1.4 Linguistische und interaktionsbezogene Medienforschung
In lingustischer Perspektive steht die Frage im Mittelpunkt, wie Medien in und durch sprachliche Interaktionen situiert werden und wie umgekehrt sprachliche Interaktionen durch mediale Artefakte und Infrastrukturen und deren Lokalisierung je spezifisch konfiguriert werden. Die Frage nach sprachlich-interaktionalen Verfahren einer situierten kommunikativen Raumerzeugung und Lokalisierung wurde in der bisherigen Forschung in Bezug auf eine Reihe von Gegenstandsbereichen spezifiziert: Wie tragen schriftsprachliche Beschilderungen im öffentlichen Raum (Linguistic Landscapes) in Verbindung mit anderen situierten Zeichen (Durchsagen, Architektur, Objektdesign etc., vgl. z.B. Molotch/McClain 2003) dazu bei, verstehbare und benutzbare „Schauplätze“ sozialer Praxis zu etablieren (z.B. Scollon/Scollon 2003; Backhaus 2007; Auer 2010; zu Krankenhäusern: Sharrock/Anderson 1979; zu Museen: Kesselheim/Hausendorf 2007; zu Bahnhöfen: Domke 2010)? Wie werden derartige Zeichen zur Orientierung und Navigation im Raum individuell verarbeitet (Schmauks 2002), welche Rolle spielen sie als Ressourcen zur Hervorbringung sozialer Ordnung in der Interaktion (Goffman 1963; de Stefani/Mondada 2010; zu Museen: vom Lehn/Heath 2007; zu Guided tours: Costa/Müller-Jacquier 2010; de Stefani 2010)? Wie werden interaktionale Zugangs- und Beteiligungsmöglichkeiten multimodal reguliert (vgl. Goodwin/Goodwin 2004), wie (re )konfigurieren Artefakte und Infrastrukturen als Medien räumliche und soziale Positionierungen und ‚Territorien‘ (Goffman 1974; Molotch/Logan 1987)? Wie wirken sich Medien auf die raumabhängige und/oder raumbezogene Darstellung von Sachverhalten aus: Formulierungen räumlicher Kategorien (Schegloff 1972), räumliche Bezugnahme als Embodied Activity (z.B. Hanks 1990; Goodwin 2000; Haviland 2000), Raumerzeugung durch Gesten einschließlich der räumlichen Darstellung nicht-räumlicher Sachverhalte (z.B. Enfield 2003; Fricke 2007; Mondada 2007), medientechnisch unterstützte Artikulation, Speicherung und Rezeption raumbezogener Bedeutung (Habscheid et al. 2010; Habscheid/Gerwinski 2011)?In Verbindung mit technischen Möglichkeiten zur Aufzeichnung audiovisueller Daten sind verstärkt auch nonverbale multimodale Aspekte sozialer Interaktion in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, die nun in hochkomplexer Weise als „Gesamtzusammenhang aller simultan realisierten, sequenziell strukturierten und aufeinander bezogenen interaktiven Beteiligungsweisen aller Teilnehmer“ (Deppermann/Schmitt 2007: 17) zum Gegenstand empirischer Forschung gemacht werden können (vgl. bereits Goffmans Konzept des Interaktionsensembles; Kendon 1990). In diesem Zusammenhang kommen als Ressourcen der Interaktionskonstitution neben Sprache, Stimme, Körper und einer Kontextualisierung der multimodalen Äußerungen im Common Ground der Interagierenden zunehmend auch räumliche und materielle Ressourcen – etwa alltägliche Dinge – ins Blickfeld (Brown/Laurier 2005; McIlvenny/Broth/Haddington 2009): Es wird deutlich, dass verbale und multimodale Interaktion und darauf bezogene individuelle Fähigkeiten in zunehmend komplexere sozio-materielle Gefüge eingebettet sind (vgl. z.B. Ingold 2000 zu einer entsprechenden Rekon-zeptualisierung so genannter Skills). Dabei werden Umgebungen und Objekte einerseits von den Interagierenden – für einander erkennbar – in die dynamische Herstellung von sozialem Sinn einbezogen (vgl. z.B. Goodwin/Goodwin 1996, 1997; Streeck 1996), andererseits konfigurieren die Dinge auf eine eigene Weise soziale Interaktionen und soziotechnische Prozesse mit.
Im Kontext post-konstruktivistischer Debatten, wie sie etwa in Auseinandersetzung mit der „Akteur-Netzwerk-Theorie“ geführt werden, stellt sich daher auch für eine Linguistik der Interaktion die empirische und theoretische Herausforderung, nach der wechselseitigen und zugleich asymmetrischen Konstitution menschlicher und materieller ‚Beteiligter‘ in sprachlich-multimodalen Kommunikationsprozessen und der dynamischen Hervorbringung der Grenzlinien zwischen beiden zu fragen (Suchman 2007: 260). Im Vergleich zu elementaren räumlichen, körperlichen und dinglichen Aspekten orts- und situationsbezogener Interaktion kam in der bisherigen Forschung die Frage, wie Zeichenhandeln und Interaktionsstrukturen durch verschiedene Formen der organisierten und computerbasierten Technisierung geprägt werden, vergleichsweise selten und nur wenig systematisch ins Blickfeld. Anknüpfungspunkte bestehen zur linguistischen Medienkommunikationsforschung (Überblick: Androutsopoulos 2010) sowie in angrenzenden Disziplinen zu den durch Ethnomethodologie und Konversationsanalyse beeinflussten Studies of Work (Bergmann 2006; Drew/Heritage 1992) und den Workplace Studies (Heath/Luff 2000) im Grenzbereich zwischen Arbeits- und Organisationssoziologie, Interaktionsforschung und Technologie-Design. Hier gilt das Interesse neben der sprachlichen, paralingualen und körperlichen Interaktion von Anfang an auch den interaktiv relevanten medialen Apparaturen und Infrastrukturen. Zudem wird – etwa bei der Untersuchung von Koordinationszentren (Suchman 1997) – neben der räumlich kopräsenten Interaktion auch die medial organisierte Verständigung mit räumlich entfernten Beteiligten einbezogen. Auch für entsprechende linguistische Untersuchungen ist eine pro-grammatische Abkehr von einseitigem Technik-Determinismus und Technik-Paternalismus und damit eine Akzentuierung alltäglicher Lokalisierungs- und Aneignungspraktiken charakteristisch (vgl. z.B. die DFG-Forschergruppe „Neue Medien im Alltag“: Schütz et al. 2005; Habscheid et al. 2006). So macht es z.B. die ständig verfügbare Vielfalt von Geräten und Vernetzungschancen zunehmend notwendig, technische Infrastrukturen „in situ“, entsprechend dem aktuellen Nutzungskontext zu verstehen und zu konfigurieren (Habscheid et al. 2010).
Wenn es darum geht, im Sinne der Fragestellungen der Graduiertenschule die situative Einbettung des Mediums, seine Lokalisierung im Kommunikationsprozess unter der alltäglichen, in Praxiszusammenhänge integrierten Perspektive der Handelnden bzw. Interagierenden empirisch zu rekonstruieren, kommt dem spezifischen methodologischen Zugang der (linguistischen) Interaktionsforschung eine besondere Relevanz zu. Kommunikativ Handelnde müssen zugleich Inszenierende ihrer Handlungen sein, d.h. sie müssen in ihren Äußerungen vielfältige Hinweise geben, die es ihren Kommunikationspartnern erlauben, den Sinn ihrer simultan und sequenziell eingebetteten Handlungen zu erschließen (etwa über „contextualization cues“ und „accounting practices“, vgl. Garfinkel 1967; Gumperz 1982; Auer/di Luzio 1992; Duranti/Goodwin 1992; Deppermann 2008b; Buss et al. 2009). Dieser Umstand erlaubt es auch den späteren Interpreten, auf ethnographischer Basis und ausgehend von den sprachlich-medialen Oberflächen der Interaktion die in Praxis eingebettete „primäre Sinnschicht“ des Alltags (Panofsky 1932; Bergmann 1985) zu rekonstruieren (auch wenn – wie in allen hermeneutischen Rekonstruktionen – ein kontrolliertes Vorverständnis des Analysierenden unvermeidlich zum Tragen kommt). In ähnlicher Weise lassen sich auch technisch vermittelte mündliche und schriftliche Interaktionen „zerdehnten“ Kommunikationssituationen (Ehlich 1984, 1994; Kritik: Oesterreicher 2008) daraufhin befragen, wie Sprache, Wahrnehmbarkeit und Hinweise auf ein unterstelltes Kontextwissen im Kommunikationsprozess zusammenspielen. Auf dieser Grundlage rekonstruiert die ethnomethodologisch inspirierte empirische Konversationsanalyse je spezifische Ausschnitte der medienbasierten „Methoden und Verfahren, derer sich die Mitglieder einer Gesellschaft ganz selbstverständlich bei der Abwicklung ihrer alltäglichen Angelegenheit zur sinnhaften Strukturierung der Welt bedienen“ (vgl. Bergmann 1981: 22f.).
Aus diesem Grund insistiert die linguistische Interaktionsforschung (vgl. Deppermann 2008a) in der Forschungspraxis darauf, sich den Blick auf die Ordnungsleistungen der Beteiligten nicht durch eine Theoriebildung ex ante zu verbauen. Am Anfang und am Ende steht vielmehr die Frage, wie die Interagierenden selbst einander ihr Verständnis der Situation anzeigen. Ausgehend von einer „passiv-registrierenden“ Dokumentation authentischer Daten (vgl. Bergmann 1985), die durch geeignete Transkriptionsverfahren interpretationsarm aufbe-reitet werden, können auf verschiedenen Ebenen der Interaktionskonstitution Ordnungsleistungen der Beteiligten – im Wechselspiel mit dinglichen und medialen Ressourcen – rekonstruiert werden. So folgt ein Forscher auf dem unsicheren Grund der Daten „den Wegen der Akteure und [...] den Spuren“, die ihre Praxis hinterlässt (Latour 2007: 53). Erst die weitere Arbeit erlaubt es dann, auf dieser Basis wiederkehrende und zugleich hoch flexible Verfahren der Ordnungsbildung zu rekonstruieren und so ein Wissen zu bilden, in dem sich die Praxis auf einer abstrakteren Ebene wiederfinden lässt – und zwar nicht nur in mikrosoziologischer Hinsicht, sondern auch im Blick auf vielfältige Manifestationen gesamtgesellschaftlicher Diskurse und Verhältnisse (Knoblauch 2001).

