Für eine korrekte Darstellung dieser Seite benötigen Sie einen XHTML-standardkonformen Browser, der die Darstellung von CSS-Dateien zulässt.

Lili - Heft 142



Thema: Medienmentalitäten

Herausgeber dieses Heftes:
Georg Bollenbeck, Ralf Schnell und Georg Stanitzek




Inhalt

Georg Bollenbeck
Einleitung - Introduction

Horst Pöttker
Öffentlichkeit und Autokratie. Aleksandr Puskin und die Anfänge des modernen Journalismus in Russland
Aleksandr Puskin and the Commencements of Journalism in Russia

Till Dembeck
Schibboleth/Sibboleth: Phonographie und kulturelle Kommunikation um 1900
Shibboleth/Sibboleth: Phonography and Cultural Communication Around 1900

Rolf M. Bäumer
Medien der Avantgarden - Avantgarden der Medien?
Media of the Avant-Garde - the Avant-Garde of Media?

Georg Stanitzek
Schrift im Film (Vorspann): Was ist das Problem?
Writing and Film: Defining the Problem With Regard to Title Sequences

Kaspar Maase
Kinder - Medien - Generationenambivalenz. Zum Jugendmedienschutz seit dem 18. Jahrhundert
Children, Media, and Intergenerational Ambivalence. Some Remarks on the Protection of Young People Against the Perils of New Media Since the 18th Century

Hans-Friedrich Schaeder
"Überall heißt der Schlachtruf: Gegen Repression und Manipulation." Der Manipulationsdiskurs der '68er'
"Wherever you look, the battle cry is: Against repression and manipulation". The Discourse on Manipulation in the Student Movement of 1968

Adelheid von Saldern
US-amerikanische Medien im Blickfang von Wissenschaft und Öffentlichkeit der Zwischenkriegszeit
US-American Mass Media in the Focus of Scholarly Studies and Public debates in Interwar US-America

Werner Köster
Bilderverbot und Bilderstreit als Diskurselemente von Medienmentalitäten, anlässlich des Streits um die Mohammed-Karikaturen in Jyllands Posten
The Old Testament Ban on Images (Bilderverbot) and Iconoclastic Controversy as Elements of Discourse in Modern Media Mentalities, on the Occasion of the Muhammad Cartoons Controversy in the Case Jyllands Posten






Georg Bollenbeck

Einleitung

Wer Medienmentalitäten erforschen will, dem geht es nicht in erster Linie um eine Theoriegeschichte - auch nicht um eine Sachgeschichte der Medien oder eine medienpsychologische Fragestellung. Vielmehr zielt das heuristische Konzept der Medienmentalitäten auf eine Geschichte heterogener, auf die Medien bezogener Argumentationsweisen oder kultureller Diskurse, an denen kollektive Vorstellungen gegenüber den Medien ablesbar werden. Wer von Medien und Mentalitäten spricht, sollte deshalb klären, was darunter zu verstehen ist. Schließlich handelt es sich bei beiden Gliedern des Kompositums um diffuse Ausdrücke, die in alltagssprachlichen und fachsprachlichen Varianten auftauchen; die notorisch unterbestimmt und zudem in einzelnen Fachwissenschaften strittig sind. Dem soll hier nicht mit einem definitorischen Kraftakt begegnet werden. Doch sind präzisierende Merkmalszuweisungen notwendig.

Zum Bestimmungswort 'Medien' hat die Forschung bekanntlich eine kaum mehr überschaubare Anzahl von Definitionsversuchen hervorgebracht. Bei den heute gängigen Definitionen des Medienbegriffs bildet zumeist die Massenkommunikationsforschung den Definitionskontext. Der Begriff des Mediums entspricht in diesem Zusammenhang dem englischen channel und verweist auf die Technizität der Übertragung von Botschaften. Dieser Definitionskontext ist für die Erforschung der Medienmentalitäten zu eng, übergeht er doch den Zusammenhang von technischen Entwicklungen und kulturellen Praxen. Zudem gilt es, jeweilige Verhältnisse der Medienkonkurrenz - allgemeiner gesprochen: die intermedialen Beziehungen zu den älteren Medien - zu berücksichtigen, und zwar über den technischen Charakter der Vermittlung hinaus. Zu weit ist der Begriff des Mediums dagegen in jenen Theorietraditionen, die, wie etwa die Luhmann'sche Systemtheorie, den Begriff zu philosophischer Allgemeinheit überdehnen. Hier erscheint der Begriff des Mediums von all den interdiskursiven Qualitäten und kollektiven Vorstellungen abgekoppelt, die für den Zusammenhang von Begleitkommentierung und Medienevolution aufschlussreich sind. Dies gilt auch für die (durchaus anregenden) Medientheorien in der Tradition etwa Marshall McLuhans oder Friedrich A. Kittlers; also für jene Theorien, die mit einer Schlüsselattitüde auftreten und die Medien als den archimedischen Punkt jeder kulturwissenschaftlichen und gegenwartsdiagnostischen Erkenntnis in Anspruch nehmen. Dem gegenüber erscheint es heuristisch geboten mit einem Medienbegriff zu operieren, der unterschiedliche Aspekte der technischen Speicherung, Präsentation, Reproduktion und Übertragung in ihrer zu erforschenden historischen Variabilität mit einbezieht. Das meint im Einzelnen den basalen Prozess der technisch-industriellen Innovation, der Orientierung an Publikumsbedürfnissen und ökonomischen Gewinnerwartung innerhalb der Herausbildung einer völlig neuartigen consumer society.

Das Grundwort 'Mentalität' weist eine große Unbestimmtheit auf. Trotz unterschiedlicher Positionen sind allgemeine Merkmalszuweisungen möglich. Demnach sind 'Wahrnehmungsweisen' oder 'Sinnstiftungsmuster', 'Selbstdeutungen' oder 'Weltbilder' historischer Subjekte ebenso relevante 'Tatsachen' wie sozioökonomische Strukturprozesse oder ereignisgeschichtliche Abläufe. Mentalitäten 'enthalten' nicht individuelle, sondern kollektive Einstellungen von langer Dauer, die auch Unausgesprochenes und Unbewusstes umfassen. In sie gehen alltägliche Erfahrungen und theoretische Konzepte ein; sie sind 'vor-' und 'nachwissenschaftlich'. Wer Mentalitäten untersucht, der sollte nicht alleine auf die Inhalte achten, sondern auch auf die Formen - sie mögen logisch oder assoziativ, deduktiv oder induktiv sein. Wer Mentalitäten szientistisch mit der Elle des Wissensfortschritts bemessen will, der kann ihnen nicht gerecht werden. Weitgehende Einmütigkeit besteht auch darin, dass Mentalitäten nur analysierbar sind, wenn sie sich (im weitesten Sinne) als Handlungen und Vergegenständlichungen präsentieren - als Rituale, Institutionen, materielle Güter, Raum-Gegenstandsbeziehungen oder Texte.

Zum kommentierungsbedürftigen Phänomen werden die Medien nicht durch die technische Innovation 'an sich', sondern durch ihren Erfolg innerhalb des unaufhaltsamen Aufstiegs einer markt- und publikumsorientierten Massenkultur, durch ihren Einbruch ins Reich der schönen Kunst und durch ihre Präsenz in der Kultur räsonierenden Öffentlichkeit. Dass die populären Künste die nationalpädagogischen Bemühungen der Gebildeten ignorieren, ist kein Novum des 'Industriezeitalters'. Aber sie entwickeln erst im Zeichen der industriellen Produktion, des einsetzenden Massenkonsums und der (zunächst) bescheidenen Freizeit eine neuartige dynamische Eigenlogik. Deshalb ist es sinnvoll, zwischen vorindustriellen populären Künsten und industriellen Massenkünsten zu unterscheiden. Die wertneutral verstandenen Bezeichnungen stehen für unterschiedliche Entwicklungen und mentale Konstellationen. Die Massenkünste sind Produkte der Technik und neuartiger Bedürfnislagen. Sie sind nicht bloß technisch reproduzierbar, sondern die meisten werden aus dem Geist der mechanischen Reproduktion geschaffen, um Gewinn bringend distribuiert zu werden. Die Massenkünste kümmern sich kaum um die Definitionsmacht der Gebildeten, um die 'hohe' Kunst, um 'Volkstum', 'Deutschtum' und Nationalkultur. Sie sind tendenziell ubiquitär. Ihr Ideal ist eine Art 'lingua franca' für alle Käufer. Sie wollen nicht bilden oder erziehen; sie wollen, zum Leidwesen der Gebildeten, lediglich unterhalten, zerstreuen und Käufer finden. Das wird hier nur erwähnt, um zu veranschaulichen, dass ihr Erfolg gerade für die deutschen Bildungsbürger ein Problem darstellt, beansprucht doch diese Schicht, mit hohem nationalpädagogischem Anspruch zu definieren, was unter Kunst zu verstehen ist. Die argumentativen Auseinandersetzungen entstehen deshalb zunächst aus der Diskrepanz zwischen der bildungsbürgerlichen Kunstsemantik und der Eigenlogik der neuen Medien.

Aber Medienmentalitäten sind nicht an eine bestimmte Trägerschicht gebunden. Sie artikulieren unterschiedliche Vorstellungen unterschiedlicher Gruppen in einer Kultur räsonierenden Öffentlichkeit. Dazu zählen auch Versuche, den Prozess der Medienevolution theoretisch zu reflektieren und programmatisch auszurichten. - Insofern muss in diesem Zusammenhang die gängige These, Mentalitäten umfassten lediglich das unreflektierte Alltagswissen, relativiert werden. Näher zu analysieren bleibt, wie das Verhältnis von theoretischer Reflexion, ästhetischer Option und unreflektierten Wertungs- und Ordnungsschemata von langer Dauer (ein vulgäridealistisches Kunstverständnis, kulturkritische Vorbehalte, nationalpädagogische Intentionen, kulturelle Hegemonieansprüche) zu bestimmen ist. Eine einschränkende Perspektivierung auf bildungsbürgerliche Deutungsmuster gilt es also zu vermeiden. Medienmentalitäten sind ebenso wenig eine feste Größe wie ihre Trägerschichten. Sie können nur erforscht werden, wenn man von ihrer Historizität und Plastizität ausgeht. In ihnen wirken zwar jene Annahmen von langer Dauer, aber sie artikulieren auch (seit der 'Kinoreformbewegung') neue Sinnzuschreibungen und Handlungsmöglichkeiten. In sie gehen unterschiedliche Weltdeutungen und Theorien ein. Umgekehrt können sie als Ausgangspunkt theoretischer Entwürfe dienen. Ihre Trägerschicht bleibt nicht auf das zunächst dominierende Bildungsbürgertum beschränkt. Die an den unterschiedlichen Argumentationsweisen ablesbare Ausdifferenzierung der Medienmentalitäten verweist auf einen Prozess der Professionalisierung bis hin zur Institutionalisierung der Medienwissenschaften; ein Prozess, der jedoch nicht als lineare Verwissenschaftlichung der Argumentationsweisen verstanden werden kann.

Der Prozess der fortlaufenden Ausdifferenzierung und Spezialisierung der medientheoretischen Wissensbestände zeigt zwar durchaus Züge systemischer Schließung und Selbstreferentialisierung, d.h. Medientheorien entstehen und entwickeln sich auch nach Maßgabe spezifischer wissenschaftsinterner Vorgaben. Der Autonomisierung der Medienwissenschaften sind aber auf der anderen Seite auch deutliche Grenzen gesetzt, und zwar nicht nur durch politische und ökonomische Abhängigkeiten, sondern auch durch mentale Imprägnierungen. So bleiben die Medienwissenschaften "osmotisch" mit allgemeinen Welt deutenden Vorstellungen verbunden.

In diesem Sinne sind Medienmentalitäten, wie die folgenden Aufsätze zeigen, zugleich ein Gegenstand und ein konstitutives Element der Medienwissenschaften. Die Beiträge dieses Sammelbandes wurden durch das vom Wissenschaftsministerium des Landes NRW geförderte Projekt 'Medienmentalitäten' initiiert. Wesentliche Aspekte der einzelnen Beiträge sind auf der Tagung 'Medienmentalitäten' am 24./25.01.2003 zur Diskussion gestellt worden. Dieses Projekt wurde in Zusammenarbeit mit Werner Köster entwickelt.



Summaries



Horst Pöttker

Aleksandr Puskin and the Commencements of Modern Journalism

Russian society has at all times been shaped by autocratic structures. Nevertheless, there were beginnings of an independent development of modern journalism in early 19th century Russia. Among the first Russian journalists was the poet Aleksandr Puskin (1799-1837). Puskins letters and his programmatic publications demonstrate that the writer had already generated a mentality which is typical for modern journalists. However, an analysis of the material also reveals differences between Puskins letters and those of his writings designed for publication. This finding hints at restraints for the journalistic profession under autocratic conditions with whom Russian journalism has to cope up to today.






Till Dembeck

Shibboleth/Sibboleth - Phonography and Cultural Communication around 1900

In 1877, Edison invented the phonograph, the first technical device capable of recording as well as reproducing sound. The invention provoked a discussion which focused on the technology's cultural relevance. Using Derrida's concept of the 'Shibboleth', the article shows how the semiotic structure of the phonogram, as described in contemporary discourse, challenged the way cultural identity could be defined by 'characteristic' differences such as accent, intonation etc. The ability to pronounce the 'Shibboleth' proved not to be restricted to members of a substantially distinct group of people. After all, the phonograph could reproduce it, and the characteristics of the human voice thus became equivalent to mere noise. As a consequence, the new medium not only induced new ways of cultural inclusion and exclusion. Also, one became increasingly aware of the fact that cultural communication is itself rather concerned with the production and management of 'noise', than with the re-production of fixed identities. The new medium thus catalyzed a process of cultural self-recognition.






Rolf M. Bäumer

Media of the Avant-Garde - the Avant-Garde of Media?

Whereas literary studies tend to neglect the impact of media development and media changes for the historical avant-gardes of the early 20th century, film and cinema studies seem to overestimate the role of media in the context of the historical avant-gardes. This lack of interdisciplinarity creates problems and incoherencies in conceptions and theoretical approaches to the avant-garde. After a re-examination of these problems, the essay tries to focus on the challenges photography and film created for the avant-garde and the avant-garde's critique of traditional art forms. Only by taking into account the controversial and contradictory reactions of the different avant-garde movements towards contemporary media changes, the historical avant-garde can be conceived as an early media avant-garde.






Georg Stanitzek

Writing and Film: Defining the Problem With Regard to Title Sequences

For a long time German film theory has been characterized by an aversion to title sequences. Film titles were regarded as a deficient filmic form. This rejection was the result of a specific academic mentality, and can be described as a reaction to the media upheaval around 1900. The cinematic usage of writing was answered by its conceptual 'othering'. Therefore film was defined as a pure analogue medium extending the character of its precursor, photography, to moving images. This conception has to be revised in the context of the current media upheaval around 2000. Film should be understood as a mixed medium and writing as one of its regular forms of expression.






KasparMaase

Children, Media, and Intergenerational Ambivalence. Some Remarks on the Protection of Young People Against the Perils of New Media Since the 18th

The paper departs from the observation that the campaign against "filth and trash" ("Schmutz und Schund") in Wilhelmine Germany was characterized by a high level of aggression against the children and young people who were supposedly protected. The sociological concept of intergenerational ambivalence is used to explain the pedagogical and parental conflict that generated those strange reactions. In the German speaking countries, enlightenment pedagogues highly supported children's reading literature to employ their imagination for educative goals - and at the same time they were afraid that a wrong use of literature might corrupt their pupils. This ambivalence toward young people perceiving media on their own increased notably with the changing media constellations around the turn to the 20th century. Since then, a tendency to respond with fear and hate has been part of the social repertoire with respect to children's media use.







Hans-Friedrich Schaeder

"Whereever you look, the battle cry is: Against repression and manipulation". The Discourse on Manipulation in the Student Movement of 1968

An imprecise concept, yet one highly charged with discursive force, the term 'manipulation' was introduced into political argument by the student movement and left its mark on the German debate on mass media in the Federal Republic of the late 1960s. This term facilitated analysis and helped formulate a broad appeal. It made theoretical and historical frames of reference available and proved effective in contemporary political rhetoric. It helped to develop options for courses of action and to enhance sources of resonance. Its heyday as a generator for the mass media strategies of a subversively oriented alternative public sphere came to an end with that public's increasing ideological complacency.







Adelheid von Saldern

US-American Mass Media in the Focus of Scholarly Studies and Public Debates in Interwar US-America

This article focuses on public debates about, and scholarly studies of the rise of mass media in interwar US-America. It shows the interconnections between communication theories and mass media, the discussions about high-brow and popular culture, the changes in journalistic practices and the establishment of self-censorship. Furthermore it considers the beginnings, in the thirties, of empirical investigations, influenced by modern research methods of both market and election studies. By presenting several examples of radio studies, the article illustrates the range of assessments made of mass media and places them in the context of behaviourism, capitalism, nation state and immigrant society at the time.








 

Werner Köster

The Old Testament Ban on Images (Bilderverbot) and Iconoclastic Controversy as Elements of Discourse in Modern Media Mentalities, on the Occasion of the Muhammad Cartoons Controversy in the Case Jyllands Posten

The essay analyses the function of 'big narratives' (Lyotard) concerning the cultural history of the West. These narratives draw on the influence that the Christian history of ideas still has on our modern media culture and media art, especially on the way this culture organizes ethical discourses on images. The narratives are ambivalent. On the one hand we are supposed to be well prepared to deal with the media images, because among the monotheistic religions only Christianity has given the image its basic legitimacy. On the other hand our culture still carries on a certain helpful distrust against media images that is also based on a Christian heritage. Rhetorically the anti-graven image commandment is still used even to express an uneasiness with today's television war coverage. The narratives about our Christian heritage have certain geopolitical implications, that distinguish between the West and the Muslim or oriental culture. The essay tries to use Edward Saids concept of 'Orientalism' to refuse certain stereotypes concerning the Muslim media culture.