Prof. Julian Rohrhuber
Assoziiertes Mitglied der Graduiertenschule "Locating Media/Situierte Medien"
| Robert Schumann Hochschule Düsseldorf | |
Titel der Dissertation
Formalisierungen und Agency abstrakter Situationen (Arbeitstitel)
Projektbeschreibung
Ausgangspunkt der Überlegung ist zunächst, dass kognitive Prozesse weder auf ein vorausgesetztes Selbst, noch auf einen gegebenen Körper reduzierbar sind, sondern sich vielmehr Innerlichkeit und Äußerlichkeit des Denkens und Handelns durchdringen. Subjektivität formiert sich, ebenso wie Objektivität, als Situation.
Gegenstand der Untersuchung sind nun insbesondere solche Situationen, deren spezifische Eigenschaft eine gezielte Verschiebung des kausalen Milieus (Gell 1998) bzw. der beteiligten Agenturen darstellt. Solche Verschiebungen treten beispielsweise dann auf, wenn unklar wird, ob etwas künstlichen oder natürlichen Ursprungs ist. Derartige Situationen können von Kunstwerken ausgelöst werden, oder auch innerhalb naturwissenschaftlicher Verfahren eine Rolle spielen, wo sie Beobachtungspositionen konstituieren (Rheinberger 2001). Ausgehend von der Prämisse eines unumgänglich situierten Wissens (Haraway 1988, Longino 2001) und einer ebenso situierten, und womöglich verteilten Kognition (Clancey 1997, Clark 1999, Suchman 2007) sind diese Verschiebungen entscheidende Angelpunkte epistemischer Prozesse.
In einer konkreten Situation, so meine These, erscheinen die Eigenschaften, die solche Verschiebungen hervorrufen, als Abstraktionen und Formalisierungen. Vorläufig möchte ich unter diesen Begriffen eine situierte Allgemeinheit, Unterdeterminierung oder Unbestimmtheit verstehen, wobei sich ‘abstrakt’ meist auf Sachverhalte bezieht und ‘formal’ auf mögliche Handlungen und Transformationen. Sowohl in europäischen Diskursen der Kunst als auch der Wissenschaft sind diese Begriffe allerdings selbst wiederholt Schauplatz methodischer, politischer und ontologischer Auseinandersetzung geworden, was sie zum interessanten Gegenstand für eine Relektüre macht (ein aktuelles Beispiel aus der Kunst: Rottmann und Kleefeld 2008). Vom Standpunkt der Wissenschaftsforschung ist die Ausarbeitung einer Theorie der situated universality wünschenswert (Raina 2003:203). Es scheint dabei ein plausibler Ausgangspunkt, dass Abstraktion und Formalisierung – in einem situierten und medienwissenschaftlich gewendeten Verständnis – zentrale Aspekte der Konstitution und Verschiebung von Kognition und Handlungsmacht darstellen.
Ich schlage zunächst vor, Formalisierungen als mediale Operationen zu verstehen, die neue Situationen erzeugen, indem sie unspezifische, transportable Handlungsschemata und Verkettungsregeln zugänglich machen. Formalisierungen erzeugen dabei eine nie glatt zur Deckung zu bringende Doppelfigur der Darstellung und Erzeugung von möglichen Prozessen und Handlungen. Diese spezifische Wirksamkeit kann man mit Gell als eine Bewegung an der ‘klebrigen’ Grenze (Gell 1998:82, Sartre 1943) des gerade noch Nachvollziehbaren, als Verstrickung, oder eben als Agency beschreiben. Das Abstrakte wirft dabei die Frage von generischen Gegenständen auf, deren Ort und Wirksamkeit nicht ohne weiteres in der Welt der Dinge oder der Welt der Vorstellungen zugeordnet werden kann. Versteht man die Situiertheit in seiner paradoxen Selbstvoraussetzung (es muss ja immer schon etwas geben, in der eine Situation lokal ist), erscheint es möglich, deren Indifferenz und Allgemeinheit unter der Annahme einer abstrakten Situation näher zu untersuchen.
Die Frage nach Formalisierungen und einer Agency abstrakter Situationen soll in meiner Dissertation nun sowohl als deskriptives Werkzeug der Theorie fungieren, als auch ermitteln, unter welchen Bedingungen ihnen ‘konkrete’ Systeme entsprechen. Eine so ‘im Abgezogenen’ und ‘durch Subtraktion’ situierte Agency lässt sich, so meine vorläufige These, insbesondere als Teilaspekt von kognitiven bzw. epistemischen Artefakten (Hutchins 1999, Sterelny 2003, Suchman 2007) beschreiben, sowie innerhalb künstlerischer oder wissenschaftlicher Experimentalsysteme (Rheinberger 2001). Sie zeigt sich dort insbesondere als Herausforderung, Widerständigkeit und Unanschaulichkeit aufzulösen, und bildet im Scheitern dieser Versuche immer neue Konstellationen.
Solche Systeme führen gezielt einen Widerstreit (Lyotard 1989) oder eine Mischung aus Über- und Unterdeterminierungen in Situationen ein, und erzeugen Zwischenbereiche, in denen die Aufteilungen zwischen Deskription und Aktion, Fakt und Fiktion temporär neu verhandelbar werden. Entdeckungen, oder Evidenzen sind dabei überraschende Knotenpunkte der Vereinfachung, die dann als lokale Widerspruchsfreiheit erscheinen. In boundary objects stabilisieren sich heterogene Anforderungen gerade durch die Integration von Inkonsistenzen (Star and Griesemer 1989). An Fragen der Formalisierung und Abstraktion, so lässt sich zeigen, steht daher mit der Unterscheidung zwischen Innen und Außen auch die Unterscheidung zwischen Entdeckung und Konstruktion immer wieder neu zur Disposition.
An Fallstudien soll nun eine Theorie ausgearbeitet werden, die es erlaubt, bestimmte wissenschaftliche, künstlerische und technologische Verfahren in gegenseitiger Nähe zu situieren. Diese Theorie soll in wesentlichen Punkten an Konzepten der Agency (insbesondere Alfred Gell) und der Situation in der zeitgenössischen Wissenschaftsphilosophie (insbesondere Alain Badiou) ansetzen.
In externer Zusammenarbeit mit Prof. Dhruv Raina
Zakir Husain Centre for Educational Studies
School of Social Sciences
Jawaharlal Nehru University
Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte
Wissenschaftsphilosophie, Kunst- und Medientheorien
Abstraktion, Handlungsmacht und algorithmische Akustik
Lehrveranstaltungen
seit 2009: Seminar "Algorithmische Akustik", IMM Düsseldorf
seit 2009: Seminar "Mediengeschichte", IMM Düsseldorf
Wintersemester 2009/2010: Seminar "Interaktive Programmierung", UdK Berlin
Sommersemester 2009: Seminar "Interaktive Programmierung", UdK Berlin
Sommersemester 2009: Seminar "Elektronischer Filmton", HFM, Karlsruhe
2007-2009: Seminar "Interaktive Programmierung", HFM, Karlsruhe
2007-2008: Fachseminar "Die abstrakte Situation", Kunsthochschule für Medien, Köln
2005-2007: Übung "Algorithmische Akustik", Universität Köln
2003-2004: Seminar "Algorithmische Akustik", Hochschule für bildende Künste Hamburg
2003: Seminar "Warteraum. Der Welle-Teilchen Dualismus und die Grenzen des Wartens - Granularsynthese in Netzwerken", mit de Campo, Kunsthochschule für Medien Köln
Veranstaltungen
Konzeption der Tagung „changing grammars“ an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, 2004.
Konzeption der Tagung „Mathematik für Künstler“ an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, 2005.
Signifikantenstadl: Die 70er. (Konversationskunst / Kunstaffairen). Über Pädagogik, Mengenlehre und Kunst. Im Rahmen der Ausstellung 'Mutualité. Kurd Alsleben und Antje Eske. Von der Computerzeichnung zur Netzkunstaffaire 1961-2006' Kunsthalle Bremen, 12 / 2006.
Konzeption des zweitägigen Workshops Unberechenbare Berechnungen: Hybrid Computables, Intractable Mobiles, Universität Köln und Kunsthochschule für Medien, 2007.
Konzeption der Tagung „Musik und Text“ am Institut für Musik und Medien Düsseldorf, 2010.
Workshops
Republik! Just in time programming music in networks. Workshop an der Universität der Künste Berlin, 01 / 2010 (mit Alberto de Campo).
Algorithmic Acoustics - Alternate Physics and Experimental Programming, workshop, imerge, Oporto, Portugal, 4 / 2009 (mit Renate Wieser)
Logik der Störung. A workshop on distributed stochastic composition and synthesis, Linux Audio Conference 2008 (mit Sergio Luque), 2 / 2008.
Das Durcheinander als Interface (mit Till Bovermann), tangible computing and sonification of structural data. Bonn, 11 / 2007
Science by Ear, Institute for Electronic Music, Graz 3 / 2006. Organisiert von de Campo et. al., Dreitägiges Symposium mit Workshops zur Weiterentwicklung wissenschaftlicher Sonifikation.
Warteraum III Privat und Öffentlich. Verteiltes Programmieren algorithmischer Musik. TU Berlin. (mit Alberto de Campo, 12 / 2004, TU Berlin)
Impulse Net, particle music in networks. Netzwerkmusik Workshop im Center for Contemporary Arts, Praha, 2002.
Vorträge
"Meaning without words", Vortrag im Rahmen von Sounding Code, SuperCollider Symposium Berlin, 09/2010 (mit Renate Wieser, Alberto de Campo).
"Operation, Operator", Vortrag im Rahmen von: Strukturentstehung durch Verflechtung: Workshop zur Akteur-Netzwerk-Theorie 27.-29.05.2010, Universität Paderborn.
"Operationen und Medien der Elektronischen Musik", Peter Behrens School of Architecture Düsseldorf, 05/2010.
"Form, matter and causation in sound synthesis", Vortrag im Rahmen des SuperCollider Symposiums, Wesleyan University, Connecticut, 04/2009.
"Algorithmic Acoustics", Vortrag am Rensselaer Polytechnic Institute, Troy, New York (Curtis Bahn und Pauline Oliveros), 04/2009. (mit Renate Wieser).
"New Mathematics and the agency of the variable", Vortrag auf der Dritten internationalen Konferenz der European Society for the History of Science – Styles of Thinking in Science and Technology, Austrian Academy of Sciences, Vienna, September 10-12, 2008.
"Walla, walla, walla. Über die akustische Situation im Film, unter besonderer Berücksichtigung von Dokumentarfilm und Komödie. Mit Kamensky", im Rahmen von Intercut / Kunst als Forschung, HfG Zürich, 03/2008.
"Purloined Letters and Distributed Persons", Panel lecture on distributed authorship and algorithmic sound networks at the Conference Music in the Global Village, Kunsthalle Budapest, 09/2007.
"Programming programming", Vortrag im Rahmen des LOSS Livecode Symposiums in Sheffield, 06/2007.
"The Meaning of Live", Vortrag im Rahmen des LOSS Livecode Symposiums in Sheffield, 06/2007 (mit Renate Wieser).
"Die Lehre von den Programmierempfindungen", im Rahmen von Klang & Ton. Fortschritte in der Erfüllung von Helmholtzens Vermächtnis 05 / 2007. Helmholtz-Zentrum, HU Berlin.
"Die Unsichtbare Hand", Im Rahmen von Theorie und Spekulative Praxis, Kunstverein Hannover. 11/2006 (mit Renate Wieser).
"Algorithms for Ethnomusicology", Vortrag beim Symposium Virtual Gamelan Graz: Rules – Grammars – Modeling. University of Music and Dramatic Arts Graz / Austria 10/2006.
"Artificial, Natural, Historical: Ambiguities of Synthetic Sound in Documentary Film", Digital Art Weeks ETH Zürich 07/2006.
"Live Coding zwischen Imagination von Distanz und dem Phantasma der Unmittelbarkeit", Vortrag am Medienwissenschaftlichen Institut der HU Berlin. 04/2006, im Rahmen von Zeitkritische Medienprozesse.
"Postmoderne Kirchen in Südindien. Die Geschichte des frühen Christentums in Südindien und die zeitgenössische postmoderne Kirchenarchitektur", Vortrag in der Galerie Entwurf-Direkt, 2003.
"Language, not Tool", University of Communication 2003, Sarajevo: a talk on the graphical user interface paradigm and the language paradigm in the light of the idea of the tool (2003)
Publikationen
Julian Rohrhuber. Operator, Operation. Sehen was das Photon sieht. In: Tobias Conradi, Heike Derwanz, and Florian Muhle, editors, Strukturentstehung durch Verflechtung. Akteur-Netzwerk-Theorie(n) und Automatismen. Fink Verlag, München, Herbst 2011.
Intractable Mobiles. Patents and Algorithms Between Discovery and Invention, in: Akteur-Medien-Theorie. Bielefeld: Transcript, August 2011
On Captivation: A Remainder from the ‘Indistinction of Art and Nonart’ (Rey Chow and Julian Rohrhuber), in: Paul Bowman and Richard Stamp (Hg.), Reading Rancière: Critical Dissensus, Continuum (Juli 2011).
Das Rechtzeitige. Doppelte Extension und formales Experiment, in: Axel Volmar (Hg.), Zeitkritische Medienprozesse, Berlin: Kadmos, 2009.
Sonification and Auditory Display in SuperCollider (mit Alberto de Campo), in: Cottle, Collins, Wilson (Hg.), The SuperCollider Book, MIT-Press, 2011.
Dialects, Constraints, Systems within Systems (mit Hall /Alberto de Campo), in: Cottle, Collins, Wilson (Hg.): The SuperCollider Book, MIT-Press, 2011.
Just In Time Programming (mit Alberto de Campo), in: Cottle, Collins, Wilson (Hg.): The SuperCollider Book, MIT-Press, 2011.
New Mathematics, and some clues regarding an agency of the variable, in: Proceedings of the International Society of the History of Science, Wien 2010.
New Mathematics and the Subject of the Variable, in: Fürlus, Zielinski (Hg.), Variantologie 4, Buchhandlung König, 2010.
Improvising Formalisation: Conversational Programming and Live Coding (mit Alberto de Campo), in: Gérard Assayag and Andrew Gerzso (Hg.), New Computational Paradigms for Computer Music. Delatour France / Ircam-Centre Pompidou: 2009.
Mengenlehre, in: Becker, Cuntz, Kusser (Hg.), Unmenge - Wie verteilt sich Handlungsmacht?, Fink Verlag, 2008.
Implications of Unfolding, in: Seifert, Kim, Moore (Hg.), Paradoxes of Interactivity. transcript, 2008.
Algorithms in Anthropology, in Gerd Grupe (Hg.), Virtual Gamelan Graz: Rules – Grammars – Modeling, Aachen: Shaker Verlag, 2008.
Die Kronzeugen. Geräusch und Atmo im Dokumentarfilm (with Kamensky), in: Kunst des Forschens. dazwischen #4 (Elke. Bippus and Frank Hesse, Hg.), Zürich: Institut für Gegenwartskünste, Zürcher Hochschule der Künste, 2008.
Artificial, Natural, Historical: Ambiguities of Synthetic Sound in Documentary Film, in: Transdisciplinary Digital Art: Sound, Vision and the New Screen, Communications in Computer and Communication Science (R. Adams, S. Gibson, and S. Arisona Müller, eds.), Heidelberg: Springer, 2008.
Listening to Theory. An Introduction to the Virtual Gamelan Graz Framework (mit R. Schüt), in: Gerd Grupe (Hg.), Virtual Gamelan Graz: Rules – Grammars – Modeling., Aachen: Shaker Verlag, 2008.
Durcheinander. Understanding clustering via interactive sonification (T. Bovermann, J. Rohrhuber, and H. Ritter), in: Proceedings of the 14th International Conference on Auditory Display, (Paris, France), June 2008.
Network Music, in: Collins, d'Escrivàn (ed.), Cambridge Companion for Electronic Music) Cambridge University Press (2007).
Purloined Letters and Distributed Persons, in: Proceedings of Music in the Global Village, mit de Campo, Wieser, van Kampen, Hölzl and Ho, (2007).
The Invisible Hand. (in: Readme 100. Temporary Software Art Factory), mit Renate Wieser. Über das Paradigman der Emergenz und die Spuren seiner biopolitischen Implikationen in der generativen Kunst. (2005/2006)
Algorithms Today: Notes On Language Design for Just In Time Programming (mit Alberto de Campo, Renate Wieser), in: Proceedings of the 2005 International Computer Music Conference, San Francisco, 2005.
else if – live coding, Strategien später Entscheidung (mit Alberto de Campo), in: Monika Fleischmann / Ulrike Meinhard (Hg.), Digitale Transformationen, Heidelberg 2004.
Live Algorithm Programming and a Temporary Organisation for its Promotion (mit Amy Alexander, et. alii.), in: read_me, (Olga Goriunova & Alexei Shulgin Hg.) Aarhus University Press 2004.
Live Coding Techniques for Laptop Performance (mit Collins, N., McLean, A., Rohrhuber, J. & Ward, A.) Organised Sound 8:3, Cambridge University Press, 2004
Uncertainty and Waiting in Networked Sound Synthesis (mit Alberto de Campo), in: Proceedings of the 2004 International Computer Music Conference, San Francisco, 2004..
Andernähe, Nachahmen, etc. (Konversation), in: Kurd Alsleben, Antje Eske (Hg.), Mutualität in Netzkunstaffairen, Norderstedt, Hamburg 2004

