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Gefährliche Sicherheit

ZEIT-Redakteur Gero von Randow hielt auf Einladung des FoKoS ein Plädoyer für einen kritischen Umgang mit Technologie.

Der ZEIT-Redakteur Gero von Randow hat in Siegen ein unterhaltsames Plädoyer für einen kritischen und aufgeklärten Umgang mit Technologie gehalten und die Gefahren eines naiven Sicherheitsglaubens betont. Der Journalist war auf Einladung des Forschungskollegs „Zukunft menschlich gestalten“ der Universität Siegen (FoKoS) zu Gast.

Gero von Randow illustrierte am Beispiel des Eisenbahnunfalls im britischen Clayton-Tunnel, bei dem am 25. August 1861 23 Menschen ums Leben kamen, wie sich durch eine zusätzlich eingebaute Ebene der Unfallprävention die Komplexität eines technischen Systems und mithin seine Fehleranfälligkeit erhöhen kann. Neben zwei Streckenwärtern wurde der Tunnel zusätzlich durch ein halbautomatisches Signalsystem gesichert, das versagte. Ein darauf folgender Kommunikationsfehler der Wärter endete schließlich in der Katastrophe. Das Beispiel verdeutliche, wie ein „Mehr“ an Sicherheit nur zu Scheinsicherheit führe.

Gleichzeitig nutzte von Randow das Beispiel, um auf eine Lehre der Technikentwicklung hinzuweisen: Die technologische Welt erzeuge Sicherheit auch durch Unfälle, weil Menschen aus ihnen lernen und das technische System verbessern können. Oft führe der routinemäßige Umgang mit fortschrittlichen Sicherheitssystemen auch zu einem falschen Vertrauen in die Technik, die menschliche Intuition werde dann vernachlässigt. So hätten moderne Schiffe einen Anti-Kollisionsradar, der jedoch dann ungenaue Ergebnisse liefert, wenn seine Funktion besonders wichtig ist: Nämlich dann, wenn sich zwei Schiffe zu nahe kommen.

Weiterhin betonte von Randow die soziale Dimension der Risikoeinschätzung und der Einrichtung von Sicherheitssystemen. In der Regel werde deren Design durch Autoritäten festgelegt, was wiederum ein fehlgeleitetes Vertrauen in deren Funktionsfähigkeit begünstige. Technik sehe oftmals so aus wie die Interessen, denen sie dient. Dies müsse man sich bewusst machen. Die Katastrophe am Kernkraftwerk Fukushima Daiichi habe auch auf eine mangelhafte Sicherheitskultur bei den Verantwortlichen hingewiesen. Allgemein sei die Konzeption von Sicherheit eine Entscheidung, die politisch gefällt, also von Menschen gemacht wird.

Ein Besuch des Pariser Autosalons zeige das „moderne Auto als Gebärmutter“, die umfassende Sicherheit verspreche. Das Auto warnt mit Piepen vor einem nicht angelegten Sicherheitsgurt, weicht eigenständig Hindernissen aus und fahre bald von selbst. Hier sei geradezu eine Infantilisierung als Preis der Sicherheit zu beobachten. Diese sei gleichwohl relativ, sobald man sich auf der deutschen Autobahn bewege. Zwar sinke die Zahl der Verkehrstoten pro Jahr, sie liege numerisch aber noch auf dem gleichen Niveau wie die Anzahl der Toten der Anschläge vom 11. September. Dies sei jedoch psychologisch etwas völlig anderes.

Von Randow plädierte schließlich vor dem Hintergrund der digitalen Revolution („Die Menscheit hat sich mit dem Internet etwas geschaffen, wovon sie vorher nur religiös träumte – etwas das alles sieht und nichts vergibt.“) für einen kritischen Umgang mit der neuen Technologie: „Wenn das technosoziale System totalitär wird, entsteht nicht Sicherheit, sondern Verunsicherung.“ Es bedürfe einer neuen Informationsethik, die beispielweise früh im Entwicklungsprozess von Software danach frage, welchen Gebrauch sie ermöglichen und welchen sie verhindern solle. Von Randow warb abschließend für einen aufgeklärten Technikunterricht in den Schulen: „Damit die Kinder von heute die Welt von morgen mitgestalten können, müssen sie auch wissen, wie sie konstruiert und programmiert wird.“

Text: D. Knollmann. Bild: D. Helmes.

Gero von Randow arbeitete nach seinem Jura-Studium als freier Wissenschaftsjournalist für die Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT und wurde im Oktober 2000 stellvertretender Ressortleiter Politik. Von 2001 bis 2003 war er für das Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung tätig und kehrte danach wieder zur ZEIT zurück, wo er zwischen 2005 und 2008 die Aufgabe des Chefredakteurs von ZEIT Online übernahm. Mittlerweile arbeitet er wieder im Politikressort der Zeitung. Von Randow ist Autor von zahlreichen Sachbüchern und erhielt mehrere Preise, u. a. den European Science Writers Award 2003. Sein letztes Buch „Die Iranische Bombe: Hintergründe einer globalen Gefahr“ erschien 2006 bei Hoffmann und Campe.

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