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Katalog der UB Siegen

1.1 Medientechnische und medienwissenschaftliche Entwicklung

Lange Zeit wurden einem technikhistorischen, aber auch einem kritischen Verständnis folgend die Neuen Medien mit einer stetig zunehmenden Enträumlichung und „Entortung“ verbunden. Doch entgegen der Annahme einer Erodierung des „sense of place“ (Massey 1993) zeigen medientheoretische Diskussionen (Döring/Thielmann 2009) und neuere Studien mobiler Medienpraktiken eine Revaluierung des Ortes (Hjorth 2008; Goggin/Hjorth 2009; Wilken/Goggin 2011). Aber auch an anderen Orten der Medienentwicklung findet derzeit eine „Wiedergeburt des Ortes“ (Staple 1997) statt, sei es durch die Rekonzeptualisierung des musikalischen Aufführungsortes in der Folge einer Krise der Musikindustrie (Baym/Burnett 2009; Simun 2009), durch die Reterritorialisierung der Medienkunst in „Locative Arts“ (Hemment 2006a, 2006b; Schäfer/Gendolla 2010) oder in Gestalt der verschiedenen neuen geomedialen Entwicklungen wie „Geosurveillance“ (Sui 2007), dem „Geospatial Web“ (Scharl/ Tochtermann 2007), „Geocaching“ (Willis 2010) oder „Geotainment“ (Döllner 2007). Der britische Geograph Nigel Thrift (2008) postuliert sogar das Zeitalter einer neuen „a-whereness“ und führt das methodische und theoretische Interesse an Ortsfragen dabei auf folgende aktuelle Entwicklungen zurück:

  1. die massenhafte Ausbreitung der Kartierung sämtlicher Lebensbereiche (Abrams/Hall 2006; Börner 2010, Wood 2010) – insbesondere mithilfe von „Map Mashups“ (Crampton 2010) und Geobrowsern wie Google Earth (Parks 2009),
  2. die Etablierung geographischer Informationssysteme (GIS) und mithin einer Geodemographie, die nicht nur sozial-statistische Verteilungen repräsentiert, sondern einer neuen Klassenbildung Vorschub leistet (Burrows/Gane 2006; Parker/Uprichard/Burrows 2007),
  3. eine Veränderung der Orte selbst, die sich nicht mehr durch ein „set of fixed points“ (Thrift 2004) konstituieren, sondern einem logistisch modellierten Netzwerk von Relationen und Verbindungen folgen, das durch die Möglichkeiten des Taggings und Trackings mittels Lokalisierungstechnologien wie GPS, WLAN oder RFID realisiert wird (Crang/Graham 2007; Coyne 2010; Hayles 2009).


Bei all diesen Entwicklungen handelt es sich im Kern um medientechnische Entwicklungen, die man unter dem Begriff der „Geomedien“ (Döring/Thielmann 2009; Thielmann 2010) fassen kann: georeferenzierende Medien, die unseren Umgang mit Raum und Ort soziotechnisch reorganisieren, und global vernetzte Medien, deren Nutzung und Inhalte sich je nach dem konkreten physischen Ort verändern. Diese Entwicklungen münden in einer möglichen Konvergenz von Lokalisierungs- mit Kommunikations- und Unterhaltungstechnologien (de Souza e Silva/Sutko 2009) und bereits jetzt in einer Expansion standortbasierter Dienste, die zu einem „re-grounding of the self“ beitragen (Tuters/Varnelis 2006), die soziale Vernetzung und Klassifizierung verändern (Galloway 2008; Elmer 2010) und sich hierfür einer „automatisierten Raumproduktion“ unterstellen (Thrift/French 2002; Dodge/Kitchin/Zook 2009).

Diese medientechnologische Entwicklung begegnet auffälligen Parallelen in der Entwicklung der Medienforschung. Die internationale orts- und situationsbezogene Medienforschung hat sich seit den 1990ern – auch in der deutschsprachigen Forschung – ausgeweitet und stabilisiert. Entsprechende Forschungen und ihre Methoden hatten sich zuerst zwischen den beteiligten Einzeldisziplinen und Forschungstraditionen – der Medienwissenschaften, Ethnologie, Europäischen Ethnologie, Soziologie, „Science and Technology Studies“ (STS), Linguistik, Kunstwissenschaft, Theaterwissenschaft, Geographie, Medieninformatik mit CSCW (Computer Supported Cooperative Work) und HCI (Human-Computer Interaction) – herausgebildet und differenziert, und sind seitdem in eine vieldiskutierte transdisziplinäre Bewegung geraten, deren Folgen noch nicht abzuschätzen sind. Den ‚harten Kern‘ aller dieser Forschungen, egal ob für traditionelle oder digitale, technische oder künstlerische Medien, bildet zweifelsohne die ethnographische Untersuchung orts- und situationsbezogener Medienprozesse durch orts- und situationsbezogene Forschungsprozesse, „vor Ort“ und „in situ“ (siehe Methoden).