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2.3 Reflexivität der Medienforschung

Medienforschung bleibt auch deshalb ein turbulentes Feld, weil die wissenschaftliche Ausei-nandersetzung mit Medien, aber auch ihre soziotechnische Entwicklung Kompetenzen aus allen drei eingespielten Wissenschaftsformationen aufruft und in immer neue Begegnungen bringt: Kompetenzen aus den Natur- und Ingenieurswissenschaften, aus den Sozialwissenschaften und aus den Geistes- und Kulturwissenschaften. Versuche, die Gemengelage dieser drei Kompetenzen für die Medienforschung aufzulösen, sie ruhigzustellen oder dogmatisch aufzuteilen, haben sich meist als wissenschaftlich kontraproduktiv erwiesen. Nichtsdestotrotz verlangt diese unübersichtliche Lage nach methodischen Vermittlungen zwischen den Wissenschaftsformationen und ihren Sozialisationswegen. Und hier ist auffällig, wie sehr die neueren medienethnographischen Methoden Feldern und Disziplinen entspringen, die eine solche Vermittlung schon seit einigen Jahrzehnten ausüben: den „Science and Technology Studies“, der internationalen Ethnologie („anthropology“), der mikrosoziologischen und konversationslinguistischen Tradition mit ihren Brücken zur Informatik (Suchman 1987, 2007) oder der neuerlichen Erweiterung der internationalen Geographie durch postindustrielle Feldforschung (Crang/Cook 2007). Diese Brücken und ihre qualitativen Forschungen treten zunehmend in den Vordergrund, und zwar auch deshalb, weil die Untersuchung der aktuellen Entwicklung digitaler Medien zunehmend ohne vorgefertigte soziale, technische oder soziotechnische Untersuchungseinheiten auskommen muss, und sich daher des Öfteren weder durch quantitative Erhebungen noch durch eine Literaturauswertung zurechtfinden kann. Die Turbulenz führt – durch eine Bewegung, die oben bereits mehrfach konstatiert wurde – zu einer „mobilen Bodenständigkeit“ der Untersuchungen, aber auch der untersuchten Dinge, Personen und Datenordnungen.

Diese „Bodenständigkeit“ sollte man nicht mit einem naiven oder repräsentationalen Gegenstandsbezug verwechseln. Es geht in allen hier vorgestellten und vorgeschlagenen Untersuchungen um eine erhöhte Reflexivität der Medienforschung, aber auch des Gegenstandsbezugs. Allerdings hat das Wort „Reflexivität“ hier jenen praxeologischen Sinn (Rawls 2008), den es in der Nachfolge Harold Garfinkels (1967) bekommen hat und der in der aktuellen Diskussion durch das leicht missverständliche „Follow the actors!“ der „Akteur-Netzwerk-Theorie“ geläufig geworden ist. „Reflexivität“ entsteht für die orts- und situationsbezogene Medienforschung – und in orts- und situationsbezogenen Medien desgleichen! – nicht durch die Kunst von Theorievergleichen, nicht durch die Reduktion auf Technik oder auf einen „Diskurs“, nicht durch eine ästhetische oder textanaloge „Immanenz“ der Bezüge, aber auch nicht durch die Unterstellung eines nur noch zu verallgemeinernden Wissens der Akteure. Sondern durch den konkreten Aufweis der Ressourcen, mit deren Hilfe es Personen, Medien und Artefakten gelingt, sich in Handlungsabläufen, Operationsketten oder krisenhaften Situationen emergent und sukzessiv die Bälle zuzuspielen. „In exactly the ways in which a setting is organized, it consists of methods whereby its members are provided with accounts of the setting as countable, storyable, proverbial, comparable, picturable, representable – i.e. accountable events“ (Garfinkel 1967: 34). Diese Lektion hat in der Medienforschung erst in den letzten Jahren nachhaltig Verbreitung gefunden, und nur durch die Anerkennung dieser etwas anders gelagerten Form von „Reflexivität“ wird es möglich sein, die meist allzu holistische Fixierung von Einzelmedien und ihre Behandlung als „Ready-Made Media“ durch eine genauere Kenntnis der Medien in ihrer Prozesshaftigkeit, der „Media in Action“ zu ersetzen.

Diese Vorgehensweise schließt auch die Forderung nach einer neuen Historisierung der Medien- und Kommunikationsforschungen ein, also eine Reflexivität der Wissenschaftsforschung. Nach Hans-Jörg Rheinberger sind lokalisierbare experimentelle Räume die Voraussetzung dafür, dass zunächst nur als „Gefüge von materiellen Spuren“ bestehende epistemische Dinge in Ketten von Darstellungen in Erscheinung treten (Rheinberger 2001: 24, 113). Medien können einen Platz an der Seite solcher epistemischer Dinge einnehmen, schließlich hat ihnen ebenfalls eine „Anstrengung des Wissens“ (Rheinberger 2001: 22) in Experimenten und Feldforschungen gegolten (Hensel 2009). Aus feministischer Perspektive hat Donna Haraway in einer Reflexion zur Theorie des situierten und lokalisierten Wissens die Frage nach einer „agency“ von Dingen gestellt, die keine Objekte eines souveränen Subjekts mehr seien, sondern Agenten, deren Handlungsmöglichkeiten von ihrer medialen Umgebung und ihren Verknüpfungsfähigkeiten mit andern Akteuren abhängen (Haraway 1988). Das Wissen von Dingen sei insgesamt immer ein „situated knowledge“ (ebd.: 581), und zwar in dem Maße, als eine Interaktion zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren nur noch medial gesteuert werden kann. In einer historischen Betrachtung lässt sich festhalten, dass sich Medien seit dem 19. Jahrhundert unter experimenteller Beobachtung herausgebildet haben und dass die Herausbildung der „agency“ medialer Dinge zunehmend als eine experimentelle Erprobung verstanden wurde: in der Industrieforschung seit dem 19. Jahrhundert (Bowker 1994; Schüttpelz 2009) und in den Experimentalanordnungen der Sozialforschung seit dem 20. Jahrhundert, in denen die „Medien der Sozialforschung“ (Ziegaus 2009: 18) dazu gebracht wurden, Medien zu untersuchen und zu repräsentieren (Orr 1999; Pethes 2004; Schneider/Otto 2007).

Dass das Wissen über Medien an bestimmten Orten und durch das Arrangement von oft einmaligen Labors gewonnen und durch diese Situierung geprägt wurde, wird in der Mediengeschichte meist ausgeblendet: Die Ergebnisse sind als orts- und situationsunabhängiges Wissen in die Lehrbücher eingegangen. Bei einem neuen Blick auf die Forschungsgeschichte kann die Lokalität und Situiertheit des Wissens über Medien restituiert werden (Broeckmann/Nadarajan 2009). Am Beispiel der frühen Filmforschung der Chicago School of Sociology lässt sich beispielsweise zeigen, wie die europäische Massenpsychologie auf die von New York ausgehende Kinoreform-Bewegung trifft und die Kartierung eines neuen Ortes – der Stadt Chicago – aufgreift (Otto 2010); oder dass die Medien-Labors der Industrie- und Kriegsforschung aus einer entsprechenden Regional- und Stadtgeschichte hervorgegangen sind (Roch 2009). Auf diesem Wege wird es gelingen, auch die scheinbare ‚Ortlosigkeit‘ der modernen Massenmedien und technischen Medien als einen Effekt der Verallgemeinerung und globalisierten Standardisierung von lokal verflochtenen Laborbedingungen nachzuzeichnen, als eine Verallgemeinerung des Labors zur Welt und umgekehrt (Latour 1988). Diese Reflexivität erfasst Medienphänomene wie Mediendiskurse gleichermaßen: Durch eine orts- und situationsbezogene Medienforschung kann die Geschichte der Medien im Verbund mit einer Historisierung ihrer impliziten und expliziten, außerwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Medientheorien untersucht werden.
 
Diese Untersuchungen, so korpusbezogen und detailgetreu sie durchgeführt werden müssen, führen in keine medientheoretische Abstinenz. Im Zuge der Verbreitung qualitativer Medienforschungen hat sich bereits jetzt ein impliziter medientheoretischer Konsens etabliert, der quer zu den beteiligten Fächern und Methoden nachzulesen ist und durch den interdisziplinären Austausch des beantragten Graduiertenkollegs für die deutsche Medienwissenschaft mitmoderiert werden kann. Eine ganze Reihe von Vorannahmen der früheren ‚holistischen‘ Medientheorien und Modernisierungstheorien wurde in den letzten Jahren einer zunehmenden Revision unterzogen. Gegen den Wunsch anderer kulturwissenschaftlicher Forschungen, Medien als möglichst eindeutige historische Ursachen zu etablieren, hat sich eine etwas skeptischere Forschung eingerichtet, die Medien weniger als Ursachen denn als vorübergehend konsolidierte historische Effekte von „Kulturtechniken“ behandelt. Gegen das geschichtsphilosophische Erbe der frühen Medienwissenschaft und eine betonte Sonderstellung der technischen Funktionalität haben sich mittlerweile Sozial-, Kultur- und Techniktheorien durchgesetzt, die jede apriorische Trennung zwischen Mikro- und Makro-Analysen, zwischen „structure“ und „agency“, und zwischen technischer Funktionalität und Sozialbeziehungen unterlaufen. Auf die klassischen Theorien der modernen Öffentlichkeit und ihres Publikums („public“) antwortet eine differenzierte Überprüfung an den Orten der Medienrezeption und Medienproduktion, im Alltag und in der Arbeit der Medien, insbesondere am Ort der medialen Sprachhandlungen und der sprachlichen Interaktion. Und auf die Anwendung und oft auch unbewusste Übernahme soziologischer und technologischer Modernisierungstheorien antwortet ihre Kritik und Infragestellung am Ort der medialen Praxis, und mittlerweile an allen ethnographisch untersuchten Orten, und in allen ethnographisch untersuchten Institutionen der globalisierten Welt. Der Konsens aller dieser Revisionen liegt in einer Betonung der praxistheoretischen Überschneidung zwischen Medien- und Techniktheorien, und zwischen Medien- und Sozialtheorien. Das Graduiertenkolleg soll daran mitwirken, diesen praxistheoretischen Konsens durch eine interdisziplinäre und internationale Diskussion zu vertiefen, einen Konsens, der sich im hier umrissenen Spektrum von orts- und situationsbezogenen Methoden und ihren inhaltlichen Überschneidungen manifestiert, einem Spektrum, das bisher nur selten zwischen den verschiedenen „communities of practice“ diskutiert wurde und daher dazu aufgefordert bleibt, die bisher oft nur implizit gebliebenen medientheoretischen Konsequenzen zu diskutieren und für eine breitere medienwissenschaftliche und interdisziplinäre Öffentlichkeit darzulegen.