
4. Locating Media/ Situierte Medien – linguistische Forschungsfelder
In
den einschlägigen kommunikationslinguistischen Theoriezusammenhängen
ist das Konzept der Lokalisierung durch eine doppelte Ambiguität
charakterisiert, die mit der Forschungsperspektive „Locating
Media/Situierte Medien“ korrespondiert:
(i.) In einem engeren Sinne
geht es um die räumliche Einbettung sozialer Interaktion, wobei noch
einmal zu unterscheiden ist zwischen
(i-a.) physikalischen
Strukturen vorgängiger Räumlichkeit, „die unabhängig von
Aushandlungsprozessen Restriktionen, Anforderungen, Möglichkeiten für
das Interaktionshandeln schaffen, die genutzt werden können und
respektiert werden müssen“ (Deppermann/Schmitt 2007: 32) und
(i-b.) einem emischen und praxeologischen, im ethnomethodologischen
Sinne ‚reflexiven‘ Verständnis des (Interaktions-)Raumes als eines
dynamischen Territoriums, das durch sinnhaftes menschliches Handeln
vorbereitet, etabliert, verändert und wieder aufgelöst wird
(einschließlich sozialer Zugangsbeschränkungen und
Beteiligungsstrukturen). Grundlegend sind hier Konzepte aus Goffmans
Theorie der Interaktion als einem auch räumlich konstituierten Ereignis
(wie ‚face-to-face domain‘, ‚participation framework‘, ‚focused
gatherings‘ etc.) (Deppermann/Schmitt 2007). Einen speziellen Aspekt
stellen Probleme räumlicher Referenz in der Interaktion dar:
Formulierungen räumlicher Kategorien (Schegloff 1972), räumliche
Referenz als ‚embodied activity‘, beruhend auf wechselseitiger
Wahrnehmung von Körperorientierung und Aufmerksamkeitssteuerung (Hanks
1990, Goodwin 2000, Haviland 2000), Raumerzeugung durch Gesten
einschließlich der räumlichen Darstellung nicht-räumlicher Sachverhalte
(Enfield 2003, Mondada 2007). Im Kontext der Workplace Studies (vgl.
unten) interessiert man sich in diesem Zusammenhang besonders für den
professionellen, organisational relevanten und technisch (z.B. durch
Überwachungssysteme) unterstützen Blick auf den Raum
(Heath/Luff/Svensson 2002, 2005).
(ii.) In einem weiteren,
metaphorischen (oder metonymischen) Sinne umfasst Lokalisierung den
wechselnden und wechselseitigen Situationsbezug der Teilnehmer einer
Interaktion, d.h. die fortlaufende Abstimmung der Interaktionsbeiträge
mit dem, was durch die Beteiligten an einer sozialen Situation
nachweislich aktuell wahrgenommen und thematisch oder indexikalisch
relevant gesetzt wird (weit über die räumliche Umgebung hinaus, z.B.
auch zeitlich, sozial, institutionell usw.). Mit anderen Worten handelt
sich um alle Kategorisierungsleistungen im Rahmen interaktiver
Bedeutungskonstitution (Deppermann 2007), die für die sequentielle und
simultane Verknüpfung des Handelns und Sprechens folgenreich
(procedurally consequential, Schegloff 1992) sind. Im Gegensatz zu
Theorien, die soziale Ordnung wesentlich durch äußere, materielle
Rahmenbedingungen bzw. durch sehr weitgehend vorgeformte
Bedeutungsstrukturen erklären, betont diese ethnomethodologische
Sichtweise die Kontextgebundenheit (Mondada 2007) und Dynamik der
fallweisen Her¬stellung von Ordnung durch Interaktion und Handeln,
insbesondere aller Koordinationsleistungen.
Mit dem Anspruch einer
Rekonstruktion der Beteiligtenperspektive knüpft dieser Ansatz an
Traditionen der phänomenologischen Soziologie an, in deren Mittelpunkt
der Begriff des ‚Alltags‘ steht, verstanden als spezifischer
Handlungs-, Sozial- und Welterlebensmodus (Voß 2000): die (mehr oder
weniger) routinierte Bearbeitung konkreter Aufgaben und Probleme im
Hier und Jetzt auf der Basis (mehr oder weniger) geteilter Praktiken
und Wissensbestände, die freilich immer wieder situativ erneuert und
eingepasst werden müssen.
Im Blick auf den lokalen Alltag als
Sozialmodus ergibt sich eine gewisse Nähe zum soziolinguistischen
Konzept der Diskursgemeinschaft (discourse community) nach Swales
(1990), das freilich im Blick auf schriftliche Kommunikation entwickelt
wurde: Durch eine gemeinsame kommunikative Alltagspraxis, so die
Beobachtung, kann sich auf längere Sicht ein geteiltes, teilweise auch
unter den Beteiligten verteiltes Wissen herausbilden; dieses umfasst
u.a. explizite und implizite Handlungsziele; ’Weltsichten’, Begriffe
und Interpretationsverfahren; eine bestimmte Lexik (Terminologie,
Jargon, Abkürzungen etc.); kommunikative Gattungen und auf komplexe
kommunikative Muster bezogene Erwartungen; soziale Identitäten der
Beteiligten und der Community als ganzer einschließlich der
symbolischen Praktiken für deren Darstellung und Herstellung; ein
gewisses Maß an tradierter Expertise; und Praktiken der Mediennutzung.
In
der empirischen Forschung stand, in der Tradition der
ethnomethodologischen Konversationsanalyse, lange Zeit die Arbeit mit
Audioaufzeichnungen verbaler Face-to-face- bzw. Telefon-Interaktion im
Mittelpunkt des Interesses. Die jüngere Forschung führt diese Tradition
fort, blickt aber auch in verschiedener Hinsicht über Sprache und
Parasprachliches hinaus auf andere Medien der Kommunikation (wobei auf
allen genannten Feldern vertiefende theoretische, methodologische und
empirische Arbeit zu leisten ist):
(i.) In Verbindung mit
technischen Möglichkeiten zur Aufzeichnung audiovisueller Daten kommen
neue Aspekte sozialer Interaktion in den Blick, die nun auf neue Weise
(und im Sinne von Goffmans Konzept des „Interaktionsensemble“) als
„Gesamtzusammenhang aller simultan realisierten, sequenziell
strukturierten und aufeinander bezogenen interaktiven
Beteiligungsweisen aller Teilnehmer“ – einschließlich der nicht
sprechenden, u.U. nicht adressierten, u.U. nicht einmal offenkundig am
sozialen Ereignis teilnehmenden Anwesenden – als Gegenstand empirischer
Forschung begründet werden können (Deppermann/Schmitt 2007, 17). Zu den
genannten Beteiligungs¬weisen gehören – über sprachliche hinaus –
Stimme, Lautstruktur, Gestikulation, Mimik, Blick, Körperhaltung,
Körperorientierung, Position im Raum, Bewegungsarten und neben
Räumlichkeit und Körperlichkeit auch der Einbezug dinglicher Ressourcen
(vgl. unten). Als Forschungskontext ist hier – anknüpfend an ältere
Traditionen der Context analysis und Natural history (Kendon 1990) und
der Erforschung der Körpersprache (Scheflen 1976) – auch das seit den
1990er Jahren expandierende Gebiet der Gestenforschung zu nennen.
(Innerhalb der Linguistik im deutschsprachigen Raum hat sich in den
letzten Jahren das Mannheimer Institut für deutsche Sprache (IDS) als
ein Zentrum für Forschungen dieser Art etabliert, mit einem Schwerpunkt
im Bereich der Mikro-Koordination).
(ii.) Im Kontext der von
Ethnomethodologie und Konversationsanalyse beeinflussten Workplace
Studies (Heath/Luff 2000) bzw. Studies of Work (Bergmann o.J.) gilt das
Interesse neben der sprachlichen Interaktion (als einer Form von
Arbeit), den Körpern und den (Interaktions-)Räumen von Anfang an auch
den interaktiv relevanten und bearbeiteten Dingen: Gegenstände,
Instrumente, Apparate, Medieninfrastrukturen, Schrift- und
Bilddokumente etc. Zudem ist etwa im Blick auf Koordinationszentren
(Suchman 1987) oder auch hinsichtlich medienvermittelter
Dienstleistungskommunikation neben der Interaktion unter den räumlich
kopräsenten Personen auch die durch technische Medien vermittelte
interaktive Verständigung mit räumlich entfernten Beteiligten von
großem Interesse. Dabei ist eine programmatische Abkehr von
Technik-Determinismus und Technik-Paternalismus für entsprechende
Forschungsansätze charakteristisch (Schütz et al. 2005, Habscheid et
al. 2006).
(iii.) Teilweise anknüpfend an Traditionen der
Interaktions- und Gesprächsforschung (Konversationsanalyse; Goffman;
Funktionale Pragmatik), aber auch gespeist aus anderen
Forschungstraditionen (kritische Diskursanalyse; Textlinguistik;
systemfunktionalistische Linguistik; Semiotik) richtet sich der Blick
auf asynchrone, verdauerte Einweg-Kommunikationsprozesse (Ehlich 1994).
Auch hier werden oftmals multimodale und multikodale
Bedeutungsressourcen bereit gestellt, aus denen Rezipienten jeweils
lokal (i.w.S.) Sinn herstellen können (vgl. z.B. Scollon/Scollon 2003,
Stöckl 2004, Ventola/Cassily/Kaltenbacher 2004). Für die Analyse
derartiger Semiosen hat sich das Konzept der Transkriptivität (L.
Jäger) als äußerst leistungsfähig erwiesen (vgl. z.B. Holly/Paul 2007).

