Dipl.- Medienwirtin Rukiye Canli
Promotionsstipendium der Graduiertenschule "Locating Media"
Graduiertenschule „Locating Media/Situierte Medien“
Universität Siegen
Artur-Woll-Haus, Am Eichenhang 50
57076 Siegen
Tel. dienstlich: 0271/ 740-3062
E-Mail: canli@locatingmedia.uni-siegen.de
Titel der Dissertation
Medien des Sufismus. Kulturelle Transformationen (mevlevi-)sufischer Lehren und PraktikenProjektbeschreibung
Für die wissenschaftliche Forschung ist längst bekannt, dass zwischen spirituellen und modernen bzw. medialen Sachverhalten eine enge, sich gegenseitig gestaltende Beziehung herrscht. So erlebt auch der Sufismus, d.h. die islamische Mystik, seit den letzten Jahrzehnten eine starke Popularisierung und interferiert mit der zunehmenden Medialisierung und Globalisierung (insbesondere der Entwicklung digitaler Medien und der Generierung globaler Netzwerke).
Die Dissertation untersucht mit medienanalytischen und medienethnografischen Methoden die Wechselwirkungen zwischen Medialisierung und Sufismus am Beispiel der Lehren und Praktiken des Mevlevi-Sufiorden, eine nach dem Beinamen des sufischen Gelehrten Mevlana Celaleddin Rumi (13. Jahrhundert) benannte, sufische Gemeinschaft. Der Mevlevi-Orden hat nach Mevlanas Tod einen sogenannten Drehtanz als eine besondere Form der Kontemplation etabliert, bei der sufische Musik eingesetzt und lyrische Gedichte Mevlanas rezitiert wurden. Der traditionelle Mevlevi-Sufismus ist trotz verschiedener Restriktionen in der Türkei durch Praktizierung in privaten Räumen bis heute erhalten geblieben. Die Tanzzeremonie wird sogar auf staatlicher Ebene als Andenken an Rumi jährlich zu seinem Todestag in der Stadt Konya, der Grabstätte Mevlanas, ausgeübt. Allerdings wird er vielmehr als Kultur kommuniziert denn als Sufik. So haben sich die Grabstätte Mevlanas und damit Konya nicht nur für muslimische Gläubige, sondern auch für eine Vielzahl von Touristen zu einer Pilgerstätte entwickelt.
Das Forschungsprojekt analysiert kulturelle Transformationen der Lehren und Praktiken des Mevlevi-Sufismus vor dem Hintergrund der „Modernisierung“ und „Globalisierung“ als Träger entscheidender medienhistorischer, -technischer und -politischer Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert.
Drei wesentliche Merkmale lassen sich als Eckpfeiler der modernen Sufi-Entwicklung herausstellen, die in der Dissertation im Rahmen der Sufi-Forschung vor dem
Hintergrund der Medialisierung betrachtet werden sollen:
| 1) | Über den Gebrauch moderner Medientechnologien, vor allem der digitalen Medien und des „Web 2.0“, werden orts- und situationsgebundene sufische Praktiken aus dem Kontext der persönlichen Erfahrung gelöst und als ein auf globaler Plattform neusituiertes Medienereignis konstituiert – ein Vorgang, bei dem das Archaische bzw. Religiöse unvermeidlich neue, profane Züge erlangt. Diesen Umstand gilt es im Rahmen der Medienritual-Forschung zu kontextualisieren und zu untersuchen. |
| 2) | (Türkische) MigrantInnen sind wichtige Akteure der Deterritorialisierung sufischer Lehren und Praktiken in der Diaspora, da sie die mediale Situierung des Sufismus und ihre Zirkulation in hohem Maße mit beeinflussen (z.B. über private mediale Aufbereitungen und deren Online-Austausch). |
| 3) | Verbunden mit den besseren globalen Vernetzungsmöglichkeiten ist ein Zusammenhang zwischen der Medialisierung des Sufismus und den gesellschaftlichen sowie politischen Entwicklungen zu beobachten. Zu fragen ist: Wodurch zeichnen sich strukturelle Änderungen und Modernisierungen sufischer Lehren, Praktiken und Organisationen aus? Welche Auswirkungen hat dies auf gesellschaftliche Strukturen? |
Ziele und Methoden
Ziel der Untersuchung ist es einen Beitrag zur bislang fehlenden Situierung medialer Aspekte des (türkischen) Sufismus im Kontext der Medienumbrüche zu leisten. Ausgehend vom Forschungsgegenstand gilt es dafür zu untersuchen,
- wie und über welche modernen medialen Darstellungstechniken sufische Lehren und Praktiken – unabhängig von Orten der Praktizierung (z.B. Konya) – weltweit kommuniziert werden, und
- in welchem Ausmaß sich strukturelle Änderungen und Modernisierungen sufischer Lehren, Praktiken und Organisationen bereits vollzogen haben und weiterhin vollziehen.
Die Forschung verläuft demnach unter zwei methodologischen Gesichtspunkten: Notwendig ist die
- ethnografische Forschung der Medien (Dracklé 2005), die in sufischen Praktiken genutzt werden (durch Interviews, Video-Aufzeichnungen, teilnehmende Beobachtung), und die
- Analyse der Medien der Repräsentation und Zirkulation sufischer Lehren und Praktiken (Webauftritte, Filme, Fernsehsendungen, Audiobeiträge, Printprodukte).
Erste Forschungsergebnisse
I. Die Funktionalität des Sufismus ist gebunden an das Zusammenspiel von (sakralen) Orten, Personen und spirituellen Praktiken. Rituelle Akteure versuchen vor dem Hintergrund der technischen Medialisierung diese Faktoren neu zu verknüpfen.
II. Es herrscht Unstimmigkeit darüber, ob heutige Erscheinungen überhaupt als Mevlevi-Sufismus bezeichnet werden können, da die bis zum Verbot sufischer Einrichtungen (1925) wirksamen Voraussetzungen der Zugehörigkeit zum Mevlevi-Sufismus heute nicht erfüllt werden können. Als zugehörig galten:
- Schüler, die sich – wohnhaft in den Bildungseinrichtungen der Mevlevi – in der traditionellen Ausbildung zum Mevlevi-Derwisch befanden bzw. die Prüfung erfolgreich vollendet hatten,
- Schüler, die – ebenfalls wohnhaft in den Einrichtungen– alle grundlegenden Praktiken der Mevlevi-Tradition ausführten, aber keiner besonderen Prüfung unterzogen wurden,
- Schüler außerhalb der Mevlevi-Einrichtungen, die an bestimmten der dort stattfindenden Unterrichten teilnehmen durften. Sie waren kein vollständiges Mitglied der Bruderschaft, sondern lediglich Sympathisanten.
Gegenwärtige Vorkommnisse unter diese Kategorien zu fassen ist schwierig. Folgende Unterteilung der heutigen Mevlevi(-Interessenten) scheint sich anzubieten:
- Vom heutigen Oberhaupt der Mevlevi ernannte Mevlevi-Lehrer und/oder ihre Vertreter
- Mevlevi-Lehrer und/oder ihre Vertreter ohne Legitimation des Mevlevi-Oberhaupts
- LehrerInnen anderer Bruderschaften (vom Mevlevi-Oberhaupt akzeptiert, aber nicht autorisiert)
- Staatliche Organisationen (z.B. die „Türkische Gemeinschaft für Sufimusik“ in Konya)
- Vereine/Stiftungen mit spirituellem und/oder kulturellem Anteil
- Spirituelle Sinnsuchende, Künstler, Wissenschaftler
- Geschäftsleute
III. Mevlana als boundary object (Leigh Star/Griesemer 1989): Es herrschen heterogene Ansprüche an das gemeinsame Objekt (Interessen des Kultusministeriums, der Blutsverwandten Mevlanas, sufischer Gruppen etc.). Während alle Interessensgruppen u.U. konkurrierende Legitimations-/Autoritätsansprüche bezüglich des Mevlevi-Sufismus aufweisen – und zwar zunehmend medialisierter –, findet eine gelungene Kooperation statt, die zur Stabilisierung des Grenzobjekts führt.
Poster zum Dissertationsprojekt
Wissenschaftlicher Werdegang
seit Mai 2009: Doktorandin an der Graduiertenschule „Locating Media/Situierte Medien“ der Universität Siegen11/2008: Abschluss Diplom-Medienwirtin
Thema der Abschlussarbeit: Medien des Sufismus. Lehren Mevlana Dschelaleddin Rumis und ihre kulturellen Transformationen in der modernen (Ethno-)Musiktherapie
2005-2008: Studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Medientheorie, Prof. Dr. Erhard Schüttpelz, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften, Universität Siegen
2003-2008: Studium der Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung an der Universität Siegen
Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte
- Medienrituale
- Medienethnografie und Ethnografischer Film
- Modernisierung/Medialisierung in der Türkei
- Mediale Ästhetik und Kognition
- Inter-/Transkulturelle Kommunikation
- Social Network
Veranstaltungen
Mitarbeit an der Konzeption der Jahrestagung "Medialität der Nähe" der Graduiertenschule "Locating Media/Situierte Medien", 22. und 23. April 2010, Universität SiegenVorträge
„Die Bühne – Ersatz sakraler Räumlichkeiten? Körperbilder vor dem Hintergrund der Neu-Verknüpfung sakraler Örtlichkeiten, sufischer Akteure und ihrer Ritualpraktiken im Mevlevi-Sufismus“, gehalten am 15.09.2011 auf der Jahrestagung der Deutschen Gemeinschaft für Völkerkunde (DGV) in Wien „Wa(h)re 'Kultur'?“, 14.-17.09.2011, Workshop der Regionalgruppe Mittelmeerraum: „Körperbilder und Bildkörper: Rituelle Ökologien und sakrale Landschaften im Mittelmeerraum“."Medien des Sufismus. Lehren Mevlana Rumis und ihre kulturellen Transformationen", gehalten am 25.06.2010 im Rahmen des Seminars "Vor Ort und Anderswo. Kulturelle und mediale Topographien" (gemeinsames Forschungsseminar ProDoc Intermediale Ästhetik. Spiel – Ritual – Performanz, Basel/Bern, Graduate School "Locating Media/Situierte Medien", Siegen).
Publikationen
"In einer Stunde nach Amerika und zurück…" Das Konzept der Nähe/Ferne in kulturellen Praktiken türkischer Sufi-Gemeinschaften, in: Pablo Abend/Tobias Haupts/Claudia Müller (Hg.): Medialität der Nähe, Bielefeld 2012.Sonstiges
Mitglied der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) und des Network Turkey ‒ Academic Community for Turkish Studies.

