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"Verkomplizieren Sie sich!" - Metaphern in Beratungssituationen


Metaphern prägen unsere Weltwahrnehmung. Ersetzen wir ein Deutungsmuster durch ein anderes, verändern wir damit den Blick auf die eigene Wirklichkeit. Das hat Konsequenzen – zum Glück: Durch den Wechsel der Beobachtungs­perspektive können Handlungsspielräume gewonnen werden, die vorher nicht nur nicht denkbar, sondern vielmehr auch nicht wahrnehmbar waren – Beratungssituationen können sich diesen Mechanismus gezielt zu Nutze machen.


In Molières Komödie ‚Der Bürger als Edelmann‘ bittet der Held, Monsieur Jourdain, seinen philosophischen Lehrmeister um einen Rat: Jourdain hat sich in eine vornehme Dame verliebt und sucht für ein billet doux nach Formulierungen „in einer eleganten Manier“. Auf die Frage des Beraters, ob er an Verse oder an Prosa gedacht habe, schließt Jourdain zunächst beide Alternativen vehement aus. Nachdem der Philosoph ihn darin unterwiesen hat, dass „alles, was nicht Prosa ist,“ Verse sind, „und alles, was nicht Verse sind,“ Prosa ist, kann Jourdain es kaum fassen: „Meiner Treu, da rede ich nun schon mehr als vierzig Jahre lang Prosa, ohne es zu wissen.“ – Die Szene illustriert ein Grundproblem helfender Kommunikation, das Paul Watzlawick 1978 in seiner Studie ‚The Language of Change. Elements of Therapeutic Communication‘, anknüpfend an Molières Theaterdialog, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt: Während, so Watzlawick, in der damals üblichen klinischen Praxis dunkle, fremdartige oder gar beunruhigende Äußerungen des Patienten nur aus einer Außenperspektive fachlich kategorisiert, also gleichsam in die Theoriesprache der Psychiatrie übersetzt wurden, komme es darauf an, die alltägliche Sprache des Patienten in ihren Möglichkeiten und Grenzen zu lernen. Zu allererst müsse es darum gehen, die andersartigen Konzepte, Kategorien und Bezeichnungen des Patienten (die uns bei näherem Hinsehen so fremdartig nicht sind) zu verstehen, um dann therapeutische Interventionen in einer hieran anschlussfähigen Weise zu formulieren. Für Watzlawick liegt es auf der Hand, dass nur in der auf den ersten Blick irrationalen und oftmals bizarren Sprache der Schlüssel zu jenen Zonen liegt, in denen therapeutische Veränderung stattfinden kann.

Derartige Überlegungen sind nicht nur therapeutisch relevant, sie haben auch Eingang in bestimmte Ansätze der Beratungspraxis gefunden. Während in der klassischen ‚Expertenberatung‘ theoretisch verallgemeinertes Fachwissen in die Praxis übermittelt werden soll, gehen ‚prozessorientierte‘ Ansätze wie die systemische Beratung davon aus, dass die Klienten selbst bereits potenziell über das erforderliche Wissen zur Bewältigung ihrer Aufgaben verfügen, dass ihnen aber der Weg zu diesem Wissen und zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten durch dysfunktionale Kommunikations-, Denk- und Wahrnehmungsmuster versperrt ist. In dieser Perspektive resultieren etwa in Organisationen – neben der Familie ein bevorzugtes Betätigungsfeld derartiger Beratungseinrichtungen – Probleme unter anderem daraus, dass Sichtweisen der verschiedenen Abteilungen und Spezialisten nur unzureichend aufeinander abgestimmt sind.

Diese Koordination stellt insofern eine schwierige Aufgabe dar, als die verschiedenartigen Perspektiven einerseits nicht vereinfachend über einen Leisten geschlagen werden sollen, andererseits aber von kaum einem der Beteiligten in ihrer ganzen Komplexität überblickt werden können. Außerdem ist Kooperativität oft durch kulturelle Handlungsorientierungen eingeschränkt, die der Verfolgung partikularer Interessen den Vorrang vor den gemeinsamen Zielen der Organisation verschaffen – allen Einigkeitsappellen zum Trotz, die oft ihrerseits politisch motiviert sind (vgl. den Beitrag von Clemens Knobloch). Berater verstehen sich hier als ‚Moderatoren‘ und ‚Katalysatoren‘ im Organisa­tionsprozess, indem sie gemeinsam mit den Klienten unterschiedliche Perspektiven analysieren, Konflikte ergründen, zur Veränderung von Wahrnehmungsgewohnheiten beitragen und dem Klientensystem dabei helfen wollen, divergente Perspektiven besser aufeinander abzustimmen und nachhaltige Konfliktlösungen auszuhandeln.

Ein Schlüssel zur Analyse und Veränderung der perspektivengebundenen ‚Wirklichkeiten‘ wird in der Sprache gesehen, die daher nicht nur eine Art Werkzeug der Beratung darstellt, sondern häufig auch zum Gegenstand des Beratungsgesprächs wird: Das Sprechen über Probleme der Organisation, z.B. die Komplexität großer Wirtschaftsunternehmen, schließt in dieser Perspektive ein Sprechen über Sprache, z.B. über Metaphern, wesentlich ein. Je weniger die Handlungs- und Entscheidungsspielräume der Akteure durch formelle, bürokratische Ordnungen geregelt sind, umso mehr scheint es für die Individuen erforderlich zu sein, hinsichtlich des eigenen Verhaltens verschiedene, alternative Sprech- und Sichtweisen zu entwickeln und in der Praxis zu erproben. Die soziale Veranstaltung des Beratungsgesprächs ist ein Ort, an dem derartige Perspektivwechsel im Blick auf Organisationen eingeübt werden können. Freilich handelt es sich dabei um eine hoch anspruchsvolle Kommunikationsaufgabe, die ihrerseits vom Risiko des Scheiterns bedroht ist.

Wenn Beratung zum Problem wird

Professionelles Handeln umfasst heute in vielen Praxisfeldern Tätigkeiten, die von den Akteuren selbst als ‚Beraten‘ charakterisiert werden. Dabei ist die Beratung teils in größere Aufgabenbereiche eingebettet (z.B. in Verwaltung oder Schule, beim Arzt oder Rechtsanwalt), teils steht sie aber auch im Mittelpunkt, etwa wenn professionelle Hilfen zur Bewältigung individueller oder kollektiver, psychosozialer oder kommunikativer Problemlagen angeboten werden. Für derartige Beratungsdienstleistungen wird seit einigen Jahrzehnten eine zunehmende Expansion des Marktes festgestellt, auf dem neben der Beratung im direkten Gespräch auch diverse mediale Beratungs­angebote zu haben sind.

Aus gesprächslinguistischer Sicht gehört es zu den wesentlichen Merkmalen des Beratens, dass zwischen den Voraussetzungen des Ratsuchenden und des Ratgebenden vielfältige Divergenzen bestehen, die in den unterschiedlichen Rollen der Beteiligten begründet liegen: Unterschiede hinsichtlich des Wissens, der Perspektiven, der Distanz zum Problem, der emo­tionalen Betroffenheit, der alltäglichen Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten, der interaktiven Rechte und Pflichten im Beratungsgespräch. Solche Merkmale von Beratung stellen einerseits eine notwendige Bedingung für den Erfolg dieses Interaktionstyps dar: Gerade das spezifische Wissen des Ratgebenden, seine andere Sicht der Dinge, seine Distanz zum Problem usw. lassen es ja sinnvoll erscheinen, ihn um Rat zu fragen. Es wird daher von einem Ratgebenden, zumal einem professionellen Berater, prinzipiell erwartet, dass er eine andersartige, vielleicht überraschende und originelle Sichtweise ins Spiel bringt. Im Fall der Beratung im Kontext von Institutionen (z.B. der Arbeitsvermittlung oder der Schule) muss der Berater sein Handeln darüber hinaus an entsprechenden Normen ausrichten. Andererseits wird der Ratsuchende oft nicht ohne Weiteres geneigt und dazu fähig sein, seine alltäglichen Kommunikations-, Wahrnehmungs- und Handlungsgewohnheiten zur Disposition zu stellen. Daher gelten Beratungsgespräche als kommunikativ hochgradig störanfällig, kommt Aushandlungsprozessen und vielfältigen Versuchen der Verständnissicherung eine hohe Relevanz zu.

Den Klienten zu anderen und komplexeren Perspektiven hinführen

Vor diesem Hintergrund wird in Beratungsgesprächen das Gesagte fortwährend durch die Beteiligten selbst analysiert, bewertet und umformuliert. Derartige Redekommentierungen und Redebewertungen dienen, anders als in der Alltagskommunikation, nicht nur zur Behebung eines unerwartet aufgetretenen Kommunikationsproblems, bei dem der Hörer die an ihn gerichteten Äußerungen seinerseits paraphrasiert („Wenn ich Dich richtig verstehe, willst Du sagen, dass ...“), um Verständnisschwierigkeiten oder Unstimmigkeiten hinsichtlich der wechselseitigen Verhaltenserwartungen zu beheben. Vielmehr werden im Sinne der eingangs beschriebenen Beratungsstrategie systematisch Sprech- und Sichtweisen des Klienten aufgegriffen und problematisiert, wobei der Klient zur Entwicklung anderer, in der Regel komplexerer Perspektiven hingeführt werden soll („Wenn ich es richtig sehe, behandelst Du das Problem als einen Fall des Typs X. Ich schlage Dir dagegen vor, das Problem einmal zu beschreiben und zu konzeptualisieren als …“). So zielen Kommentierungen, Bewertungen und Umformulierungen von Klientenäußerungen durch den Berater systematisch auf Themenverschiebungen, auf Destabilisierung und Restrukturierung mutmaßlich dysfunktionaler Deutungs- und Denkgewohnheiten.
Wie empirische Untersuchungen systemischer Beratungsgespräche zeigen (vgl. Habscheid 2003), stellen dabei häufig auffällige Metaphern – etwa solche mit einem konkreten, mit bildlichen Vorstellungen verknüpften Quellbereich, die noch motiviert oder zumindest leicht remotivierbar sind – den Ausgangs- und Anknüpfungspunkt dar. Dabei könnten durchaus auch viele andere sprachliche Mittel in ähnlicher Weise als ‚Language of Change‘ relevant sein; ein Vorzug derartiger Metaphern scheint indessen darin zu liegen, dass sie im komplexen Fluss von Gespräch und Gesprächsreflexion, von Sprachanalyse und sprachlicher Intervention leichter handhabbar sind. Trivial ist ihr Gebrauch, aller unmittelbaren Evidenz zum Trotz, gleichwohl nicht.


Metaphern im Gesprächsvollzug


Betrachten wir dazu ein Beispiel: In einem Gespräch am Institut für systemische Beratung nehmen neben dem Berater zwei Führungskräfte aus dem Personalbereich eines Industrieunternehmens als Klienten teil. Die Beteiligten haben in der Anfangsphase als Thema des Gesprächs die Aufgabe der Klienten bestimmt, die anstehenden Projekte unterschiedlicher, mit Personalfragen befasster Abteilungen zu einem Gesamtkonzept der Integrierten Personalarbeit zu verbinden. Dabei soll ein ‚menschenorientierter‘ und zugleich ‚effizienter‘ Umgang mit dem Personal dadurch gewährleistet werden, dass verschiedenartige Perspektiven der Personalarbeit, die in der Praxis auf unterschiedliche Abteilungen (z.B. Personalverwaltung, Weiterbildung) verteilt sind, gedanklich und praktisch vernünftig zueinander in Beziehung gesetzt werden. Im Sinne einer Ausschöpfung klientenseitiger Ressourcen für die Lösung des Problems lenkt der Berater den Fokus des Gesprächs zunächst auf die bereits von den Klienten selbst durchgeführten Maßnahmen; darauf hin berichtet einer der Klienten über Geleistetes und Geplantes. Dabei charakterisiert er das zur Rede stehende ‚Problem‘ als die ungelöste Aufgabe, die anstehenden Themen und Projekte der unterschiedlichen Abteilungen im Sinne der Integrierten Personalarbeit zu einer – so die Metapher – ‚logischen Kette‘ zu verbinden und auf dieser Grundlage die ersten Schritte im Rahmen eines Gesamtkonzepts festzulegen.

Zu den immer wiederkehrenden Mustern der Prozessberatung gehört, wie wir gesehen haben, die ‚sprachreflexive‘ Bezugnahme des Beraters auf vorherige Äußerungen der Klienten, sei es in Form einer erneuten Formulierung des dargestellten Sachverhalts, sei es in Form der Bewertung oder Kommentierung des Gesagten. Dementsprechend folgt auch in diesem Fall eine erneute Darstellung des problematischen Sachverhalts durch den Berater, die sich freilich grundlegend von der vorherigen Problemdefinition des Klienten unterscheidet: Personalentwickler, so der Ansatz des Beraters, müssen zunächst verstehen, wie andere Personalverantwortliche aus ihren jeweiligen Perspektiven relevante Ereignisse wahrnehmen; erst dann lässt sich, aus einer Meta-Perspektive, eine sinnvolle Verknüpfung der Ziele und Aufgaben versuchen, die den verschiedenen ‚Bereichslogiken‘ gerecht wird. Dagegen standen im Mittelpunkt der Sachverhaltsdarstellung des Klienten Begriffe wie ‚Sammlung’ oder ‚Kette’, die auf eine rein additive, aus systemischer Sicht unterkomplexe Logik der Kombination schließen lassen.

Der Berater entwickelt seine Argumentation mit Hilfe eines metaphorischen Verfahrens. Er problematisiert die Metapher der Kette, die der Klient eingeführt hatte, und bringt eine andere Metapher ins Gespräch: das Bild einer verworrenen Puzzle-Situation, in der Teile aus unterschiedlichen Spielen miteinander kombiniert werden sollen. Damit wird das Deutungsmuster des Klienten, wonach die Koordination von Projekten unterschiedlicher Abteilungen in Analogie zur Struktur einer Kette organisiert werden kann, in Frage gestellt.
Eine Schwierigkeit metaphorischer Verfahren besteht darin, dass der Vergleichsgesichtspunkt, das Tertium comparationis, üblicherweise implizit bleibt. So ergibt sich auch hier für die Klienten die kognitive Aufgabe, nach Übereinstimmungen zwischen den Sachverhalten, Puzzle und Personalarbeit, zu suchen und zu überprüfen, „ob die Gesetzmäßigkeiten, denen der eine gehorcht, auch für den anderen Gültigkeit haben“ (Coulmas 1992). Der Klient ermittelt, wie seine Gesprächsbeiträge zeigen, zunächst erfahrungsbasierte Übereinstimmungen: So, wie es – im Herkunftsbereich – vorkommt, dass Puzzle-Teile fehlen und sich daher kein Gesamtbild ergeben kann, kann es – im Zielbereich des Organisierens – passieren, dass wichtige Beteiligte oder Elemente des Verfahrens fehlen; dann kann die Integration der Personalarbeit nicht erreicht werden. Aus seiner Interpretation der Metapher zieht er für den Zielbereich die Konsequenz, dass zu Beginn des Verfahrens die Vollständigkeit der Beteiligten bzw. der Verfahrenselemente gründlich überprüft werden muss; das Verfahren als solches ist nach dieser Lesart nicht prinzipiell in Frage gestellt. Der Berater verdeutlicht durch eine Erläuterung, dass sich seine Bedenken nicht auf den heilbaren Aspekt der Vollständigkeit, sondern auf ein anderes Problem beziehen, das den Erfolg der gesamten Unternehmung in Frage stellt: So, wie es denkbar ist, dass Puzzle-Teile aus verschiedenen Spielen nicht zueinander passen, kann es vorkommen, dass sich Verfahrenselemente (aus verschiedenen Abteilungen) nicht ohne Weiteres miteinander kombinieren lassen. Aus dieser Interpretation der Metapher ist die Konsequenz zu ziehen, dass ein Bestand an Puzzle-Teilen bzw. eine Sammlung von Verfahrenselementen unter dem Kriterium der Kompatibiltät überprüft werden muss. Sofern
diese nicht vorliegt, muss – wenn mit den vorhandenen Elementen gearbeitet werden soll – die Art der Kombination grundlegend geändert werden (wie ein entsprechendes, systemisches Denkmodell aus Sicht des Beraters aussehen soll, wird im weiteren Verlauf des Gesprächs entfaltet).

Chancen und Risiken

Divergierende Perspektiven stellen nicht nur ein Problem innerhalb der Klientenorganisation dar, sie kennzeichnen, wie wir gesehen haben, auch die Beratung selbst. Dies zeigt sich im vorliegenden Gesprächsausschnitt auch im Detail der Metapher. So unterscheidet sich die Lesart der Puzzle-Metapher, die der Berater entwickelt, in zweierlei Hinsicht von der Interpretation des Klienten: Zum einen knüpft sie in der Wahl des Vergleichsgesichtspunktes nicht direkt an alltägliches Erfahrungswissen an, sondern entwirft mit den Mitteln der Sprache eine hypothetische Welt. Zum anderen verschiebt der Berater, wiederum im Gegensatz zur Alltagssicht, in der Formulierung der Konsequenz die Perspektive auf eine übergeordnete Ebene der Beobachtung: Fokussiert werden nicht primär die von den Klienten erwähnten Alltagsphänomene (Handlungen, Ereignisse), sondern eine ‚hinter‘ der Alltagswahrnehmung der Phänomene liegende, komplexe ‚kognitive Steuerungsebene‘. Gefragt ist nicht der naive ‚Puzzler‘, sondern der reflexive Analytiker, der sein Denken – im Interesse der Praxis – durch eine zweite Beobachtungsebene ‚verkompliziert‘.
Dabei ist es aus Beratersicht gerade die als Mangel empfundene, unkoordinierte Perspektivendivergenz der Abteilungen, die durch den Lösungsansatz überwunden, nicht reproduziert werden soll. Es muss also aus der Sicht des Beraters darum gehen, ein alltägliches Deutungsmuster des Klienten im Gespräch in Frage zu stellen und so die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass eine professionellere, systemisch orientierte Sichtweise etabliert werden kann. Auf diese Weise sollen nicht rein technische Lösungen erarbeitet, sondern bis zu einem gewissen Grad Metaphern als anspruchsvolle theoretisch-begriffliche Werkzeuge an die Klienten vermittelt werden. Eben dieser Umstand, dass der Berater damit eine ganz andere, dem Alltagsdenken und -sprechen der Klienten fremde Perspektive ins Spiel bringt, macht das Problemlösungspotenzial dieses Typs von Beratung aus; er stellt aber auch eine erhebliche Herausforderung an die Kommunizierenden dar. Dementsprechend manifestieren sich auch in den untersuchten Daten Kommunikationsprobleme durch Missverständnisse, thematische Brüche und interaktive Inkonsistenzen.

Fazit: Metaphern in der Beratungspraxis

Im Sinne der Angewandten Linguistik wären daraus folgende allgemeine Überlegungen für den Umgang mit Metaphern in Beratungssituationen abzuleiten:

1. Unter erschwerten Bedingungen der Verständigung, wie sie für Beratungsgespräche wesentlich und typisch sind, sollten Metaphern daraufhin geprüft werden, inwieweit der bildspendende Bereich in der geteilten Alltagserfahrung des Beraters und des
Klienten verankert ist (zum Beispiel werden Puzzle-Teile vom Spieler in der Regel nur zusammengesetzt, nicht hergestellt; die Teile stammen üblicherweise aus einem Spiel, nicht aus mehreren, usw.).

2. Im Fall mutmaßlicher oder manifester Verständigungsprobleme sollten auch die impliziten Komponenten der Metapher verständnissichernd explizit gemacht, nicht nur implizit ‚vor Augen geführt‘ werden: Unter welchem Gesichtspunkt bzw. unter welchen Gesichtspunkten ist der Sachverhalt im Herkunftsbereich mit dem des Zielbereichs vergleichbar, welche Analogien sind gemeint bzw. nicht gemeint? Welche Erkenntnisse über den Zielbereich sind auf der Basis dieser Analogien zu gewinnen? Welche Konsequenzen für das Handeln sind aus den Aspekten der Sachverhalte (im Herkunftsbereich, im Zielbereich) zu ziehen?

3. Metaphorische Modelle sollten auf ihre Reichweite hin überprüft werden, um einen raschen, irritierenden Wechsel der Modelle zu vermeiden: Welche Aspekte des Problems im Zielbereich werden durch eine bestimmte Metapher veranschaulicht? Lassen sich durch einen Ausbau der Metapher weitere relevante Aspekte erfassen? Stehen alternative Metaphern zur Verfügung? – So wird im weiteren Verlauf des beschriebenen Gesprächs die Metapher des
Puzzles durch das Bild von Scheinwerfern ersetzt, die ein Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Analog dazu sollen Ereignisse der Personalarbeit (z.B. ein Mitarbeitergespräch) im Licht der verschiedenen Abteilungen betrachtet werden, die auf dieser Basis ereignisbezogen aufeinander abzustimmen sind.

Auf diese Weise können die Dilemmata der Perspektivendivergenz zwar nicht aufgelöst, vielleicht aber graduell gemildert werden. Eine Voraussetzung bleibt, dass die Akteure – wie der Bürger in Molières Komödie – bereit sind, die eigene (sprachlich-kommunikative) Praxis nicht nur naiv zu vollziehen, sondern aus einer anderen Perspektive zu ‚beobachten‘, d.h. symbolisch zu unterscheiden und diskursiv verfügbar zu machen. Dann wird deutlich, dass die habituell gewählte nur eine von vielen denkbaren Optionen des Handelns darstellt, vielleicht die beste (unter den gegebenen Umständen), vielleicht aber auch eine, die zur Entstehung einer unbefriedigenden, als veränderungsbedürftig empfundenen Situation beiträgt. Im zweiten Fall wird der Akteur – mehr oder weniger erfolgreich – alles daran setzen, sein Handeln in Anpassung an ein verändertes Selbstbild zu verändern, und strategisch darauf hinarbeiten, seine Mitspieler mit den neuen Regeln des (Zusammen-)Spiels vertraut zu machen.

Wie auch immer dieser Versuch ausgeht: Am Anfang steht eine neue symbolische Unterscheidung, die das eigene Handeln reflexiv verfügbar macht.

Verfasser: Stephan Habscheid

 

Ansprechpartner

Prof. Dr. Stephan Habscheid
Universität Siegen
Germanistik/ Angewandte Sprachwissenschaft
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