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Prof. Dr. Andreas Hoffmann - Forschung

Historische Theologie und Reflexivität
Innerhalb der Theologie nimmt die Historische Theologie (ähnlich auch die biblische Exegese) die Funktion wahr, das historische Bewusstsein in den Diskurs der theologischen Disziplinen einzubringen. Das Bewusstsein des geschichtlich Gewordenen und Bedingten ist ein wesentlicher Aspekt neuzeitlicher Reflexivität. Historische Theologie verfolgt die Veränderungsprozesse christlicher Glaubensüberzeugungen, Lehre, Strukturen und Lebensvollzüge im Kontext der jeweiligen historischen, kulturell-geistesgeschichtlichen, politischen und gesellschaftlich-sozialen Bedingungen. Im Kern stellt sie immer wieder die Frage nach dem Verhältnis von historisch Bedingtem und Bleibendem und damit nach christlicher Identität im historischen Wandel. So erfüllt sie die für eine „Erinnerungsreligion“ wie das Christentum zentrale Aufgabe des historischen Gedächtnisses: Sie hält Entscheidungssituationen und – auch nicht realisierte – Entwicklungsoptionen fest, verweist gegen Festschreibungen des Ist-Zustandes auf die grundsätzliche Wandelbarkeit und nimmt damit eine kritische Funktion gegen Verabsolutierungen der jeweiligen Zustände wahr. Indem sie die fundamentale Relevanz des Geschichtlichen für christliche Existenz und Lehre in den theologischen Diskurs einbringt, ist sie mit den anderen theologischen Disziplinen innerlich vernetzt und erweist sich als eine unverzichtbare theologische Disziplin. Zugleich schlägt sie Brücken zu anderen historisch arbeitenden Wissenschaftszweigen.


Forschungsschwerpunkte
Die Forschungsschwerpunkte der Professur für Historische Theologie liegen im Bereich der antiken Christentumsgeschichte und Patristik. In dieser Phase werden auf nahezu allen Feldern von Theologie und Praxis Grundsatzentscheidungen getroffen, die bis heute christliche Identität prägen.


1. Augustinus von Hippo
Augustinus ist einer der facettenreichsten und wirkmächtigsten Theologe der antiken Kirche, der das westlich-lateinische Christentum bis heute nachhaltig geprägt hat. Seine Person, sein Werk und seine theologischen Konzepte sind Gegenstand intensiver internationaler Forschung, die sich besonders eindrücklich in den Projekten des Würzburger Zentrums für Augustinusforschung (ZAF) (http://www.augustinus.de/) widerspiegelt: das Augustinus-Lexikon, das Person, Schriften und Gedankenwelt das „Phänomen Augustinus“ erschließt, das Corpus Augustinianum Gissense (CAG), das alle bekannten Werke Augustins digital erfasst und differenzierte Recherchen ermöglicht, sowie die Literaturdatenbank mit aktuell mehr als 35.000 Einträgen.

Primäre eigene Forschungsaspekte sind die intellektuelle Biographie Augustins und seine theologischen Auseinandersetzungen. Im Zentrum steht die Frage, wie ein hochgebildeter Intellektueller der Spätantike in der Pluralität von Sinnangeboten in gesellschaftlichem Umfeld, Philosophie und Religion seinen individuellen Weg sucht. Mit dem Rüstzeug antiker Bildung, vor allem literarischer und philosophischer Schulung, setzt sich Augustinus mit der christlichen Botschaft und ihren biblischen Grundlagen intensiv auseinander und sucht nach intellektuell wie existentiell tragfähigen Verbindungen. Damit trägt er zur Weiterentwicklung christlichen Denkens maßgeblich bei. Das eigene Forschungsinteresse gilt daher seiner persönlichen Entwicklung sowie den theologischen und kirchlichen Transformationsprozessen. Einen Schwerpunkt bildet hier insbesondere Augustins Verhältnis zum Manichäismus. Die nordafrikanischen Manichäer treten mit den Anspruch auf, wahre Christen zu sein und gegenüber der „katholischen“ Kirche ein höheres Christentum zu bieten, das intellektuell befriedigt und hohe ethische Standards erfüllt. Der junge Augustinus schließt sich ihnen für etwa 10 Jahre an. Nach der Enttäuschung und Rückwendung zur catholica wird er zu ihrem erbitterten Gegner. Damit spielt der Manichäismus für die intellektuell-religiöse Entwicklung Augustins eine wichtige Rolle. Es stellt sich die Frage, welche Folgen dies für sein eigenes Welt- und Menschenbild hatte, wie sich dies in seinen theologischen Konzepten niederschlägt und in wieweit dies Spuren in der theologischen Tradition hinterlässt.

Aktuell wird dieses Forschungsfeld mit der Erforschung des antiken Divinationswesens verknüpft (s. 2)


2. Christliche Existenz in der Spätantike zwischen kirchlichen Normen und paganer Praxis (im Forschungsfeld „Antike und Christentum“) – Rezeption und Transformation von Divination
„Antike und Christentum“ umschreibt ein zentrales Forschungsfeld für die Frühe Kirche. Es geht um die inneren Verschränkungen zwischen antiker Kultur und Christentum und damit zentral um die Transformationsprozesse, die hierdurch in beiden Richtungen ausgelöst werden. Diesem Programm widmet sich das „Franz Joseph Dölger-Institut zur Erforschung der Spätantike“ (https://www.antike-und-christentum.de/) und das vom ihm herausgegebene „Reallexikon für Antike und Christentum“.

Die eigenen Beiträge zu diesem Forschungsfeld konzentrieren sich auf die Rezeption und Transformation paganer Techniken zur Lebensbewältigung, die in der „christlichen Spätantike“ als Entscheidungshilfen und Strategien der Angstbewältigung lebendig bleiben. Thematischer Schwerpunkt ist hier der Bereich der antiken Divination. In den unterschiedlichsten Formen sind Divinationspraktiken von der Frühzeit bis in die Spätantike im öffentlichen und privaten Leben allgegenwärtig. Besondere Bedeutung kommt den verschiedenen Formen von Orakeln zu. Mit „Orakeln“ sind Anfragen an den übermenschlich-göttlichen Bereich gemeint, um in aktuellen Lebensproblemen Rat und Entscheidungshilfe zu erhalten. Eine Technik ist das Losen, das ebenfalls im Leben der Antike weit verbreitet ist. Die Grenzen zu Magie und Astrologie sind fließend. Wegen seiner Verwurzelung im Polytheismus und Dämonenglauben lehnen Theologen der Frühen Kirche das Divinationswesen grundsätzlich ab, die christlichen Kaiser versuchen es gesetzlich zu unterbinden. Dennoch lebt es in der individuellen Praxis weiter fort und wird teilweise in transformierter Form auch kirchlich akzeptiert. Somit stellt sich die Frage, welche Folgen dies für die Entwicklung christlicher Milieus hat und wie diese Praktiken reflexiv eingeholt werden.

Diesen Fragen geht das aktuelle DFG-Forschungsprojekt „Vom paganen zum christlichen Orakel. Divination im Alltagskontext von Christen bei Augustinus von Hippo“ nach. Besonderes Interesse gilt der Bedeutung von Divination im Alltagsleben von Christen im Spannungsfeld zwischen alltäglicher Lebensbewältigung und kirchlichen Normen.


3. Entwicklung und Begründung kirchlicher Strukturen – Cyprian von Karthago
Kirchliche Ordnungsprinzipien und Grundstrukturen (Trennung von Klerus und Laien, Ämter, Hierarchien) sowie deren theologische Begründung sind konkreter Ausdruck kirchlichen Selbstverständnisses. An Fallbeispielen wird untersucht, wie kirchliche Strukturkonzepte, vor allem Rollen- und Kompetenzzuschreibungen und somit Machtverteilung, im Spannungsfeld kirchlicher Tradition, gesellschaftlicher Umwelt und aktueller Konflikte (staatliche Verfolgung, innerkirchliche Auseinandersetzungen) ausgehandelt und theologisch legitimiert werden. Für den Bereich der westlich-römischen Kirche ist Cyprian von Karthago in diesem Kontext von großer Bedeutung. Das eigene Forschungsinteresse gilt Person, Schriften und theologischen Konzepten des karthagischen Bischofs. Im Mittelpunkt steht sein Beitrag zur Entwicklung der Ekklesiologie im lateinischen Westen. Indem er kirchlich-biblische Traditionen mit Prinzipien römischer Verwaltung und römischem Rechtsdenken verbindet, stärkt er den Monepiskopat und trägt zu einer Verschärfung der Hierarchisierung kirchlicher Strukturen bei.


4. „Novum Testamentum Patristicum“ (NTP) – Rezeptionsgeschichte der Johannespassion
Gemeinsam mit Prof. Dr. H.-U. Weidemann und Dr. Dr. Nestor Kavvadas wird im Rahmen des internationalen Projekts NTP die Rezeption der Johannespassion bei Theologen des antiken Christentums bis ins 8. Jh. erforscht. Im Kern geht es um die Frage, in welchen historischen Kontexten und theologischen Auseinandersetzungen Theologen der „Alten Kirche“ die Szenen der Johannespassion aufgreifen, welche Argumentationsziele sie verfolgen und wie dies wiederum auf den neutestamentlichen Text profilbildend zurückwirkt. Aus patristischer Perspektive ist dabei eine Vielzahl von Fragen interessant: Mit welchen Fragestellungen und Auslegungsmethoden gehen die einzelnen Autoren an den biblischen Text heran? Wie gehen sie in ihren Argumentationen technisch vor? In wieweit nehmen sie im neutestamentlichen Text vorhandene Impulse auf, in welchem Maß tragen sie textfremde Fragestellungen und Sinndimensionen in den Text ein? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede lassen sich in den Auslegungen verschiedener Autoren erkennen? Wie stark wirken sich aktuelle theologische Streitigkeiten auf die Auslegung aus? Welchen Einfluss haben unterschiedliche Textgattungen (Kommentar, Predigt, Brief, theologischer Traktat) für die Auslegung?