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Eine Wirtschaft ohne Wachstum?

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Zukunft menschlich gestalten" sprach die Schweizer Ökonomin Irmi Seidl im FoKoS über die Wachstumsfixierung westlicher Industrienationen und warum wir lernen müssen, mit weniger Wirtschaftswachstum zu leben.

Keine Sonntagsrede kommt ohne aus: PolitikerInnen beteuern regelmäßig, dass sie sich für "mehr Wachstum" einsetzen wollen. Denn damit verbunden ist immer auch ein weiteres Versprechen: Aus Wachstum folgt Wohlstand. Und der soll der Gesellschaft als Ganzes zugute kommen. Warum sollte man also auf Wachstum verzichten wollen? Was ist so schlecht daran? Und würde eine Volkswirtschaft ohne Wachstum überhaupt funktionieren?
 
Diesen Fragen spürte Irmi Seidl nun im Forschungskolleg (FoKoS) der Universität Siegen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Zukunft menschlich gestalten“ nach. Die Ökonomin aus der Schweiz verdeutlichte zunächst, dass sich westliche Industrienationen ohnehin mit der Frage „Was kommt nach dem Wachstum?“ auseinandersetzen müssten – ob sie wollen oder nicht. Denn die Wachstumsraten – traditionell veranschaulicht anhand der jährlichen Veränderung des Bruttoinlandsproduktes – seien deutlich rückläufig und dieser Trend halte auch in Zukunft an. Demnach seien die Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges eher eine historische Ausnahme, in der der nötige Wiederaufbau, billiges Öl und ein fordistisches Konsummodell das Wirtschaftswachstum beflügelten.
 
Heute hingegen, so Seidl, seien eine Reihe von Faktoren zu beobachten, die anhaltendem Wirtschaftswachstum eher im Wege stünden: Der demographische Wandel verändere die Leistungsfähigkeit und Konsumfreudigkeit der westlichen Gesellschaften, es sei allgemein eine Sättigung bei den Konsumausgaben und den Bruttoinvestitionen zu beobachten und die Produktivität insgesamt sei eher rückläufig.
In einem nächsten Schritt kam die Ökonomin darauf zu sprechen, warum Wachstum ohnehin keine Lösung sei und eine Steigerung des BIP nicht zwingend mit einer leichteren Lösung gesellschaftlicher Probleme einhergehe. So steige der Wohlstand westlicher Gesellschaften gerade nicht mehr parallel zum BIP-Wachstum.
 
Doch was versteht man unter Wohlstand? Die ökonomische Glückforschung jedenfalls erkenne keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft und der Lebenszufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger. Darüber hinaus habe Wirtschaftswachstum weiterhin negative Auswirkungen auf die Umwelt – erhoffte Effizienzsteigerungen, die zu einem geringeren Ressourcenverbrauch führen, hätten sich nicht in ausreichendem Maße eingestellt. Damit betonte Seidl auch die zerstörerischen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums. Es befördere ferner gesellschaftliche Ungleichheit, die zu sozialen Problemen führe, und auch die weltweite Erwerbslosigkeit steige trotz Wirtschaftswachstum. Mit Hinweis auf die sogenannte „Beschäftigungsschwelle“ verwies Seidl darauf, dass ein Mindestmaß an Wachstum notwendig sei, um überhaupt das Entstehen von Arbeitslosigkeit zu verhindern. Gleichzeitig sei ein Großteil des Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahrzehnte schuldengetrieben gewesen. Um die Verschuldung in den westlichen Volkswirtschaften abzubauen, seien wiederum Wachstumsraten nötig, die Seidl „illusorisch“ nannte.
 
Wenn diese Probleme bekannt sind: Warum wird die Politik dennoch nicht müde, die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums zu beschwören? Seidl verwies in diesem Zusammenhang auf die Konstitution zentraler gesellschaftlicher Bereiche, die auf Wirtschaftswachstum angewiesen seien, um ohne Probleme zu funktionieren. So seien die Sicherungssysteme des Sozialstaats darauf angewiesen, dass die Beschäftigungszahlen zunehmen und die Löhne steigen. Lange Phasen des Nicht-Wachstums würden zum Beispiel in der Alterssicherung zu großen Problemen führen. Seidl plädierte deshalb dafür, diese Bereiche „wachstumsunabhängig“ zu machen, damit die Fixierung auf das BIP-Wachstum nachlasse.
 
Abschließend versuchte die Ökonomin zu veranschaulichen, wie eine Transformation weg von der Wachstumsfixierung gelingen könne. Seidl betonte dabei zunächst, dass es nicht darum gehe, Wachstum um jeden Preis zu vermeiden: „In der Postwachstumsgesellschaft gibt es kein Wachstumsverbot, aber auch kein Wachstumsgebot.“ Vielmehr müssten wachstumsabhängige Gesellschaftsbereiche umgebaut und wachstumsunabhängige gestärkt werden. Politisch sei dies immer dort möglich, wo es genug Aufmerksamkeit für ein Thema gebe und entsprechende Handlungsmöglichkeiten existieren würden, die von vielen politisch handelnden Personen auch erkannt werden. Seidl nannte die deutsche Energiewende und den Atomausstieg als Beispiel für eine solche Transformation, die das Wachstum des Energie- und Ressourcenverbrauchs stoppen könne.
 
Schließlich hielt die Ökonomin ein Plädoyer für soziale Innovationen, die bereits in Ansätzen erkennbar seien und den Weg in eine Postwachstumsgesellschaft weisen könnten. Unter den Stichworten „Urban Agriculture“, „Sharing Economy“, „Maker Culture“ oder „Collaborative Financing“ kämen bereits heute Menschen zusammen, um jenseits von Wachstumfixierung Ressourcen effizienter zu nutzen und konkrete gesellschaftliche Probleme zu lösen.
 
Text: David Knollmann
Foto: Janine Taplan