
3. Die transdisziplinäre Entwicklung der orts- und situationsbezogenen
Medienforschung
Orts-
und situationsbezogene Medienforschungen werden innovative
Erweiterungen der „teilnehmenden Beobachtung“, ihrer Interviewtechniken
und Korpuserstellungen und Korpusauswertungen ermöglichen, und haben
solche methodischen Erweiterungen bereits seit mehreren Jahrzehnten
möglich gemacht. Diese methodische Dynamik lässt es notwendig
erscheinen, auch die Genealogie und Zukunft dieser Methoden in einen
etwas anderen Rahmen zu stellen, als dies gemeinhin geschieht. In
vielen Forschungsberichten werden die orts- und situationsbezogenen
Medienforschungen aus einer eigenständigen disziplinären Genealogie
begründet, insbesondere innerhalb der Ethnologie (Dracklé 1999;
Ginsberg/Abu-Lughod/Larkin 2002), in der Soziologie (Kalthoff 2006;
Bachmann/Wittel 2006) und in der Europäischen Ethnologie (Götz 2001,
Bechdolf 2001). Bei näherem historischen Hinsehen beginnen sich diese
disziplinären Genealogien allerdings durch mehrere Überkreuzungen
auszuzeichnen und führen in eine transdisziplinäre Wechselwirkung
zwischen ethnographischen „Inlands“- und „Auslands“-Forschungen,
zwischen Forschungen in industriellen und postindustriellen Kulturen
(Hirschauer/Amann 1997) und kolonialen und postkolonialen
Gesellschaften, zwischen der zuerst eher diskontinuierlichen
Erforschung technischer Massenmedien und einer kontinuierlichen
„Ethnographie popularer Kulturen“ (Warneken 2006) außerhalb elitärer
Zirkulationsformen. Das Programm dieser transdisziplinären
ethnographischen Wechselwirkungen reicht bis in die 30er und 40er Jahre
des 20. Jahrhunderts zurück (Powdermaker 1950; Lindner 1990), und hat
in den letzten beiden Jahrzehnten zur Proliferation ethnographischer
Methoden in verschiedenen Wissenschaften (Soziologie, Geographie,
Informatik u.a.), aber auch zur endgültigen Stabilisierung und
Normalisierung ethnologischer Inlandsstudien geführt.
Medienethnographie und die ethnographische Erforschung verschiedenster
Aspekte der postindustriellen Gesellschaften haben sich auf diesem Wege
nicht nur angenähert, sondern zeichnen sich bereits seit mehreren
Jahrzehnten durch eine Kongruenz ihrer jeweiligen Darstellung der
Aushandlungsprozesse kultureller Orientierungen und sozialer Konflikte
aus – ihrer „Mediatoren“ (Latour 2007) und Medien (Beck 2000).
In
der internationalen Forschung zeichnet sich ab, dass diese beiden
thematischen Hinsichten – die orts- und situationsbezogene
Medienforschung und die Ethnographie postindustrieller Organisationen
und Institutionen – nicht nur ständig von einander profitiert haben und
weiterhin profitieren werden, sondern mittlerweile ein konsistentes
Forschungsfeld erzeugen, das auf unvorhergesehene Weise zwischen den
kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen proliferiert. Ein
Paradigma dieser Kongruenz sind die Laborethnographien der „Laboratory
Studies“ gewesen (Knorr-Cetina 1995), denn in ihnen fiel und fällt die
Darstellung der sozialen und kulturellen Aushandlungsprozesse seit
nunmehr fast dreißig Jahren (Latour/Woolgar 1979; Knorr-Cetina 1984)
mit einer Charakterisierung und Theoretisierung der Medien dieser
(schriftlichen, mündlichen, visuellen und digitalisierten)
Aushandlungsprozesse zusammen. Gleiches gilt für die Übertragung dieses
Paradigmas auf andere Bereiche der postindustriellen Gesellschaften,
etwa auf techniksoziologische Fragestellungen (Rammert/Schubert 2006),
auf die Aushandlungsprozesse der Ökonomie (Callon 1998;
Knorr-Cetina/Preda 2005), und insbesondere in der „Actor Network
Theory“ und den an sie anschließenden Studien der
Organisationssoziologie (Bowker/Star 1999) und entsprechende
Anwendungen in der Medieninformatik und CSCW-Forschungen (Computer
Supported Cooperative Work). Aber auch diesseits (oder jenseits) des
Paradigmas der „Laboratory Studies“ und in seiner kritischen
Relativierung läßt sich eine Kongruenz zwischen medienethnographischen
Fragestellungen und einer Ethnographie postindustrieller Kulturen
erkennen, etwa in Richard Rottenburgs kritischer Überprüfung der ANT
durch eine Ethnographie der deutschen Entwicklungshilfe und ihrer
medialen Übersetzungsketten (Rottenburg 2002), oder in der
fortlaufenden französischen Theorie-Debatte zwischen Callon/Latour (der
französischen „Acteur-Réseaux“-Schule) (Mondada 2004) und
Boltanski/Thévenot (2007) (der französischen soziologischen
Theoriebildung nach Bourdieu), deren medienethnographische und
techniksoziologischen Folgen auch in Deutschland mittlerweile
diskutiert und methodisch weiterentwickelt werden (Potthast 2007).
Die
Kongruenz einer medienbezogenen Kultur- und Sozialforschung mit orts-
und situationsbezogenen Medienforschungen hat zweifelsohne nicht nur
forschungsimmanente, sondern ebenso starke sachbezogene – und das heißt
in diesem Fall: medienhistorische – Gründe. „Soziale Situationen in
postindustriellen Gesellschaften sind medial vermittelt oder nicht,
ko-präsent oder tele-präsent, face-to-face oder long-distant, und oft
gehen soziale Situationen abrupt von einem Modus in den anderen über.“
(Bachmann/Wittel 2006: 187) Es ist daher nur zu plausibel, dass sich
Sozial-, Kultur- und Medienforschungen bei der Erforschung aktueller
Phänomene, sei es in der Erforschung des digitalen Medienumbruchs, sei
es in der Erforschung neuer Organisationswelten zunehmend auf die
Übergänge „von einem Modus in den anderen“ konzentrieren, etwa zwischen
Online- und Offline-Welten – was orts- und situationsbezogene
Forschungen zur unverzichtbaren Diskussionsgrundlage macht. Die
Schwierigkeiten, die aus dieser Konstellation entstehen, dürfen nicht
unterschätzt werden, und verlangen eine methodische Bewältigung, die
für einige postindustrielle Teilbereiche bereits geleistet scheint
(etwa durch die „Science and Technology Studies“), und für andere
Teilbereiche (etwa für die Technographie digitaler Medien) bisher nur
in Ansätzen vorliegt (Strübing 2006).
Medienforschung bleibt auch
deshalb ein turbulentes Feld, weil die wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit Medien Kompetenzen aus allen drei eingespielten
Wissenschaftsformationen aufruft und in immer neue Gemengelagen bringt:
Kompetenzen aus den Natur- und Ingenieurswissenschaften, aus den
Sozialwissenschaften, und aus den Geistes- und Kulturwissenschaften.
Versuche, die Gemengelage dieser drei Kompetenzen, die sich durch den
digitalen Medienumbruch der letzten (und voraussichtlich auch der
nächsten) Jahrzehnte neu zusammensetzt, für die Medienforschung
aufzulösen, sie ruhigzustellen oder dogmatisch aufzuteilen, haben sich
meist als wissenschaftlich kontraproduktiv erwiesen. Dennoch verlangt
die unausweichliche Gemengelage von wissenschaftlichen
Medienkompetenzen, die in den Natur- und Ingenieurswissenschaften, den
Sozialwissenschaften und den Geistes- und Kulturwissenschaften
entstehen, nach methodischen Vermittlungen zwischen den
Wissenschaftsformationen und zwischen ihren Sozialisationswegen.
Auffällig ist hier die jahrzehntelange Vermittlungsrolle, die bereits
existierende wissenschaftliche Paradigmen einer methodischen
Brückenbildung in den erwähnten Forschungsfeldern gespielt haben und
voraussichtlich auch weiter spielen werden: die Ethnologie (mitsamt der
Europäischen Ethnologie) als Vermittlerin zwischen Sozialwissenschaften
und Kulturwissenschaften; die „Science and Technology Studies“
(Jasanoff 1995) als eine sozial- und kulturwissenschaftliche und durch
die „Actor Network Theory“ auch „postsoziologische“ Erforschung der
Natur- und Ingenieurswissenschaften und ihrer Anwendungsbereiche; aber
auch die Bedeutung der Ökologie (und der ökologischen
Geschichtsschreibung in der Globalgeschichte) als einer Brücke zwischen
raumbezogenen Forschungen in den Naturwissenschaften und
Humanwissenschaften (Diamond 2000, Horden/Purcell 2000). Auch die
aktuelle Entwicklung der internationalen Geographie und ihre
Erweiterung durch postindustrielle Feldforschung (Crang/Cook 2007) und
mediengeographische Fragestellungen gehört in diese Reihe methodischer
Vermittlungen zwischen den eingespielten Wissenschaftsformationen.
Die
Research School „Cultural and Media Studies“ soll die Dynamik dieser
internationalen transdisziplinären Entwicklungen nicht nur begleiten
und von ihnen profitieren, sondern sie aktiv mitgestalten. Im folgenden
wird die Darstellung der allgemeinen methodischen und
medienwissenschaftlichen Rahmenbedingungen für drei besondere
wissenschaftliche Felder exemplarisch vertieft: (4.) für die
Linguistik, und (5.) die Politologie.
Außerdem wird (6.) die
Skizze einer ortsbezogenen „Science and Technology Study“ vorgelegt,
die sich der Erforschung einer an der Universität Siegen
weiterentwickelten Kommunikationstechnologie und ihrer soziotechnischen
Organisation widmen soll. Diese exemplarische „Science and Technology
Study“ zur „Technografie der Fernerkundung“ vermittelt nicht nur
zwischen der Medienwissenschaft (des Fachbereichs 3) und der
Medieninformatik (des Fachbereichs 5), sondern bietet zugleich ein
organisatorisches und inhaltliches Bindeglied zur Research School
„Science and Engineering“ an der Universität Siegen. An die
Forschergruppe „Technografie der Fernerkundung“ anschließende
medieninformatische Forschungsfelder werden unter (7.) dargestellt.

