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Suche nach der zukunftsfähigen Stadt

Fachtagung im Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ diskutierte die Möglichkeiten, Städte durch Nachhaltigkeit und die Einbeziehung aller Bevölkerungsteile zu gestalten.

Die kommenden Jahre sind für die Städte und die Kommunalpolitik eine besondere Belastungsprobe. Die globale technologische Entwicklung und der damit verknüpfte lokale Wandel, die massiv zunehmende Mobilität und Diversität und der damit verknüpfte soziale und demographische Wandel stellen für die Kommunen, Verwaltungen und die StadtbewohnerInnen erhebliche Herausforderungen dar.

Wie sollen und können die Städte auf diese Herausforderungen reagieren, wie kann man die Entwicklung in eine sozial, ökonomisch und ökologisch gleichermaßen verträgliche Richtung lenken? Die bisherigen Steuerungsinstrumente scheinen sich nicht mehr zu bewähren, weil funktionale Entmischung und soziale Segregation, Zersiedelung und von der Entwicklung abgekoppelte Räume massiv zunehmen. Kann hier „die Stadt der kurzen Wege“ − ein schon länger immer wieder beschworenes Leitbild − helfen, die urbane Entwicklung nach dem bewährten Traditionen der Europäischen Stadt wieder sozial wie funktional zu verdichten und zu mischen und so Mobilität und Diversität, Arbeit und Versorgung, Wohnen und Kultur auf hohem Niveau, aber kleinräumig und quartierzentriert, zu reorganisieren?

fokostagung5Das war das Thema der Fachtagung „Urbanität – Mobilität – Diversität. Der Beitrag der dichten und gemischten Stadt zu Nachhaltigkeit und Inklusion“ im Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ der Universität Siegen. Die Initiative ‚Stadt der kurzen Wege‘ diskutierte mit VertreterInnen des Umweltbundesamtes und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt,- und Raumforschung, Verkehrs- und StadtplanerInnen, Politik- und SozialwissenschaftlerInnen sowie KommunalpolitikerInnen und ExpertenInnen aus der Verwaltung. Prof. Dr. Holger Burckhart, Rektor der Universität Siegen, eröffnete die Tagung mit einem Grußwort.

Die Initiative „Stadt der kurzen Wege“ stellte zunächst aus drei Perspektiven die entscheidenden Argumente vor. Aus städtebaulicher (Andreas Feldtkeller: Städtebau: Funktionalität oder Dichte, Mischung und Öffentlichkeit), sozialwissenschaftlicher (Prof. Dr. Wolf-D. Bukow: Gesellschaft: Erfahrungsraum für gelebte Mobilität und Diversität) und verkehrsplanerischer (Prof. Dr. Ing. Henning v. Winning: Mobilität: Verkehr oder Erreichbarkeit durch Urbanität) Sicht.

Fazit: Zukunftsfähige Städte sind nur mit einer nachhaltigen Entwicklung und unter gezielter Einbeziehung aller Bevölkerungsteile zu erreichen. Entscheidend ist dafür ein neues ordnungspolitisches Konzept, das die gewünschte Siedlungsform durch geeignete Maßnahmen insbesondere eine neue Siedlungs- und Verkehrspolitik zu einem attraktiven „Normalmodell“ macht. Doch wie kann diese neue Siedlungs- und Verkehrspolitik aussehen?

Handlungsempfehlungen auf Bundesebene lieferten dazu Umweltbundesamt Wulf Hülsmann und Petra Röthke-Habeck vom Umweltbundesamt. Kompakte und funktionsgemischte Siedlungsstrukturen seien so zu konzipieren, dass sie gleichzeitig den Anforderungen an eine hohe Umwelt-, Aufenthalts- und Lebensqualität in den städtischen Quartieren gerecht würden. Für Stephan Günther, Vertreter des Bundesinstituts für Bau-, Stadt,- und Raumforschung, ist die Berücksichtigung allein dieser Aspekte nicht ausreichend. Seiner Ansicht nach verändere die Digitalisierung des Einzelhandels die Raum- und damit auch die Stadtstruktur. Mit dem Durchbruch von Big Data kündige sich eine ständige Modifikation und Steuerung des öffentlichen Raumes an, die in nachhaltigen Stadtentwicklungskonzepten berücksichtigt werden müsse.

fokostagung2Diese Argumentationen wurden in der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Hilmar von Lojewski (Beigeordneter des Deutschen Städtetags), überprüft. Einig war man sich darin, dass eine nachhaltige Siedlungspolitik nur Erfolg haben kann, wenn sie zugleich die Verkehrsplanung und Verkehrspolitik in diese Strategie einbindet. Die Städte sollten deshalb konsequenter als bisher ihre Siedlungs- und Bauleitplanung mit der Verkehrsplanung verzahnen. Zweifel wurden vor allem hinsichtlich der Einflussnahme und Partizipationsmöglichkeiten der BürgerInnen im Quartier geäußert.

Vor diesem Hintergrund stellte die österreichische Architektin und Kuratorin Elke Krasny gerade die in Zweifel gezogene aktive Partizipation und Selbstorganisation der BürgerInnen in den Mittelpunkt. Sie skizzierte mit vielen – auch historischen – Beispielen, wie sich StadtbewohnerInnen die Prozesse der Urbanisierung aneignen, damit die städtische Lebensweise verbessern und so ihr „Recht auf Stadt“ sowohl räumlich als auch politisch beanspruchen.

In einem weiteren Schritt wurden vor allem die Auswirkungen von Zuwanderung und Diversität für die Stadt diskutiert. Nach einem einführenden Vortrag von Chris Rowe („People on the Move: the historical traces of migration and mobility in the urban reality“) stand der Beitrag von Dierk Hausmann, langjähriger Leiter des Stadtplanungsamtes der Stadt Frankfurt a. M., im Mittelpunkt. An Beispielen machte er deutlich, dass Zuwanderung und Diversität längst zu den entscheidenden Entwicklungsmotoren von Stadtentwicklung geworden sind und sie deshalb weiter gezielt gefördert und strukturell integriert werden müssen. Dazu bedarf es aber eines entsprechenden ordnungspolitischen Rahmens, wie ihn sich die Stadt Frankfurt mit einem Integrations- und Diversitätskonzept 2010 gegeben hat.

Abschließend zeigte Henning Krug, Verkehrsplaner aus Heidelberg, durch eine exemplarisch gemeinte verkehrsvergleichende Analyse die Vorteile auf, die sich durch eine Stadt der kurzen Wege für urbane Quartiere ergeben. Klar wurde aber auch, dass die ländliche Region nur insoweit eine Entwicklungschance hat, wie es ihr gelingt, ländliche Quartiere entweder entsprechend zu arrondieren oder sich zumindest mit entsprechenden Quartieren zu vernetzen.

Dass es beim Dialog zwischen VertreterInnen verschiedener Disziplinen und Fachrichtungen Bedarf an einer weiterführenden Auseinandersetzung gibt, belegten die durchaus kontrovers geführten Diskussionen. Dabei zeigten die spannenden Debatten, dass ein innerfachlicher Austausch und eine interdisziplinäre Kooperation aber auch erforderlich sind, um Fragen nach einer städteverträglichen Entwicklung zu beantworten. „Eine Lösung der Probleme ist nur mit einem Bündel von Maßnahmen möglich, wobei die Raumordnung, die Stadtentwicklung, der Städtebau, die Wohnungs-, die Umwelt-, die Wirtschafts- und die Verkehrspolitik einbezogen werden müssen“, so das Abschlussplädoyer der Tagung.

Von Nina Berding und Prof. Dr. Wolf-D. Bukow

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