
Lili - Heft 156
Zeitschrift für
Literaturwissenschaft und Linguistik
Gefördert aus Mitteln der Universität Siegen
Thema: Integration oder Desintegration? Heiden und Christen
im Mittelalter
Herausgeber dieses Heftes:
Uta Goerlitz und Wolfgang Haubrichs
Inhalt
Uta Goerlitz und
Wolfgang Haubrichs
Einleitung
Introduction ![]()
Andreas Schorr
Namen von Heiden und Christen. Heidnische und christliche Namen
im frühen Mittelalter
Names of heathens and Christians. Heathen names and
Christian names in the Early Middle Ages
Thomas Foerster
Poppo’s ordeal and the conversion of the Danes. The
transition of a myth in Latin and Old Norse
historiography
Stephanie Seidl
Narrative Ungleichheiten. Heiden und Christen, Helden und
Heilige in der Chanson de Roland und im Rolandslied des Pfaffen
Konrad
Narrative disparities. Heathens and Christians, heroes
and saints in the Chanson de Roland and the Rolandslied des
Pfaffen Konrad
Uta Goerlitz
„…Ob sye heiden synt ader cristen…“ Figurationen von Kreuzzug
und Heidenkampf in deutschen und lateinischen Herzog
Ernst-Fassungen des Hoch- und Spätmittelalters (HE B, C und F)
„…Ob sye heiden synt ader cristen...“ Figurations of the
Crusade and of the fight against the heathens in German and
Latin High- and Late-Medieval versions of the Herzog Ernst (HE
B, C und F)
Andreas Hammer
„Kere und var zu Criste, / oder stirb in kurtzer vriste.“ Zum
Zusammenhang von Gewalt und Heidenbekehrung in der Heldenepik
„Kere und var zu Criste, / oder stirb in kurtzer
vriste.“ Regarding the interrelation between violence and the
conversion of the heathens in heroic epic poetry
Christa Jochum-Godglück
Namen und die Konstruktion christlicher und heidnischer Räume
in Wolfram von Eschenbachs Willehalm
Names and the construction of Christian and heathen
spaces in Wolfram von Eschenbach’s Willehalm
Julia Zimmermann
Widersprüche und Vereindeutigungen – Die Epistola presbiteri
Johannis und ihre Rezeption im Jüngeren Titurel
Contradictions and clarifications – The Epistola
presbiteri Johannis and its reception in Der Jüngere
Titurel
Labor
Volker Honemann
Zu einigen Perspektiven altgermanistischer Forschung
Perspectives of medieval German literary research
Hannes Fricke
Stanislaw Lem erklärt Amerika den Krieg: Über die Romane Der
Unbesiegbare und Solaris und ihre amerikanisierenden
Verfilmungen
Stanislaw Lem declares war on America: On the novels The
Invincible and Solaris and their americanizing
film-adaptions ![]()
Uta Goerlitz und Wolfgang Haubrichs
Einleitung
Integration und/oder Desintegration? Dies ist ein aktuelles
Thema. Das will dieses Heft nicht zeigen und braucht es auch
nicht. Dieses LiLi-Heft versucht zu zeigen, dass Integration
und Desintegration ein nicht erst seit heute aktuelles Thema
ist. Dies ließe sich seit der Transformation des Imperium
Romanum, der römischen Welt, in ein neues Europa auf vielen
Feldern aufzeigen, auf dem Feld der kulturellen, politischen
und sprachlichen Integration von neuen Ethnien, auf dem Feld
der Integration, aber auch der Ausscheidung antiker Traditionen
und Systeme des Rechts, der Ökonomie, der Namengebung und
Benennungen, der gesellschaftlichen Identitäten usw. Hier wurde
als Raum wissenschaftlicher Demonstration das Feld der
religiösen Begegnung gewählt.
„Integration oder Desintegration? Heiden und Christen im
Mittelalter“ – Das zentrale Thema dieses Heftes verdankt sich
konkret einem der wesentlichen Untersuchungsgegenstände des
DFG-Schwerpunktprogramms 1173 Integration und Desintegration
der Kulturen im europäischen Mittelalter, mit dem sich die
Verfasser der folgenden Beiträge, aus den unterschiedlichen
Fächern der historischen Sprachwissenschaft, der
Literaturwissenschaft und der Geschichtswissenschaft kommend,
in ihrer Forschung eng verbunden wissen. Ausgangspunkt des
Schwerpunktprogramms ist die Erkenntnis, dass das
abendländische Mittelalter trotz oftmals gegenteiliger
Wahrnehmung „keineswegs eine Einheitskultur gewesen“ ist und
„Einheit und Differenzen Europas […] im Mittelalter wohl
nirgends besser zum Ausdruck [kommen] als im Bereich der
Religionen“. Dabei wird ‘Religion’ mit Clifford Geertz als
„kulturelles System“ verstanden, das „das Denken,
Kategorisieren, Handeln und den sinnhaften Aufbau der Welt bei
den mittelalterlichen Menschen gewiss am stärksten geleitet
hat“, mehr als andere kulturelle Systeme wie ‘Politik’,
‘Ökonomie’ oder ‘Recht’, die im Mittelalter allerdings auch
weniger ausdifferenziert waren. Aus dieser Perspektive rückt
der „Austausch der Kulturen“ im europäischen Mittelalter in den
Blickpunkt, der zu unterschiedlichen „Konstruktionen von
Kategorien des Eigenen wie des Fremden/Anderen“ führte wie zum
Beispiel des ‘Christen’ und des ‘Heiden’ – Konstruktionen, in
deren Gefolge „sich neue Wertsysteme, Verhaltensnormen,
kulturelle und literarische Muster“ etablierten.
Das im Titel des vorliegenden Themenheftes formulierte
Begriffspaar „Heiden und Christen“ zielt damit auf ein
Spannungsverhältnis, das für das abendländische Mittelalter in
weiten Teilen kennzeichnend ist. Dieses auch in den
mittelalterlichen Texten selbst verwendete Begriffspaar ist
dabei „asymmetrisch“ konstruiert. Die asymmetrische Struktur
gehört zu den von der sozialwissenschaftlichen Forschung
herausgestellten „invarianten Merkmale[n] des Fremden“ als
einer „Konstruktion“ von „Unvertrautheit“ aus der Position des
vertrauten ‘Eigenen’ heraus; sie verweist darauf, dass die
„Definitionsmacht“ darüber, was in einem allgemeinen Sinne als
‘fremd’ und im vorliegenden Fall als ‘heidnisch’ erfahren wird,
„einseitig verteilt ist“. ‘Heiden’ und ‘Christen’ sind
infolgedessen Gegenbegriffe, die zur Ausgrenzung der
Nichtchristen einseitig von Adepten des Christentums verwendet
werden konnten. Es handelt sich deshalb um zwei in ungleicher
Weise konträre Begriffe, deren Semantik sich im Verlauf von
Jahrhunderten gewandelt hat: Der Sprachgebrauch von Bibel und
Patristik zielte mit der Bezeichnung der Heiden als gentiles
auf die Abgrenzung gegenüber den Getauften sowie auch gegenüber
den Juden. Seit dem vierten Jahrhundert tritt der pejorative
paganus als „Gegenbegriff zum miles Christianus“ daneben, womit
dem so Benannten zugleich mangelnde Bildung und Idolatrie zum
Vorwurf gemacht wurden. Auf diese Weise nahm der Begriff des
‘Heiden’ partiell die Barbaren-Topoi der Antike in sich auf.
Erst allmählich wurde er so zum undifferenzierten Sammelbegriff
für die Nichtchristen, wie er in den literarischen und
historiographischen Texten dominant ist, die in diesem
Themenheft aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet
werden. In theologischer Hinsicht konnte dabei zwischen den
vorchristlichen und den bekehrten, getauften Heiden einerseits
und den zeitgenössischen, christliche Mission ablehnende Heiden
andererseits differenziert werden. Daraus resultierte zum einen
eine teils buchstäbliche Anwendung des alttestamentlichen
Gebotes, die bekehrungsunwilligen Feinde Gottes zu vernichten,
zum anderen der missionarische Eifer, die Heiden zwangsweise zu
bekehren. Erst als der Kontakt mit den Moslems und die
Auseinandersetzung mit dem Islam in Spanien und während der
Kreuzzüge zunahm, entwickelte sich eine differenziertere
Sichtweise auf das Heidentum, deren Vertreter nun in
christlicher Theologie, Philosophie und kirchlicher
(Missions-)Praxis ebenso wie in Politik und Literatur in je
anderer (nicht in dogmatischer) Hinsicht und in je
unterschiedlichem Ausmaß als mehr oder weniger gleichwertige
Partner betrachtet werden konnten. Dabei stehen
entstehungsgeschichtlich ältere und jüngere Konzepte des
‘Heiden’ in den überlieferten Texten oftmals nebeneinander oder
überlagern sich. Auch ist mit der sozialpsychologischen und
linguistischen Forschung generell darauf hinzuweisen, dass
Fremdstereotypen, wie sie beispielsweise bei der Konstruktion
des Heidnischen wirksam werden, durch Reduktion der Komplexität
des Neuen Orientierung stiften wollen und eine kommunikative
Funktion haben, aufgrund derer sie auch trotz zunehmenden
Kulturkontaktes weiterleben können. Für literarische Texte als
Medien gesellschaftlicher Sinngebungsprozesse, die sich von
allgemeinen kulturellen Vorgaben gegebenenfalls relativ weit
entfernen können, stellt sich darüber hinaus das Problem noch
einmal grundlegend anders.
Die Aufwertung der Heiden setzt voraus, dass die Verwendung der
semantisch asymmetrischen Gegenbegriffe ‘Heiden’ und ‘Christen’
zugunsten prinzipiell wertneutraler und in diesem Sinne
gegenseitig verwendbarer Begriffe zurückgenommen wird. Daraus
resultiert zwar nicht die Ablösung des negativen Heidenbildes
durch positive Konstruktionen, doch folgt daraus die
Interferenz negativer und positiver Züge des andersgläubigen
Gegenübers, und dabei tritt ‘Religion’ als
Klassifikationsmerkmal tendenziell in den Hintergrund. Dies
erklärt sich durch den Umstand, dass die Heiden einerseits im
Hinblick auf das Sakrament der Taufe als Leitdifferenz zwischen
Christen und Heiden stets als die kategorial ‘Anderen’
erscheinen, dass sie aber andererseits in Hinsicht auf viele
innerweltliche politisch-kulturelle Gesichtspunkte unter dem
relationalen Aspekt der „sich der Sprache purer Identitäten und
Nicht-Identitäten“ entziehenden „Fremdheitserfahrungen“ der
Christen auch Züge erhalten können, durch die sie den Christen
angenähert werden. Eines der in der Germanistik bekanntesten
Beispiele für derartige, die „asymmetrische Spaltung der Welt
in […] Getaufte und Ungetaufte“ abschwächende „Überschichtungen
im Verhältnis von Christen und Heiden“ bald nach 1200 aus dem
Bereich der Literatur liefert Wolfram von Eschenbach mit seinem
Willehalm, in dem es auch unter den Heiden vorbildliche
Minneritter und kampferprobte Helden gibt. Als ‘Held’ oder
‘Herrscher’ gewinnt der ‘Fremde’ vertraute Züge, und derartige,
konzeptuell auf Gegenseitigkeit beruhende Zuschreibungen lenken
den Blick vom religiösen Gegensatz weg auf andere
Daseinsaspekte. Prinzipiell paritätisch verwendbare Begriffe
wie diese ermöglichen Annäherung und signalisieren eine
zumindest partielle, von der Religionszugehörigkeit absehende
Integration der Heiden.
Auf diesen Aspekt zielt nun das erste der titelgebenden
Begriffspaare des Themenheftes, „Integration oder
Desintegration“. Mit dieser Terminologie wird erneut an die
Programmatik des genannten DFG-Schwerpunktprogramms erinnert,
zu dessen Leitfragen es gehört zu „ergründen, wo religiöse
Gegensätze weiterreichende lebensweltliche Differenzen
gestiftet und wo Gemeinsamkeiten jenseits religiöser
Differenzen zu europäischen Integrationen beigetragen haben“,
gleichzeitig aber „auch Vergleiche an[zu]stellen, die das
Verständnis von Devianzen oder von der Gleichzeitigkeit des
Ungleichzeitigen ermöglichen“. Damit sind Interferenzphänomene
angesprochen, wie sie auch mit der oben umrissenen Überlagerung
integrativer und desintegrativer Momente bei der Konstruktion
des Heidnischen im Medium des historiographischen sowie des im
engeren Sinne literarischen Textes gegeben sind. Wie
angedeutet, resultiert diese Überlagerung aus der Verwendung
der im dargelegten Sinn asymmetrischen Gegenbegriffe ‘Christen’
und ‘Heiden’ bei gleichzeitiger Konzeptualisierung des
nicht-christlichen Andersgläubigen als eines partiell
gleichberechtigten Gegenübers. Solche Interferenzphänomene
geraten aus der in allen Beiträgen dieses Themenheftes
eingenommenen und dabei je nach Disziplin von unterschiedlichen
Erkenntnisinteressen geleiteten, methodisch variierenden
textwissenschaftlichen Perspektive in besonderer Weise in den
Blick: Historiographische und literarische Texte stehen in
einem doppelten Bezug auf die spezifischen Traditionen der
Textkonstituierung und auf den historischen Kontext, in den sie
eingelassen sind, so dass ihre Analyse „ein Stück weit parallel
geht“. Solche Traditionen können auch dann weiterwirken, wenn
sich der historische Kontext, in dem die Texte entstanden sind,
verändert hat. Beides aber, die je nach Textsorte weniger oder
mehr vorhandenen Spielräume und die – etwa gattungsspezifischen
– Traditionsvorgaben implizieren Gleichzeitigkeiten des
Ungleichzeitigen und mehr oder weniger abgestimmte
Interferenzen zum Beispiel von integrativen und desintegrativen
Momenten bei der Konstruktion des heidnischen ‘Fremden’. Vor
diesem Hintergrund zielt das Begriffspaar ‘Integration’ und
‘Desintegration’ im dargelegten Zusammenhang nur zum Teil auf
die in den unterschiedlichen Texten konstruierten Begegnungen
zwischen ‘Christen’ und ‘Heiden’ als solchen, wobei ‘Begegnung’
zunächst rein deskriptiv zu verstehen ist, nicht etwa als
Gegenbegriff zu ‘Konfrontation’. Im Fokus stehen im Besonderen
die textuellen beziehungsweise narrativen Strategien, mittels
derer diese Begegnungen konstruiert werden, der Modus der
Konstruktion und die funktionale Einbindung der Entwürfe in
unterschiedliche Ko- und Kontexte.
Die Mehrzahl der in diesem Band versammelten Beiträge ist aus
englischsprachigen Vorträgen hervorgegangen, die im Juli 2009
auf zwei von Uta Goerlitz organisierten Sektionen mit dem
gemeinsamen Titel Encounters of Christians and Heathens in
Latin, German and Old Norse Literature and Historiography of
the Europaen Middle Ages auf dem International Medieval
Congress 2009 der University of Leeds (Großbritannien) gehalten
wurden. Die Ordnung dieses Heftes folgt dem Ablauf der
Sektionen, deren erste sich auf Texte From the Early Middle
Ages to the 12th Century, deren zweite sich auf die Zeit From
1200 to 1500 konzentrierte. Darüber hinaus konnte ein weiterer,
dem Hochmittelalter gewidmeter Beitrag gewonnen werden (Andreas
Hammer).
Am Anfang steht ein Aufsatz von Andreas Schorr (Saarbrücken),
der das Thema unter dem Titel „Namen von Heiden und Christen.
Heidnische und christliche Namen im frühen Mittelalter“ aus dem
Blickwinkel einer kulturgeschichtlich orientierten Historischen
Sprachwissenschaft und Onomastik angeht. Ausgehend von der
christlichen Namengebung in Spätantike und Frühmittelalter
behandelt er einerseits Beispiele der Integration paganer
Elemente in christliche Personennamen, andererseits der
Abgrenzung christlicher von nicht-christlichen, vor allem
germanischen Namen. – Der Beitrag von Thomas Foerster
(Bergen/Norwegen) zu „Poppo’s ordeal and the conversion of the
Danes. The transition of a myth in Latin and Old Norse
historiography“ nimmt demgegenüber eine
historiographiegeschichtliche Perspektive ein und gilt einem
zentralen Moment der Begegnung von Christen und Heiden im
Spannungsfeld von kultureller Integration und Desintegration im
Norden Europas. Er behandelt den geschichtsträchtigen ‚Mythos’
der von einem Wunder ausgelösten Bekehrung der Dänen durch den
Kleriker Poppo zum Christentum und fragt nach der jeweiligen
Funktion der unterschiedlichen, anfangs lateinischen, dann auch
altnordischen Mythenkonstruktionen des zehnten bis dreizehnten
Jahrhunderts in je neuen historischen Kontexten. Es wird
deutlich, dass der Poppo-Mythos mit zunehmender Etablierung des
Christentums im Norden Europas schließlich durch die
Etablierung anderer, genuin nordischer Mythen verdrängt wird. –
Der anschließende Beitrag von Stephanie Seidl (München)
„Narrative Ungleichheiten. Heiden und Christen, Helden und
Heilige in der Chanson de Roland und im Rolandslied des Pfaffen
Konrad “ führt in das ausgehende elfte und das spätere
zwölfte Jahrhundert, in denen mit den beiden genannten Texten
die frühesten Vertreter der altfranzösischen Chansons de geste
und ihrer mittelhochdeutschen Adaptionen entstanden. Indem
Seidl auf Kosellecks Überlegungen zur Semantik asymmetrischer
Gegenbegriffe zurückgreift, fokussiert sie den je anderen
Umgang der beiden heldenepischen Texte mit der Opposition von
‘Heiden’ und ‘Christen’. Im Zentrum stehen integrative und
desintegrative Strategien der Harmonisierung, Ambiguisierung
und Forcierung der damit gegebenen ‚Ungleichheiten’ auf den
Ebenen von Erzählung, Erzählen und Textrezeption.
Im Zentrum des Beitrags von Uta Goerlitz (München) „…Ob sye
heiden synt ader cristen… Figurationen von Kreuzzug und
Heidenkampf in deutschen und lateinischen Herzog
Ernst-Fassungen des Hoch- und Spätmittelalters (HE B, C und F)“
steht der bis in die Neuzeit verbreitete, deutsch-lateinische
Erzählkomplex um den fiktiven Herzog Ernst von Bayern, der seit
der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts zahlreiche
Fassungen ausbildete, zu denen germanistische Untersuchungen
aus komparatistischer Perspektive nach wie vor weitgehend
fehlen. Am Beispiel dreier bedeutsamer deutscher und
lateinischer Fassungen aus dem dreizehnten (HE B und C) und dem
fünfzehnten Jahrhundert (HE F) analysiert Goerlitz die
jeweilige Darstellung und Gewichtung von Kreuzzug und
Heidenkampf und zeigt den Zusammenhang mit den jeweils
wechselnden Funktionen des – von zwei dem ‘Reich’ geltenden
Teilen eingerahmten – Orientteils auf, in dem diese Thematik in
den einzelnen Fassungen eine je unterschiedlich ausgeprägte
Rolle spielt. – Dem seit dem 12. Jahrhundert etablierten
„mentalen Schema[ ] der Bekehrung als eines sich zunehmend
verfestigenden Anschauungs-, Darstellungs- und Lebensmodus“ und
damit einem Kernaspekt christlich-heidnischer Begegnung gilt
der Aufsatz von Andreas Hammer (Göttingen) „Kere und var zu
Criste,/ oder stirb in kurtzer vriste. Zum Zusammenhang von
Gewalt und Heidenbekehrung in der Heldenepik“. Hammer
betrachtet das Motiv der Heidenbekehrung in ausgewählten
mittelhochdeutschen Heldenepen – Wolfdietrich D und Rennewart
des Ulrich von Türheim – und in den legendarisch überformten
sog. Spielmannsepen Orendel und Oswald. Dabei kann er
signifikante Unterschiede etwa bei der Darstellung von
Zwangsbekehrungen feststellen, bei denen eine in das absolute
Extrem getriebene Strategie der Desintegration (angedrohter Tod
der Heiden) in Herrschaft sichernde Integration (Unterwerfung
durch Taufe) umschlägt. – Der zugleich sprach- und
literaturwissenschaftliche Aufsatz von Christa Jochum-Godglück
(Saarbrücken) untersucht „Namen und die Konstruktion
christlicher und heidnischer Räume in Wolframs von Eschenbach
Willehalm“. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Personennamen
sowie der Landschafts- und Ortsnamen in Wolframs Epos, das
oftmals als Beispiel für ‘Toleranz’ in der mittelhochdeutschen
Literatur angeführt wird. Vor diesem Hintergrund geht es im
Besonderen um die Funktionen, die die Namen bei der Etablierung
der sich im Willehalm antagonistisch durchdringenden Sphären
von Christentum und Heidentum erfüllen, und es stellt sich
heraus, dass unterschiedliche Namenkonzepte zur Abgrenzung der
beiden Glaubenssphären beitragen. – Am Schluss des Heftes steht
eine komparatistisch angelegte Untersuchung von Julia
Zimmermann (Zürich/Schweiz), die sich mit der deutschen
Übertragung der Epistola presbiteri Johannis und dem darin
enthaltenen Bericht über das fiktive fernöstliche Reich des
christlichen Priesterkönigs Johannes in Albrechts Der Jüngere
Titurel befasst: „Widersprüche und Vereindeutigungen – Die
Epistola presbiteri Johannis und ihre Rezeption im Jüngeren
Titurel “. Zimmermann vergleicht den lateinischen
Presbyterbrief und seine in der zweiten Hälfte des dreizehnten
Jahrhunderts entstandene, erste deutsche Bearbeitung unter dem
Gesichtspunkt der je spezifischen Artikulation kultureller
Differenz. Sie arbeitet heraus, dass das orientalische Reich
des Priesterkönigs im lateinischen Text als ein hybrider
‘Zwischenraum’ jenseits scheinbar feststehender Polaritäten von
‘Eigenem’ und ‘Anderem’ wie etwa ‘Christentum’ und ‘Heidentum’
erscheint, während sich bei Albrecht (heils-)geschichtlich
akzentuierte Vereindeutigungen nachweisen lassen.
Integration oder Desintegration? Heiden und Christen im
Mittelalter: Beides, die Integration wie auch die
Desintegration des Fremden, das in den vorliegenden Beiträgen
über das Gegensatzpaar ‘Heiden und Christen’ in den Blick
gerät, setzt die Identifizierung des Fremden als eines solchen
und damit immer schon einen zumindest minimalen, gegebenenfalls
indirekten Kontakt mit dem Fremden als dem Unvertrauten und in
diesem Sinn eine Annäherung voraus. Fremdheit erweist sich
deshalb als eine soziale Konstruktion, mit der zumeist eine
kennzeichnende Ambivalenz verbunden ist. Diese Ambivalenz
resultiert daraus, dass das Fremde ebenso als eine positive,
faszinierende Herausforderung erfahren werden kann, sich auf
das Andere, das Unbekannte einzulassen, wie aber auch als eine
Bedrohung, die zu Abwehrreaktionen führt. Integration und
Desintegration sind daher in spannungsreicher Weise aufeinander
bezogen, so dass sich beide Möglichkeiten im Umgang mit dem
Fremden in vielfältiger Weise überlagern. Am Beispiel ganz
unterschiedlicher Formen textuell konstruierter, imaginierter
und narrativ inszenierter Begegnungen von Christen und Heiden,
die auf je andere Weise in historische und literarhistorische
Kontexte eingelassen sind, wird das auch in den hier
versammelten Beiträgen deutlich, indem diese auf integrative
und/oder desintegrative Strategien im Umgang mit dem
Heidnischen in so verschiedenen Bereichen verweisen wie denen
der Geschichtsschreibung, der Literatur oder der Konstruktion
von Personen- und Ortsnamen sowohl in faktualen als auch in
fiktionalen Texten. Die in den einzelnen Beiträgen ausgewählten
Beispiele der Begegnung von Christen und Heiden sind dabei
spezifisch mittelalterlich. Das in ihnen facettenreich
aufscheinende Grundproblem der mit der Konstruktion des Fremden
gegebenen Ambivalenz im Spannungsfeld von Faszination und
Abwehr und, daraus resultierend, von Integration und
Desintegration, gilt aber nicht nur für mittelalterliche
Gesellschaftsformen, sondern auch in der Moderne. Faszination
gegenüber dem ‘Fremden’ aber impliziert Neugier, eine Neugier,
die wir auch von den Lesern dieses Heftes zugunsten des
‚fremden’ Mittelalters erhoffen.
Lili Summaries Heft 156
Andreas Schorr
Summary
Names of heathens and Christians. Heathen names and Christian
names in the Early Middle Ages
The spread of Christianity throughout the Roman Empire made the
connection between religious concepts and names more important
for the early Christians. Late Antiquity witnesses the
beginnings of specifically Christian name giving. This process
is characterized by various points of contact with other
religions as well as the need to distance oneself from other
religions. This text examines aspects of early medieval
Christian name giving and its incorporation of both ancient and
Gentile pagan naming patterns. Guiding questions are: Why did
the Christian name inventory – very differently from the East –
not take a stronger hold in the West? Are there early Medieval
texts referring to the semantic content of personal names that
were considered to be Christian or heathen? Different from the
Roman East, where we find a slow but lasting Christianization
of personal names in late Antiquity and the Early Middle Ages,
a similar development cannot be traced on western Roman soil.
While East Rome spread the practice of giving Christian names
to the Slavic missionary areas in the course of the Middle
Ages, the Catholic Church did not exert a similar influence on
the choice of personal names. Name changes as an expression of
a conversion to Christianity did not play a prominent role. The
pagan theophoric personal names of Greek-Latin Antiquity were
not completely eliminated, and new Germanic personal names
became part of the name inventory of the early Romance
languages as a result of the prestige the ruling Gentile elites
enjoyed. It is striking that in the texts by clergymen that
contain interpretations of names hardly any comment can be
found regarding the theophoric heathen name elements even
though there are indications that the names of the gods were
understood.
Thomas Foerster
Poppo’s ordeal and the conversion of the Danes. The transition
of a myth in Latin and Old Norse historiography
Summary
In the 10th century one certain cleric Poppo had convinced King
Harald Bluetooth of Denmark of accepting the Christian faith by
an ordeal: he held a red-hot iron in his hand which later had
been unburned. This story is interpreted as a myth which was
endowed with different meanings and different functions in the
course of Nordic historiography. In a comparative study these
different settings are examined. ‘Myth’ is therein understood
in mere functional terms, as story which tells more about the
time in which it is written down than about the events it
narrates. The Poppo Myth was utilized in terms of legitimacy
for both Episcopal and royal representation, until it was later
replaced by other myths.
Stephanie Seidl
Narrative disparities. Heathens and Christians, heroes and
saints in the Chanson de Roland and the Rolandslied des Pfaffen
Konrad
Summary
The present contribution aims at developing a new descriptive
idiom for a comparatist analysis of the Old French Chanson de
Roland and the Middle-High-German Rolandslied. It focuses on
the relation of asymmetric and symmetric oppositional terms,
connecting the narrative demarcation between Christians and
heathens to the respective efficiency of integrating heroism
and sainthood within the figure of the Christian Crusader.
While the Old French text is characterized by strategies of
ambiguities of the opposition between Christian and heathen, in
the Middle-High-German version we find throughout strict
narrative dissociations of the opposing parties. This article
contributes to showing how these narrative disparities migrate
from the level of the narration to the level of narrating, and,
finally, to the level of the reception of the narration.
Uta Goerlitz
„…Ob sye heiden synt ader cristen...“ Figurations of the
Crusade and of the fight against the heathens in German and
Latin High- and Late-Medieval versions of the Herzog Ernst
(HE B, C und F)
Summary
Starting in the 12th century, the narrative complex around the
fictive Duke Ernest of Bavaria develops first in German and
later in Latin versions. Traditionally it is subsumed under the
label of the so-called ‘Kreuzzugsdichtung’ (crusade poetry)
because Ernest’s adventurous voyage to the Orient, in which the
Duke excels in the fight against the heathens, is an essential
part of all preserved versions of the Herzog Ernst. Apparently
the protagonist’s journey to the Orient had a particular
potential to fascinate audiences in the Middle Ages and even
modern ones. The polyvalency of the text made it possible to
mine this potential, again and again, for innovative
rewritings. Nevertheless, there are no in-depth comparative
studies which take into account the bilingualism of the
sprawling and complex textual tradition. Analyzing the
different figurations of the crusade and the fight against the
heathens in significant selections of the text, this article
contributes to fill this lacuna. I focus on the
Middle-High-German and Latin versions B and C from the 13th
century, also taking into account the Early-New-High-German
version F, written in the 15th century on the basis of C. We
will see that the respective versions vary the topic of the
crusade and fight against the heathens more strongly than
previously surmised. The varying importance given to these
topics is essentially related to the function that Duke
Ernest’s voyage to the Orient fulfils in the respective
versions.
Andreas Hammer
„Kere und var zu Criste,/ oder stirb in kurtzer vriste.“
Regarding the interrelation between violence and the conversion
of the heathens in heroic epic poetry
Summary
Religious literature gives great importance to the
conversio-motif because the narration of the conversion of
heathens proves God’s power, thus demonstrating the superiority
of Christianity; however, in medieval heroic epic poetry, this
theme is significantly less central. Although the latter
recounts numerous fights against the heathens, the enemies are
mostly slain and only infrequently proselytized. This article
contributes to exploring why these attempts at conversion are
generally violent, showing that the conversions in heroic epics
obey a different narrative coding: They are merely a
superficial expression of different relations of domination and
power, without implying a religious change of mind. Ulrich von
Türheim’s Rennewart is the best example, and it can be also
observed in the legend-like accounts centered in Oswald and
Orendel, although the conversio-motif in a structurally
important passage of Oswald allows other interpretations.
Christa Jochum-Godglück
Names and the construction of Christian and heathen spaces in
Wolfram von Eschenbach’s Willehalm
Summary
In addition to Parzival and Titurel, of which only fragments
exist, Willehalm is the third major epic by poet Wolfram von
Eschenbach, who wrote it in Middle High German in the second
decade of the 13th century. The warlike conflicts between
Christians and heathens constitute Willehalm’s main theme. What
strikes the reader is the abundance of names used in Willehalm
(similarly in Parzival). This article examines in which way
these 'constitutive lexical units' are part of the initially
established dichotomy between Christian and heathen areas.
Julia Zimmermann
Contradictions and clarifications – The Epistola presbiteri
Johannis and its reception in Der Jüngere Titurel
Summary
This article focuses on the relation of
'otherness'/'strangeness' and 'ownness'/'familiarity' in the
famous Letter of Prester John and in its first German
translation, Albrecht’s Der Jüngere Titurel. The Latin version
of the Epistola is characterized by strikingly obvious
contradictions and ambivalences on various levels: space, time,
characteristic elements of the empire, and social life. On the
same account, it is impossible to establish a clear
relationship between 'otherness'/'strangeness' and
'ownness'/'familiarity'. Although Albrecht’s Der Jüngere
Titurel is faithful to its model even in most details, it
levels these contradictions, eliminating the ambiguities
through numerous emendations and omissions. Its most effective
textual strategy is inserting
providentialist-heilsgeschichtliche and typological references.
Albrecht does not emphasize the retelling of a well-known
account of a distant yet familiar wonderland; he is rather
interested in describing how the Grail came to India and how
the splendid Indian empire became one with Empire of the Holy
Grail. This union creates a heterotopic world of salvation in
which Christian morals and doctrines can be perfectly realized.
In this context it is also noteworthy that, in the Latin
version of the letter, Prester John reigns over 72 kingdoms,
only few of them being Christian. He is the ruler of Christians
and heathens alike. However, in the Jüngere Titurel his empire
is fully Christianized and heathens are presented as a foreign
threat, excluded from the sphere of the Own.
Labor
Volker Honemann
Perspectives of medieval German literary research
Summary
The article contains Volker Honemann’s farewell lecture from
his chair as professor of German Literature of the Middle Ages
at the Department of German of Münster University, delivered on
18th of July 2008. It deals at first with the special character
of ‚Germanistische Mediävistik‘ compared with linguistics and
with literary research concerning the 17th to 20th century.
After that it concentrates on three research perspectives, i.
e. areas of German literature of the Middle Ages where the
present state of research is particularly unsatisfactory: Early
Middle High German literature (ca. 1050-1180), which should be
acknowledged as a literary epoch of it’s own, Middle Low German
literature (13th – early 17th c.), which is in considerable
parts terra incognita, and German literature of the 16th
century (which for a long time has not been in the focus of
German literary research). Given the considerable deficiencies,
the author argues that today a re-philologization is necessary.
Hannes Fricke
Stanislaw Lem declares war on America: On the novels “The
Invincible” and “Solaris” and their americanizing
film-adaptations
Summary
Frontier (a new area to be conquered by the settler) and
manifest destiny (the special moral role the Americans often
refer to) form the behaviour of the USA (expansionism,
individualism, feeling of being elected, aggression against the
other, the right to exploit whatever resources possible).
Stanislaw Lems Science-Fiction-novels always fought against
this innere Bild (inner picture, as the neurobiologist Gerald
Hüther names such underlying structures). Not surprisingly, the
American adaptations of Lems novels “The Invincible” and
“Solaris” for cinema extinguish the criticism and rebuild the
story in reinstalling a frontier-and manifest-destiny-Weltbild,
thus showing how such innere Bilder form the core of our
thinking.
Adressen der Herausgeber
Prof. Dr. Rita Franceschini, Freie Universität Bozen/Libera
Università di Bolzano, Universitätsplatz 1, I-39100
Bolzano/Bozen, E-Mail: rita.franceschini@unibz.it
Prof. Dr. Wolfgang Haubrichs, Universität des Saarlandes,
Fachrichtung 4.1. – Germanistik, Postfach 15150, D-66041
Saarbrücken, E-mail: w.haubrichs@mx.uni-saarland.de
Prof. Dr. Wolfgang Klein, Max-Planck-Institut für
Psycholinguistik, Postbus 310, NL-6500 AH Nijmegen, E-mail:
wolfgang.klein@mpi.nl
Prof. Dr. Ralf Schnell, Universität Siegen, Fachbereich
Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Postfach 10 12 40,
D-57068 Siegen, E-mail: schnell@germanistik.uni-siegen.de
Adressen der Autorinnen und Autoren
Dr. Thomas Foerster, Centre for Medieval Studies (CMS),
University of Bergen, P.O. Box 7805, N-5020 Bergen, Norwegen,
E-Mail: Thomas.Foerster@cms.uib.no
Dr. Hannes Fricke, Lerchenstr. 73/I, D-70176 Stuttgart, E-mail:
h-fricke@foni.net
PD Dr. habil. Uta Goerlitz, Deutsche Sprache und Literatur, des
Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Ludwig
Maximilians-Universität, Institut für Deutsche Philologie,
Schellingstr. 3, Rgb., D-80799 München, E-mail:
uta.goerlitz@lrz.uni-muenchen.de
Dr. Andreas Hammer, Georg-August-Universität Göttingen, Seminar
für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073
Göttingen, E-Mail: Andreas.Hammer@phil.uni-goettingen.de
Prof. Dr. Volker Honemann, Blissestr. 63, D-10713 Berlin,
E-mail: honeman@uni-muenster.de
Dr. Christa Jochum-Godglück, Universität des Saarlandes, FR
4.1. Germanistik, Postfach 151150, D-66041 Saarbrücken, E-Mail:
c.jochum@germanistik.uni-saarland.de
Andreas Schorr, M.A., Universität des Saarlandes, FR 4.1.
Germanistik, Postfach 151150, D-66041 Saarbrücken, E-Mail:
a.schorr@mx.uni-saarland.de
Dr. des. Stephanie Seidl, M.A., Ludwig Maximilians-Universität
München, Institut für Deutsche Philologie, Abt. Germanistische
Mediävistik, Schellingstr. 3, RG, D-80799 München, E-Mail:
Stephanie.Seidl@web.de
Dr. Julia Zimmermann, Universität Zürich, Deutsches Seminar,
Schönberggasse 9, CH-8001 Zürich, E-Mail:
j.zimmermann@ds.uzh.ch




