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Katalog der UB Siegen

Felix Riedel, M.A., Ethnologe

Promotionsstipendium der Graduiertenschule "Locating Media/Situierte Medien" von Oktober 2008 bis März 2012

 


Tel. dienstlich: 06421/982664

 

 

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Titel der Dissertation

Aus dem Kino zur Hexenjagd?
Zur kritisch-theoretischen Verortung moderner Hexereivorstellungen zwischen Kulturindustrie, Mythologie und Propaganda

Projektbeschreibung

Der weltweite Anstieg von Hexenjagden in der Moderne mit seinen Hot-Spots im subsaharischen Afrika, Indien, Indonesien und Südamerika lässt sich nicht allein aus der transkribierenden Analyse der Hexereivorstellungen „erklären“. Eine kritisch-theoretische Darstellung des Problems bedarf einer Integration der Vermittlungen zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum. Moderne Massenmedien sind das zentrale vermittelnde Moment von Ideologien, die sowohl aus den universalen Widersprüchen der Waren produzierenden Gesellschaften generiert werden, als auch mit ihren lokalen und kulturellen Präpositionen kommunizieren. Eine situierte Medienforschung könnte dazu beitragen, diesen Besonderheiten im Allgemeinen gerecht zu werden und Allgemeinplätze zu vermeiden. Die Kritische Theorie liefert dabei einen noch zu schärfenden Begriffsapparat, der das Nebeneinanderdenken von Widersprüchen erlaubt, wie sie in kulturindustriellen Prozessen entstehen und reproduziert werden.

Die aufstrebende Filmindustrie Afrikas hat mit Problemen der Ausbildung, der Produktion und der Distribution zu kämpfen. Das Filmzentrum „Nollywood“ in Nigeria bekommt inzwischen Konkurrenz von lokalen Filmproduktionen in anderen afrikanischen Landessprachen. In Ghana stellen „Ghanamovies“ mittlerweile eigene Genres und Hybriden, etwa Tallywood (von Tamale, der raschwüchsigsten Stadt Ghanas), explizit lokalen politischen Rekursen und sehr eigenwilligen populären Darstellern wie Egya Koo oder Mahjid Michel. Das Filmschaffen oszilliert zwischen postkolonialen Ideologien, christlicher Propaganda, traditioneller Mythologie, kritischen und affirmativen Diskursen, Selbstreflexion, Publikumsbelustigung, Heimatfilm und gesellschaftlichem Erziehungsauftrag. Das Thema der Hexerei und des Okkulten nimmt eine besondere Stellung in den modernen Medien in Afrika ein. Die medienzentrierte Feldforschung widmet daher diesem Thema eine hohe Aufmerksamkeit. Handelt es sich jeweils um Kulturindustrie, die wie in westlichen Filmen das Unheimliche als Nervenkitzel kultiviert, geht es um primitive Propaganda auf Kosten Dritter oder um symbolistische Mythologie?  Oder sind alle diese Elemente amalgamiert? Welcher Ort kommt der imaginierten Kraft der Hexerei jeweils zu? Entsteht subtil etwas wie ein Dogma, das die bislang differenzierten und flexiblen Hexereivorstellungen im subsaharischen Afrika auf einige wenige, visuell markierte und somit rassifizierte Stereotypen zentriert? Erzeugen Hexereifilme eher eine Proliferation der Hexereivorstellungen oder befördern sie langfristig im Zuge einer Konsumentenprofessionalisierung die Wahrnehmung dieser als gesellschaftliche, artifizielle Produkte? Wie schätzen die Opfer von Hexenjagden die Auswirkungen von Hexerei-Filmen ein? Was sind mögliche Entwicklungen?

Der Rekurs auf die Dialektik der Aufklärung und die Kritische Theorie um Adorno/Horkheimer ermöglicht einen geschärften Blick auf die Modernitätsdebatte und die Rationalitätsdiskussion in der aktuellen Hexenforschung und trägt dazu bei, die Fragmentierung in Einzelwissenschaften in einem inter- bzw. antidisziplinären Dialog zu erodieren. Die Produktion des Wissenschaftlers wird selbst als zu reflektierendes Moment der gesellschaftlichen Praxis betrachtet. So sind die wissenschaftlichen Werke ebenso wie die Reaktionen der europäischen Gesprächspartner auf das Thema ein selbstverständlicher Teil des Feldes, der nicht von einem „Anderen“ in Afrika abgetrennt werden kann, sondern sich in einem dialektischen, häufig unbewussten Dialog befindet. 

Zuletzt werden Probleme der Objektivität in der Forschung mit Hexenjagdflüchtlingen und ihren (potentiellen) Verfolgern diskutiert. Der moralische Anspruch der teilnehmenden Beobachtung unter dem Primat der Objektivität zerfällt vor den Bedingungen einer gebotenen Parteinahme für die Opfer der Hexenjagden und damit einer Opposition zu den in Hexereivorstellungen transportierten Ideologien.

Poster zum Dissertationsprojekt

 

Wissenschaftlicher Werdegang

2001-2007: Studium der Völkerkunde, Grafik- und Malerei und Friedens- und Konfliktforschung in Marburg

2007: Abschluss Magister: "Die modernen Hexenjagden im subsaharischen Afrika – Darstellung und Vergleich mit dem Antisemitismus aus der Perspektive der Kritischen Theorie".

seit Oktober 2008: Stipendiat an der Graduiertenschule „Locating Media/Situierte Medien“ der Universität Siegen

Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte

Hexenjagden, Medien, Vorstellungen der Magie, Religion und Esoterik, Gewaltanthropologie, Antisemitismus, Rassismus, Islamismus, Medizinethnologie, Kritische Theorie, Medienethnologie. 

Lehrveranstaltungen

WiSe 2010, Philipps-Universität Marburg: "Moderne Hexenjagden – Konflikte, Theorie und Forschungsbedarf".

Veranstaltungen

Mitarbeit an der Konzeption der Jahrestagung „Medialität der Nähe“ der Graduiertenschule „Locating Media/Situierte Medien“, 22. und 23. April 2010, Universität Siegen

Vorträge

"Die Siedlungen für Hexenjagdflüchtlinge in Nord-Ghana" – gehalten im Iwalewa-Haus in Bayreuth am 20.1.2010. 

"Feldforschungsbericht Norghana - Probleme der Ethik in der Forschung über Hexereivorstellungen und Hexenjagden" – gehalten am Institut für Afrikanistik Köln im Dezember 2009.

Publikationen

Riedel, Felix 2009: „A secret civil War“. Accra: Public Agenda. 2. November 2009.
 
Riedel, Felix 2010: “Siedlungen für Flüchtlinge vor Hexenjagden in Nordghana.“ In: Amnesty International, interner Rundbrief „Frauenrechte“. S. 36-39.

Riedel, Felix 2010: „Somatisierte Geister. Über Leckagen und medial vermittelte Krankheitskonzepte im ghanaischen Film.“ In: Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik 1/2010: „Religion und Religiosität“. Hg. von Wolfgang Eirund und Joachim Heil. 15 Seiten. Frei lesbar auf: http://www.izpp.de/fileadmin/user_upload/Ausgabe-1-2010/04_1-2010_TS-Riedel.pdf

Riedel, Felix 2011: "'When will you whites give us the real internet?' Zum Verhältnis von unerreichter Nähe, technischem Rückstand und Internetbetrug in Ghana", in: Pablo Abend/Tobias Haupts/Claudia Müller (Hg.): Medialität der Nähe, Bielefeld: transcript 2012.

Sonstiges

Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV)