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Forschungsprogramm des DFG-Graduiertenkollegs "Locating Media" 

Die Erforschung orts- und situationsbezogener Medienprozesse durch orts- und situationsbezogene Methoden ist im deutschsprachigen Bereich, aber auch in der internationalen Medienforschung bisher vor allem in verschiedenen Einzeldisziplinen und für spezialisierte Fragestellungen entwickelt worden. Sowohl im deutschsprachigen Raum als auch in der internationalen Forschung fehlt bisher ein interdisziplinärer Forschungsverbund, der sich explizit einer Zusammenführung der einschlägigen qualitativen Forschungsmethoden widmet und diese mit Forschungsfragen der Mediengeschichte und der aktuellen Entwicklung im Bereich der orts- und situationsabhängigen Medien, insbesondere der „Geomedien“ verbindet. Das beantragte Graduiertenkolleg verknüpft entsprechende Forschungen der Medienwissenschaft mit den einschlägigen Kompetenzen kultur-, informatik- und sozial-wissenschaftlicher Fachvertreter, um den aktuellen Boom von Forschungen, die sich auf die Lokalisierung und Situierung von und durch Medien richten, nicht nur aus einer partikularen medientechnischen Entwicklung oder aus einer partikularen methodischen Entwicklung innerhalb der Medienforschung zu erklären. Weder ein Technikdeterminismus noch eine wis-senschaftsimmanente Herleitung erfassen die Dynamik dieses Forschungsbereichs. Die soziotechnischen Mediengestaltungen, die fluktuierenden und vernetzten Mediennutzungen und die ethnographischen Medienforschungen haben mittlerweile allesamt eine gemeinsame Problemstellung, die im Zeitalter der „klassischen Massenmedien“ immer schon gelöst scheinen konnte: ihren Gegenstand – sprich, „das Medium“ und seinen Ort – in seiner Relationalität angemessen zu lokalisieren und zu situieren. Diese Konvergenz der wissenschaftlichen, gestalterischen und alltagspraktischen Lokalisierungs- und Situierungsaufgaben bildet das Thema des beantragten Graduiertenkollegs „Locating Media“. Angesichts der den öffentlichen Diskurs bestimmenden Medienpraktiken fällt die Prognose nicht schwer, dass diese Aufgabe eine kommende Generation von Promotionsprojekten in Anspruch nehmen wird und dass die veränderte ‚Situierung’ der Medien auch eine Revision der Mediengeschichte auslösen kann.

Im Zuge der Verbreitung qualitativer Medienforschungen hat sich bereits jetzt ein impliziter Konsens etabliert, der quer zu den beteiligten Fächern zu verfolgen ist und von der deutschsprachigen Medienwissenschaft in Zukunft moderiert werden kann. Eine ganze Reihe von Vorannahmen der früheren ‚holistischen‘ Medientheorien und Modernisierungstheorien wird einer zunehmenden Revision unterzogen. Gegen den Wunsch anderer kulturwissenschaftlicher Forschungen, Medien als möglichst eindeutige historische Ursachen zu etablieren, hat sich eine kritische Forschung eingerichtet, die Medien weniger als Ursachen denn als vorübergehend konsolidierte historische Effekte von „Kulturtechniken“ behandelt; gegen das geschichtsphilosophische Erbe der frühen Medienwissenschaft und eine betonte Sonderstellung der technischen Funktionalität haben sich mittlerweile Sozial-, Kultur- und Techniktheorien durchgesetzt, die jede apriorische Trennung zwischen Mikro- und Makro-Analysen, zwischen „structure“ und „agency“, und zwischen technischer Funktionalität und Sozialbeziehungen unterlaufen. Auf die klassischen Theorien der modernen Öffentlichkeit und ihres Publikums („public“) antwortet mittlerweile eine Überprüfung an den Orten der Medienrezeption und Medienproduktion, im Alltag und in der Arbeit der Medien, insbesondere am Ort der medialen Sprachhandlungen und sprachlichen Interaktion. Und auf die Anwendung und oft auch unbewusste Übernahme soziologischer und technologischer Modernisierungstheorien antwortet ihre Kritik und Infragestellung am Ort der medialen Praxis, und mittlerweile an allen ethnographisch erforschten Orten der globalisierten Welt. Der Konsens aller dieser Revisionen liegt in einer Betonung der praxistheoretischen Überschneidung zwischen Medien- und Techniktheorien sowie zwischen Medien- und Sozialtheorien. Das Graduiertenkolleg setzt sich zum Ziel, diesen praxistheoretischen Konsens durch eine interdisziplinäre und internationale Diskussion zu vertiefen. Der Konsens manifestiert sich forschungsmethodisch in einem bereits etablierten Spektrum von orts- und situationsbezogenen Methoden, das aber bisher nur selten zwischen den verschiedenen „communities of practice“ thematisiert wurde und dazu aufgefordert werden muss, die bisher oft nur implizit gebliebenen medientheoretischen Konsequenzen zu diskutieren und zu ziehen. Aus der Begutachtung der Antragsskizze haben die Antragsteller insbesondere drei dieser medientheoretischen Desiderate übernommen und in einzelnen Abschnitten des vorliegenden Antrags behandelt: die Frage der Vermittlung medienethnographischer Methoden mit medienhistorischen Aufgaben; die Reflexion kultureller Konzeptionen des Raumes, soweit sie die Kategorisierung medialer Orte und Situierungen betreffen; und den Beitrag des beantragten Graduiertenkollegs zur Reflexivität der deutschsprachigen Medienwissenschaft.

Das Qualifizierungskonzept des Graduiertenkollegs beinhaltet ein Studienprogramm, das mit Basisseminaren, Forschungskolloquium, Gastwissenschaftlerprogramm und Werkstatt-Seminaren auf eine ausgewogene Balance in der Förderung und Qualifizierung theoretischer, methodischer und praktischer Basiskompetenzen der KollegiatInnen setzt. Durch die Organisation des Studienverlaufs wird sichergestellt, dass den aufgrund der medienethnographischen Ausrichtung des Graduiertenkollegs notwendigen Abwesenheiten im Rahmen der Feldforschungsaufenthalte Rechnung getragen werden kann, ohne dass dies die Zusammenarbeit der Kollegiatinnen und Kollegiaten belastet. Unterstützt durch das Mentoring der antragsstellenden NachwuchswissenschaftlerInnen sowie die Mitwirkung von Postdoktoranden und Postdoktorandinnen soll ein zügiger Promotionsverlauf unterstützt, die Selbständigkeit der PromovendInnen in Hinsicht auf Eigeninitiative ausdrücklich gefördert und ihre Sichtbarkeit in der internationalen akademischen Öffentlichkeit sichergestellt werden. Das umfangreiche internationale Gastwissenschaftlerprogramm sieht neben der Einladung renommierter internationaler Experten zu Gastvorträgen, Workshops und Jahrestagungen vor allem auch ständige internationale Gastprofessuren vor, die sich zu einer intensiven Arbeit mit den KollegiatInnen längerfristig vor Ort aufhalten und ihre Erfahrungen in das Studienprogramm einbringen (Summerschools). Ferner sind internationale Kooperationen vorgesehen, die es den Kollegiaten und Kollegiatinnen ermöglichen, Gastaufenthalte an den Universitäten der Kooperationspartner wahrzunehmen.

Historische und gegenwartsbezogene Forschungen, gestalterische und theoretische Kompetenzen, methodische und korpusbezogene Diskussionen sollen sich im Graduiertenkolleg wechselseitig ergänzen und korrigieren. Dieser komplementäre Ansatz wurde bereits in gemeinsamen Projekten und Veranstaltungen der Antragsteller erprobt und in den letzten Jahren im Rahmen einer von der Universität Siegen vorfinanzierten „Graduiertenschule“ weiterentwickelt. Im Zuge der Vorarbeiten zum hier vorgelegten Antrag hat sich die Vorbereitungsgruppe stetig internationalisiert und Verbindungen zu internationalen Pionierforschungen in allen einschlägigen Feldern der orts- und situationsbezogenen Me-dienforschung geknüpft, und zwar in allen ihren beteiligten Fächern: der Medienwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft, Ethnologie, Linguistik, Medieninformatik, Wissenschaftsforschung und Mediengeographie. Der vorgelegte Antrag beruht auf einer Reihe von Siegener Veranstaltungen und Publikationen, die unter Beteiligung des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs SFB/FK 615 „Medienumbrüche“ und seiner Nachwuchsforschergruppe „Medientopographien sozialer Räume“ seit 2005 zur Entwicklung der Forschungsidee beigetragen haben: Konferenzen zum Themenbereich der „Locative Media“ (2007) und der räumlichen „Medienminiaturisierung“ („Reduce to the Max“, 2007), zum Maßstabwechsel von Medien („Mikro Makro Medium“, 2008) und zur qualitativen Methodik der Gegenwartsforschung („Schnitte durch das Hier und Jetzt“, 2008). Erste Ergebnisse wurden im Rahmen einer Ringvorlesung 2009 („Medienumbrüche vor Ort“) präsentiert; an der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (Wien 2009) war die Graduiertenschule mit einer eigenen Sektion beteiligt, die unter dem Titel „Raum als Interface“ 2011 publiziert wird. Ferner veranstaltete sie 2010 in Siegen die internationale Konferenz „Medialität der Nähe“ (Publikation im Frühsommer 2011) und war mit dem Panel „Locate Yourself! Mobile und webbasierte Praktiken der Selbstverortung“ bei der Tagung HyperKult XIX (Juli 2010, Lüneburg) vertreten; sie führte das Intensivseminar „Vor Ort und Anderswo. Mediale und kulturelle Topographien“ (Juli 2010) im Austausch mit Promovenden der Universität Basel durch und konnte in Kooperation mit dem DFG-Projekt „Kulturgeographie des Medienumbruchs analog/digital“ internationale Experten zur Diskussion um Fragen der Neokartographie in Siegen zusammenführen (Tagung „Mapping Maps“, Januar 2011).