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Hilfe für den Schulunterricht mit Geflüchteten

Fachtagung zu (neu-)zugewanderten Kindern im Schulalltag bringt mehr als 300 Lehrkräfte aus der Region, Forschende und Studierende an der Universität Siegen zusammen.

Wenn sich Schüler im Unterricht statt auf Stühle auf den Boden setzen oder die Schuhe ausziehen, dann mag dies wie schlechtes Benehmen wirken – in unserem Kulturkreis. „Unser Kulturkreis“, was damit tatsächlich gemeint sein kann oder nicht, das erfahren derzeit viele nach Deutschland geflüchtete Menschen, aber auch diejenigen, die im Alltag mit Geflüchteten leben, arbeiten oder sie unterrichten. Lehrerinnen und Lehrer in sogenannten Willkommensklassen, in denen Geflüchtete unterschiedlichster Herkunft ihre erste Erfahrung mit dem deutschen Bildungssystem machen, müssen nicht nur Deutsch als Sprache unterrichten, sondern auch „Deutsch“ als Wertegemeinschaft. Welche große und neue Aufgabe da auf Lehrkräfte wartet, haben fast 300 ForscherInnen, Studierende sowie Lehrkräfte der Schulen des Kreises Siegen-Wittgenstein bei der Fachtagung „(Neu-)zugewanderte Kinder im Schulalltag – Herausforderungen und Chancen für alle“ an der Universität Siegen herausgearbeitet.


Ziel war der Austausch über Probleme aus der Praxis und mögliche Lösungen.  Die Geflüchteten dazu zu bringen, auf den Stühlen sitzen zu bleiben und die Schuhe anzulassen, das hat Daniel Kring erfolgreich hinbekommen – „mit strikter Disziplin“. Kring koordiniert am Siegener Berufskolleg Wirtschaft und Verwaltung die Willkommensklassen. Um seinen SchülerInnen besser bei der Integration in Deutschland zu helfen, hofft er, auf der Tagung Hilfe zu erhalten, wie er mehr über die Bildungsbiographien der Geflüchteten erfahren kann. Denn für ihn und seine KollegInnen steht fest: Schlechtes Benehmen ist das Ausziehen der Schuhe während des Unterrichts nicht – außerhalb unseres Kulturkreises.

Das Verhalten der SchülerInnen lässt sich wesentlich besser nachvollziehen, wenn die persönliche Fluchtgeschichte, mögliche Traumata, der Stand der Schulbildung und die Alltagskultur der Schüler und Schülerinnen nicht vollkommen unbekannt sind. Daher sitzt Kring mit seiner Kollegin Maren Achenbach im Workshop „Bildungsbiografien unbegleiteter männlicher minderjähriger Flüchtlinge“, der im Rahmen der Tagung stattfindet.
Der Erfahrungsaustausch mit Kollegen und Kolleginnen ist enorm wichtig, denn ausgebildet und wirklich vorbereitet auf die „UMF“, wie die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge abgekürzt werden, ist noch keiner, und: „Patentrezepte gibt es nicht“, sagt Carolin Flender. Sie leitet den Workshop und promoviert über Bildungsbiografien von UMF. Eigentlich wäre „UMMF“ die passendere Abkürzung, denn die minderjährigen Flüchtlinge, die ohne Begleitung eines Sorgeberechtigten nach Deutschland kommen, sind zu mehr als 90 Prozent junge Männer. Mehr als 25.000 unbegleitete Minderjährige sind seit Anfang des Jahres 2016 in die Bundesrepublik gekommen. Noch bis vor drei Jahren waren es jährlich weniger als 2500.
„Für mich als Frau ist der Zugang zu den männlichen Geflüchteten nicht ganz einfach“, sagt Maren Achenbach auf die Frage, worüber sie sich einen Erfahrungsaustausch wünscht. Workshop-Leiterin Flender hat direkt ein Beispiel: „Ich habe einen minderjährigen Afghanen als Pflegesohn aufgenommen. Es wäre für ihn vollkommen normal, dass er den ganzen Tag auf die Kinder aufpasst und dafür die Schule schwänzt, denn Kinderbetreuung wird auch in Afghanistan von Männern übernommen. Aber wenn er im Haushalt helfen soll, das kann ich ihm nicht vermitteln“, sagt Flender.

Den Lehrkräften fehlt Wissen über den kulturellen Hintergrund, gleichzeitig ist es nicht immer einfach, mehr über die Bildungsbiographie der SchülerInnnen in Erfahrung zu bringen. Die LehrerInnen haben keinen Ansprechpartner, Eltern oder Verwandte, mit denen sie über die SchülerInnen sprechen können. Hinzu kommen die Sprachbarriere und mögliche Traumata bei den Geflüchteten.
Meist von den Eltern losgeschickt haben sie einen langen und lebensgefährlichen Weg nach Europa auf sich genommen und sind plötzlich komplett auf sich alleine gestellt. Mit im Gepäck ist auch die Verpflichtung gegenüber der Familie, diese nicht zu enttäuschen und aus der Ferne zu helfen. In Deutschland angekommen müssen sie innerhalb kurzer Zeit eine fremde Sprache und neue Verhaltensregeln erlernen.
Manche können diesem Druck nicht dauerhaft standhalten. Die Workshop-Gruppe berichtet von Selbstverletzungen, von Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, die sie bei ihren Schülern in den Willkommensklassen beobachten. Andere habe die Flucht und der Druck stark gemacht, sie sind „Überlebende“ und voller Selbstvertrauen.

Im Gegensatz zu ihren deutschen Mitschülern geht es unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen nicht nur um die nächste Versetzung und den Anschluss an die Gesellschaft, sondern ums Überleben – ihr eigenes und das der Familie in der zurückgelassenen Heimat.

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Über die Fachtagung „(Neu-)zugewanderte Kinder im Schulallatag – Herausforderungen und Chancen für alle“
Die Tagung „(Neu-)zugewanderte Kinder im Schulalltag – Herausforderungen und Chancen für alle“ ist ein wichtiger Teil der gemeinsamen Kooperation zwischen der Universität Siegen und den Schulen im Kreis Siegen-Wittgenstein. Auf der zusammen mit dem Kreis organisierten Tagung gab es zahlreiche Vorträge, Workshops und Erfahrungsaustausche zwischen Lehrkräften, Forschenden und Studierenden. Der Erfolg des Fachtages ist auf die gelungene Zusammenarbeit zwischen Kreis und Universität zurückzuführen: „Über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprechen dafür, dass man den Nerv der Zeit getroffen hat.“, sagt Jun.-Prof Dr. Daniel Mays vom Organisationsteam der Universität Siegen. Über die Fachtagung hinaus kooperieren die Universität Siegen und Schulen der Region in verschiedenen Projekten. Im Projekt FLUSS (FLüchtlingskinder: Unterstützung der Schulen in Siegen-Wittgenstein) z.B. unterrichten mehr als 200 Studierende geflüchtete Kinder an insgesamt 36 Schulen im Kreis Siegen-Wittgenstein.

 

Zur Webseite der Tagung „(Neu-)zugewanderte Kinder im Schulalltag – Herausforderungen und Chancen für alle“

Ansprechpartner:
Professur für Förderpädagogik mit dem Schwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung
Jun.-Prof. Dr. Daniel Mays

Organisation: Lisa Schneider

 

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