
5. Locating Media/Situierte Medien
– politikwissenschaftliche Forschungsfelder
Im
Zentrum der politikwissenschaftlichen Kommunikations- und
Medienforschung steht die Untersuchung von Formen der medial
vermittelten Generierung politischer Öffentlichkeit und deren
Auswirkungen auf die demokratische Organisation des Gemeinwesens.
Unabhängig vom dominanten theoretischen Referenzrahmen - in der Regel
normative Theorien der Öffentlichkeit wie etwa deliberative
Demokratiemodelle (Schmalz-Bruns; Bohman; Dryzek, Dahlgren) oder
systemtheoretische (Luhmann) oder liberale Modelle (Gerhards; Norris) –
sind räumliche Situierungen dabei stets implizit oder explizit in
politische Kommunikationsanalysen eingeschrieben. Dabei lag bis zu
Beginn der 1990er Jahre der Schwerpunkt der Forschung auf dem
nationalstaatlichen Handlungsrahmen. Zentrale Untersuchungsfelder
lassen sich nach den drei Dimensionen des Politischen differenzieren.
Erforscht wurden vornehmlich:
- strukturelle, institutionelle und
politisch-kulturelle Bedingungen der Genese und des Wandels medial
vermittelter nationaler politischer Öffentlichkeit – „Polity“ genannt
-
auf der Prozess- und Akteursebene des Politischen die Nutzung von
Medien durch nationale politische Akteure, z.B. die Mediennutzung in
nationalen Wahlkämpfen durch nationale politische Parteien – „Politics“
-
auf der Policy-Ebene des Politischen die medienpolitischen
Regulierungen bezogen auf unterschiedliche Bereiche wie Presse,
Rundfunk, Telekommunikation, Medienkonzentration.
Mit der
zunehmenden Denationalisierung des Politischen (Zürn) verändern sich
die räumlichen Grundlagen der Demokratie und damit verbunden auch der
politischen Legitimation durch medial vermittelte Öffentlichkeit. Im
Zuge der Internationalisierung politischer Ordnungen, Prozesse und
Entscheidungen entsteht eine „Mehrebenenarchitektur des Politischen“,
die auch die räumliche Situierung der Medien in der
politikwissenschaftlichen Medienforschung komplexer werden lässt. Mit
dem Begriff der politischen „Glokalisierung“ (Rosenau) wird versucht,
die Vielfältigkeit, Interdependenz und zum Teil Widersprüchlichkeit
zwischen unterschiedlichen Tendenzen des territorialen Wandels, d.h.
zwischen Aspekten der räumlichen Ausweitung politischer Regelungen und
Prozesse im Sinne einer Transnationalisierung, Internationalisierung
und Supranationalisierung und deren subnationalen Auswirkungen im Sinne
einer Lokalisierung, Regionalisierung oder Fragmentierung des
Politischen, auf den Begriff zu bringen.
In der
politikwissenschaftlichen Kommunikations- und Medienforschung hat der
territoriale Wandel des Politischen von der „nationalen zur
post-nationalen Konstellation“ (Leibfried/Zürn 2006) insbesondere
hinsichtlich der Erforschung von Tendenzen der Inter-, Trans-, und
Supranationalisierung des Politischen zur Entwicklung einer Vielzahl
neuer Fragestellungen und Forschungsschwerpunkte geführt. Der oben
genannten Trias von Polity, Politics und Policies entsprechend haben
sich vor allem folgende Forschungsschwerpunkte entwickelt:
- Polity:
strukturelle, institutionelle und politisch-kulturelle Bedingungen der
Genese transnationaler Öffentlichkeiten. Aufgrund der demokratischen
Legitimationsdefizite der zunehmend auf EU-Ebene getroffenen
politischen Entscheidungen konzentriert sich die Erforschung der
Bedingungen und Probleme der Herausbildung transnationaler politischer
Öffentlichkeit bisher vor allem auf das Beispiel der Europäischen Union
(Peters et al. 2006, Adam 2007, Abromeit 2003, Eder/Kanter 2000,
Gerhards 2002, 1993, Klein et al. 2002, Meyer 2002, Pfetsch 2004, Trenz
2002, 2005, Wimmel 2004). Entsprechend der demokratietheoretischen
Leitvorstellung „vom demos zu demoi“ wird auch die Vorstellung eines
einheitlichen transnationalen Raumes zugunsten der Vorstellung von
transnationaler Öffentlichkeit als „network of networks“ (Bohman 2007)
aufgegeben.
- Auch auf der Politics-Ebene des Politischen liegt der
Schwerpunkt der Forschung vor allem auf der Situierung von Medien im
europäischen Raum: neben der Untersuchung der Rolle der Medien in
europäischen Wahlkämpfen wird vor allem die Mediennutzung in der PR
europäischer Akteure wie etwa der Europäischen Kommission untersucht.
Insbesondere mit der Erforschung der Nutzung digitaler Medien durch
transnationale Protestakteure wurde das Forschungsfeld jedoch auch für
transnationale zivilgesellschaftliche Akteure und deren Mediennutzung
geöffnet (Bennett 2003, Van de Donk 2004, Rucht 2004, Baringhorst
2008). Dabei wird nicht nur die Rolle digitaler Medien für die
Entstehung transnationaler Öffentlichkeiten, sondern damit verbunden
auch die Interdependenz zwischen neuen Medien und neuen politischen
Organisations- und Kooperationsformen, insbesondere die Beziehungen
zwischen virtuellen und sozialen und politischen Netzwerken,
thematisiert (Stegbauer/Jäckel 2008, Tepe/Hepp 2008, Stegbauer/Rausch
2006).
- Auf der Policy-Ebene des Politischen, der Analyse
medienpolitischer Regulierungen ist zum einen die Verlagerung des
räumlichen Bezugspunktes hin zur Analyse der Medienregulierung durch
europäische (EU, Europarat) und globale Akteure (UNESCO; WTO; ICANN) zu
beobachten. Zum anderen und damit verbunden zeigt sich ein
theoretisch-konzeptioneller Wandel von steuerungstheoretischen Fragen
der Medienpolitik hin zum Regulierungsparadigma einer von staatlichen,
zivilgesellschaftlichen und privaten Akteuren getragenen „media
governance“ (Donges 2007, Schuppert 2007, Kleinsteuer 2007 Puppis
2007), die neben staatlichen Medienregulierungen auch Formen der
Co-Regulierung und Selbstregulierung umfasst.
Zwar wird auf der
konzeptionellen Ebene im politikwissenschaftlichen Diskurs der
Denationalisierung bzw. Globalisierung häufig die Interdependenz
zwischen Prozessen der Internationalisierung und Subnationalisierung
hervorgehoben, doch finden sich bisher kaum empirische Studien zur
Analyse der Situierung der politischen Mediennutzung im lokalen Raum
und in konkreten Räumen. Unter dem Paradigma der
nationalstaatszentrierten Forschung gab es in der Vergangenheit nur
wenige Arbeiten zur Mediennutzung durch lokale politische Akteure etwa
im Rahmen kommunaler Wahlkämpfe oder zur Generierung kommunaler
Öffentlichkeiten durch lokale Medien (offene Kanäle/ Lokalradios). Eine
Aufwertung der lokalen Politikebene im Kontext der
politikwissenschaftlichen Medienforschung erfolgt erst mit der
Einführung und Verbreitung digitaler Medien und der Erforschung von
Aspekten kommunaler E-Governance (Daum 2001, Landsberg 2004) und
E-Democracy (Wesselmann 2002).
Die Untersuchung der Mediennutzung
durch soziale Bewegungsakteure weist zwar, wie oben erwähnt, einen
deutlichen bias zugunsten der Erforschung der Nutzung digitaler Medien
für die Generierung transnationaler Protestnetzwerke bzw.
Öffentlichkeiten auf, doch deuten eher ethnografisch angelegte Arbeiten
darauf hin, dass aus der Analyse der konkreten lokalen Mediennutzung
einzelner Akteure Erkenntnisgewinne hinsichtlich der
politikwissenschaftlichen Kommunikations- und Medienforschung zu
erwarten sind. So eröffnet das Medien-Mix von Internet und Handy neue
politische Mobilisierungs- und Aktionsformen wie Smart Mobs, die sich
klassischen Organisationsprinzipien widersetzen und raumzeitlich
ständig neu formieren und damit sowohl staatliche Kontrollmechanismen
unterlaufen als auch den veränderten Zeit- und Loyalitätsbindungen
einer Instantsolidarität entsprechen. Ethnografische Studien der
Mediennutzung von Aktiven des Indymedia-Netzwerkes (Hamm 2005) lassen
zudem darauf schließen, dass aus einer „Locating Media“- Perspektive,
die für liberale Demokratien zentrale Unterscheidung zwischen
öffentlichem und privatem Raum ebenso problematisch ist wie die
zwischen einer politischen und privaten Mediennutzung. Weitere Aspekte
einer politikwissenschaftlichen Erforschung einer medialen
Glokalisierung eröffnen sich im Bereich des Themenfeldes ‚Medien und
Entwicklung’, z.B. in der Untersuchung lokaler Tele- bzw.
Internetcenter und ihrer Rolle in ländlichen Entwicklungsprozessen und
im Bereich der Erforschung der Rolle von alten und neuen Medien bei der
Entstehung transnationaler Identitäten (z.B. von Migrantencommunities;
Protestcommunities; transnationale religiöse Gemeinschaften;
transnationale Terrornetzwerke). Hier ergeben sich eine ganze Reihe
neuer Fragestellungen, die durch orts- und situationsbezogene Studien
zu erforschen wären, d.h. an und zu den Orten
- von Öffentlichkeiten und ihrer Erzeugung (polity)
- von neuen und alten politischen Akteuren (politics)
- von medienpolitischen Regulierungen und ihren Aushandlungsprozessen (policy).

