..
Suche

Personensuche
Veranstaltungssuche
Katalog der UB Siegen

2.2 Medienhistoriographische Methoden

Die Übertragbarkeit medienethnographischer auf medienhistorische Aufgabenfelder ist zur Zeit noch nicht systematisch als Forschungsproblem behandelt worden, und verdient in Zukunft eine interdisziplinäre Diskussion, die auch im Kontext des beantragten Graduiertenkollegs moderiert werden kann. In diesem Zusammenhang sind insbesondere drei Entwicklungen zu berücksichtigen, die im Folgenden kurz skizziert werden sollen:
  • eine aktuelle Diskussion um den Begriff der „historischen Ethnographie“ (im Rahmen der Europäischen Ethnologie),
  • die aktuelle Weiterentwicklung der medienwissenschaftlichen „Medienarchäologie“ durch das Konzept der „Kulturtechniken“,
  • die Entwicklung der Mediengeschichte innerhalb der Geschichtswissenschaft.
Die ausführlichste deutschsprachige Methodendiskussion zur Übertragbarkeit ethnographischer auf historische Forschungsmethoden findet – nach ihrer jahrzehntelangen Diskussion in der „Historischen Anthropologie“ (Habermas/Minkmar 1992; Medick 1989) – zur Zeit in der Europäischen Ethnologie statt, vermutlich deshalb, weil diese Disziplin sich seit ihrer Gründung zur Herstellung einer Kontinuität zwischen historischen und ethnographischen Gegenständen und Methoden, auch in der Erforschung populärer Medien (Warneken 2006), aufgefordert sieht. Diese Diskussion ist aus mehreren Gründen für die Entwicklung einer „historischen Medienethnographie“ relevant, und zwar nicht nur, weil die Europäische Ethnologie seit ihrer Gründung immer wieder orts- und situationsbezogene Medienpraktiken untersucht hat (Warneken 2006; Maase 1997), sondern weil die Diskussion um die „historische Ethnographie“ mittlerweile ihren Weg zur Mediengeschichte findet (Ege 2007; Steinacker 2010). Während Maase (2001) die Frage „Das Archiv als Feld?“ stellte und Fenske (2006) sie anhand der Analogie von Feldforschung und Archivforschung „als kulturanthropologische Praxis“ beantwortete, rücken die aktuellen Betrachtungen zur „historischen Ethnographie“ die gemeinsame Aufgabe einer „historisch-ethnografischen Praxistheorie“ (Wietschorke 2010: 209) in den Mittelpunkt, aber auch die Medienabhängigkeit der Rekonstruktion vergangener Praktiken, die ihrerseits einer praxistheoretischen Vermittlung der überlieferten Medien und ihren historischen Auslegung bedarf . Sven Steinacker (2010: 74) bezieht sich in diesem Zusammenhang als Vorbild auf die ethnomethodologischen „Studies of Work“, um das Verhältnis zwischen historischen Quellen und insbesondere „Akten“ und den in ihnen verwirklichten, dokumentierten und erschliessbaren Praktiken zu bestimmen. Vergangene Praktiken können durch Akten und andere Dokumente erschlossen werden, weil die Herstellung von Akten eine Praxis war, die viele andere Praktiken einschloss und weiterhin erschliessen lässt. „Im Mittelpunkt stehen dann allerdings nicht mehr die in den Akten konstruierten Wirklichkeiten, sondern die schriftlichen Artefakte werden ihrerseits zum Untersuchungsgegenstand. Im Gegensatz zur Verwendung von Texten als ‚Informationscontainer‘ für die Rekonstruktion einer ‚dahinter‘ liegenden Wirklichkeit steht [...] die Analyse der Strukturmuster und Prinzipien bei Produktion und Verwendung von Dokumenten selbst im Vordergrund“ (Steinacker 2010: 75); diese Auffassung bezieht sich auf auf die praxeologische „Dokumenten- und Aktenanalyse“, die zuerst in den „historischen Hilfswissenschaften“ entwickelt wurde, aber mittlerweile als eigenständiges Gebiet der orts- und situationsbezogenen Medienforschung gelten kann (Wolff 2000, 1995).

Auf diesem Wege ist das Konzept einer „historischen Ethnographie“ an den Schnittstellen von historischer Ethnologie, Europäischer Ethnologie und Geschichtswissenschaft mittlerweile bei einer Einsicht angelangt, die in der deutschen Medienwissenschaft seit einigen Jahren als Gemeinplatz gelten kann und in ihrer gelungenen theoretischen Begründung etwa dem Weimarer Graduiertenkolleg „Mediale Historiographien“ zugrundegelegt wurde: Die Medialität historischen Wissens und die Historisierung vergangener und aktueller Medien müssen durch eine gemeinsame Kategorienbildung aufeinander bezogen werden. Allerdings stellt sich im Gegenzug die Frage, mit welcher praxistheoretischen Auffassung diese Einsicht bisher in der deutschen Medienwissenschaft und ihrer Mediengeschichte vertreten worden ist. Auch hier lässt sich eine Verschiebung beobachten. Die ältere medienwissenschaftliche Medienarchäologie argumentierte mit der Figur eines „medialen Apriori“, das die Medien und insbesondere ihre Apparate und „technischen Einheiten“ an die erste Stelle einer historischen Ableitung rückte, an deren anderem Ende zumindest die populären und alltäglichen Gebrauchsweisen als Abgeleitetes erschienen. Diese Mediengeschichte privilegierte implizit oder explizit eine bestimmte Dimension medialer Praktiken: die Entwicklung erfolgreich konsolidierter medientechnischer Erfindungen. Diese historische Darstellungsform hält allerdings den internationalen Standards der Wissenschafts- und Technikforschung in den „Science and Technology Studies“ nicht stand, denn dort hat sich seit dem Sozialkonstruktivismus der 1980er Jahre das „Symmetrieprinzip“ David Bloors (Bloor 1976) durchgesetzt, das verlangt, scheiternde und erfolgreiche soziale und technische Entwicklungen mit den gleichen Kategorien zu beschreiben, ohne die erfolgreich konsolidierten Entwicklungen durch eine Fortschrittsgeschichte zu privilegieren. Allerdings werden die medienarchäologischen Forschungen in den letzten Jahren zunehmend von einer vielgestaltigen Diskussion um das Konzept der „Kulturtechniken“ bestimmt (Engell/Siegert 2010), und die Setzungen eines „medialen Apriori“ verblassen auf diesem Wege hinter einer Bündelung verschiedener Techniken mit aposteriorischen Zwecken (Schüttpelz 2006). Wie sich im Vergleich mit den internationalen „Science and Technology Studies“ zeigt (Haigh 2011), sind die praxistheoretischen Überlegungen der Medienarchäologie und der deutschsprachigen Mediengeschichte weiterhin ausbaufähig: zwar werden in der Medienarchäologie mittlerweile ältere praxistheoretische Stichwörter für die Mediengeschichte fruchtbar gemacht, etwa das „tacit knowledge“ von Michael Polanyi (1958), und es gibt eine ganze Reihe ausgezeichneter orts- und situationsbezogener Studien (z.B. Hoof 2009), aber es fehlt anders als in den internationalen „Science and Technology Studies“ eine gleichermaßen technik- und sozialhistorische (und im übrigen auch eine technik- und sozialtheoretische) Debattenführung, deren Fokus darin läge, orts- und situationsbezogene Medienpraktiken durchgängig auf eine Kategorisierung ihrer „communities of practice“ (Wenger 1998) zu beziehen.

Dieses Manko wird sich in Zukunft aller Voraussicht nach stärker bemerkbar machen und zwar um so stärker, als es der Geschichtswissenschaft gelingt, eine Mediengeschichte zu entwickeln, die – im Anschluß an die oben umrissene Einsicht – die „Medialität von Geschichte und die Historizität der Medien“ aufeinander bezieht (Crivellari et al. 2004). Die Mediengeschichte der Geschichtswissenschaft war lange Zeit von einer instrumentellen Auffassung geprägt: Bei einer politikgeschichtlichen Betrachtung rücken Medien in erster Linie als Vermittlungsinstanzen im Rahmen etwa von Herrschaftsstabilisierung oder Identitäts- und Nationenbildungsprozessen in den Mittelpunkt. Die Sozialgeschichte nahm Medien weniger als Informationsträger denn als Element sozialer Zusammenhänge oder Strukturen in den Blick. Das ließ sowohl einzelne Medien (Braive 1966; Sklar 1975; Winkler 1993) als auch die gesamte Spannbreite vom Buch bis zum Internet (Briggs/Burke 2009) in ihren Verflechtungen zum Gegenstand aufsteigen. Die Entwicklung einer neuen Kulturgeschichte bzw. der cultural turn in den 1980er Jahren hat im Hinblick auf den geschichtswissenschaftlichen Umgang mit Medien die größten Veränderungen gebracht; und der kulturwissenschaftliche Umbruch wird seit den 1990ern durch einen spatial turn flankiert, der als Ansporn dient, konkrete Wissensräume wie das Museum oder Unterhaltungsräume wie den Jahrmarkt oder Vergnügungspark und ihre Medien zu untersuchen (Schwarz 2011a, 2011b). Durch diese doppelte Wende hat sich auch das Fach insgesamt stärker in Richtung Kulturwissenschaften geöffnet, insbesondere durch die methodischen Entwicklungen der „Historischen Anthropologie“ und der Mikrohistorie, deren Potentiale für die Entwicklung der Mediengeschichte bereits fruchtbar gemacht worden sind (Dommann 2008, 2010), aber noch unausgeschöpft bleiben, und auch in der internationalen Forschung bislang eher am Rande der „Science and Technology Studies“ zum Durchbruch kamen (Johns 1998; Jacob 2007: 507-777).