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DFG-Projekt: Vom paganen zum christlichen Orakel. Divination im Alltagskontext von Christen bei Augustinus von Hippo (HO 1583/3-1)

Projektteam

Prof. Dr. Andreas Hoffmann, Cristina Vultaggio

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Problemkontext

Im öffentlichen und privaten Leben der griechisch-römischen Antike ist Divination außerordentlich weit verbreitet. Unter „Divination“ versteht man allgemein die Ermittlung eines übermenschlichen Wissens oder Wollens aufgrund von Zeichen höherer Mächte. Diese Zeichen können auf den Menschen unerwartet zukommen, etwa in außergewöhnlichen Naturphänomenen, plötzlichen Begegnungen, Körpersymptomen usw. Zumeist aber werden sie gezielt gesucht. Mit „Orakel“ sind solche Zeichen gemeint, die durch eine konkrete menschliche Anfrage unter Einsatz bestimmter Techniken provoziert werden. Ziel dieser Anfragen ist es, Ratschläge in Lebensfragen einzuholen, Hinweise auf zukünftige Ereignisse zu erhalten oder Verborgenes offenzulegen. Die Techniken reichen von sehr einfachen Formen wie dem Losen bis zu hoch ritualisierten Kulten, die in standardisierten Abläufen in spezialisierten Orakelheiligtümern ausgeführt werden.

Von christlicher Seite werden die unterschiedlichen paganen Divinationsformen wegen ihrer Verwurzelung im Polytheismus und Dämonenglauben grundsätzlich abgelehnt. Die christlichen Kaiser versuchen sie durch gesetzgeberische Maßnahmen zu unterbinden. Andererseits besteht aber weiterhin das menschliche Bedürfnis, im alltäglichen Leben Angst und Unsicherheit zu reduzieren. Gerade aufgrund der jahrhundertelangen Durchdringung des öffentlichen und privaten Lebens liegt daher die Annahme nahe, dass Formen antiker Divination – durchaus auch entgegen kirchlichen Normen – auch unter Christen in der individuellen Praxis weiter fortbestehen.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich ein vielschichtiger und differenzierter Prozess zwischen Ablehnung, Rezeption und Transformation. Das Projekt geht diesem Prozess am Beispiel des Augustinus von Hippo nach. Auf der Grundlage seines umfangreichen Schriftencorpus, vor allem seiner Predigten und Briefe, soll ein Bild lebendiger divinatorischer Praxis im gesellschaftlichen Umfeld und im Alltagsleben von Christen gezeichnet werden. Im Zentrum stehen drei Fragenkomplexe:
1. Welche Formen paganer Divination bestehen in der Lebenswelt zur Zeit Augustins weiter fort?
2. Wie werden diese Praktiken von Theologen und kirchlichen Entscheidungsträgern (Bischöfen, Synoden, Konzilien) beurteilt und wie weit werden sie von Christen im Rahmen oder außerhalb kirchlicher Normen in ihren Lebensvollzügen angewandt?
3. Welche Formen divinatorischer Praxis werden von kirchlicher Seite positiv rezipiert, wie werden sie transformiert sowie theologisch legitimiert, und für welche Lebenskontexte sind sie relevant?

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Ziel

In der äußerst intensiv betriebenen Augustinusforschung (eindrucksvoll dokumentiert durch das Zentrum für Augustinus-Forschung: www.augustinus.de) ist dieser Aspekt bisher wenig beachtet worden. Das Projekt will somit eine Lücke in der Augustinusforschung füllen. Darüber hinaus leistet es mit dem Fokus auf der individuellen religiösen Alltagspraxis weiterführende Beiträge zu aktuellen Forschungsdiskursen der spätantiken Christentums und Religionsgeschichte: Individualisierung religiöser Vollzüge, gelebte Religiosität und Konstruktion individueller Identitäten. Dies erhärtet und erweitert das Modell der „pluralen Identität“ (Markschies) des antiken Christentums. Schließlich trägt das Projekt dazu bei, die Geschichte des Divinationswesens für die christliche Spätantike im Westen des Römischen Reiches fortzuschreiben.

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Finanzierung

Das Projekt wird von der DFG finanziert (11/2016 - 10/2019)

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