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Ta rate c'est une vraie bombe - Zur Rolle von Metaphern im Alltagsfranzösisch


Metaphern sind, wie mittlerweile allgemein anerkannt ist, kein Alleinbesitz der ‚schönen‘ Literatur. Vielmehr gehören sie zum Standard-Repertoire von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. In keinem Bereich menschlicher Kommunikation aber ist die Metapher präsenter und lebendiger als in der Alltagssprache.

Wenn z.B. ein bestimmter Teil eines Möbelstücks im Französischen als pied (de table) ‚Tischbein‘ bezeichnet wird oder ein Teil eines Behälters als col (de bouteille) ‚Flaschenhals‘, so wird niemand auf den Gedanken kommen, hier eine besondere poetische Ausdrucksabsicht des Sprechers zu vermuten. Wie der dänische Romanist Kristoffer Nyrop bereits im Jahre 1913 feststellte, ist „jede Sprache voller metaphorischer Ausdrücke ...; und da die Phantasie der Menschen immer aktiv ist, entstehen laufend neue Metaphern“.

Die ‚Alltäglichkeit‘ der Metapher in der Sprache macht letztendlich ihren Einsatz in den Medien, in bestimmten sozialen Situationen usw. erst möglich. Sie resultiert nicht aus einem wie auch immer beschaffenen Bedürfnis der Sprecher nach poetischen Bildern, sondern aus der Unzulänglichkeit der lexikalischen Ausdrucksmittel, welche den Bedürfnissen der Kommunikation nicht gerecht werden. Besonders reich an Metaphern sind, wie man schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts feststellte, das français populaire, also die Sprache der sozial niedrig positionierten städtischen Bevölkerung, sowie die unterschiedlichen argots (ursprünglich die Sprache der Kriminellen und Prostituierten; heute bezeichnet der Ausdruck jede Art von Gruppensprache). Die Sprachwissenschaft hat sich in ihrer Frühzeit allerdings schwer damit getan, die oft derben und anstößigen Metaphern dieser Sprachvarietäten zum Gegenstand der Betrachtung zu machen.

Wie Metaphern entstehen

Zunächst ein paar Beobachtungen zum Modus der Metaphernbildung. Bei diesem Prozess wird ein Wort von dem außersprachlichen Referenzobjekt, auf das es sich ursprünglich bezieht, auf ein anderes, das ‚eigentlich‘ nicht zu seinem Referenzbereich gehört, übertragen. Dies kann nur im Zusammenhang eines wie auch immer gearteten Kontextes erfolgen; eine Metapher ist deshalb nach Harald Weinrich „nie ein einzelnes Wort, sondern immer ein – wenn auch kleines – Stück Text“. Maßgeblich für das Zustande­kommen der Metapher ist das Moment der Ähnlichkeit zwischen – modern gesprochen – dem ‚bild­spendenden‘ und dem ‚bildempfangenden‘ Objekt (also z.B. von einem Teil des menschlichen Körpers – Fuß oder Hals – auf einen Teil eines leblosen Gegenstandes, etwa eines Tisches oder einer Flasche).
Diese Definition ist – ebenso wie das oft angeführte Motiv des abgekürzten Vergleichs – letzten Endes jene der antiken Tropenlehre. Sie gilt im Grunde bis heute, auch wenn die moderne Semantik sich einer anderen (präziseren) Terminologie bedient (z.B. ist hier von ‚Similarität der Designate‘ oder ‚Gemeinsamkeit der Konzepte‘ die Rede). Der Prozess der Metaphernbildung ist wie jeder Vorgang semantischen Wandels grundsätzlich nicht denkbar ohne die Beteiligung der ‚Polysemie‘, also der Eigenschaft einzelner Zeichen, über mehrere Bedeutungen zu verfügen: Die neue Bedeutung ersetzt die alte nicht einfach; zumindest zeitweise müssen die alte und die neue Verwendungsweise nebeneinander existieren. Faktisch dürfte es sich in vielen Fällen sogar so verhalten, dass ein bereits polysemes Signifikat (Zeicheninhalt) durch die Entwicklung neuer metaphorischer Bedeutungen weiter angereichert wird. Von anderen Vorgängen des Bedeutungswandels unterscheidet sich die metaphorische Veränderung dadurch, dass er wesensmäßig einen ‚sprunghaften‘ Vorgang darstellt. Wenn etwa z.B. die bereits erwähnten Substantive pied oder col statt auf Teile des menschlichen Körpers auf unbelebte Dinge bezogen werden, so sind irgendwelche Übergangsstufen zwischen der alten (‚eigentlichen‘) und der jeweiligen neuen (metaphorischen) Bedeutung nicht vorstellbar. Eine Metapher kann nur solange als ‚lebendig‘ angesehen werden, wie die Beziehung zwischen der ursprünglichen und der neuen Bedeutung von den Sprachbenutzern wahr­genommen wird. Bei den hier angeführten Verwendungen von pied oder col ist dies der Fall; bei Wörtern wie tête ‚Kopf‘ (von lat. testa ‚Krug, Schale, Scherbe‘), flatter ‚schmeicheln‘ (ursprünglich ‚liebkosen‘), grue ‚Kran‘ (eigentlich ‚Kranich‘), poutre ‚Balken‘ (zuvor ‚Stute‘) oder railler ‚verspotten‘ (eigentlich aber die Bezeichnung für den Schrei des Esels) dagegen nicht mehr. ‚Tote‘ Metaphern sind in allen Sprachen in großer Zahl nachweisbar.

Ein Wort, viele Bedeutungen

Es verhält sich häufig so, dass bestimmte Wörter nicht nur eine, sondern gleich mehrere metaphorische Verwendungen ausbilden. So wird das Substantiv œil ‚Auge‘ außer auf das Sinnesorgan auch auf andere Dinge mit ähnlicher Form angewandt (œil d'aiguille ‚Nadelöhr‘, œil d'une roue ‚Radnabe‘, œil du bouillon ‚Fett­auge‘). Ebenso wird ein Wort wie racine ‚Wurzel‘ gleich mehrfach in metaphorischer Bedeutung gebraucht: Man spricht von der racine d'un mot, der racine d'un mal, der racine d'une quantité algébrique usw.; und frz. croissant (eigentlich ‚Halbmond‘) benennt auch eine bestimmte Art von Befestigung, eine Reihe unterschiedlicher Werkzeuge und nicht zuletzt eine bestimmte Art von Gebäck. Seit Arsène Darmesteter bezeichnet man dieses Phänomen der Anhäufung metaphorischer Bedeutungen um einen Kern herum als rayonnement métaphorique (‚metaphorisches Ausstrahlen‘). Eine besonders wichtige Rolle scheint das rayonnement im bereits erwähnten français populaire und in den argots zu spielen. So wurde in den Schützengräben des 1. Weltkriegs z.B. das Substantiv tank (ursprünglich ‚Panzer‘) von den Soldaten auch in den Bedeutungen ‚cuisine roulante‘ (‚Gulaschkanone‘) und ‚voiture à viande‘ (‚Verpflegungswagen‘) verwendet. Außerhalb des militärischen Bereichs war casserole ‚Topf‘ u.a. auch zur Bezeichnung des Automobils, der Lokomotive oder auch des menschlichen Kopfes im Gebrauch. Der deutsche Germanist Hans Sperber stellte bereits im Jahre 1923 fest, dass generell „affektbetonte Ausdrücke ihre ursprüngliche Verwendungssphäre durch Ein­dringen in fremde Bedeutungsgebiete erweitern“; er schlug für diese Erscheinung den Terminus Expansion vor und brachte sie (ganz im Geist seiner Zeit) in Verbindung mit psychoanalytischen Theorien. Es ist sicherlich zutreffend, dass affektiv besetzte Wörter besonders stark zur metaphorischen Ausstrahlung tendieren. Zwingend für das Zustandekommen metaphorischer Verwendungen ist das Moment der Affektbetonung, wie die Wörter œil, racine und croissant zeigen, aber nicht.

Viele Worte, eine Bedeutung

Der Expansion entgegengesetzt ist das Phänomen der Attraktion. Hier nimmt nicht ein Wort unterschiedliche Bedeutungen an; vielmehr treten mehrere Wörter zur Benennung ein und desselben Begriffs ein. Vielfach handelt es sich hierbei ebenfalls um metaphorische Verwendungen. So gibt es, um ein schon klassisches Beispiel zu nennen, im français populaire eine ganze Reihe unterschiedlicher Bezeichnungen für den Kopf, die auf der äußeren Ähnlichkeit der benannten Objekte mit dem Körperteil beruhen und welche teilweise in ähnlicher Form auch aus dem Deutschen bekannt sind: boule (eigentlich ‚Kugel‘), bouillotte (‚Art Behälter‘), cafetière (‚Kaffeekanne‘), caillou (‚Kiesel‘), citron (‚Zitrone‘), oeuf (‚Ei‘), poire (‚Birne‘), pêche (‚Pfirsich‘), cerise (‚Kirsche‘) und andere. Ein anderer, ebenfalls sehr bekannter Fall ist der der
Bezeichnungen für das Geld. Hier treten im français populaire Wörter wie beurre (eigentlich ‚Butter‘), graisse (‚Fett‘) oder huile (‚Öl‘) ein. Die ‚eigentlich‘ benannten Substanzen sind mit dem Geld dadurch verbunden, dass sie, wiederum metaphorisch ausgedrückt, eine ‚ölende‘ oder – wenn man so will – ‚schmierende‘ Wirkung besitzen. Von ‚intuitiv verständlich‘ bis ‚verschlüsselt‘: Ausdifferenzierung von Alltagsmetaphern

Bei einer dritten semantischen Wandlungserscheinung, dem sog. enchaînement (‚Verkettung‘), wird eine ‚uneigentliche‘ Verwendung eines Wortes zum Ausgangspunkt eines weiteren Bedeutungswandels. Es kann sich bei dem uneigentlichen Wortgebrauch, der als Ausgangspunkt der Veränderung dient, um eine Metapher handeln; dies ist aber nicht zwingend der Fall. So nimmt etwa das französische Substantiv mouchoir im ausgehenden 19. Jahrhundert zusätzlich zu seiner primären Bedeutung ‚Taschentuch‘ schrittweise zwei weitere Bedeutungen an (zuerst ‚Halstuch‘, dann ‚Segel‘ – als tertium comparationis fungiert hier wohl die damals dreieckige Form). Immerhin sind die erste und die dritte der genannten Bedeutungen sich noch einigermaßen ähnlich. Die chronologische Reihen­folge der Belege spricht zwar eine deutliche Sprache; es wäre prinzipiell aber auch denkbar, die Bedeutung ‚Segel‘ direkt von der Bedeutung ‚Taschentuch‘ abzuleiten.

In anderen Fällen des enchaînement ist diese Nachvollziehbarkeit jedoch nicht gegeben. Aufschlussreich ist hier das bereits erwähnte Beispiel der metaphorischen Bezeichnungen für den Kopf im français populaire. Von den Wörtern, die hier Verwendung finden und als Metaphern unmittelbar verständlich sind, entstammen viele dem Bereich der Botanik (poire, pêche, citron). Offensichtlich hat der metaphorische Wandel hier zuerst das relativ häufig vorkommende Substantiv poire erfasst; die bedeutung­sähnlichen Substantive pêche und citron sind dem Wort dann auf diesem Weg gefolgt. Während jedoch pêche und citron in der Bedeutung ‚Kopf‘ noch als Metaphern interpretiert werden können, ist dies bei Bezeichnungen wie fraise (eigentlich ‚Erdbeere‘) oder cassis (‚Johannis­beere‘) nicht mehr der Fall. Das Moment der Ähnlichkeit mit dem ‚Kopf‘ ist hier nur eingeschränkt gegeben; der Gebrauch der Wörter in dieser Bedeutung bliebe unverständlich, wenn nicht auch andere, anschaulichere Fruchtbezeichnungen wie poire oder pêche in diesem Sinne vorkämen. Die – wie auch immer geartete – clarté intuitive (‚intuitive Klarheit‘), die ein konstitutives Moment der Metapher darstellt, ist hier nicht mehr gegeben.
Ähnlich verhält es sich bei der Bedeutungsentwicklung von frz. bateau. Das Wort bedeutet ursprünglich ‚Schiff‘; im français populaire wird es dann scherzhaft auch zur Benennung des Schuhs verwendet. Während diese neue Bedeutung bei bateau als spontane Metapher verstanden werden kann, ist dies bei der analogen Entwicklung von péniche (ursprünglich ‚Schleppkahn‘) und transat’ (‚Ozeandampfer‘), die beide ebenfalls die Bedeutung ‚Schuh‘ annehmen, nicht mehr der Fall. Statt auf die spontan verständliche Metaphorik ist der Gebrauch dieser Wörter in den Bedeutungen ‚Kopf‘ bzw. ‚Schuh‘ auf die Vorbildwirkung jener Wörter zurück zu führen, die dem jeweils selben Sinnbezirk angehören. Erweitert das eine Wort (hier dürfte das poire gewesen sein) durch Entwicklung einer neuen, metaphorischen Bedeutung sein Bedeutungsprofil, so folgen die benachbarten (Teil-)Synonyme (z.B. fraise, cassis) ihm darin nach – auch wenn bei ihnen möglicherweise kein metaphorischer Effekt mehr gegeben ist.
Man hat diese Erscheinung deshalb – etwas ungenau – dérivation synonymique (‚Synonymenableitung‘) genannt. Spontan verständlich sind derartige Verwendungsweisen nicht mehr. Gerade dies ist im Falle des argot (der ursprünglich ja eine Geheimsprache darstellt) aber so gewünscht: Die Bedeutungen sollen nur denjenigen zugänglich sein, die den ‚Schlüssel der Serie‘ besitzen.

Die ‚Geheimsprache‘ der Banlieues

Funktionsweise und Domänen der Metapher im Französischen wurden von linguistischer Seite bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eingehend beschrieben; viele der hier angeführten Beispiele sind Werken aus jener Zeit entnommen. Dass die Metapher jedoch auch in der heutigen Sprache ein wichtiges Element der Alltagskommunikation darstellt, soll abschließend unter Bezugnahme auf einen sprachlichen Bereich demonstriert werden, der ebenso komplex wie interessant ist. Es handelt sich um die ‚tchatche de banlieue‘, also die Ausdrucksweise, die in den Randgebieten der französischen Großstädte vor allem unter den Jugendlichen verbreitet ist. Die tchatche (das Wort bzw. das zugrunde liegende Verb tchatcher kommt von spanisch chacharear ‚plaudern, schwatzen‘) basiert teilweise auf dem alten argot du milieu (der Kriminellen­sprache); sie hat sich aber diesem gegenüber beträchtlich weiterentwickelt. Mittlerweile verfügt sie über einen eigenständigen Wortschatz und eine ebenso eigene Grammatik; für Außenstehende ist dieser Sozio­lekt im besten Fall noch teilweise verständlich. Dies liegt aber durchaus in der Intention der Sprecher; als Sprache einer gesellschaftlich nur teilweise integrierten Bevölkerungsgruppe ist die tchatche auf Abgrenzung und Geheimhaltung hin orientiert.
Besonders auffällig sind zum einen die zahlreichen Entlehnungen aus den Migrantensprachen, vor allem aus dem Arabischen (arhnouch ‚Polizist‘; béflan ‚prahlen, schön tun‘; hala ‚Fest‘; haram ‚Sünde‘; maboul ‚verrückt‘; toubab ‚Mann weißer Hautfarbe‘) und aus der Zigeunersprache (chavrav ‚arbeiten‘; gadjo ‚Junge, Mann‘; marav ‚schlagen, töten‘; minche ‚Freundin, Frau‘; alle Beispiele aus Goudaillier 2001). Zum anderen wirkt der verlan, d.h. die Bildung neuer Wörter durch Vertauschung von Elementen des zugrunde liegenden ‚normfranzösischen‘ Wortes, befremdlich auf den an das Normfranzösische gewöhnten Betrachter. Die Veränderung kann in einem Wechsel der Silben­abfolge bestehen (delbor ‚Bordell‘; goleri ‚lachen‘, von rigoler; libreca ‚Schusswaffe‘, von calibre; lopsa ‚Schlampe‘, von salope; laisser béton ‚fallen lassen, bleiben lassen‘, von laisser tomber) oder aber (bei einsilbigen Wörtern) in einem Austausch der Laute des Wortes, der immer mit einer Veränderung des Vokals einhergeht (greune ‚Schwarzer‘, von nègre; iench ‚Hund‘, von chien; keum ‚Mann‘, von mec; meuf ‚Frau‘, von femme; oinj ‚Joint‘).

‚Verrückt sein‘ heißt ‚von der Felge abgesprungen‘

Für die hier behandelte Thematik ist interessant, dass in der tchatche de banlieue zahlreiche Metaphern auftreten, die in dieser Form im Normfranzösischen nicht vorkommen. Hier einige Beispiele: airbags ‚Brüste der Frau‘, bombe ‚hübsches Mädchen‘, caisse ‚Auto‘ (eigentlich ‚Kiste‘); déjanté ‚verrückt‘ (im wörtlichen Sinne ‚von der Felge abgesprungen‘, bezogen auf den Reifen), fromage blanc ‚Franzose weißer Hautfarbe‘ (im Normfranzösischen ‚Quark‘), gratteur ‚aufdringlicher Mensch, Schnorrer‘ (eigentlich ‚jemand, der kratzt‘); rouiller ‚nichts zu tun haben, arbeitslos sein‘ (Normfranzösisch ‚rosten‘); taxer ‚bestehlen‘ (eigentlich ‚besteuern‘). Eine besonders anschauliche Metapher ist bounty ‚Schwarzer, der das Verhalten der Weißen nachahmt‘.

Ebenso wie im argot sind auch in der tchatche de banlieue die Erscheinungen der Expansion (des Ausstrahlens bestimmter Wörter auf andere Sinnbezirke) und der Attraktion nachzuweisen. Was die Expansion angeht, so ist sie z.B. gegeben bei dem Verb gazer. Das Wort ist auch im Normfranzösischen polysem; es bedeutet ‚mit Gas abflämmen‘ und ‚vergasen‘ (Petit Robert). In der tchatche ist seine Bedeutungsvielfalt jedoch sehr viel ausgeprägter. Die wichtigste Bedeutung von gazer in der tchatche ist ‚prahlen, schön tun‘; ein Bezug zu den Inhalten des normfranzösischen Wortes ist hier nicht erkennbar. Weitere Bedeutungen sind ‚verspotten, verhöhnen‘ (dies könnte als metaphorische Verwendung des normfranzösischen Wortes eingestuft werden), ‚rennen, sich beeilen‘, ‚stinken, schlecht riechen‘ und ‚(mit einer Sprayflasche) besprühen‘ (Goudaillier). Das Bedeutungsbild hebt sich so stark von dem des Normfranzösischen ab, dass die Frage aufkommen muss, ob es sich überhaupt um dasselbe Verb handelt. Möglicherweise haben sich in der tchatche de banlieue zwei gleich klingende, aber dennoch unterschiedliche Wörter miteinander vermengt. Die Bedeutungsvielfalt des Verbs in der Sprache der Jugendlichen ist jedenfalls groß. Bemerkenswert ist, dass gazer in der Primärbedeutung ‚prahlen‘ nicht als affektiv sonderlich stark gekennzeichnetes Wort gelten kann. Die Expansion ist offensichtlich nicht auf den emotional geprägten Teil des Wortschatzes begrenzt.

42 unterschiedliche Ausdrücke für Frau

Auffälliger als die Expansion ist in der tchatche das oben schon angesprochene Phänomen der Attraktion, also der Anhäufung unterschiedlicher Bezeichnungen für ein und denselben Sachverhalt. So listet Goudaillier insgesamt 42 unterschiedliche Ausdrücke zur Benennung der Frau auf. Viele davon sind metaphorischer Art: Goudaillier nennt hier (ich nenne nur wertneutrale Wörter, ohne die zahlreichen Bezeichnungen für die Prostituierte) u.a. belette (eigentlich ‚Wiesel‘), caille (‚Wachtel‘), gazelle (‚Gazelle‘), rate (‚weibliche Ratte‘ [!]), souris (‚Maus‘) und taupe (‚Maulwurf‘). Eine besonders hübsche Frau wird bombe genannt; daneben gibt es Bezeichnungen wie beubon (verlan-Form von bombe), bombax, canon (eigentlich ‚Kanone‘). Eine inhaltliche Intensivierung von bombe ist bombe atomique. Dieser Ausdruck kann in Anspielung auf das durch Atomtests verseuchte Atoll im Pazifik nochmals gesteigert werden zu Mururoa. Es liegt also ein Fall von dérivation synonymique vor. Gleichzeitig ist hiermit aber auch die Grenze der spontanen Verständlichkeit und damit der Metaphorik überschritten – bei dem Wort Mururoa erschließt sich die Bedeutung ‚hübsche Frau‘ nur dem Hörer, der auch den zugrunde liegenden Ausdruck bombe atomique kennt. Gerade dies ist jedoch auch beabsichtigt: Die Jugendlichen, die überwiegend die Sprecher der tchatche darstellen, sind gar nicht daran interessiert, dass die Erwachsenen sie verstehen; der Gebrauch eines für Außenstehende unverständlichen Vokabulars trägt zur Stiftung von Gruppenidentität und zur Abgrenzung nach außen bei.

Die tchatche ist gewiss nicht repräsentativ für die Jugendsprache im Allgemeinen. Erscheinungen wie etwa das verlan (das wahrscheinlich am stärksten zur Verfremdung beiträgt) sind in der Sprache der Jugendlichen außerhalb des französischen Sprachraums unbekannt. Was die französische tchatche auszeichnet, sind der hohe Grad an Bewusstheit und der spielerische Umgang mit der Sprache, bei dem auch ungewöhnliche Techniken eingesetzt werden. Hierzu gehört auch die extensive Verwendung von metaphorischen Ausdrücken. Dieser ist auch im Jargon der Jugendlichen außerhalb Frankreichs nachweisbar; er ist zudem in allen Kulturräumen ein Element der Alltagskommunikation der Erwachsenen, und zwar unabhängig von Alter und Bildungsniveau. Die Jugendlichen sind sich im Allgemeinen der Tatsache bewusst, dass die von ihnen verwendeten Ausdrücke von der ‚üblichen‘ Verwendungsweise der Wörter abweichen. Es wäre zu wünschen, dass auch im deutschen Sprachraum das Bewusstsein von der Wichtigkeit der Metaphorik auch in anderen Bereichen der Sprachverwendung zunähme.

Verfasser: Franz-Josef Klein

 

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