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Forschungsstelle transnationale Kulturgeschichte

"Geschichte für alle" in europäischen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts

Teilprojekt IV:
"Geschichte für alle" in britischen und deutschen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts. Die Popularisierung historischen Wissens in Großbritannien und Deutschland im Vergleich

Verantwortliche Forscherin:
Bearbeiter des Teilprojekts:
  • Tobias Scheidt M.A.

Teilprojekt IV

"Geschichte für alle" in britischen und deutschen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts. Die Popularisierung historischen Wissens in Großbritannien und Deutschland im Vergleich


In keinem europäischen Land war die Presselandschaft so früh so weit ausdifferenziert, die Leserschaft so hochgradig politisiert und an unterschiedlichen Themengebieten interessiert wie in Großbritannien. Bereits im 18. Jahrhundert gehörten die Zeitungen und Zeitschriften ebenso wie ihre Leserschaft im privaten wie im öffentlichen Raum, etwa in den beliebten Kaffeehäusern, zu jenen Merkmalen des gesellschaftlichen Lebens, die Kontinentaleuropäer, allen voran die Reisenden aus deutschen Staaten, immer wieder mit großer Bewunderung beschrieben und kommentierten. War das Publikum noch vor der Wende ins 19. Jahrhundert schon heterogen, so stellte sich den Verlegern und Redakteuren die eigentliche Herausforderung erst im neuen Jahrhundert, mit der rasch steigenden Alphabetisierungsrate, der Verbilligung von Druckerzeugnissen etwa durch neue Drucktechniken, und dem wachsenden Interesse einer Bevölkerung an der Welt. Sowohl die Prozesse der Demokratisierung (Wahlrechtsreformen 1832, 1864/65 und 1884/85) als auch die Expansion im Übergang vom "Old Colonial Empire" zum "Empire", in dem die Sonne nie untergeht, schürten die Neugier, die eine sich ausweitende Vielfalt an Tages- und Wochenzeitschriften sowie Journalen in Wort und Bild zu befriedigen suchten. Auf beiden Gebieten spielte der Verweis auf die Geschichte eine wesentliche Rolle, sei es der Rückblick auf die besonderen politischen Traditionen oder die Anlehnung an das Römische Reich, als dessen Nachfolger das Britische Empire wahrgenommen wurde. Im Übergang zum publizistisch-literarischen Massenmarkt ging es darum, Geschichte nicht nur als einen Gegenstand zu präsentieren, der alle angehe, sich also vermarkten ließ und als historisches Wissen Akzeptanz fand, sondern zugleich als Argumentationsmuster, das in einer bestimmten Deutung bestimmte Gruppen in ihrem Handeln und Denken legitimierte. Das war eine der Herausforderungen. Eine weitere bestand darin, die vieldimensionalen Deutungen der Vergangenheit in einer sich im Zuge der Industrialisierung rasch veränderten Umwelt immer wieder neu auf die wechselnden Bedürfnisse eines sich stets wandelnden Lesepublikums anzupassen.

Um die Gunst der Leserschaft wetteiferten zahlreiche, zunehmend spezialisierte Presseorgane. Noch im ersten Drittel des Jahrhunderts wurden die unteren Einkommensschichten als Käufer und Leser entdeckt. Ab den vierziger Jahren kamen illustrierte Zeitschriften dazu und fanden unmittelbare Nachahmungen etwa in den deutschen Staaten. Frauen galten als interessante Zielgruppe, für die es eigene Magazine gab, z.B. English Woman's Journal (1858-1864), ebenso für Kinder und Jugendliche, insbesondere für Jungen, The Boy's Own Paper (1879-1967), denen die Lektüre als Vorbereitung auf den Dienst im Weltreich dienen sollte. Monatszeitschriften wie The Nineteenth Century, Blackwood’s Magazine, Cornhill Magazine, Contemporary Review standen Wochenzeitschriften wie der liberale Spectator (1828-1925) und The Athenaeum: Journal of English and Foreign Literature, Science, the Fine Arts, Music and the Drama (1828-1921) zur Seite, letztere die Wochenzeitschrift mit der größten Verbreitung und einem breiten Themenspektrum. Mit dem Penny Magazine (1832-1845) – in der deutschen Variante als Pfennig-Magazin publiziert – und Chambers's Edinburgh Journal bzw. Chambers's Journal (1832-1956) existierten Periodika für untere Bevölkerungsschichten. The Leisure Hour. A Family Journal of Instruction and Recreation (1852-1905) wandte sich als Familienzeitschrift an "the thoughtful of every class" und behandelte historische Themen ebenso wie aktuelle des In- und Auslands inklusive geographische und naturwissenschaftliche Entdeckungen. Bilder spielten spätestens ab den vierziger Jahren eine wichtige Rolle in der Vermittlung, als The Illustrated London News (1842ff.) erstmals erschien und ihr Erfolg Nachahmer wie The Pictorial Times und The Graphic (1869-1932) nach sich zog. The Graphic trat gar mit dem Anspruch an, "[to deal] picturesquely with all important events at Home and Abroad, thus forming an invaluable pictorial record." Zu den 'Illustrierten' zählt in gewisser Weise auch das Satiremagazin Punch or The London Charivari (1841-1992), eine 'nationale Institution' mit Blick für die Ironie der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse.

Obwohl die viktorianischen Periodika seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts schon vielfach untersucht wurden, dank hervorragender Indizes wie etwa dem Wellesley Index to Victorian Periodicals gut zu erschließen sind, wurden doch bislang manche Bereiche wie der des Umgangs mit Geschichte und ihrer Vermittlung eher vernachlässigt. Eine systematische Untersuchung ist noch gar nicht erfolgt. Hier setzt das Teilprojekt an, das in erster Linie den Übergang in den publizistischen Massenmarkt und seine Auswirkungen auf Inhalte und Präsentation bei historischen Themen in den Mittelpunkt rückt. Wie wurde in dem eher schnelllebigen Medium Zeitung/Zeitschrift die longue durée repräsentiert? Welche Themen, Personen, Epochen standen für die Viktorianer in den unterschiedlichen Phasen des Jahrhunderts jeweils an erster Stelle? Wie wurden sie ihnen näher gebracht, welches Geschichtsbild generell vermittelt? Gab es Abweichungen vom 'Mainstream' und wie sahen diese aus?

Weitergehende Informationen finden Sie auf der Webseite zum Teilprojekt im Rahmen des Internetauftritts des Projekts "Geschichte für alle".