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6. Konzept für eine Forschergruppe
  „Technografie der Fernerkundung“

Eine Teilstudie der Graduiertenschule „Locating Media“ wird sich in Zusammenarbeit mit der Research School „Science and Engineering“ (und der z.Zt. im Aufbau befindlichen „Research School on Multi Modal Sensor Systems for Environmental Exploration and Safety“ des ZESS) mit der Technografie der Fernerkundung beschäftigen. Dieses Forschungsprogramm einer „Mikrosoziologie der Technik“ soll konkret die Entwicklung, Installation und Implementierung technosozialer Systeme in dem strategisch- und sicherheitsrelevanten Bereich der Geosurveillance untersuchen (Knorr-Cetina 2007, Rammert/Schubert 2006, Sui 2007). Ziel ist dabei, exemplarisch die Praktiken und Mechanismen für die Herausbildung neuer Institutionen, Standards, „traditions of practice“ (Constant 1987) bzw. „communities of practice“ (Lave/Wenger 1991, Wenger 1998) aufzuspüren. Global operierende Fernerkundungssysteme bieten sich hier insofern als ein ideales Forschungsfeld an, da mit einer solchen Mikrostudie ein wichtiger Beitrag zum Wandel der Science and Technology Studies „from the study of the (local) cultures of science and technology to the study of technological culture at large“ (Bijker 2006: 53) geleistet werden könnte.
Die Erkundung des für das menschliche Auge Unsichtbaren durch hochentwickelte Sensortechnik ist bereits seit den 1970er Jahren ein herausragendes Kennzeichen der Erdbeobachtung durch Satelliten. Die jüngsten Entwicklungen um die seit Anfang 2008 kommerziell zur Verfügung stehenden hochauflösenden Radardaten des deutschen Satelliten TerraSAR-X (entwickelt unter Beteiligung des Zentrums für Sensorsysteme der Universität Siegen) und des Satellitensystem Rapid Eye, das erstmals in der Lage ist, hohe Wiederholraten und damit eine hohe Aktualität optischer Satellitendaten zu gewährleisten, bedeutet einen Einstieg in eine neue mediale Qualität von Satellitenbildern. Vor diesem Hintergrund ist eine neue Diskussion um die „Herstellung einer bis dahin nicht vorhandenen Realität“ (Sachs 1994: 326) durch remote sensing zu erwarten. Es stellen sich folgende Forschungsfragen:
(i.) Welche kulturellen Ressourcen kommen beim system buildung eines solchen satellitengestützten „großen technischen Systems“ zum Einsatz? Welchen Beitrag kann die Medienwissenschaft zur Erforschung automationsgestützter Methoden bei der visuellen Interpretation von Geodaten, SAR-Bildern etc. leisten? Ziel wäre also in einem ersten Schritt den medialen und ikonografischen Status der Satellitenfotos zu untersuchen. Hierzu ist eine Zusammenarbeit mit dem Teilprojekt „Kulturgeographie des Medienumbruchs analog/digital“ des SFB/FK 615 angestrebt.
(ii.) Die Frage nach der Interpretierbarkeit von Habitaten unter Berücksichtigung ihrer räumlichen Auflösung spielt gerade im Zusammenhang um die Fusion sehr unterschiedlicher Datenquellen eine wichtige Rolle. Bislang waren Sensorsysteme dadurch charakterisiert, dass Fernerkundungssensoren räumlich dichte und zeitlich ausgedünnte Informationen bereitstellen, während In-situ-Erkundungssysteme räumlich ausgedünnte, aber zeitlich dichte/nahe Informationen liefern. Dieser Dualismus beginnt sich durch multimodale und multistatische Verfahren der Fernerkundung/-überwachung aufzulösen. Wie können verschiedene Informationsquellen (in-situ/ex-situ; optisch/nicht-optisch; 2D/3D) miteinander kombiniert werden? Welche Form der Datenintegration ist für welche Anwendung in welcher Situation an welchem Ort sinnvoll? Ein zweiter Forschungsschwerpunkt zielt damit darauf ab, die Potentiale der Kopplung raumbezogener Informationen mit interaktiven Medienanwendungen zu evaluieren.
(iii.) Um dem Gegenstandsbereich methodisch gerecht zu werden, sollte eine Technografie der Fernerkundung in der Lage sein, den Skalenwechsel von der Mikro- zur Makroebene und von der Makro- zur Mikroebene zu dokumentieren, um die Verflechtung dieser bislang weitgehend unerforschten Infrastruktur mit personaler Organisation und Koordination zu verstehen (Star 2002). Dabei geht es zunächst darum, die Transformationsprozesse von der Gewinnung, Analyse, Modellierung der Geodaten bis zur Visualisierung bspw. in Form von 3D-Stadt- und Landschaftssimulationen zu beschreiben. Dies kann im Rahmen einer Workplace Study, unter Verwendung techniksoziologischer, ethnographischer und/oder medienwissenschaftlicher Methoden geschehen. Der Fokus verschiebt sich also von der Erfindung als einmaligem Ereignis hin zu einem Interesse an fortlaufenden Praktiken der Weiterentwicklung und Reparatur. Remote sensing ist somit als Teil einer Operations- und Transformationskette zu skizzieren, die Informationstechnik durch „soziomaterielle Konfigurationen“ (Suchman/Trigg/Blomberg 2002) theoretisiert.
Eine Technikfolgenabschätzung muss immer auch die Ko-Evolution von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft berücksichtigen. Naturwissenschaftliche Fakten entstehen erst in sozialen Situationen, insbesondere in Forschungsumgebungen wie Labors und ihrer „Freisetzung“ in soziale und soziotechnische Prozesse. Die Erforschung wissenschaftlicher Organisationen, etwa des ZESS und seiner Kooperationspartner, verspricht einen wichtigen ethnographischen Beitrag zum Verständnis des Spektrums an Handlungsträgern in soziotechnischen Prozessen und in der Entwicklung alternativer Handlungstheorien (Latour 2007). Aus den Ergebnissen lassen sich wiederum für das ZESS Erkenntnisse zu Forschungs- und Innovationsprozessen von der Erfindung bis zum Spin-Off erwarten.