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Katalog der UB Siegen

Dipl.-Medienwirt Johannes Paßmann

Promotionsstipendium der Graduiertenschule "Locating Media"

Graduiertenschule „Locating Media/Situierte Medien“

Universität Siegen
Artur-Woll-Haus, Am Eichenhang 50
57076 Siegen

Tel. dienstlich: 0271/ 740-3057

E-Mail: passmann@locatingmedia.uni-siegen.de

Twitter (Klarnamenaccount): @j_passmann

                                                             

 

 

Titel der Dissertation

Gaben im sozialen Netz. Eine teilnehmende Beobachtung der deutschsprachigen "Twitter-Elite" (Arbeitstitel)

Projektbeschreibung

Wie zirkulieren mediale Inhalte im Social Web? Wenn man dies erforschen möchte, kann man sich diese Inhalte ansehen und sie analysieren. Dabei gerät allerdings allerhand aus dem Blick: Zunächst haben solche Analysen zumindest die Tendenz, nur Erfolge zu erklären und dabei den nicht erfolgreichen Normalfall zu vergessen. Noch wichtiger ist vielleicht, dass solche Zirkulationsprozesse in aller Regel nicht irgendwie durch das Netz zirkulieren, sondern zumeist auf bereits bestehenden Pfaden wandeln und diese Pfade dabei gleichzeitig erzeugen und konsolidieren.
Bei näherem Hinsehen fällt dann auf, dass es für einen Retweet auf Twitter zum Beispiel viel wichtiger gewesen ist, in welchem Verhältnis Tweetschreiber und Retweeter stehen (oder gerne stehen würden) – gerade das lässt sich auf Twitter etwa quantitativ und qualitativ zeigen. Eine These des Dissertationsprojektes ist daher, dass man Zirkulationsprozesse im Social Web besser versteht, wenn man sie als Prozesse des Gabentausches auffasst, also als einen Tauschprozess, der Beziehungen, Gemeinschaften und damit auch mögliche zukünftige Zirkulationspfade erzeugt. Dieser Vorgang entspricht an vielen Stellen dem, was in der Literatur über die Theorie der Gabe (inbes. bei Marcel Hénaff 2008) als „zeremonieller Gabentausch“ beschrieben wird. Mit dem Begriff der Gabe lässt sich zudem die simplifizierende Vorstellung ablösen, dass solche Zirkulation „viral“ verlaufe und die Nutzer, die sich an ihr beteiligen, quasi willenlose Wirte eines Virus sind.

Ethnographische Perspektive auf Twitter

Das wichtigste Datenkorpus dieser Arbeit ist eine teilnehmende Beobachtung deutschsprachiger Twitterer, insbesondere solcher, die sich auf weitreichende Zirkulation spezialisiert haben. Dies, indem sie sich bemühen, für ihre Tweets besonders viele Favorisierungen und Retweets zu erreichen. Dafür habe ich einen Twitteraccount aufgebaut, der gemessen an der Reichweite unter den laut Twitter angeblich 4 Mio. deutschsprachigen Nutzern derzeit im mittleren Bereich der Top 100 rangiert. In diesem Zusammenhang und mit diesem Pseudonym habe ich in deutschen und österreichischen Städten viele Offline-Treffen von Twitterern besucht und teilnehmend beobachtet.
Ergänzend zu diesem Datenkorpus habe ich eine Datenbank mit ca. 3,5 Mio. Einträgen angelegt, die gegenseitige Retweets und Favorisierungen im deutschsprachigen Twitter analysiert. Diese Digitally Engaged Community (DEC) ist deshalb besonders interessant, weil das In-Die-Zirkulation-Bringen von Inhalten ihr hauptsächlicher Gegenstand ist. Die Prozesse des Gabentausches sind dort deshalb besser sichtbar als beispielsweise unter Facebook-Nutzern.
Fasst man solche Prozesse als Gabentausch auf, erarbeitet man damit nicht nur einen Beschreibungsgewinn für Zirkulationsprozesse. Man bekommt damit auch einen besseren Zugang zur Mediengeschichte des Social Web. Denn solche Gabentauschprozesse müssen auch zurechenbar sein: Wenn man nicht weiß, wer wem wann was gegeben hat, verlieren Gaben ihre soziale Bindungskraft; man kann dann damit keine „Pfade“ erzeugen und auch keine Reputation aufbauen. Hinzu kommen viele andere Notwendigkeiten, wie Sichtbarmachung, Berichtbarkeit und vieles mehr, was Harold Garfinkel unter dem Begriff der Accountability gefasst hat.

Historische Perspektive auf das Social Web

Meine These hier lautet, dass die Mediengeschichte des Social Web in drei Phasen der Accountability erzählt werden kann. Vor dem „Eternal September“ im Jahre 1993 findet man etwa im Usenet eine Form von Zurechnung und allgemeiner: Accountability, die weitegehend ohne Accounts im Sinne von Benutzerkonten auskommt. Die Zurechnung von Gaben funktioniert in dieser Zeit weitgehend darüber, dass das Social Web klein genug ist, um Austauschbeziehungen erinnern zu können. Diese Phase könnte man als die der „Accountability durch Übersicht“ bezeichnen.
Das Ende dieser Phase des ‚übersichtlichen Social Web‘ wird von Nutzern auf den „September, der niemals endet“ im Jahre 1993 datiert: Durch die Veröffentlichung des ersten erfolgreichen grafikfähigen Browsers NCSA Mosaic, die Öffnung des Usenet für AOL-Kunden und nicht zuletzt durch den Beginn des neuen Semesters an den Universitäten in diesem Herbst begann ein plötzlicher Zustrom an neuen Internetnutzern, der seitdem nicht aufgehört – deshalb „Eternal September“. Und mit diesem Eternal September setzt die zweite Phase des Social Web ein, die der „Accountability-Krise“. Handlungen und damit Gabentauschprozesse im Social Web werden immer schwieriger zurechenbar, das Netz wird zusehends unübersichtlicher und anonymer. Aus Gabentauschprozessen ‚Pfade‘ zu kreieren, gerät in dieser Zeit immer mehr zum aussichtslosen Unterfangen.
Auf diese Accountabilitykrise reagieren die sozialen Netzwerke zu Beginn der zweiten Hälfte der 2000er Jahre, indem sie Accounts im Sinne von Benutzerkonten schaffen. Und wieder fällt der Zeitpunkt des Umbruchs auf den Semesterbeginn – dies allerdings in unterschiedlichen Jahren: Das Social Web ist in der Zwischenzeit lokaler geworden und mithin lässt sich nicht mehr ein Zeitpunkt angeben, wie es mit dem September 1993 noch der Fall war. Einen wichtigen Schub bekam diese Entwicklung in Europa zumindest im Oktober 2006, als das deutsche Unternehmen StudiVZ ein Jahr nach seiner Gründung nach Spanien, Italien, Frankreich und Polen expandierte.
Dieses Accountable Web macht mit seinen Benutzerkonten Gabenbeziehungen auch in einem unübersichtlich gewordenen Web be- und zurechenbar. Einen besonders ausgeprägten Fall dieser Tauschbeziehungen in der dritten Phase des Social Web beobachte ich im deutschsprachigen Twitter.

Wissenschaftlicher Werdegang

  • 2005-2010: Studium der Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung an der Universität Siegen
  • 2007-2010: Studentische Hilfskraft am DFG-Sonderforschungsbereich/Forschungskolleg 615 „Medienumbrüche“. Teilprojekt „Mediennarrationen und Medienspiele“ (Projektleiter: Rainer Leschke)
  • 2010: Studentische Hilfskraft am DFG-Projekt „Kulturgeographie des Medienumbruchs analog/digital“ (Projektleiter: Jörg Döring)
  • Juli 2010: Abschluss Diplom-Medienwirt, Thema der Abschlussarbeit: „Der Feldbegriff und seine kultur- und medienwissenschaftlichen Implikationen bei Wolfgang Köhler und Kurt Lewin“ (Betreuer: Rainer Leschke und Jörg Döring, Note: 1,0)
  • August 2010-Juni 2012: Wissenschaftliche Hilfskraft am DFG-Projekt „Kulturgeographie des Medienumbruchs analog/digital“ (Projektleiter: Jörg Döring)
  • seit Oktober 2010: Doktorand an der Graduiertenschule „Locating Media/Situierte Medien“ der Universität Siegen 
  • seit Juli 2012: Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl Neuere deutsche Philologie, Medien- und Kulturwissenschaft (Jörg Döring)

Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte

  • Geschichte und Theorie des Internet, insbes. des Social Web
  • Netzpolitik und Netzkultur
  • Web Currencies und Theorien der Gabe, Gabenökonomien
  • Ethnografie
  • Accountabilty in der Ethnomethodologie nach Harold Garfinkel
  • Platform-Studies, Software-Studies

Vorträge

  • 2. Juli 2011: Veranstaltung: Gemeinsames Forschungsseminar Graduate School Locating Media / Situierte Medien, Siegen, ProDoc Intermediale Ästhetik. Spiel – Ritual – Performanz, Basel/Bern. Vortrag (gemeinsam mit Pablo Abend): „‚Hinter'm Horizont geht's weiter‘. Mediale Grenzen und Nutzerhandlungen in Google Earth“.
  • 3. April 2012: Veranstaltung: Traffic Tags and Cross Platform Analysis on the Web, Univ. Siegen. Vortrag „Medium-Specificity of Hashtags. Participation of Dutch Politicians in the ‚Mauro-Debate‘“.
  • 1. Juni 2012: Veranstaltung: Trending Topics #1: Twitter Studies, Univ. Utrecht. Vortrag: „#FollowerPower. Awareness Creation on Twitter“. Zus. m. Mirko Tobias Schäfer (Univ. Utrecht).
  • 6. Juli 2012: Veranstaltung: Lokale Öffentlichkeiten und politische Partizipation, Univ. Siegen. Vortrag „#FollowerPower. Zur Generierung von Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Twitter durch ‚Klappnetzwerke‘“.
  • 6. Oktober 2012: Veranstaltung: „Spekulation“. Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft, Univ. Frankfurt a.M.. Vortrag „Kontoführungsprobleme beim Twittern: How to Unfollow the Natives“.

Publikationen

Aufsätze in Sammelbänden
  • „Beinahe Medien: Die medialen Grenzen der Geomedien“, zus. m. Tristan Thielmann. In: Regine Buschauer, Katharine S. Willis (Hg.): Locative Media. Medialität und Räumlichkeit – Multidisziplinäre Perspektiven zur
Verortung der Medien
(Multidisciplinary Perspectives on Media and Locality). Bielefeld 2013, 36 Seiten.
  • „The Gift of the Gab. Retweet Cartels and Gift Economies on Twitter“, zus. m. Thomas Boeschoten und Mirko Tobias Schäfer. In: Axel Bruns e.a. (Hg.): Twitter and Society. New York e.a. 2013.
Übersetzungen
  • Valerie November, Bruno Latour u. Eduardo Camacho de Huebner : „Die Karte ist das Territorium. Raum im Zeitalter digitaler Navigation“. In: Akteur-Medien-Theorie. Hg. v. Tristan Thielmann, Erhard Schüttpelz u. Peter Gendolla. Bielefeld vorauss. 2012. (Orig.: „Entering a risky territory. Space in the age of digital navigation“)
  • Bruno Latour u. Adam Lowe: „Die Migration der Aura – oder wie man das Original durch seine Faksimiles erforscht“. In: Akteur-Medien-Theorie. Hg. v. Tristan Thielmann, Erhard Schüttpelz u. Peter Gendolla. Bielefeld vorauss. 2012. (Orig.: „The Migration of the aura or how to explore the original through its fac similes“)

Lehrveranstaltungen

  • WS 10/11, Univ. Siegen, „Wie verändert uns das Internet?“ – Analyse zeitgenössischer Mediendebatten, BA-Seminar.
  • SS 11, Univ. Siegen, Medientheorien des Internet, BA-Seminar.
  • WS 11/12, Univ. Siegen, Theorien der Internetnutzung, BA-Seminar.
  • WS 11/12, Univ. Siegen, Netzkulturen. Kollektive Distribution und situierte Praktiken, BA-Seminar, zus. m. Ludwig Andert und Sebastian Abresch.
  • Bl. 2/11, Univ. Utrecht, Network Politics, Hauptseminar im Master „New Media and Digital Culture“. Evaluationsdurchschnitt: 4,5/5.
  • Bl. 3/12, Univ. Utrecht, Network Politics, Hauptseminar im Master „New Media and Digital Culture“. Evaluationsdurchschnitt: 4,8/5.
  • Bl. 4/12, Univ. Utrecht, Coding Culture. Technology Transforms Information. Hauptseminar im Master „New Media and Digital Culture“. Zus. m. Mirko Tobias Schäfer. Evaluationsdurchschnitt: 3,9/5.
  • Bl. 3/13, Univ. Utrecht, Network Politics, Hauptseminar im Master „New Media and Digital Culture“.

Sonstiges

  • Mitglied der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM), Mitglied in der AG Daten & Netzwerke der GfM. Mitarbeit am Blog der AGDN: http://datanetworks.wordpress.com/
  • Gerade fertig gestellt: Funkkolleg für den Hessischen Rundfunk „Netzneutralität und Netzpolitik. Wie demokratisch ist das Internet?“. 30 Minuten, Ausstrahlung 4. Mai 2013
  • Erfolgreiche Teilnahme an der Summerschool der Digital Methods Initiative, Univ. van Amsterdam
  • Dreimonatiges Praktikum bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung