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Alte und neue Leitmedien


Medien ist es vielfach relativ schnell gelungen, eine starke Stellung in der Medienhierarchie zu besetzen. So hat sich etwa das Fernsehen in wenig mehr als einem Jahrzehnt als dominantes Medium etabliert. Waren über die letzten zwei Jahrhunderte Buch, Zeitung, Radio und TV für die bürgerliche Öffentlichkeit die wichtigsten Foren, um sich über politische Veränderungen, ökonomische oder kulturelle Verhältnisse, Strukturen oder Tendenzen zu verständigen und zu orientieren, so wird derzeit die Leitfunktion dieser Medien durch ihre Digitalisierung und globale Vernetzung zunehmend in Frage gestellt. Eine zentrale Rolle könnte bei der Analyse solcher Umbrüche dem Begriff ‚Leitmedien‘ zukommen (Verschiebungen in der Medienhierarchie = Mediendynamik? Wechsel des Leitmediums = Medienumbruch?).

Neue Öffentlichkeit

Einen neuen ‚Strukturwandel der Öffentlichkeit‘ kann man täglich beobachten. Die ‚Öffentlichkeit‘ wurde von Habermas ja bereits als Netz definiert, nämlich „Netz für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen (…), das sich nach der Kommunikationsdichte, der Organisationskomplexität und Reichweite nach Ebenen differenziert, von der episodischen Kneipe (…) bis zur abstrakten, über Massenmedien hergestellten Öffentlichkeit“. Aber lange Zeit war es ein Netz aus vielen, sehr unterschiedlich kommunizierenden Medien, mit sehr verschiedenen Autoren und ganz unterschiedlichen Adressaten. Aktuell konvergieren all die verschiedenen Medien in dem einen elektronischen ‚Netz‘, und in ihm entwickelt sich eine neue Öffentlichkeit als „Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“ (Habermas), die vom besten Futter für ihren Hund bis zur Annahme der europäischen Verfassung alles diskutieren, was überhaupt diskutiert werden kann.

Medienumbruch 2000

Allerdings sind zwei Dinge hinzugekommen, die dieses neue Leitmedium Internet in einem anderen Licht als die tradierten erscheinen lassen: zum einen ein ganz anderer Grad an technisch ermöglichter sozialer Kontrolle, zum anderen eine ‚Ergänzung‘ der kommunikativen Prozesse durch künstliche Intelligenz. Prinzipiell ist jeder, der sich ins Netz begibt und dort kommuniziert, von entsprechenden Werkzeugen beobachtbar, eine hundertprozentige Datensicherheit gibt es schlicht nicht, im guten wie im bösen Sinne. Und mehr und mehr werden die Kommunikationen hier von so genannten Software-Agenten begleitet, ergänzt, erweitert, von der Suche nach allem und jedem bis zur Kreditanfrage; immer öfter und immer eher sind es Programme, Expertensysteme, künstliche Stimmen, mit denen wir in einen Dialog über unsere Wünsche eintreten. Beide Aspekte haben eminente Auswirkungen auf die Leit- oder Orientierungs-Funktion, die einmal den Medien zugeschrieben wurde, sprich: Die auf den ersten Blick unendlich erweiterte Öffentlichkeit, die ihre Werte erstmals tatsächlich ‚global‘ diskutieren und etablieren könnte, wird zugleich eingegrenzt vom ständig präsenten Bewusstsein der Kontrolle wie von der ständig mitschreibenden ‚Intelligenz‘ der Maschinen.

Jahrestagung zum Thema 'Leitmedien‘

Sowohl solche gegenwärtigen Aspekte als auch historische Perspektiven, mit denen Begriff und Phänomen der Leitmedien für die Analyse von Medienumbrüchen fruchtbar gemacht werden sollen, stehen folgerichtig im Zentrum der Jahrestagung 2007 (15./16. November) des an der Universität Siegen seit 2002 bestehenden kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs ‚Medienumbrüche‘ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Zahlreiche namhafte Wissenschaftler werden in einem dichten Programm verschiedene Aspekte des Leitmedienphänomens erörtern. Am Abend des ersten Tages wird ergänzend eine Podiumsdiskussion mit Medienpraktikern und -theoretikern vor breiterem Publikum im Siegener Apollo-Theater über die Zukunft der Leitmedien stattfinden.

Verfasser: Prof. Dr. Peter Gendolla/ Dr. Daniel Müller

 
Text und Bilder sind frei zum Wiederabdruck