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Lili - Heft 136



Thema: Philologie auf neuen Wegen

Herausgeber dieses Heftes:
Wolfgang Klein





Inhalt

Nachruf auf Helmut Kreuzer

Wolfgang Klein
Einleitung - Introduction

Wolfgang Klein
Vom Wörterbuch zum Digitalen Lexikalischen System

Christiane Fellbaum
Idiome in einem Digitalen Lexikalischen System

Alexander Geyken
Korpora als Korrektiv für einsprachige Wörterbücher

Ralf Schnell, Roger Sennert, Jens Wagner
Die Editionssoftware für die Kölner Ausgabe der Werke Heinrich Bölls. Eine Projektbeschreibung
The Editing Software of the Kölner Ausgabe of Heinrich Böll’s Works. A Project Description.

Paul Irving Anderson
TeachInnstetten & ReadOutMelusine. CD-unterstützte Fontane-Interpretation
TeachInnstetten & ReadOutMelusine. CD-supported interpretation of Fontane

Labor

Michael Fisch
Bekenntnis einer schönen Seele oder Darstellung eines sonderbaren Menschen. Intentionen der Goethe-Biographik
Intentions of Goethe-Biographers

Christiane Maaß
Die Rolle der Sprachgeschichte in Gottscheds Auseinandersetzung mit Frankreich
The Importance of Language History in Gottsched’s Ambivalent Relation to France






 

Wolfgang Klein

 

Einleitung

 
 

Über das Innere der Sonne, die gut 150 Millionen Kilometer entfernt ist, wissen wir wesentlich mehr als über das Innere der Erde, per Luftlinie die halbe Strecke von hier nach Australien: sobald es mehr als 100 Kilometer in die Erde geht, können wir kaum verläßliche Aussagen machen. Das liegt an Fraunhofer, Kirchhoff und einigen anderen, die Methoden ersonnen haben, um aus der Zusammensetzung des Lichts auf die Eigenschaften der Stoffe zu schließen, die dieses Licht abstrahlen. Aus der Erde kommt kein Licht, wir können nur den Widerhall von relativ groben Druckwellen beobachten und zu deuten versuchen. Das ist ungefähr so zielgenau wie die Rückschlüsse auf die Beschaffenheit innerer Organe durch Abklopfen der Körperoberfläche. Der gewaltige Erkenntnisfortschritt, den die Naturwissenschaften in der Neuzeit gemacht haben, liegt viel weniger an den genialen Gedanken einzelner Wissenschaftler als an Instrumentarien wie Spektralanalyse, Gaschromatographie und Elektronenmikroskop und der Knochenarbeit der vielen, die sie tagaus tagein anwenden.

 

In den Geisteswissenschaften gibt es dergleichen Fortschritte nur wenig. Die letzte wirklich bedeutende Innovation war vermutlich die Erfindung der Schrift und die damit geschaffene Möglichkeit, Wissen außerhalb des Gehirns zu speichern. Vielleicht könnte man noch der Buchdruck nennen, der ja immerhin kaum mehr als ein halbes Jahrtausend zurückliegt. Aber der ändert im Grunde nicht das Repertoire an Methoden, mit denen man den Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses untersuchen kann - er erlaubt es nur, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Tätigkeit besser zu verbreiten und damit das so gewonnene Wissen anderen zugänglich zu machen. Im Prinzip sind nach wie vor Kopf, Bleistift und Papier die Hauptinstrumente geisteswissenschaftlicher Forschung. Es gibt nichts, was der Erfindung des Teleskops oder der Nebelkammer vergleichbar wäre - Instrumente, mit deren Hilfe man auf einmal Dinge sehen und untersuchen kann, die man vorher nicht sehen konnte und deren Existenz allenfalls Gegenstand der Spekulation war.

 

Vielleicht ändert sich dies aber mit den Möglichkeiten, die uns der Computer bietet. Das Spektrum dieser Möglichkeiten ist groß, und was davon bislang genutzt wird, konzentriert sich vor allem auf Textverarbeitung und Internet. Selbst von diesen Möglichkeiten wird freilich bislang nicht allzuviel Gebrauch gemacht. Die meisten nutzen die Textverarbeitung wie die Altvorderen den Federhalter, vielleicht noch zum Einrichten eleganter Druckvorlagen, das Internet für E-Mail und zum gelegentlichen Nachschlagen von Informationen. All dies ist grundsätzlich nichts qualitativ Neues gegenüber dem Aufschreiben und dem Nachschlagen in einer Bibliothek. Immerhin, es gibt oft einen Punkt, bei dem das Quantitative ins Qualitative umschlägt. In den Philologien ist man diesem Punkt noch fern. Vielleicht ist das Bild vom Umschlagspunkt aber auch falsch: es gibt, was die Auswirkung neuer Methoden und Instrumentarien angeht, keinen Punkt, sondern einen langen und mühseligen Weg, auf deren ersten Metern sich die Philologien - und auch die anderen Geisteswissenschaften - befinden.

 

Das vorliegende Heft bietet einen Blick auf diesen Weg. Die ersten drei Beiträge (von Wolfgang Klein, Christiane Fellbaum und Alexander Geyken) gehören eng zusammen. Sie befassen sich allesamt mit jener Aufgabe der sprachwissenschaftlichen Forschung, die seit jeher die größte öffentliche Resonanz gefunden hat - mit der Entwicklung von Wörterbüchern. Dem Laien ist nicht unmittelbar einsichtig, weshalb es wichtig oder auch nur interessant sein soll, die Herausbildung des Perfekts in den älteren Sprachstufen des Deutschen oder die Frage, inwieweit Kleist sich der ursprünglichen Intention des “Cruche cassée” von Greuze bewußt war, mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. Daß man aber Wörterbücher braucht, und zwar gute und verläßliche, würde keiner in Frage stellen. Ebenso würde keiner in Frage stellen, daß ein Wörterbuch ein Buch ist. Aber diese fraglos gewordene Art, den Wortschatz einer Sprache zu erfassen und ihn vielleicht zu dem einer anderen Sprache in Bezug zu setzen, ist letztlich nur durch die verfügbaren Methoden diktiert - die der zweidimensionalen Darstellung auf einem Blatt Papier. Die lautlichen, syntaktischen, semantischen und sonstigen Informationen, die den Wortschatz einer Sprache konstituieren, haben aber eine viel komplexere Struktur, die man nur auf dem Papier nicht recht darstellen kann. Hier hat uns der Computer ganz neue Möglichkeiten beschert. Das “Wörterbuch” der Zukunft wird daher kein Wörterbuch mehr sein, sondern ein “Digitales Lexikalisches System”, das sich leichter entwickeln und besser nutzen läßt als das tapsige Instrument, mit dem man bisher die Eigenschaften von Wörtern zu beschreiben versucht hat. Aus einem solchen “Digitalen Lexikalischen System” lassen sich sehr wohl Papierwörterbücher der bisherigen Form ableiten, falls es nützlich ist, und für viele Zwecke mag das sehr wohl der Fall sein. Aber solche gedruckte Wörterbücher sind Sekundärformen: die eigentliche Darstellung des Wortschatzes steht auf dem Computer, und sie kann dort sehr schnell ergänzt und korrigiert, ebenso auch schnell und einfach genutzt werden. Ein solches System leistet alles, was ein klassisches Wörterbuch kann, und es leistet unendlich viel mehr.

 

Die beiden anderen Beiträge befassen sich mit zwei klassischen Aufgaben der Literaturwissenschaft - der historisch-kritischen Edition und der Textinterpretation. Werkausgaben, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, zählen traditionell zu den Dinosauriern, die man gerne Akademien anvertraut und deren nicht wenige nach Jahrzehnten mühseliger Arbeit ins Stocken geraten und endlich ganz unvollendet geblieben sind. Die historisch-kritische Ausgabe der Werke Heinrich Bölls wird 27 Bände umfassen, von denen seit 2002 jährlich drei erscheinen. Daß dieses Programm bislang eingehalten werden konnte, liegt nicht zuletzt am konsequenten Einsatz einer Editionssoftware, die ein höchst effizientes koordiniertes Vorgehen aller Beteiligen erlaubt; diese Software wird in dem Beitrag von Ralf Schnell, Roger Sennert, Jens Wagner beschrieben. Solche Ausgaben gelten als Hilfsmittel der eigentlichen Forschung: sie bilden die Grundlage der wissenschaftlichen Analyse der Texte. Der Beitrag von Paul Irving Anderson zeigt, wie sehr die Aufgabe der Interpretation bereits von den Möglichkeiten einer einfachen CD, auf der sich der Text - und andere Texte desselben Autors - schnell durchsuchen läßt, profitieren kann. Die Suchmöglichkeiten, von denen er Gebrauch macht, sind dabei noch sehr beschränkt. Sie ließen sich erheblich verbessern, wenn die Texte nicht im bloßen Wortlaut, sondern in annotierter Form vorlägen; dahin wird die kommende Entwicklung gehen. Nichts Grundsätzliches Neues, aber dasselbe sehr viel leichter, gründlicher, besser.

 



 

Summaries



 

Wolfgang Klein

 

From Dictionaries to Digital Lexical Systems

   
 

No area in the study of human languages has a longer history and a higher practical significance than lexicography. Ever since its beginnings more than 4500 years ago, this tradition was determined by the format in which the various properties of words can be represented - by the two dimensions of a written or printed document, as best exemplified in the conventional dictionary. In fact, the mere idea that the lexicon of a language can be described in some other form than by a dictionary is difficult to imagine. But the advent of the computer made precisely this possible, in ways which go far beyond the digitisation of materials in combination with efficient search tools, or the transfer of an existing dictionary onto the computer. They allow the stepwise elaboration of what is called here Digital Lexical Systems, i.e., computerized systems in which the underlying data - in form of an extendable corpus - and description of lexical properties on various levels can be efficiently combined. This paper discussed the range of these possibilities and describes the planned German “Digital Lexical System of the Academy”, to be realised at the Berlin-Brandenburg Academy of Sciences (www.dwds.de).

 





 

Christiane Fellbaum

 

Idioms in a Digital Lexical System

   
 

The study of German idioms has relied largely on introspection and constructed examples. Consequently, their representation in grammars and traditional dictionaries is inadequate and neither reflects their wide range of syntactic and semantic variation nor clarifies their lexical status. The project motivated and described here has as its goal the empirical investigation of VP-Idioms. Idioms collected from a one billion word corpus are analysed in great breadth and depth and their properties are represented digitally in an innovative lexical resource.

 
     
 





 

Alexander Geyken

 

Corpora as a correction tool for monolingual dictionaries

   
 

Electronic corpora are well-established as a basic resource for dictionary updates. Due to the absence of balanced corpora, updates of German dictionaries depend up to now on opportunistic corpora. This work addresses the question to what extent the newly created balanced DWDS-corpus as well as the very large DWDS-Ergänzungskorpus with a size of 1 billion running words change the picture. We provide evidence for the fact that corpus extraction results vary with the difference in quality and quantity of corpora, and we give several examples for the impact that these corpora potentially have on dictionary updates.

 





 

Ralf Schnell, Roger Sennert, Jens Wagner

 

The Editing Software of the Kölner Ausgabe of Heinrich Böll's Work. A Project Report

 
 
 

More than any other author, Heinrich Böll (1917-1985) represents the post-war German literature of the last century. The 27 volumes of the Kölner Ausgabe, whose publication started in 2002, will include his complete writings; its termination is scheduled for 2010. The rapid publication – rapid in relation to other historical-critical editions of this size – is only possible by the efficient use of various editing tools, in part specifically developed for this edition. The present paper describes and illustrates these tools.

 
 
 

 





 

Paul Irving Anderson

 

TeachInnstetten & ReadOutMelusine. CD-supported Fontane-Interpretation

 
 
 

The hesitancy with which literary scholarship and criticism make use of the new electronic media is unfounded. Especially the CD-ROM can be used to solve old problems and locate fruitful areas of inquiry thanks to the search function. Specifically, two open issues involving the novels of Theodor Fontane can be objectivized with the help of the CD-ROM: (1) What is the significance of the name of the main male character in Effi Briest, Innstetten? Of the three popular explanations, the one deriving it from the English phrase in front of can be evaluated particularly well using the CD-ROM. ‘In Front von/[Genitive]”, although almost unheard of in German, is a favorite turn of speech in Fontane’s works, on which basis we can compare all three hypotheses. (2) What is the significance of Fontane’s repeated allusions to the mythical figure of Melusine? The CD-ROM allows us to compare all references. We find that Fontane borrowed from both French and German traditions, creating a dialectic which runs through his works beginning in 1882. - The CD-ROM replaces neither careful reading nor genuine literary research, but can access areas of inquiry which, since they require time-consuming empirical work, are rarely pursued. Interpretation based on such results gains in substance, since all works on CD and even details and peculiarities of writing style can be quickly consulted.

 





   
 

Labor

   
   

Michael Fisch

 

Intentions of Goethe-Biographers

   
 

Biography means Description of the Life. Life-Description combines the account of the course of life with the inner development of every human being with the contemplation of its Life-Results. Therefore the biography of an literary author could be examined as a result of the cognition: light which shows us the productions of poetry. The biography who explains us these productions has the author in the focus of interest.

 

This essay gives a view about the German efforts to approach the phenomenon Goethe in biographical way. This essay has been making the attempt to count the Goethe-Biographies since the author’s dead: minimum the mention, maximum the description.

 
   

 





 

Christiane Maaß

 

The importance of language history in Gottsched’s ambivalent relation to France

   
 

This paper wants to contribute to better understanding of the ambivalent relation of Johann Christoph Gottsched to France. Gottsched strives to revaluate German culture, literature and language; in this effort he shows an ambiguous attitude towards France. On the one hand, he acknowledges the achievements of French culture, on the other hand he fights fiercely against the denigration of German culture in face of what he considers a Francisation of Germany. This paper shows that language history plays an important role in his argumentation: with the help of etymological “prove” and other strategies that are dealt with in detail in this paper he tries to prove that German language history is longer, more noble and thus of higher value than the history of the French language. He deduces that German language is a noble and valid base for the foundation of a German culture and literature on the example but independent of the French. The material my analysis is based on are Gottsched’s reviews of French works on language history taken from the scientific journals he published. They proved to be a valid source and have not been used before as a corpus.