can
and what they cannot express

Christiane von Stutterheim
Der Ausdruck von Zeitkonzepten in fortgeschrittenen Lerner-
varietäten

Christine Dimroth und Wolfgang Klein
Fokuspartikeln in Lernervarietäten. Ein Analyserahmen
und einige Beispiele

Angelika Becker and Rainer Dietrich
The acquisition of scope in L2 German

Labor

Tim Mehigan
Über die Krise der Germanistik und alternative theaterpädagogische
Lernmodelle für den Fremdsprachenunterricht

Uwe Meyer
»O Antigone ... stehe mir bei« - Zur Antigone-Rezeption im Werk
von Grete Weil

Volker Nölle
Die »reine Handlung«. Die »Analytik der Historie« in der
interdisziplinären Perspektive







Wolfgang Klein

Einleitung


1. Mehrsprachigkeit ist das Normale

Niemand weiß, wieviele Sprachen es gibt, einige tausend sind es wohl, vielleicht dreitausend, vielleicht sechstausend, vielleicht ist fünftausend die beste Schätzung. Man kann es auch gar nicht genau wissen, denn Sprachen sind, Wolken gleich, nichts klar Abgegrenztes. Eine Sprache, das sind die Regeln, nach denen bestimmte Leute miteinander reden, und dieser Regeln sind viele, und manche werden von manchen Leuten geteilt, und andere nicht. Die Leute im Emmental reden ein wenig anders, aber auch wieder ähnlich, als die in Emmendingen oder in Gundelfingen, diese anders als jene in Köln oder in Hannover, und die in Köln oder Hannover anders, aber auch nicht ganz anders, als die in Amsterdam. Das Schweizerdeutsche und das Alemannische sehen wir als Dialekte des Deutschen an, das Holländische nicht, obwohl die Kölner oder Hannoveraner das eine so gut und so schlecht verstehen wie das andere. Wenn man von der deutschen oder der holländischen Sprache redet, so ist das eine vielleicht aus mancherlei Gründen sinnvolle Hypostasierung; aber diese Gründe sind ebensowohl sozialer, kultureller oder politischer Natur als sprachlicher. Mit den Worten des großen dänischen Sprachwissenschaftlers Otto Jespersen - eine Sprache ist ein Dialekt mit einem Heer und einer Marine. Eine bestimmte Art zu reden gilt als eigene Sprache, wenn es einen Staat gibt, der diesen Anspruch vertritt.

Aber das ist natürlich auch nicht richtig. Staaten gibt es derzeit ungefähr 180. Nach Ansicht der Sprachwissenschaftler werden allein in Neuguinea, in das sich zwei Staaten teilen, rund 700 Sprachen gesprochen, die wechselseitig nicht oder kaum verstehbar sind. Das sind rund 350 pro Staat (nicht gerechnet die übrigen Sprachen von Indonesien). Und wenn man bei der Schätzung von 5000 Sprachen bleibt, dann ergibt sich nach den strengen Regeln der Arithmetik, daß pro Staat fast 28 Sprachen gesprochen werden. Nun ist dies ein Durchschnitt, die Schwankungen sind erheblich, und die Zahl der Sprachen insgesamt, wie schon gesagt, nicht genau bestimmbar. Vielleicht sind es deshalb nur 20 oder gar 15 pro Staat, aber das ändert im Grunde nichts - Staaten sind vielsprachig.
Auch der in der Statistik wenig Beschlagene wird daraus nicht ableiten, ein jeder Staatsangehörige weltweit spreche im Schnitt 25 Sprachen. Aber das umgekehrte Extrem, daß jemand nämlich nur eine Sprache spricht, ist ebenso untypisch. Staaten sind in der Regel vielsprachig, Individuen sind in der Regel mehrsprachig. Sie sind mehrsprachig, weil sie von Geburt an mit mehreren Sprachen aufgewachsen sind, weil sie als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener durch den alltäglichen Kontakt weitere Sprachen gelernt haben, oder aber weil sie in einer oder mehreren Sprachen unterrichtet wurden, wie wir alle in der Schule. Letzteres ist aber, sieht man die Menschheit insgesamt, wiederum eher der untypische Fall. Die Menschen haben schon viele Jahrtausende viele Sprachen gelernt und gesprochen, bevor es Schulen gab, und wenn ein Bewohner Westirians mehrere Sprachen spricht, so gewöhnlich nicht, weil er das Abitur hat. Die Fähigkeit, eine Sprache zu lernen, sei es als Kind oder als Erwachsener, entfaltet sich normalerweise im Kontakt mit jenen, die diese Sprache sprechen; daß sie uns im Unterricht, selbst im Lateinunterricht, nicht verläßt, ist eine erfreuliche Beigabe dieses Geschenks der Natur an unsere Spezies.

2. Lernersprachen sind das Normale

Daß der Einzelne in der Regel mehrere Sprachen spricht, heißt nicht, daß er alle gleichermaßen gut spricht. Er beherrscht sie mehr oder minder perfekt - wobei der Begriff »perfekte Sprachbeherrschung« selbst nicht leicht zu fassen ist. Wer beherrscht das Deutsche perfekt? Wer so spricht oder schreibt, wie es in den Grammatiken oder den Wörterbüchern steht? Aber deren Weisheit ist die Weisheit ihrer Verfasser, die mit mehr oder minder Talent und Erfolg festzustellen versuchen, wie manche Sprecher des Deutschen (die »besten«) sprechen. Die menschliche Sprachfähigkeit entfaltet sich aber normalerweise ganz unabhängig von solchen Maßstäben: deskriptive wie normative Grammatiken und Wörterbücher sind eine neumodische Ausnahme. Das Normale ist vielmehr, daß man so zu sprechen lernt wie die Leute, von denen man es lernt, und manchmal endet dieses Prozeß erst dann, wenn man es ganz genauso macht wie diese. Ebendas ist es, was man unter perfekter Sprachbeherrschung versteht. Das normale Produkt unseres naturgegebenen Sprachvermögens ist daher eine Menge von Lernersprachen, von denen sich die eine oder andere von der Sprache einer bestimmten sozialen Gruppe nicht unterscheidet. Letztere, die perfekt beherrschten Sprachen, sind einfach nur Grenzfälle von Lernersprachen - vielleicht besonders wichtige Fälle, aber doch Grenzfälle. Wenn man daher verstehen will, wie das naturgegebene menschliche Sprachvermögen funktioniert, muß man Lernersprachen untersuchen - von den einfachsten bis zu den komplexesten.

3. Zu diesem Heft

Die fünf Aufsätze dieses Heftes befassen sich nicht damit, welche Fehler Zweitsprachlerner machen - sei es im Unterricht oder in der alltäglichen Kommunikation. Sie befassen sich mit Struktur und Funktion von Lernersprachen - eben jenen Sprachformen, die im Verlauf des Spracherwerbs entstehen und sich allmählich der Zielsprache, der Sprache der sozialen Umgebung des Lerners, angleichen; manchmal treffen sie dieses Ziel, mindestens ebenso oft bleiben sie davor stehen. In den ersten drei Beiträgen geht es um Raum und Zeit, die beiden fundamentalen Kategorien der menschlichen Kognition, zu deren Ausdruck alle Sprachen reiche Mittel ausgebildet haben. Clive Perdue und Saskia Schenning untersuchen, wie Lerner mit unterschiedlichen Ausgangs- und Zielsprachen zunehmend komplexe Möglichkeiten ausbilden, räumliche Verhältnisse darstellen. Die beiden folgenden Aufsätze gelten der Zeit und ihrem Ausdruck auf unterschiedlichem Niveau. Normalerweise verbindet man dieses Problem vorrangig, wenn nicht ausschließlich mit den beiden Verbalkategorien Tempus und Aspekt; das ist aber durchaus irreführend; viele Sprachen haben diese Kategorien nicht oder nur in sehr elementarer Form. Das wichtigste und mit Abstand flexibelste Mittel, Zeitliches wiederzugeben, sind temporale Adverbien. Marianne Starren und Roeland van Hout untersuchen Möglichkeiten und Beschränkungen des Gebrauchs temporaler Adverbiale in recht elementaren Lernersprachen; Christiane von Stutterheim zeigt, daß deren Gebrauch auch bei sehr fortgeschrittenen Lernern in sehr subtiler Weise von dem muttersprachlicher Sprecher abweichen kann. Die letzten beiden Beiträge gelten einem anderen Thema - der Rolle von Fokus und Skopus, hier im besonderen den strukturellen Eigenschaften von Fokuspartikeln - das sind Wörter wie auch, nur, sogar - und der Negation, die sich in vielerlei Hinsicht wie solche Fokuspartikel verhält. Sie werden im Erst- wie im Zweitspracherwerb früh gelernt, aber ihre Semantik wie ihre strukturellen Eigenschaften sind sehr kompliziert und unterscheiden sich von Sprache zu Sprache in nicht leicht durchschaubarer Weise. In dem Aufsatz von Christine Dimroth und Wolfgang Klein wird ein allgemeiner Rahmen zur Analyse dieser Erscheinungen entwickelt und exemplarisch auf eine Reihe von Lernerdaten angewandt; in dem Beitrag von Angelika Becker und Rainer Dietrich wird vor diesem theoretischen Hintergrund systematisch untersucht, wie italienischsprachige Lerner des Deutschen sich die Gesetzlichkeiten der deutschen Negation einerseits, von deutschen Fokuspartikeln anderseits aneignen; dabei zeigen sich neben vielen Entsprechungen auch bemerkenswerte Unterschiede.

 






Clive Perdue and Saskia Schenning

The expression of spatial relations in a second language: two longitudinal studies

In this paper, we study the linguistic means that are acquired by two adult learners of a second language in order to express spatial concepts, and attempt to define the linguistic and communicational factors determining the observed acquisition. The data analysed come from the European Science Foundation’s second language data base (Feldweg 1993), and they allow us to adopt both a longitudinal and a cross-linguistic approach: we compare the acquisition of Dutch and French by Moroccan learners. The results obtained are briefly compared and contrasted with those of previous work in a similar framework, in particular Carroll/Becker (1993).

 






Marianne Starren and Roeland van Hout

Temporality in learner discourse:
what temporal adverbials can and what they cannot express

Typically, learner varieties do not, or only at a late stage, develop verbal inflection. Hence, they lack the best-studied means to express time, tense and aspect. What they do develop, are temporal adverbials of various sort. This raises the question whether temporal adverbials can compensate for this apparent lack. In a detailed investigation of how Moroccan and Turkish learners acquire Dutch in everyday communication, it is shown that the answer to this question is largely positive - with some restrictions, though. It may well be that precisely these restrictions of their communicative power are an important incentive to further acquisition - though it means the risk of abandoning a relatively efficient and stable learner variety.

 






Christiane von Stutterheim

Der Ausdruck von Zeitkonzepten in fortgeschrittenen Lernervarietäten
The expression of temporal concepts in advanced learner varieties

Many pecularities in the production of a second language learner can easily be diagnosed as grammatical, morphological or lexical deviations from the target norm. But there are others which escape such a straightforward analyis: there is not a single »error«, it is just felt that the learner’s utterances »are not English«; deviations of this type are well-known, and there are particularly characteristic of advanced learner varieties. Following up earlier work by Carroll and von Stutterheim, the present paper reports result from an empirical study in which deviations of this sort are analysed. Three groups of speakers - native speakers of English, native speakers of German and very advanced learners of German with English background had to perform an instruction task. It is shown that speakers of English and native speakers of German organise the expression of time in longer stretches of discourse in quite different ways; these differences - on whichever level of conceptualisation they may be - are transferred in SL production and result in characteristic deviations from the way in which native Germans construct their texts as well as the indidual utterances of which they consist.

 






Christine Dimroth und Wolfgang Klein

Fokuspartikeln in Lernervarietäten.
Ein Analyserahmen und einige Beispiele

Focus particles in learner varieties. A frame of analysis and some examples

Focus particles are words such as only, even, also and similar ones. In many ways, they behave like the negation in that their particular meaning contribution may afffect the entire sentence in which they occur or only a selected part of it. They belong, again like the negation, to the earliest linguistic devices in first as well as in second language acquisition, but there is hardly any systematical investigation of how they are used in learner language; even in the case of negation, which is relatively well explored, the particular scopal properties are often ignored. The present paper develops develops a general framework to their analysis, based on earlier theoretical work by Jacobs, König and other; this framework is then applied to the learner of a Polish learner of German.

 






Angelika Becker and Rainer Dietrich

The acquisition of scope in L2 German

This article deals with structural properties of German as a second language in untutored acquisiton. The development of the syntax of scope phenomena in L2 of two focus particles, auch and nur, and of the sentence negator nicht in the learner-languages of three adult Italian learners are documented. The comparative evaluation shows that there are similarities, but also substantial differences between the developmental patterns. It is argued that similarieties as well as differences result from the semantics and on the communicative functions of the three items of the analysis.