Projekte des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Institutioneller Wettbewerb in historischer Perspektive
Das Ende der großen ordnungspolitischen Dichotomie zwischen westlicher Markt- und östlicher Planwirtschaft, die fortschreitende Entgrenzung von Volkswirtschaften im Zuge der Globalisierung sowie der europäische Integrationsschub der jüngsten Vergangenheit haben das Bewusstsein für den institutionellen Wettbewerb zwischen marktwirtschaftlichen Systemen geschärft: Kapitalismus ist nicht gleich Kapitalismus! Dies ist durchaus keine neue Erkenntnis; Systemwettbewerb hat es schon immer gegeben, wobei er sich allerdings in unterschiedlichen Epochen verschieden ausprägte. Es wird den Fragen nachgegangen, unter welchen Bedingungen sich institutioneller Wettbewerb zwischen Nationalökonomien und Gesellschaften, zwischen Regionen innerhalb nationalstaatlichen Grenzen und zwischen Märkten entwickelte, wie er funktionierte und institutionellen Wandel beeinflusste, welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen er hatte.
DFG-Forschungsschwerpunkt "Regieren in der EU" Europäisierung der Wirtschaftspolitik
Gemeinschaftliche und nationale Wettbewerbspolitik in der Anfangsphase der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
Das Projekt untersucht die Entstehung einer gemeinschaftlichen Wirtschaftspolitik in der Anfangsphase der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bis in die siebziger Jahre. Dies wird am Beispiel der Wettbewerbs- und Beihilfepolitik unter integrationstheoretischen und institutionenökonomischen Aspekten analysiert. Auf archivalischer Grundlage soll herausgearbeitet werden, wie sich die Integrationspolitik in der konkreten Praxis vollzog, warum es trotz unterschiedlicher nationaler ordnungspolitischer Traditionen, unterschiedlicher nationalstaatlicher Präferenzen und unterschiedlicher spezifischer Interessen der handelnden Akteure gelang, eine gemeinschaftliche Politik zu entwickeln. Untersucht werden zum einen die sich allmählich herausbildenden, für die Wettbewerbs- und Beihilfepolitik verantwortlichen Entscheidungsträger (Strukturdimension), zum anderen die Willensbildungs-, Entscheidungs- und Implementationsprozesse (Prozeßdimension) sowie die theoretische Diskussion und praktische Ausgestaltung der Wettbewerbspolitik (inhaltliche Dimension). Die Wechselwirkungen zwischen Strukturen, Prozessen und Inhalten sollen explizit thematisiert, empirisch belegt und theoretisch reflektiert werden.
Die Internationale Telekommunikations Union (ITU) als Regulierungsorganisation globaler Kommunikationsströme
Fernsehen via Satellit, die Börsendaten aus New York, Webcam-Bilder vom Polarkreis oder der Urlaubsgruß übers Handy - der internationale Telekommunikationsverkehr gehört längst zum alltäglichen Standard der modernen Informationsgesellschaft, etabliert und garantiert durch die ITU. Sie ist der organisatorische Rahmen, innerhalb dessen nationale Kommunikationsverwaltungen international kooperieren, Standards setzen, Funkfrequenzen unter sich aufteilen, technische Innovationen etablieren und damit letztlich Wirtschaften sowie Gesellschaften "globalisieren" und integrieren. Mit Hilfe des institutionenökonomischen Analyseinstrumentariums wird im Rahmen des Projekts untersucht, welche Rolle die ITU für den Aufbau und die Regulierung der globalen Telekommunikation spielte, aber auch welche Rollen nationale Fernmeldeautoritäten, privatrechtliche Unternehmen und andere internationale Organisationen - insbesondere die CEPT - hierbei spielten. Konzentrationen erfolgen in geografischer Hinsicht auf Europa, wo die nationalen Perspektiven Deutschlands, Schwedens und Großbritanniens herausgestellt werden und in zeitlicher Hinsicht auf 1945 bis 1988, ohne dabei jedoch andere Regionen oder längerfristige Entwicklungen außenvor zu lassen.
Transmitting and the Receiving Europe - The European broadcasting space as a legal regime (DFG-Projekt)
Das Forschungsprojekt "The European broadcasting space as a legal regime" ist ein integraler Bestandteil eines europäischen Verbundprojekts zum Thema "Transmitting and Receiving Europe". Aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen problematisiert das Verbundprojekt Europa als einen Kommunikationsraum, innerhalb dessen im 20. Jahrhundert unterschiedliche Vorstellungen und Konzeptionen von Europa als politischer und kultureller Einheit gehandelt wurden. Das übergeordnete Ziel besteht darin, die Frage nach der Bedeutung des Rundfunks - und insbesondere von Rundfunktechnologie - für die unterschiedlichen "Erfindungen Europas" als eine integrierte und/oder fragmentierte politische, kulturelle und wirtschaftliche Einheit zu beantworten. Dabei wird von der These ausgegangen, dass Rundfunkübertragungen die wirksamste und einflussreichste Art der nationalen und transnationalen Kommunikation des 20. Jahrhunderts waren. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Projektarbeit steht also die mediale Konstruktion Europas - auf der Sende- wie auf der Empfangsseite von Rundfunkprogrammen - in einem sich permanent wandelnden politischen, kulturellen und technischen Umfeld. Das Teilprojekt "The European broadcasting space as a legal regime" trägt zum übergeordneten Ziel des Verbundprojektes bei, indem es die Verbindung zwischen der Transmission und dem Empfang Europas näher betrachtet, nämlich die Rundfunkfrequenzen, die als ein Vehikel für die Übertragung von Rundfunkprogrammen dienen, in den Blick nimmt. Es analysiert, inwieweit internationale Abkommen zur Regulierung von Rundfunkfrequenzen, in denen immerhin die Sende- und Empfangsgebiete von Rundfunkübertragungen definiert wurden, die mediale Konstruktion Europas beeinflussen.

