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Forschung

Programmatik: 

Systematische Theologie arbeitet an der rationalen Durchdringung und Verantwortung religiöser Überzeugungen im Gespräch mit und vor den Anfragen anderer, religiöser wie säkularer Weltanschauungen. Diese Herausforderung findet zudem vor dem Hintergrund des Spannungsverhältnisses von historischer Kontingenz und Normativität statt, das die historischen Fächer entfalten. Die Forschungsschwerpunkte des Lehrstuhls für Systematische Theologie sind deshalb von der Grundeinsicht geleitet, dass eine hermeneutische Erschließung zentraler Inhalte christlicher Glaubensüberzeugungen nicht im Binnenraum des eigenen Glaubensverständnisses verbleiben kann. Vielmehr stellt die Reflexivität der eigenen Position eine Grundbedingung ihrer möglichen Plausibilität dar. Mehrere Forschungsprojekte erproben diese Zielstellung an zentralen Arbeitsfeldern der Dogmatik, Fundamentaltheologie und theologischen Ethik:  

1. Der Forschungsschwerpunkt „Religiösen Zweifel denken“ (V. Hoffmann) macht im Rückgriff auf Analysen des kanadischen Philosophen Charles Taylor die veränderten Rahmenbedingungen für religiöse Überzeugungen ausdrücklich zum Thema. Wenn Glaubensüberzeugungen heute grundsätzlich unter dem Vorzeichen von Optionalität und Kontingenz stehen, dann kommt der Frage nach dem religiösen Zweifel erhebliche Relevanz zu. Während Zweifel traditionell als Bedrohung des Glaubens galt, gerät heute vor allem in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Religion ein allzu gewisser Glaube schnell in den Verdacht intoleranter Engstirnigkeit. Von einer Evaluation dieser veränderten Bewertung des Zweifels aus lässt sich ein Neuverständnis dessen entwickeln, was unter religiösem Glauben verstanden werden soll. Das Projekt wurde im Rahmen eines Aufenthaltes von V. Hoffmann als Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt im WS 2015/16 intensiv vorangetrieben und interdisziplinär vernetzt.

2. Ein Langzeitprojekt beobachtet Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit mit Modellen und Metaphern in der Theologie (V. Hoffmann). Die Reflexion auf die metaphorische Gestalt religiöser Sprache macht die Kontextualität und Perspektivität der Formulierung von Glaubensüberzeugungen sichtbar, ohne religiöse Rede in die Nähe der Beliebigkeit zu rücken. Neben Grundsatzreflexionen auf Status und Funktion religiöser Rede und theologischer Wissenschaftssprache wird die Fragestellung vor allem exemplarisch am Modell der „Gabe“ durchgeführt, dies 2010-2013 auch im Rahmen eines von der DFG geförderten wissenschaftlichen Netzwerks. Insofern die Theologie sich hier mit Untersuchungen von Sozialwissenschaften und Philosophie zu Prozessen des Gebens und Empfangens vernetzt, ist die Forschung stark interdisziplinär ausgerichtet.

3. Die gesellschaftliche Relevanz religiöser Überzeugungen und die Frage nach ihrer Reflexivität treten häufig besonders scharf zu Tage, wenn aus ihnen moralische Vorstellungen oder Normen abgeleitet werden. Im Rahmen der von der analytischen Philosophie inspirierten neuen Forschungsrichtung der „Analytischen Theologie“ lassen sich neue Modelle des Verhältnisses von religiösen Überzeugungen (im Sinn eines Fürwahrhaltens von Inhalten) und religiösem Glauben (als persönliche Haltung) entwickeln. Diese erlauben es, das Verhältnis von religiösen und moralischen Überzeugungen neu zu bestimmen (J. Grössl). Die Forschungen werden über die Disziplingrenzen von Philosophie und Theologie hinweg und in internationalen Forschungsverbünden betrieben. So ist J. Grössl in das internationale Forschungsprojekt „Analytische Theologie“ (Universität Innsbruck; University of Notre Dame, Illinois, USA; Shalem Center, Jerusalem) eingebunden.  

 

aktuelle Forschungsprojekte:

  • Religiösen Zweifel denken

Die Rahmenbedingungen für religiöse Überzeugungen haben sich fundamental geändert. Im Kontext des massiven Erstarkens atheistischer Positionen und der internen Pluralisierung des religiösen Feldes stehen Glaubensüberzeugungen heute grundsätzlich unter dem Vorzeichen von Optionalität und Kontingenz. Damit rückt der religiöse Zweifel stärker ins Zentrum des Frageinteresses – Zweifel hier verstanden nicht im methodischen oder rein epistemologischen Sinn, sondern als grundlegendes Irrewerden eines Glaubenden an seinem Glauben bis hin zur Möglichkeit, dass dieser Glaube nicht mehr tragfähig erscheint. In der katholischen Fundamentaltheologie ist das Thema des Zweifels jedoch gegenüber den benachbarten Arbeitsbereichen rationaler Glaubensverantwortung und der Auseinandersetzung mit dem Atheismus bisher noch eher randständig. Die Bewertung des Zweifels ist zudem höchst umstritten. Traditionell galt er als Bedrohung des Glaubens und, sofern expliziter Glaube als heilsnotwendig angesehen wurde, damit auch des eigenen Heiles. Demgegenüber gerät heute vor allem in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Religion ein allzu gewisser Glaube schnell in den Verdacht intoleranter Engstirnigkeit, während Zweifel von Toleranz und intellektueller Redlichkeit zeuge.
So zeigt sich, dass verschiedene Verständnisse und Wertungen des religiösen Zweifels quasi spiegelbildlich je verschiedenen Theorien des Glaubens entsprechen. Das Forschungsprojekt will Konzeptionen des Zweifels und ihre Spiegelbildlichkeit zu Glaubensentwürfen erforschen und von dort aus neue Perspektiven für eine Theorie des Glaubens gewinnen. Dabei soll insbesondere die These geprüft werden, dass die traditionelle Ausrichtung des Glaubens auf das ewigen Heil sich weitgehend verschoben hat zu einer solchen auf die eigene Identität. Dazu werden zum einen wirkmächtige Theorien des Glaubens auf ihre expliziten oder impliziten Verständnisse des Zweifels hin befragt, zum anderen werden die Veränderungen der Bedingungen des Glaubens mit Hilfe von Ch. Taylors Analysen genauer erfasst. Auf dieser Basis soll ein systematischer Neuentwurf einer Theorie des Glaubens (und Zweifelns) vorgelegt werden.

 

  • Theologie der Gabe 

Thematik und Begrifflichkeit der Gabe gehören einerseits ganz selbstverständlich in das religiöse und theologische Vokabular. Andererseits scheint der theologische Umgang mit dem Begriff häufig noch wenig theoretisch reflektiert. Die Diskussion der letzten zwei Jahrzehnte in den Sozialwissenschaften und der Philosophie um das Verständnis von Geben, Empfangen und Zurückgeben und die vielfältigen damit verknüpften Vorgänge (annehmen, danken und erwidern, bestechen und Almosen geben, Tribut zahlen und Opfer darbringen ...) hat jedoch gezeigt, dass die Gabe weder ein eindeutiges noch gar ein selbstevidentes Phänomen ist. Die Rezeption dieser Überlegungen in der Theologie hat gerade erst. Das Projekt wird auf mehreren Ebenen entwickelt:  

a) DFG-Netzwerk "Gabe. Beiträge der Theologie zu einem interdisziplinären Forschungsfeld" (abgeschlossen): Das Netzwerk hat zum einen die bisherige Forschung aus Sicht der Theologie evaluiert. Vor allem aber hat es die Leistungsfähigkeit und Grenzen der Kategorie der »Gabe« für die Theologie an einschlägigen Problemfeldern der systematischen und ökumenischen Theologie und der theologischen Ethik untersucht und die theologische Expertise stärker im interdisziplinären Diskurs verankert. 

b) Monographie "Skizzen zu einer Theologie der Gabe" (abgeschlossen): Zunächst werden einige bedeutsame gabetheoretische Entwürfe aus Sozialwissenschaft und Philosophie gesichtet, um einen Überblick über erste Ansätze zu einer »Theologie der Gabe« zu gewinnen. Sodann wird unter Rückgriff auf Überlegungen von Marcel Hénaff und Paul Ricoeur untersucht, was die systematische Theologie durch eine gabetheologische Betrachtungsweise gewinnen könnte. Als besonders vielversprechende Problemfelder werden dabei die Themen Rechtfertigung, Opfer, Eucharistie und der Zusammenhang zwischen Gottes- und Nächstenliebe resp. die Frage, ob es Gestalten einer »(Gegen-)Gabe an Gott« geben kann, bearbeitet. Schließlich wird die größtenteils verdeckt mitlaufende pneumatologische Dimension der Überlegungen ans Licht gehoben. Das Projekt zielt folglich vorrangig auf die Implementierung gabetheoretischer Überlegungen in die systematische Theologie, möchte aber auch einen Beitrag zu einer größeren Sichtbarkeit theologischer Fragestellungen und theologischer Expertise im interdisziplinären Diskurs um die Gabe leisten.

c) Gabe und Anerkennung: Die Diskurse von "Gabe" und "Anerkennung", die lange weitgehend voneinander unabhängig geführt wurden, beginnen sich in neuester Zeit an einigen Stellen zu kreuzen. Dass Gaben symbolische Ausdrucksgestalten von Anerkennung sein können, scheint trivial. Lässt sich aber möglicherweise die Gabe auch auf einer theoretischen Ebene als Modell für bestimmte Formen von Anerkennung verstehen? Da beide Konzept theoretisch in vielfältigen Weisen konzipiert werden, hängt die Antwort auf die Frage unter anderem am genaueren Verständnis von "Gabe" und "Anerkennung". Die Untersuchungen von Marcel Hénaff und Paul Ricoeur werden auf ihre Bedeutung für ein theologisches "Gabe-Modell" der Anerkennung ausgewertet. 

 

 weitere Forschungsschwerpunkte:

  • Die Bedeutung von Charles Taylors Philosophie für die Theologie
  • Theologische Arbeit mit Metaphern und Modellen
  • Sakramentalität als eine mögliche Grundstruktur des Gott-Welt-Verhältnisses
  • Das Werk Paul Ricœurs und seine theologische Rezeption