Für eine korrekte Darstellung dieser Seite benötigen Sie einen XHTML-standardkonformen Browser, der die Darstellung von CSS-Dateien zulässt.

2. Methoden der orts- und situationsbezogenen Medienforschung 

Die orts- und situationsbezogene Medienforschung hat sich in den letzten Jahren sowohl in der internationalen als auch in der deutschsprachigen Forschung ausgeweitet und stabilisiert. Die entsprechenden Methoden haben sich dabei zwischen den beteiligten Einzeldisziplinen und Forschungstraditionen – u.a. Medienwissenschaften, Ethnologie, Europäische Ethnologie, Soziologie, Science and Technology Studies, Linguistik, Literaturwissenschaften, Kunstwissenschaft, Theaterwissenschaft, Politologie, Geographie, Medieninformatik und CSCW (Computer Supported Cooperative Work) und HCI (Human-Computer Interaction) – differenziert und sind zugleich in eine vieldiskutierte transdisziplinäre Bewegung geraten, deren Folgen noch nicht abzuschätzen sind. Einen harten Kern der herangezogenen qualitativen Methoden bildet die medienethnographische Untersuchung orts- und situationsbezogener Prozesse durch orts- und situationsbezogene Forschungsprozesse, „vor Ort“ und „in situ“. Medien und ihre soziotechnischen Prozesse können orts- und situationsbezogen definiert und untersucht werden: die Kategorisierungen von Orten und Situationen, von Sozialbeziehungen und technischen Beziehungen erhellen sich dann wechselseitig. Eine orts- und situationsbezogene Medienforschung enthält wie jede ethnographische Forschung eine Korrelation dreier Methodengruppen:
(i.) die teilnehmende Beobachtung von Prozessen „vor Ort“ und „in situ“ mit begleitenden oder anschließenden Dokumentationsleistungen,
(ii.) die mündliche Untersuchung durch Interviews, Gespräche und Gruppendiskussionen, und
(iii.) eine schriftliche und audiovisuelle Korpuserstellung und schriftliche Auswertung der ethnographischen Arbeit (mit ihrem finalen Produkt, den Publikationen).
Wie diese drei Methodengruppen gewichtet, dokumentiert und auf einander bezogen werden, fällt zwischen den bereits genannten Disziplinen und Forschungsrichtungen unterschiedlich aus, allerdings lassen sich gemeinsame Axiome, Schwierigkeiten und Weiterentwicklungen der orts- und situationsbezogenen Forschung festhalten, die im folgenden kurz umrissen werden sollen. Von einer orts- und situationsbezogenen Forschung im engeren Sinne kann nur gesprochen werden, wenn eine „teilnehmende Beobachtung“ im Mittelpunkt steht oder als Ausgangspunkt der Forschung dient; was auch dann der Fall sein kann, wenn Datenerhebung und Datenauswertung personal, zeitlich oder räumlich getrennt verlaufen.
Das Kriterium einer „teilnehmenden Beobachtung“ kann nur in Ausnahmefällen auf historische Forschungen und auf Forschungen übertragen werden, die sich der Interpretation eines bereits vorliegenden schriftlichen, visuellen oder audiovisuellen Korpus widmen. Dennoch lassen sich Analogien aufstellen, insbesondere zu den Fällen, in denen ethnographische Datenerhebung und Datenauswertung zeitlich und räumlich getrennt verlaufen. So hat sich in den letzten Jahren im internationalen Rahmen des „Spatial Turn“ und der New Cultural Geography ein ganzes Spektrum kulturwissenschaftlicher Forschungen entwickelt, das innerhalb der raumbezogenen Forschung auch orts- und situationsbezogene Forschungsmethoden erfolgreich adaptiert oder weiterentwickelt hat (vgl. Döring/Thielmann 2008). Für die orts- und situationsbezogene Medienforschung sind hier auch die Forschungen des „topographical turn“ (Weigel 2002) relevant, soweit sie über eine diskurshistorische Darstellung kartographischer Erschliessungen hinausgehen und einzelne konkrete Orte, räumliche Routen und ihre situationsgebundenen Prozesse in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen (Dünne 2004). Die Perspektive der internationalen Geographie und der interdisziplinären „New Cultural Geography“ fördert diese Perspektive vor allem in Medienforschungen, die sich dem bewohnten, bereisten und bearbeiteten Raum widmen, und dann – wie es Mike Crang zusammengefasst hat – Orte nicht aus Räumen ableiten, sondern sich einem Diktum Michel de Certeaus anschliessen: „Raum ist der bewohnte Ort.“ (Crang 2008:415). Insbesondere die Geschichtswissenschaften haben seit der „Annales“-Schule - und sehr oft unter Berufung auf das Vorbild der methodischen Ethnographie, und mitunter auch der „Laboratory Studies“ – entsprechende Forschungen seit Jahrzehnten systematisch entwickelt; und dabei auch medienhistorische Gemeinplätze bereits mehrfach revidiert und einer orts- und situationsbezogenen Klärung unterzogen, etwa für die Geschichte des Buchdrucks (Johns 1998). Für die kulturwissenschaftliche Forschung des „Spatial Turn“ ist hingegen das bisherige Ausbleiben einer entsprechenden Methodendiskussion konstatiert worden, ein Desiderat, das auch für die entsprechenden medienhistorischen und medientheoretischen Studien zu konstatieren ist (Döring/Thielmann 2008).
Historische und aktuelle orts- und situationsbezogene Medienforschungen finden sich - meist ohne systematisches Forschungsprogramm – in der Medienwissenschaft, aber auch in den Philologien, in der Kunstwissenschaft, der Theaterwissenschaft und der Musikwissenschaft, und sollten in der Graduiertenschule „Locating Media/Situierte Medien“ durch Studien zur medialen Konstitution digitaler, auditiver, visueller und audiovisueller Räume (und zur situativen Konstitution der entsprechenden Medien) gefördert und methodisch weiterentwickelt werden. Die Aufgabe einer methodischen Klärung der kulturwissenschaftlichen Forschungen wird durch die aktuelle Medienentwicklung und ihre ständige Wechselwirkung zwischen virtuellen und realen Räumen um so dringender: etwa durch die Kolonisierung virtueller Räume mit künstlichen Lokalitäten und durch die Rückwirkung der Ortungsverfahren von satellitenbasierten Technologien und Sensorsystemen auf die Planung und Bewohnbarkeit von Orten (siehe II.6).
Für November 2008 ist bereits ein sozial- und kulturwissenschaftlicher Workshop über „Methoden der Gegenwartsforschung“ in Arbeit, der gemeinsam vom Forschungskolleg „Medienumbrüche“ und der Graduiertenschule „Locating Media/Situierte Medien“ ausgerichtet werden soll. Er soll die methodischen Fragen orts- und situationsbezogener Forschungen in den Sozial- und Kulturwissenschaften durch Erfahrungsberichte und theoretische Stellungnahmen vergleichend diskutieren.
Orts- und situationsbezogene Methoden waren traditionell vielfältiger Kritik ausgesetzt, die sich auf den empirischen Gehalt ihrer Ergebnisse richteten, sind aber in den letzten Jahren aus ihren sozial- und kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen methodisch gestärkt hervorgegangen. Die empirische Grundlage der qualitativen Methoden wird in den Sozialwissenschaften mittlerweile allgemein anerkannt, und seit der „Writing Culture“-Debatte der 80er Jahre hat sich in den betreffenden Publikationen weltweit eine größere Toleranz der ethnographischen Schreibweisen durchgesetzt. Diese doppelte Anerkennung hat mehrere Gründe:
(i.) Es ist (wie etwa in der Actor Network Theory und den Science and Technology Studies insgesamt) gängige Praxis geworden, Mikro-Analysen vorzunehmen, um größere Zusammenhänge aus lokalen Infrastrukturen und den lokalen Stationen ihrer Verflechtung „bottom-up“ zu rekonstruieren, insbesondere um die medialen und soziotechnischen Maßstabwechsel zu verstehen, die nur im Mikro-Bereich (von Medien und medialen Vermittlungsschritten) untersucht werden können.
(ii.) Qualitative und quantitative Methoden werden nicht mehr als Gegensätze verstanden, sondern können auf qualitativer Basis integriert werden, auch durch eine Arbeitsteilung zwischen quantitativen und qualitativen Spezialisten; und die Herstellung quantitativer Daten ist selbst zu einem medienhistorischen und medienethnographischen „Feld“ geworden, das zunehmend durch qualitative Methoden erforscht wird (Thévenot 2001).
(iii.) Orts- und situationsbezogene Methoden haben sich im 20. Jahrhundert als unverzichtbar erwiesen, wenn es darum ging, den kulturellen Alltag von Medien, soziale und soziotechnische Rhythmen und ihre räumliche Anordnung, und die biographischen Zyklen von Personen, Artefakten, Waren und Medien zu rekonstruieren; und umgekehrt stoßen quantitative Untersuchungen dort, wo – wie in vielen aktuellen Entwicklungen digitaler Medien – keine vorgefertigten Untersuchungseinheiten vorausgesetzt werden können, immer häufiger an die epistemologischen Grenzen dessen, was sie an Eigenschaften und Entwicklungen ihres Gegenstands empirisch erfassen können.
Zusammengefaßt: Der aktuelle „Boom“ orts- und situationsbezogener Methoden hat in der Medienforschung epistemologische (Becker 1996), historische und – insbesondere im digitalen Medienumbruch seit den 80er Jahren – nachhaltige empirische Gründe, die angewandte Wissenschaften und Grundlagenforschungen gleichermaßen verändert haben (Suchman 1987, Heath/Luff 2000, Suchman 2007), und diese führen zu der Annahme, dass sich die Ausweitung der qualitativen Medienforschung (Ayaß/Bergmann 2006; Winter 2005) in Zukunft fortsetzen wird. Dieser Erfolg ist nicht ohne Risiken, und die größte Gefahr droht den qualitativen Methoden mittlerweile weniger durch eine methodische Abwertung von außen, als durch die Tendenzen einer methodischen Abschwächung und affirmativen Aufspaltung. Insbesondere von ethnologischer Seite wurde wiederholt angemerkt, dass der Begriff „Ethnographie“ in den letzten Jahrzehnten teilweise bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht worden sei:
(i.) „teilnehmende Beobachtung“ kann sich auf die Anwesenheit einer „dabeistehenden Beobachtung“ reduzieren, ohne den Beobachter den Risiken, aber auch dem Wissen teilnehmender Handlungen auszusetzen;
(ii.) jede Form von Interviews und offenen Gesprächen „vor Ort“ und deren Auswertung wird mitunter als „Ethnographie“ apostrophiert, oft ohne einen Blick hinter die offizielle Fassade der Selbstdarstellungen zu verlangen oder aus anderen Quellen zu konstruieren;
(iii.) mitunter werden sogar rein schriftliche Befragungen und Auswertungen von dokumentierten Korpora als „Ethnographie“ bezeichnet (etwa im Bereich der Untersuchung von Internet-Phänomenen).
Gegen diese Tendenzen einer Methodenaufweichung gibt es mittlerweile explizite Gegenreaktionen, die festhalten, dass die Chancen und Risiken einer teilnehmenden orts- und situationsbezogenen Forschung unabdingbar bleiben, wenn tatsächlich orts- und situationsbezogene Medienprozesse im Mittelpunkt der Untersuchung stehen sollen. Jede der drei genannten Methodengruppen behält ihr Recht, ihre Korrelation hingegen kann nicht durch methodische Aufspaltungen und Pars-pro-toto-Aufschlüsse ersetzt werden. Auch und gerade sachliche Aufspaltungen werden durch das Überraschungsmoment jeder teilnehmenden Beobachtung unweigerlich auf die Probe gestellt. Malinowskis Diktum bleibt ein Menetekel aller Bemühungen um ethnographische Beobachtungen: „Ein Ethnograph, der sich vornimmt, nur die Religion oder nur die Technologie zu studieren oder nur die soziale Organisation, schneidet sich ein künstliches Untersuchungsfeld heraus und wird ernstlich in seiner Arbeit behindert sein.“ (Malinowski 1979: 33) Gefordert ist im Bereich der Ethnographie aktueller Medien daher weniger eine methodische Aufspaltung der orts- und situationsbezogenen Methoden, als ihre erfinderische Rekombination (Bender 2006) und eine Ausweitung ihrer Aktionsräume (Dracklé 2005): durch einen Wechsel zwischen Online- und Offline-Welten, durch eine (seit mehreren Jahren methodisch weiterentwickelte) „multi-sited ethnography“, durch die anspruchsvolle Erforschung der „mobile targets“ von mobilen Medien und Transferleistungen, und ebenso mobilen Globalisierungseliten und Diasporen.
In dieser sich bereits vollziehenden Ausweitung kann die traditionelle Überschneidung von „Subjekt“ und „Objekt“ der Forschungen helfen, die innerhalb der Ethnographie insgesamt, und in der Medienethnographie auf besondere Weise wirksam bleibt. Ethnographische Forschung unterliegt weiterhin der mitunter als Skandal konstatierten Überschneidung von „Subjekt“ und „Objekt“, deren Wissensgebiete und Forschungsoperationen sich bis ins Intimste der eigenen und fremden, der individuellen und kollektiven Subjektivitäten, von Träumen, Anspielungen und improvisierten Interaktionen erstrecken können, ohne dabei ihren methodisch erzeugten Charakter zu verlieren (Hauschild 1985) – auch in der soziotechnischen Forschung (Mondada 2004; Rottenburg 2002) und in der Medienforschung (Behrend 2003). Um diese Überschneidungen zu gestalten, bleiben medienethnographische Formen der methodischen Überschneidung zwischen den erforschten Medien und den Medien der Erforschung weiterzuentwickeln, insbesondere durch visuelle, auditive und audiovisuelle Medien und Methoden der Untersuchung (Knoblauch et al. 2006). Solche Überschneidungen wurden in der „Visuellen Anthropologie“ und ihren sozialwissenschaftlichen Parallelen erkannt und methodisch begründet (Rouch 2003; Becker 1981; Bourdieu 1981; Keifenheim 2000) und in die „media anthropology“ (Wendl 2004) überführt.