1.6 Medieninformatische Analysefelder
Ethnographische Methoden als Fundament der Technikgestaltung haben im Gefolge der Pio-nierarbeiten der Ethnologin und Informatikerin Lucy Suchman (1987) eine breite Akzeptanz in den Forschungsfeldern CSCW (Computer Supported Cooperative Work) und HCI (Human Computer Interaction) und ihren Nachbardisziplinen erhalten. Zahlreiche Medientechnik-For-scher, u.a. Crabtree (2004), Randall, Harper und Rouncefield (2007), Heath, Luff und Cam-bridge (1992), Hughes, Randall und Shapiro (1992) und Dourish (2006) haben seitdem wich-tige Beiträge zur Konzeptualisierung ethnographischer Forschung in Designprozessen erar-beitet. Mit dem Ansatz der Design Case Studies postuliert Wulf (2009) eine Ausrichtung von Designprozessen als Dreischritt von Anforderungserhebung, Prototypenentwicklung und Evaluation, mit empirischer Ausrichtung in jedem Designschritt. Ein anderer wichtiger Strang ethnographie-basierten Technikdesigns geht aus dem skandinavischen Forschungsumfeld des Participatory Design hervor, das eine Einbeziehung der Endnutzer bereits in frühen Sta-dien des Designs verfolgt (vgl. u.a. Muller 2009; Ehn/Kyng 1987; Bødker 1996). Qualitativ-empirische Methoden sowie Action Research werden hier mit dem Ziel kombiniert, gesell-schaftliche Prozesse zu gestalten, die insbesondere auf den Säulen „Empowerment“, „Democracy“ und „Innovation“ basieren.Im Rahmen von Technikgestaltungsansätzen sind solche aktionsforscherischen Ansätze notwendig, auch weil sie zu Erkenntnissen darüber führen, wie sich soziale Praktiken angesichts neuer „Locative Media“ verändern. Diese Perspektive ist im Gegensatz zu eher analytischen und deskriptiven Wissenschaften unverzichtbarer Teil einer gestalterischen Disziplin, die den Anspruch hat, soziale Praxis aktiv mitzugestalten. Entsprechend zielen Nutzer- und praxisorientierte Designansätze der Medieninformatik darauf ab, neue Medien, etwa Pervasive und Locative Computing-Systeme mit tatsächlichen Praktiken „in situ“ zusammenzubringen, um sie zu verschränken und die hieraus entstehenden Effekte zu untersuchen. Hierfür werden auch neue Methoden wie die des Living Lab, das die Alltagsumgebung (z.B. die Wohnung) von Endnutzern als „testbed“ nutzt, entwickelt (Hess/Ogonowski 2010).
In Anlehnung an den Infrastrukturbegriff von Susan Leigh Star (Star/Ruhleder 1994; Bowker/Star 1999), der in den „Science and Technology Studies“ (STS) in ihrer Auseinandersetzung mit der „Akteur-Netzwerk-Theorie“ und der Untersuchung von Large Technological Systems (LTS) entstanden ist (van der Vleuten 2004; Hughes 1983; Heinze/Kill 1988), wird mittlerweile in der Informatik der Begriff des „Infrastrukturierens“ für die konstituierenden Tätigkeiten einer medialen Infrastruktur aus Sicht Ihrer Nutzer verwendet (Karasti/Syrjänen 2004; Karasti/Baker 2004; Pipek/Wulf 2009). „Infrastrukturieren“ umfasst explizit nicht nur Tätigkeiten der Technikgestaltung und Konfiguration einer Infrastruktur, sondern z.B. auch Tätigkeiten, die zur Entdeckung und Entwicklung einer Nutzung führen, beispielsweise ortsbezogener, kontextsensitiver Anwendungen. Insbesondere mobile Systeme sind mit wechselnden und dynamischen Kontexten (Orten, Situationen, Nutzungsbedingungen) konfrontiert. Ihre Anwendungen greifen auf Sensorik- und Positioning-Technologien zurück, um die Anwendungen „in situ“ zu unterstützen. Je nach Umgebungsbedingungen stehen dafür satellitengestützte Positionierung (GPS), Ortung über verfügbare W-LAN-Router und Empfangsstärken, RFID-Sensoren (Eberspächer/von Reden 2006; Kern 2007) oder diverse weitere Sensorik-Technologien zur Verfügung (Finkenzeller 2006), etwa die NFC-Technologie (Near Field Communication), da immer mehr Mobilgeräte damit ausgestattet sind. Mittlerweile ist die technische Machbarkeit mobiler Systeme ausreichend erforscht, es fehlt jedoch an kontext- und nutzerbasierten Untersuchungen zur Frage der Akzeptanz, Aneignung, Usability und „Learnability“ der neuen mobilen Systeme (Broll et al. 2009; Nielsen 2008).
Als wichtiger Forschungszweig, der neue Ansätze der Locating Infrastructures prägt, spielt Urban Informatics (Ellison/Burrows/Parker 2007; Foth 2008) bzw. Community Informatics eine zentrale Rolle. Der Forschungszweig der Community Informatics umfasst das Forschungsfeld der Nachbarschaftsinformatik mit dem Forschungsziel der Förderung von Vergemeinschaftungsprozessen durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Zunächst ausgehend vom angloamerikanischen Raum und aus der Problemsicht der Individualisierung der Gesellschaft und einem damit verbundenen erodierenden Zusammenhalt (Putnam 2001), werden IKT mit dem Ziel untersucht und eingesetzt, auf lokaler Ebene neue Erfahrungen von Öffentlichkeit und Gemeinschaft zu fördern (Arnold 2008). Die Verbindung virtueller und realer Communities auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene und die damit verbundene Erforschung neuer Möglichkeiten der Förderung sozialer Interaktionen erstreckt sich mittlerweile hin zu Forschungsfragen auf dem Gebiet „ICT4D“ (ICT for Development), in dem Potentiale von Community-Anwendungen für die Entwicklungshilfe untersucht werden (O’Donnell/Ramaioli 2004).
„Urban Informatics“ stellt die Dichotomie zwischen „cyberspace“ und „real space“ in Frage und untersucht, wie „collective interaction“ (im Rahmen von Online Communities) und „networked interaction“ (MySpace, Facebook etc.) in sozial bedeutungsvolle Interaktion vor Ort transformiert werden und Computernutzer zwischen kollektiv vernetzten und räumlich dispersen Informationsströmen navigieren. Netzwerkforschung und Untersuchungen zu „Communities and Technologies“ (Huysman/Wenger/Wulf 2003) bieten für Forschung um „local communities“, „location-aware web search“ und das „geospatial web“ vielfältige Anknüpfungspunkte über das gemeinsame Prisma der Community-Forschung und zugrunde liegende sozialwissenschaftliche Konzepte, wie das des Sozialkapitals (Putnam 2001).
Die hier skizzierte Fragestellung des „Infrastructuring“ schließt an eine Perspektive der Medieninformatik an, die Technikaneignung und -nutzung als eine sozial eingebettete Praxis versteht, in der Gemeinschaftsprozesse mitgestaltet werden. Die Aneignung und Weitergabe von Nutzungspraktiken neuer Technologien finden – so die Einsicht der Informatik, aber auch der Technikgeschichte – innerhalb von „communities of practice“ statt (Wenger 1998), die stark räumlich konnotierte, soziale und kulturelle Kohärenzen aufweisen oder heterogene Ansprüche durch die räumlichen Anordnungen von „boundary objects“ miteinander vermitteln (Star/Griesemer 1989). Diese räumlichen und situativen Anordnungen müssen im Technikdesign mittels ethnographischer Methoden genau nachgezeichnet werden, damit neuen Technologien ein passgenauer Ort im Lebens- und Arbeitsalltag der Nutzer zugewiesen werden kann.

