1.2 Kulturelle Konzeption medialer Verortung
Die Frage nach dem Verhältnis von „space“ and „place“, Raum und Ort, ist auch in den Cul-tural Studies zentral geworden und hat dort früh zu orts- und situationsbezogenen Medienfor-schungen geführt. Seit einer grundsätzlichen Kritik von Rezeptionsmodellen, die eine Über-tragung senderseitig enkodierter Botschaften postulierten, stand die Aufmerksamkeit für die Aktivität und Produktivität der differenziert betrachteten Mediennutzer und Medienkonsumenten im Mittelpunkt (Hall 2002), und es gelang eine methodische Verlagerung von textanalyti-schen zu qualititativen und medienethnographischen Verfahren (Moores 1993). Ein frühes Beispiel hierfür ist David Morley’s Nationwide Audience (1980), das Morley bereits als eine „ethnography of reading“ (und zwar des Fernsehens) bezeichnet hat. Die Verschränkung von Globalem und Lokalem z.B. im Wohnzimmer (Morley 1997; Krotz 1997) wurde für die Forschung augenfällig. Der neue ‚methodologische Situationismus‘ nicht nur Morleys, sondern großer Teile der Cultural Studies, führt dazu, dass die jeweiligen Orte der Medienrezeption und deren konstitutive Funktion für den Ort der Kultur (Bhaba 1994; Musner 1999) Aufmerksamkeit erfahren. Insbesondere der Haushalt und das Wohnzimmer wurden als zentrale Orte des Umgangs mit Medientechnologien und den durch sie vermittelten Inhalten ethnographisch zugänglich (Silverstone/Hirsch 1992; Morley 1999; 2000; Berker et al. 2006; Hartmann 2009). Diese Untersuchungen waren zunächst auf das Fernsehen konzentriert und adressierten Fragen nach der Situierung des Fernsehers in der Wohnung und den daraus folgenden räumlichen Relationen, Sicht- und Hörbarkeitsverhältnissen und den Rhythmen der Alltags-Praxis (Spigel 1992; Hartley 2002; Modleski 2002; zur Problematisierung der ethno-graphischen Methoden dieser Forschungen vgl. Radway 1988). Die „Geography of Television“ (Morley 1996) wurde dabei zu interkulturellen Fragestellungen nach Raum und Ort des Fernsehens ausgeweitet (Leal 1990).
Auch in der deutschen Diskussion seit den frühen 1990ern wurden diese Ansätze breit rezipiert (Mikos 2008; Hepp/Krotz/Thomas 2009; Hepp 2010), womit die Fragen nach der Situierung der Medien und insbesondere der Medienrezeption in die hiesige Medienforschung, wenn auch oft nur durch Paraphrasen, Einzug hielten. Im internationalen Rahmen kam es zur Ausweitung dieser Forschungen auf andere Typen medialisierter Orte (z.B. Shopping Malls und Strände; vgl. Fiske 1989: Kap. 2 und 3), und zum Teil auf digitale Medien (Vitalari/Venkatesh/Gronhaug 1985; Morley 2000:171-203; Facer et al. 2003; Kraut/Brynin/Kiesler 2006; Röser 2007) oder Handys (Goggin 2006), also auf Medien, die nicht mehr als ‚Rezeptionsorte‘, sondern als verflochtene Orte einer Identitätsbildung in der stets lokalen Produktion des Globalen untersucht wurden (Berland 1992; Morley/Robins 1995; Couldry/McCarthy 2004). Im Vergleich zur gut etablierten Fernsehforschung nimmt aber die Analyse digitaler, mobiler und lokativer Medien in der Anwendung der ethnographischen und kulturexegetischen Methoden seitens der Cultural Studies bisher nur eine marginale Position ein, und ist daher als ein Desiderat zu betrachten, das momentan eher von anderen Disziplinen, etwa der internationalen Kulturgeographie, systematisch erschlossen und ethnographisch bearbeitet wird. Die aktuellen Weiterentwicklungen der Medienethnographie in den Cultural Studies folgten vor allem der alteingespielten Trias von „Produktion“, „Distribution“ und „Rezeption“; und sie entwickeln in den letzten Jahren – nach dem jahrzehntelangen Schwergewicht in der Erforschung und gekonnten Differenzierung der Medienrezeption – neue Stärken durch die Programmatik von ortsbezogenen „Production Studies“ (Mayer/Banks/Caldwell 2009) und „Distribution Studies“, die aufgrund ihrer jahrzehntelangen Vernachlässigung in den Cultural Studies explizit an ältere medienethnologische (Powdermaker 1950) und journalistische (Rosten 1941) Pionierarbeiten anknüpfen.
Die raumwissenschaftliche Agenda in den Cultural Studies umfasst mittlerweile ausgehend von der Analyse räumlicher Repräsentationen, über die medial unterschiedlichen Sozialraumkonstruktionen und räumlich unterschiedlichen Medienrezeptionen, bis zur medialen Skalierung durch die „power-geometry of time-space compression“ (Massey 1994: 149) auch die Verortung von „media-caused entanglements of scale“ (Couldry/McCarthy 2004: 8). Diese Forschungsanstrengungen haben sich zu einem spatial turn in der Medienwissenschaft formiert (Falkheimer/Jansson 2006; Döring/Thielmann 2008). Dies schlägt sich in jüngster Zeit durch eine Vielzahl von Publikationen nieder.
Die Proliferation des spatial turn in der kulturwissenschaftlichen Medienforschung zeigt sich u.a. darin, dass (a) mobile, lokalisierende Medientechnologien und Nutzungsgewohnheiten den medienwissenschaftlichen Gegenstandsbereich erweitern. Damit einhergehend steht grundsätzlich zur Diskussion, wie neue Medien und Medienplattformen unsere Orts- und Raumwahrnehmung verändern (Buschauer 2010), Räume erweitern (Manovich 2005) und zu einem „tuning of place“ (Coyne 2010) beitragen, oder wie umgekehrt multiple Räume erst die Notwendigkeit eines medialen Multitasking erzeugen (Mersch 2011), ein visuelles Regime der Navigation ermöglichen (Verhoeff 2011).
Darüber hinaus hat sich (b) über neue Einzelmedienanalysen hinaus ein disziplinäres Interesse an raum- und ortsbezogenen Fragestellungen etabliert. Nach einer Vielzahl künstlerischer „Raumumbrüche“ (Ott 2009) in der Moderne hat der spatial turn in den Kulturwissenschaften vor allem dazu geführt, die wissenschaftlichen und künstlerischen Befragungen des „realen“ und reterritorialisierten Raums wieder in den Vordergrund zur rücken (Maresch/Werber 2002; Kudielka 2005; Wagner 2010). Dies vollzieht sich etwa durch eine zu beobachtende Entdifferenzierung von modalen und medialen Räumen des Films (Agotai 2007; Frahm 2010) oder durch das Aufkommen von grundlegenden „Hybridformen aus Medien und Raum“ (Demuth 2007; Manovich 2008). Hierbei ist insbesondere eine wissenschaftliche Fokussierung auf mediale/künstlerische Praktiken der Transformation des Georaums zu erkennen (Gethmann/Hauser 2009; Avanessian/Hofmann 2010; Autsch/Hornäk 2010) – und dies aus unterschiedlichen Perspektiven: dreidimensional (Schröter 2009), multidimensional (Thielmann/Manovich 2009; Jensen 2010) oder orbital (Bexte 2008; Zinsmeister 2008; Bergermann/Otto/Schabacher 2010). Diese Entwicklung geht über die Kunst verstanden als „geschichtlicher Gradmesser des Raumbewußtseins“ (Kemp 1996: 13) hinaus. Raumanalytische Diskussion lassen sich derzeit in einer Vielzahl kulturwissenschaftlichen Teildisziplinen lokalisieren: etwa in der Diskurstheorie (Glasze/Mattissek 2009), der Emotionsforschung (Lehnert 2011), der Epistemologie (Joisten 2010), der Wissenschaftsforschung (Suchman 2007-10; Shapin 2010) oder den Software Studies (Mackenzie 2010; Kitchin/Dodge 2011). Zudem gibt es unter Zuhilfenahme der „Leitdisziplin“ Geographie Bestrebungen, die einzelnen, zum Teil lange etablierten Forschungsrichtungen der Kunstgeographie (DaCosta Kaufmann 2004), Musikgeographie (Krims 2007; Johansson/Bell 2009), Literaturgeographie (Moretti 1999; Werber 2007; Piatti 2008) und Filmgeographie (Bruno 2002; Lukinbeal/Zimmermann 2008) disziplin- und medienübergreifend zu integrieren (Döring/Thielmann 2009; Günzel 2009).
Dies hat (c) Konsequenzen für die Medientheorie selbst, deren „Raumvergessenheit“ einer Neubewertung unterzogen wird (Winkler 2009), deren „räumelnde“ Konnotationen präzisiert werden (Zenck 2010) und deren „Raumkehren“ eine Differenzierung erfahren (Günzel 2007, 2010). Durch die Fragmentierung und Parzellierung von Erfahrungsräumen, durch die mediale Anreicherung individueller Ortserfahrungen und durch die mobile Mediennutzung als einer im Wesentlichen „auf Kontiguität gegründeten, ortsgebundenen Prozedur“ (Hagen 2009: 362) findet eine Interessensverlagerung von Raum- auf Ortsfragen statt. Mit der Ausweitung der Medien hat nicht nur eine Entgrenzung des Raums, sondern auch eine „explosion of place“ (Graham 1998) stattgefunden. Hieraus speist sich ein Forschungsbedarf nach konkreten Fallstudien und ortsbezogener Medienforschung, wie sich dies insbesondere in der Technikhistoriographie ablesen lässt, die globale Medienphänomene vermehrt in ihrem lokal-situierten Kontext analysiert (Ceruzzi 2008; Schwoch 2009; Aspray/Hayes 2011).

