..
Suche

Personensuche
Veranstaltungssuche
Katalog der UB Siegen

1.3 Sozialwissenschaftliche Felder der orts- und situationsbezogenen Medien-forschung

Für die Sozialwissenschaften lässt sich konstatieren, dass sich die Medienethnographie ‚im engeren Sinne‘ und die ethnographische Erforschung zentraler Aspekte der postindustriellen – und weltweit ‚globalisierten‘ – Gesellschaften zunehmend überschneiden, und dass insbesondere die orts- und situationsbezogenen Medienforschungen und die Ethnographie postindustrieller (und postkolonialer) Organisationen und Institutionen mittlerweile ein konsistentes Forschungsfeld erzeugen, das auf unvorhergesehene Weise zwischen den kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen proliferiert. Ein Paradigma dieser Konvergenz sind die Laborethnographien der „Laboratory Studies“ (Knorr-Cetina 1984, 1995; Latour/Woolgar 1979), denn in ihnen fiel und fällt die Darstellung der sozialen und kulturellen Aushandlungsprozesse seit nunmehr 30 Jahren mit einer Charakterisierung und Theoretisierung der Medien und Inskriptionen dieser Aushandlungsprozesse zusammen. Die aktuelle deutschsprachige Diskussion der „Akteur-Netzwerk-Theorie“ in der deutschsprachigen Soziologie, Ethnologie und Medienforschung (Kneer/Schroer/Schüttpelz 2008) ist eine direkte Folge dieser mittlerweile lange erprobten ethnographischen Konvergenz, die zuerst von der Wissenschafts- und Techniksoziologie ausging und in ihr weiterhin expandiert (Potthast 2007), aber auch in der Ethnologie schon früh erkannt und zum Teil auch methodisch radikalisiert wurde (Rottenburg 2002).

Diese aktuelle Forschungssituation führt zu Konsequenzen für Disziplinen, die eine orts- und situationsbezogene Medienanalyse bisher vernachlässigt haben, aber auch für die altehrwürdigen Disziplinen der teilnehmenden Beobachtung. In der Politikwissenschaft etwa finden sich bisher kaum empirische Studien zur Analyse der Situierung der politischen Öffentlichkeit und Mediennutzung im lokalen Raum. Unter dem Paradigma nationalstaatszentrierter Forschung gab es in der Vergangenheit nur wenige Arbeiten zur Mediennutzung lokaler politischer Akteure, etwa im Rahmen kommunaler Wahlkämpfe oder zur direkten Kommunikation zwischen Wahlkampfzentralen, Abgeordneten und lokalen Parteimitgliedern (Römmele 2002; Althaus 2003; Schatilow 2006) oder zur Generierung kommunaler Öffentlichkeiten durch lokale Medien (Jarren 1980, 1992; Dorer/Baratsis 1995; Guedes Bailey/Cammaerts/Carpentier 2008; Atton 2002). Eine Aufwertung der lokalen Politikebene im Kontext der politikwissenschaftlichen Medienforschung erfolgte erst mit der Einführung und Verbreitung digitaler Medien und der Erforschung von Aspekten der kommunikativen Rückkoppelung zwischen Regierungsakteuren und lokalen Bürgern (Barko Germany 2008). Mit dem Wandel politischer Reform- und politikwissenschaftlicher Forschungsschwerpunkte vom New Public Management zu Governance-Netzwerken geraten Fragen des lokalen bürgerschaftlichen Engagement (Vetter 2008) sowie bottom-up gerichtete Partizipationsprozesse einer kommunalen E-Democracy (Lübcke/Lührs 2008; Schmidt 2003, Coenen 2005; Kubicek/Lippa/Westholm 2009) und Formen eines lokalen Graswurzel-Jounalismus (Gillmor 2004; Engesser/Wimmer 2009) hingegen stärker als bisher in den Fokus. Demokratische Innovationen werden vor allem von der Einführung internetgestützter Formen der Bürgerbeteiligung erwartet, etwa von Übertragungen der in den USA vielfach abgehaltenen „21st century town hall meetings“ oder der in Dänemark entwickelten Konsensus-Konferenzen zur Einbeziehung von Bürgern in Prozesse der Technikfolgenabschätzung (Hendriks 2010). Diese neuen Formen erweisen sich als eine komplexe Verknüpfung von Online- und Offline-Räumen und zeigen, dass ihr demokratisches Potential vom spezifischen Design abhängt (Wright/Street 2008).

Ethnographische Methoden wurden erst im Zuge einer kulturwissenschaftlichen Öffnung der Disziplin für die Politikwissenschaft entdeckt, zuerst durch die Analyse von öffentlichen Medien-Ritualen wie Parteitagen und Inaugurationsfeiern (Müller 2002), dann durch Untersuchungen der Mikro-Ebene politischer Teilhabe, in denen wie etwa in den Untersuchungen von Dahlgren (2007), Cornwall (2002) und Couldry/Livingstone/Markham (2007) ein Verständnis von politischer Partizipation als situierter politischer Medien-Praxis entwickelt wurde. Ethnographische Studien zur Mediennutzung von Aktivisten des Indymedia-Netzwerkes (Hamm 2002, 2006) wie Arbeiten zum kommunikativen Austausch politisierter Konsumenten in netzbasierten Protestkampagnen und sozialen Netzwerken (Baringhorst 2009; Baringhorst/Kneip 2010) lassen zudem darauf schliessen, dass sich „vor Ort“ und „in situ“ die für liberale Demokratien zentrale Unterscheidung zwischen öffentlichem und priva-tem Raum als ebenso problematisch erweist wie die zwischen einer politischen und privaten Mediennutzung.

Die Medienethnologie zeichnet sich bereits seit zwanzig Jahren durch eine konsequente Durchführung und Entwicklung orts- und situationsbezogener Medienforschungen aus. Seit dem Überblicksartikel von Spitulnik (1993) zur Ethnologie der Massenmedien und einer frühen Pionierforschung der Malinowski-Schülerin Hortense Powdermaker (1950) haben sich ethnologische Ansätze in der Erforschung von Medieninstitutionen und -praktiken ausdifferen-ziert und vervielfacht. Im Gefolge des ethnologischen Imperativs der „teilnehmenden Beobachtung“ konnte früh gezeigt werden, dass Produktion und Rezeption, Gestaltung und Distribution nur in ihrer Zusammenschau angemessen analysiert und sozio-technisch situiert werden können (wegweisend Abu Lughod 1989), was zugleich die Relationalität und Zir-kulation von Medien betont (Appadurai 1996, Krings 2005, Meyer 2006, Wendl 2004a) und Prozesse der Kommodifizierung und transnationalen Vernetzung von Medieninstitutionen thematisch werden lässt (Fuglesang 1994; Larkin 1997; Mankekar 1999; Rajagopal 2001; McLagan 2002; Wilk 2002; Mazzarella 2003). In Augenschein genommen wurden regional organisierte und interkontinental zirkulierende visuelle Medien (Behrend 2003; Morris 2002; Pinney 1997), Printmedien (Kirsch 2007, 2008), Telekommunikationsmedien (Hahn/Kibora 2008), Massenmedien (Armbrust 2000; Eickelman/Anderson 1999; Schulz 2007a), und neue (digitale) Medien (Brosius 2005; Sökefeld 2002). Ein Schwerpunkt lag auf der indigenen Aneignung/Nutzung (Ginsburg 1991, 1997; Turner 1991, 1992; Aufderheide 1995), nicht ohne allerdings den Begriff der „Aneignung“ und die Unterscheidung von „Artefakt“ und „Gebrauch“ grundlegend zu problematisieren (Behrend/Wendl 1998; Pinney 2004; Larkin 2008). Schon früh untersuchten Arbeiten die Rolle von Medien in der Herausbildung sozialer Beziehungen und Identitäten, aber auch deren Bedeutung für die Herstellung von Gemeinschaftlichkeit im lokalen, nationalen und supranationalen Kontext (z.B. Prins 1989; Manuel 1993; Naficy 1993; Liechty 1994; Rofel 1994; Tacchi 1998), sie fokussierten die Rolle einzelner Medien für nationalstaatliche, vorwiegend postkoloniale Kulturpolitik (Manuel 1993; Danielson 1997; Schulz 2007c; Askew 2002; Abu-Lughod 2005) und thematisierten zunehmend die Produktion, Pflege und (Um-)Gestaltung sozialer Räume bei transnationalen Gruppen (Kosnick 2007, Vertovec 2004). Zunehmend wurde dabei der Gebrauch technischer Medien unter dem Aspekt der „Medialisierung“ als einer eigenständigen kulturellen Praxis untersucht (Hirschkind 2006; Meyer/Moors 2006; Schulz 2006) und damit nicht nur die „kulturelle Konkretion“ von Medien (Wendl 2004b) mit ihren Übersetzungen in den Fokus gerückt, sondern zuletzt auch der Medien- und Medialisierungsbegriff geöffnet (Keifenheim 2000; de Vries/Weber 2001; Stolow 2005). Hier ergaben sich deutliche Parallelen zur deutschsprachigen Diskussion der Medienwissenschaft um den Begriff der „Kulturtechniken“ (Schüttpelz 2006). Diese Theorieentwicklung, durch die in den letzten Jahren wichtige Kontinuitäten zwischen technischen und personalen, Körper- bzw. Geist-Medien in den Blick genommen wurden (Behrend 2005; Meyer 2009; Behrend/Dreschke/Zillinger 2011), bezeugt die Produktivität orts- und situationsbezogener Forschung, die auch in der Ethnologie selbst noch erfinderisch aufzuarbeiten und ethnographisch in gegenwärtigen und zukünftigen Forschungen einzulösen und weiter zu entwickeln bleibt (Dracklé 2005).