2.1 Zur methodischen Basis der orts- und situationsbezogenen Medienforschung
Den ‚harten Kern‘ aller orts- und situationsbezogenen Medienforschungen und zwar unabhängig davon, ob es sich um traditionelle oder digitale, technische oder künstlerische Medien handelt, bildet zweifelsohne die ethnographische Untersuchung orts- und situationsbezogener Medienprozesse durch orts- und situationsbezogene Forschungsprozesse „vor Ort“ und „in situ“. Was hier „Ethnographie“ und „ethnographisch“ heißt, bleibt dabei je nach Disziplin und angewandter Methode genauer zu spezifizieren; dennoch lässt sich auch in der gegenwärtigen Entwicklung ein gemeinsamer Nenner festhalten. Die empirische Grundlage der orts- und situationsbezogenen Methoden wird in der sozialwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Medienforschung mittlerweile allgemein anerkannt (Ayaß/Bergmann 2006; Winter 2005; Dracklé 1999; Ginsburg/Abu-Lughod/Larkin 2002; Kalthoff 2006; Bachmann/Wittel 2006; Götz 2001, Bechdolf 2001), und sie hat sich vor allem in zweierlei Hinsicht bewährt:
- Es ist – wie es insbesondere die Ethnologie einerseits und die meistdiskutierte Spielart der „Science and Technology Studies“: die „Akteur-Netzwerk-Theorie“ andererseits vorgeführt haben – eine gängige wissenschaftliche Praxis geworden, Mikro-Analysen vorzunehmen, um größere Zusammenhänge aus lokalen Infrastrukturen und den Stationen ihrer Verflechtung „bottom-up“ zu rekonstruieren. Auch die medialen und soziotechnischen Maßstabwechsel von Personen, Gruppen und Organisationen können detailgetreu nur im Mikro-Bereich von Medien und medialen Vermittlungsschritten untersucht werden.
- Orts- und situationsbezogene Methoden haben sich in den letzten Jahrzehnten überall dort als unverzichtbar erwiesen, wo es darum ging, alltägliche und berufliche mediale Praktiken, soziale und soziotechnische Rhythmen und ihre räumliche Anordnung, und die biographischen Zyklen von Personen, Artefakten, Waren und Medien zu rekonstruieren; und umgekehrt stoßen gängige quantitative Untersuchungen überall dort, wo – wie in vielen aktuellen Entwicklungen digitaler Medien – keine vorgefertigten Untersuchungseinheiten mehr vorausgesetzt werden können, immer häufiger an die epistemologischen Grenzen dessen, was sie an Eigenschaften und Entwicklungen ihres Gegenstands, sprich: der konkreten Nutzung, Distribution und Verfertigung von Medien erkennen können.
Eine orts- und situationsbezogene Medienforschung enthält eine Korrelation verschiedener Methodengruppen:
- die teilnehmende Beobachtung von Prozessen „vor Ort“ und „in situ“ mit begleitenden oder anschließenden Dokumentationsleistungen,
- die mündliche Untersuchung durch Interviews, Gespräche und Gruppendiskussionen,
- eine schriftliche und audiovisuelle Korpuserstellung und schriftliche (und audiovisuelle) Auswertung der ethnographischen Arbeit (mit ihrem wissenschaftlichen Produkt, den Publikationen),
- die „digitale Ethnographie“, die den ständigen Abgleich von Online- und Offline-Forschungen erfordert, um den Spezifika mobiler Medienanwendungen mit ihrem ständigen Wechsel von virtuellen und physischen Räumen gerecht zu werden.
Allerdings birgt der aktuelle Boom der qualitativen Methoden auch seine eigenen Risiken. Gefahren drohen mittlerweile weniger durch eine methodische Abwertung von außen, als durch die Tendenzen einer methodischen Abschwächung und Aufspaltung. Insbesondere von ethnologischer Seite wurde wiederholt angemerkt, dass der Begriff „Ethnographie“ in den letzten Jahrzehnten wiederholt aufgeweicht wurde, etwa wenn jede Zusammenstellung von Interviews und offenen Gesprächen mitunter schon als „Ethnographie“ bezeichnet wurde, ohne den Beobachter den Risiken und dem Wissen teilnehmender Handlungen auszusetzen. Die Weiterentwicklung der Medienethnographie verlangt weniger eine gelungene methodische Aufspaltung als ihre erfinderische Rekombination und Ausweitung (Dracklé 2005): durch den Wechsel zwischen Online- und Offline-Welten, durch die Weiterentwicklung der „multi-sited ethnography“ und durch die mobile Erforschung von mobilen Medien, Akteuren und Transferleistungen (Büscher/Urry/Witchger 2011). Teilnehmende Beobachtung bleibt der Kern aller orts- und situationsbezogenen Methoden. Ethnographische Medienforschung folgt weiterhin einer früher mitunter skandalisierten Überschneidung von „Subjekt“ und „Objekt", deren Wissensgebiete und Forschungsoperationen sich bis ins Intimste der eigenen und fremden, der individuellen und kollektiven Subjektivitäten, von Träumen, Anspielungen und improvisierten Interaktionen erstrecken können, ohne dabei ihren methodisch erzeugten Charakter zu verlieren (Hauschild 1985) – und dies auch in der soziotechnischen Forschung und Medienforschung (Sudnow 1978, 1983; Rottenburg 2002; Potthast 2007).

