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Mauersegler fliegen mit "Rucksack" von Olpe nach Afrika

Biologe Arndt Wellbrock beobachtet Brutkolonie in der Talbrücke Ronnewinkel - Einmalige Basis für wissenschaftliche Untersuchung

Mama Mauersegler sitzt auf ihrem Nest und lässt sich nicht stören. „Vermutlich hat sie jetzt das dritte Ei gelegt“, flüstert Arndt Wellbrock und schleicht vorsichtig zurück zu seinem Arbeitsplatz. Der ist sicherlich einer der ungewöhnlichsten in ganz Deutschland: ein Klapptisch innerhalb der Talbrücke Ronnewinkel, die bei Olpe über den Biggesee führt. In den halbdunklen Betonraum gelangt er über eine Leiter und eine kleine Luke. Über ihm rauschen die Autos.

Das monotone Tong-Tong, das erklingt, wenn die Räder über die Brückenschwellen holpern, scheint die Mauersegler nicht zu irritieren. Wellbrock fällt es kaum noch auf. Jeden Tag ist der 34-jährige Biologe hier. Er beobachtet eine Kolonie von Mauerseglern, die in der Brücke brüten. Ende April kommen die ersten Vögel an und schlüpfen durch kleine runde Belüftungslöcher in die Brücke, beginnen mit der Partnersuche und dem Nestbau. Wellbrock schreibt seine Doktorarbeit über die Mauersegler und arbeitet seit 2010 in der Fachgruppe Ökologie und Verhaltensbiologie (Department Chemie-Biologie) an der Uni Siegen.
2003 wurde die Mauersegler-Kolonie zufällig von zwei Hobbyornithologen entdeckt. Seit 2007 erforschen Wissenschaftler unter der Leitung von Prof. Dr. Klaudia Witte die Mauersegler. „Es ist eine einmalige Situation, dass wir die Vögel in der Brücke beobachten können“, so Wellbrock. Mauersegler sind Felsenbrüter, bauen ihre Nester aber auch unter Ziegeldächern von Kirchtürmen, Fabrikgebäuden oder Bahnhöfen. Die Talbrücke Ronnewinkel ist für die Mauersegler attraktiv, weil die 16 etwa 40 Meter langen Brückenkammern mehr als 250 Einfluglöcher bieten. Der Biggesee samt seinem Umfeld liefert eine gute Nahrungsgrundlage.

Nester sind verkabelt

Arndt Wellbrock klappt seinen Laptop auf und erkennt auf einen Blick, welche Mauersegler unterwegs sind. Alle Nester sind mit einem Antennenring verkabelt. Die Mauersegler wurden mit einem Mini-Transponder, einem Chip, ausgestattet, der dem Biologen Daten über den Ein- und Abflug liefert. 32 Mauersegler-Paare brüten in der Brücke. Im vergangenen Jahr waren es 44. „Vielleicht kommen noch welche“, hofft Wellbrock. Schließlich haben die Vögel eine lange Anreise. Mauersegler überwintern in Afrika. Wo genau sich die Vögel im Winter aufhalten, möchte man durch Geolokatoren herausfinden. Diese ein Gramm schweren „Rucksäcke“ bekommen die Mauersegler aufgesetzt. Es hindert die Tiere nicht beim Fliegen.

„Um sie den Vögeln aufzuziehen, braucht man aber schon zwei Leute“, berichtet Wellbrock. Mauersegler haben zwar keine scharfen Schnäbel, dafür aber umso stärkere Krallen. Die „Rucksäcke“ liefern Daten über die Tagesdauer der Regionen, die die Mauersegler überfliegen. Daraus lassen sich Flugrouten und Zielplätze in Afrika auf 80 bis 100 Kilometer genau berechnen. Zehn Vögel der Olper Kolonie wurden im vergangenen Jahr damit ausgestattet, und da die Tiere ihrem Brutort treu bleiben, hofft man in diesem und im nächsten Jahr die ersten Daten auswerten zu können.

Wellbrock, der aus Norddeutschland stammt und gezielt wegen des Mauersegler-Projekts nach Siegen gekommen ist, interessiert sich aber nicht nur für die Flugrouten, sondern für das geschlechtsspezifische Verhalten der Mauersegler. Das ist ein Schwerpunktthema seiner Doktorarbeit. Mauersegler gelten als treu. Männchen und Weibchen kommen zwar nicht gemeinsam aus Afrika zurück, treffen sich häufig aber am alten Brutplatz und nutzen  das Nest vom vergangenen Jahr. Wellbrock will mehr über die Partnerwahl herausfinden. Schließlich gibt es bei den Mauerseglern auch „Fremdvaterschaften“ und Jungvögel, die im ersten Jahr noch nicht brüten, kommen trotzdem zum Brutplatz, vielleicht um schon Nistplätze zu inspizieren. Fliegt jedenfalls ein „Single-Mauersegler“ das Einschlupfloch eines besetzten Nests an, kann es zu erbitterten Kämpfen kommen. „Stundenlang klammern sich die Vögel aneinander.“
Zwei bis drei Eier legen Mauersegler in der Regel. Wellbrock kontrolliert jedes Nest. Sind die Vögel geschlüpft, wiegt er sie alle zwei Tage, beringt sie und wird am Ende des Sommers sehen, wie sie die Ronnewinkelbrücke Richtung Süden verlassen. Dann kann auch Wellbrock seinen Klapptisch einpacken  und hoffen, dass im nächsten Frühjahr möglichst viele „seiner“ Mauersegler zurück nach Olpe kommen und in ihren „Rucksäcken“ viel Material mitbringen.     

Vogel „ohne Fuß“
Der Mauersegler trägt die lateinische Bezeichnung Apus (apus), was „ohne Fuß“ bedeutet. Die Vogelart hat natürlich Füße, aber sehr kurze Beine. Mauersegler sind im Schnitt 40 Gramm schwer. Ihre Flügelspannbreite liegt bei 40 bis 44 Zentimetern. Mauersegler sind schnelle, wendige Flieger. Einen Großteil ihres bis zu 20 Jahre andauernden Lebens verbringen sie in der Luft. Sie sind geschickte Luftjäger und ernähren sich von Insekten und Spinnen. Das Trinken erfolgt in einem schnellen Gleitflug über eine Wasseroberfläche. Der Mauersegler ist in seinem Bestand nicht gefährdet, jedoch hat die Population in Deutschland seit 1990 um mehr als 20 Prozent abgenommen. Durch Modernisierung älterer Gebäude stehen die Vögel bei Rückkehr zur ihren Brutplätzen immer öfter vor „verschlossenen Türen“. 2003 war der Mauersegler Vogel des Jahres.
Sabine Nitz

Dieser Artikel ist im Querschnitt 4/2013 erschienen.

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