
1. Locating Media/Situierte Medien: Aktuelle Medienentwicklungen
Es gehört zum Basisinventar fast aller und auch der neuesten Medienbegriffe, dass Medien Raum und Zeit überwinden (Winkler 2008). Seit Zeichentransport sich vom physischen Transport von Personen und Dingen emanzipiert hat (seit der Telegraphie), gab es immer wieder Überlegungen, die Radikalversion einer mikroelektronisch ermöglichten „Time-space-Compression“ (Harvey 1989) in der Konsequenz mit dem „Ende der Geographie“ (Virilio 1997) in Zusammenhang zu bringen.
Demgegenüber schlägt eine „Locating Media/Situierte Medien“-Perspektive vor, die Grenzen dieser Enträumlichung und Entortung (Ahrens 2001) des Medienbegriffs aufzuzeigen. Sie trägt zu einer Reterritorialisierung der Diskurse im Kontext des digitalen Medienumbruchs bei, und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Situationen des Mediengebrauchs. So wenig wie der physische Raum verschwindet, so sehr bleibt auch der „space of flows“ – Manuel Castells’ räumliche Metapher für die elektronischen Kommunikationsnetzwerke des Informationszeitalters (Castells 2004) – an eine irreduzible Materialität der Adressenordnung gebunden (Potthast 2007). Zur Produktion von Mikroprozessoren werden Rohstoffe benötigt, die knapp werden können - um das Coltan wird seit vielen Jahren im Kongo ein blutiger Bürgerkrieg geführt (Harden 2001); der Energieverbrauch des WWW verschlingt seit Jahren zunehmend mehr Energie. Das ist die global-ökonomische und -politische Seite der vermeintlichen Deterritorialisierung im Cyberspace. Und wer mobil Telefonierende belauscht, wird freiwillig oder unfreiwillig meist Zeuge einer offenbar unvermeidlichen Verortungskommunikation: „Wo bist Du gerade?“ (Konitzer 2005), ganz so als sei die technisch ermöglichte „Time-space-Compression“ sozial zu ertragen nur vermittels einer Standortversicherung des fernmündlichen Gegenüber. Auch in der Netzwerkgesellschaft bleibt Territorialität als eines der organisierenden Prinzipien sozialer Beziehungen von elementarer Bedeutung. Durch gesteigerte Kommunikationsgeschwindigkeiten werden Räume nicht ausgelöscht, sondern anders konstituiert. Physische Territorialität und situative Nähe wird sozio-technisch reorganisiert. Die Orte der Lebenswelt bleiben, aber sind nurmehr als medialisierte zu denken. Instruktiv bleibt in dieser Hinsicht das dominant räumliche Konnotationsfeld der Internetmetaphorik: Datenautobahn, global village, Cyberspace, chatrooms, Homepage, Portal, Fenster etc. (Becker 2004). Insofern musste der Raum gar nicht erst wiedergefunden werden, er war nie wirklich verschwunden (Döring/Thielmann 2008).
Locating Media/Situierte Medien hat in einer Perspektive der neuesten Medienentwicklungen folgenden Doppelsinn:
(i.) Die Situierung der Medien und ihre Verortung von Mediennutzung, auch durch ein Mapping von Kommunikationen (Dodge/Kitchin 2001, Falkheimer/Jansson 2006) bis hin zum sogenannten Geo-spatial Web (Geo-tagging, Geo-Communities, Geo-Mashups) und zur massenhaften kollaborativen Laienkartographie auf der Basis von Geobrowsern (vgl. Turner 2006, Rich/Schuyler 2006).
(ii.) Medien, die situieren, und zwar von den Platzierungen des Nutzers in Medienumgebungen als „medial erzeugten Geographien“ (Werlen 2008) bis hin zur mobilen Lokalisierung des Mediennutzers auf der Basis lokal genutzter, aber global positionsbestimmender Medien wie z.B. Autonavigationssystemen, Location based services, Digital graffiti, Hybrid Reality Games (De Souza 2006). Aber auch die Orte selbst werden zunehmend durch ihre mediale Situierung bestimmt, insbesondere durch Kameras und Monitore: die Situation der Monitorüberwachung von öffentlichen Orten und Arbeitssituationen (Heath/Luff/Svensson 2002/2004) wirkt fortlaufend auf die überwachten und dokumentierten Situationen ein (Potthast 2007).
In beiden Varianten und ihrer Kombination operiert eine „Locating Media/Situierte Medien“-Perspektive an der Schnittstelle zwischen materiellem und digitalem Raum. Leitende Forschungsfragen können wie folgt charakterisiert werden: Welche Folgen hat es für die sozialräumliche Organisation unserer Interaktionen, wenn kommunikative wie soziale Mobilität vermehrt von einem medialen Geocode geleitet und informiert wird? Was bedeutet die zunehmende Geocodierung von Selbstdarstellungen im Netz für das Prozessieren der Unterscheidung von Öffentlich-Privat? Welche neuen sozialen Praktiken entstehen im Umkreis solcher technischen Innovationen? Was heißt medialisierter Raum? Was heißt informationell überformter Raum (augmented space)? Was bedeutet die zunehmende Geocodierung des WWW für unsere soziale Definition von Nahräumlichkeit? In den Umkreis des Time-space-Compression-Arguments gehörte immer wieder die Annahme, Kommunikationstechnologie überwinde bei physischer Ferne auch soziale Distanz (Watts 2003). Dient die zunehmende Geocodierung von Netzkommunikation durch die Priorisierung des Physisch-Nahen (im Hinblick auf Kontaktchancen) auch der Aufrechterhaltung und Vertiefung bewährter, eingeübter sozialer Distanzen und Distinktionen? Welche Konsequenz hätte eine Locating Media-Perspektive für die humangeographisch tradierte Unterscheidung von „Space“ und „Place“ (Tuan 1974)?

