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Das Netz. Eine Metapher für die Welt


„Ich bin gerade im Netz.“ „Ich habe es im Netz gefunden.“ „Er ist gut vernetzt.“ In der Zukunft wird man schreiben: Die Menschen in der Zeit zwischen 1990 und 2010 scheinen geradezu besessen gewesen zu sein von dem, was sie ‚das Netz‘ oder das ‚Netzwerk‘ nannten.

Der eine Teil ist Mediengeschichte, denn ‚das Netz‘ ist der gängige deutsche Ausdruck für die zwei Bestandteile des ‚Internet‘ und des ‚World Wide Web‘. Diese beiden sind nicht besonders alt, gerade zwanzig Jahre, und fallen bei uns mit einer rasanten Verbreitung des Wortes ‚Netz‘ zusammen. Der andere Teil hat eine eigene Geschichte hinter sich, denn ‚gut vernetzt‘ und ‚schlecht vernetzt‘, das waren früher einmal verdächtige und mitunter übel beleumundete Tatbestände der Bekanntschaft, Freundschaft und Vorteilsnahme, die in unseren Institutionen oft nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurden, aber in Köln einen eigenen Namen besaßen: ‚Vitamin B‘, ‚ihre Verbindungen reichen bis ganz weit oben‘, ‚Old Boys Network‘, ‚Klüngel‘. Dass diese beiden Netze – das weltweit gebaute und verwaltete Internet und das kleine oder grössere ‚soziale Netzwerk‘ – und dass ihre Metaphern zusammengekommen sind, ist eine bemerkenswerte Geschichte, die noch einige Generationen beschäftigen wird – auch wenn die große Euphorie der Netzmetapher vielleicht schon bald durch eine weltweite Wirtschaftskrise und ihre mehrdimensionalen Entflechtungen ein unvorhergesehenes Ende finden wird. Vielleicht erleben wir schon bald die Zeit, in der ein Gebrauch des Wortes ‚Netz‘ im einen Kontext tabu und im anderen Kontext nostalgisch geworden ist 

Die großen Netze

Aber für ein solches Menetekel der aktuellen Netzwerk-Euphorie ist es vielleicht zu früh oder zu spät – das Netz bleibt eine unverwüstliche Metapher mit einer langen Geschichte. Der heutige Katalysator mit seinem Molekül aus sozialem und technischem ‚Netzwerk‘ bildet nur einen kleinen Ausschnitt dieser Geschichte, und um sie besser zu ver­stehen, sollte man die aktuellen Bestandteile der Netz­metapher erst einmal auseinanderdividieren und dann die Entstehung ihrer Kombination betrachten. Dann wundert man sich auf der einen Seite etwas weniger über die vielgestaltige, aber auch etwas glatte und stromlinienförmige Verwendung der Metapher im Sprachgebrauch der Gegenwart. Und man wundert sich andererseits um so mehr: darüber, dass die unaufhörliche Intelligenz wissenschaftlicher und technischer Forschungen, aus denen die heutige Metapher nach und nach entstand, als gemeinsamen Nenner eine Harmlosigkeit, vielleicht sogar eine große Augen­wischerei hervorgebracht hat, die weder der zeitlosen Ausgangsmetapher noch den verschiedenen Forschungstraditionen gerecht wird.

Netzwerkbegriffe sind im 20. Jahrhundert vor allem in zwei verschiedenen theoretischen Sparten entwickelt worden, deren Fragestellungen über lange Zeit wenig oder gar nichts miteinander zu verbinden schien. ‚Netzwerke‘ waren seit dem 19. Jahrhundert die Verbindungen im Verkehrswesen, in der Wasser- und Stromversorgung und in der Telekommunikation, insbesondere der Telegraphie und Telephonie. Dieser Begriff entstand aus der Vogelperspektive von Schaltplänen, Karten und Luftansichten, und er richtete sich zuerst einmal nur auf die materiellen Tatbestände – auf die Kanäle und Verbindungen der jeweiligen Infrastruktur. Am Anfang der Geschichte, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, ist das technische ‚Netzwerk‘ vor allem ein materielles Objekt der Organisation gewesen, das entsprechende Subjekt waren große Firmen, staatliche Institutionen und vor allem der Betrieb durch ‚Systeme‘. Das Eisenbahn-Netzwerk etwa, das waren die Schienen, Weichen, Gleise, Bahnhöfe und Signalapparate, aber nicht die Eisenbahngesellschaften und ihre Akteure. Schriftstellern war es vorbehalten, Vorstellungen davon zu entwickeln, dass auch die Organisationen der Infrastruktur nichts anderes waren als ausgeklügelte und unüberschaubare Netze, deren zuständige Schaltstellen sich bei Bedarf hinter der Anonymität ihrer Strippenzieherei verschanzen konnten. In diesem Sinne hat Frank Norris 1901 die großen amerikanischen Eisenbahngesellschaften als allesverschlingenden Kraken – als einen ‚Octopus‘ - porträtiert, der mit anderen lokalen und globalen Infrastrukturen in Konflikt gerät.

Die Ingenieure und Sozialtheoretiker hingegen ent­wickelten ausgehend von den modernen Infra­strukturen jahrzehntelang vor allem Systemtheorien, um die Orga­nisationen und ihre materielle Ein­bettung zu beschreiben. Und umgekehrt kann man auch für die deutsche Systemtheorie den Verdacht ge­winnen, dass die große Utopie einer ‚System­theorie‘ aus prästabilierten Funktionssystemen auf einer flächen­deckenden Durchdringung, und vor allem einer flächendeckenden Standardisierung der wenigen privilegierten modernen Gesellschaften beruhte, in denen die staatlichen und wirtschaftlichen Versorgungsleistungen aus übereinandergeschich­teten Infrastrukturen sich so glücklich vereinten, wie dies für acht Zehntel der Welt nie der Fall sein sollte.

 
Die kleinen Netze

Der zweite Netzwerkbegriff entstand seit den 1930er Jahren aus dem Versuch, die Beziehungen von Einzelpersonen, ihre gut oder schlecht vernetzte Bekanntschaft und Freundschaft ganz von unten, aus ihren eigenen Aussagen und Abläufen zu rekonstruieren. Und auch heute kann man eine ‚Netzwerk-Analyse‘ überall aus den einfachsten Fragen und Beobachtungen entwickeln, wenn man eine beliebige Gruppe wie folgt durchgeht: Mit wem würdest Du gerne Kaffee trinken gehen? Mit wem hast Du in letzter Zeit Kaffee getrunken? Auf wessen Partys warst Du im letzten halben Jahr eingeladen? Wem würdest Du Geld leihen? Wer hat Dir geholfen, diesen Job zu bekommen? Wem hast Du in letzter Zeit einen Gefallen getan? Aus den Antworten kann man eine Tabelle erstellen, man kann Striche ziehen und ihre Einseitigkeit, Wechselseitigkeit und Dicke einzeichnen, und man kann die Zahlenwerte der Verknüpfungen errechnen. All dies geschah seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und wurde ‚Netzwerk‘ genannt, um einen Begriff für die informelle und spontane Seite des sozialen Austauschs zu gewinnen – für eine Seite des Austauschs, die aus den öffentlichen sozialen Zwängen hervorgeht, zum anderen Teil aber aus Sympathie und Antipathie, aus einer alles überflutenden und ständig brodelnden ‚Ursuppe‘ aus Freundschaft, Missgunst, Liebe, Erotik, Haß, Mitleid, Berechnung und Karrierewünschen, einem Gemisch, das Institutionen, Organisationen, Milieus und Grüppchen am Laufen hält, sie untergräbt oder stärkt, bis zur vollständigen Auflösung und Neubildung.

Eigentlich handelte es sich in diesem sozialen ‚Netzwerk‘ bis in die 1970er Jahre um einen ziemlich schwachen Begriff, einen Begriff, dem man keine Erklärungskraft für die großen soziologischen und politischen Themen zutraute; und um einen Begriff für die offene Flanke von stärkeren Normen und Institutionen. Ein Lieblingsbeispiel für das ‚soziale Netzwerk‘ waren und bleiben die freundschaftlichen, klientelären, korrupten und kriminellen Cliquen von Außenseitern oder von Eliten, von unten und von oben. Und ein anderes Standardbeispiel für die Macht sozialer Netzwerke sind und waren die Sozialbeziehungen in schwachen und scheiternden Staaten und brüchigen Sozialgefügen, vor und außerhalb der gelungenen Einrichtung moderner Institutionen und Verwaltungsabläufe. In solchen Gegenden ist die Netzmetapher – zusammen mit dem von Frank Norris beschworenen ‚Kraken‘ - vermutlich so alt wie die Welt, so alt wie die Erfahrung, dass andere Leute einen ‚Klüngel‘ aufgebaut haben, durch dessen Mitwisserschaft und Mittäterschaft ihnen das Strippen­ziehen und die persönliche Unverantwortlichkeit leichter fällt als einem selbst.

So schreibt der Polizeipräfekt Cesare Mori, der 1917 im sizilianischen Agrigent die ‚Grisafi-Bande‘ aushob, über seine Tätigkeit zusammenfassend: „Ich begann nun, meine Männer an die verschiedenen Plätze zu schicken, die Schauplatz der Bandentätigkeit ge­wesen waren, um – ohne Alarm zu schlagen und daher ohne irgendwelche offiziellen Formalitäten – alle nur möglichen derzeitigen Erkenntnisse über die früheren Aktivitäten der Banditen zusammenzutragen und insbesondere die notwendigen Hinweise zu sammeln, die zur Identifizierung ihrer ständigen und gelegentlichen Helfer führen konnten, mochten es freiwillige Komplizen oder Eingeschüchterte sein. Das Netz der Hilfe, das die Grisafi-Bande um sich gesponnen hatte, war im Laufe der Zeit weiträumig, dicht und fest geworden. Zusammengeschweißt wurde das ganze System durch Mitwisserschaft, Furcht vor Vergeltung, Terror, Spionage im Auftrag der Banditen, widerstreitende Interessen und zweifelhafte Bündnisse zu verschiedenartigen Zwecken, und zwar in einem Ausmaß, dass das Netz fast undurchdringlich geworden war.“

Das Netz zieht sich zusammen

Bis in die 1950er Jahre wurden die großen und die kleinen Netze wissenschaftlich getrennt behandelt. Die kleinen Netze der spontanen Alltagsbeziehungen und die großen Netze der modernen Infrastrukturen, sie schienen in verschiedene Welten zu leben. Offensichtlich ist das heute nicht mehr der Fall, denn ‚im Netz‘, also im World Wide Web, finden wir eine ganze Brandung ‚sozialer Netzwerke‘ und eine alltägliche Euphorie ihrer spontanen Bildung, und in den letzten zwanzig Jahren werden die großen Organisationen der Infrastruktur und vor allem ihre Geschäftsmodelle mehr und mehr zu ‚Netzwerken‘ erklärt, die ohne eine zentrale Hierarchie auskommen können und nicht mehr durch ein ‚System‘ erklärt werden können.

In den letzten Jahrzehnten ist also eine ganze Menge geschehen: die kleinen und die großen Netzwerke sind weiterhin – mit all ihren Abgründen und technischen Ansprüchen – in Kraft, aber sie haben an Prestige gewonnen, und sie haben sich überkreuzt und verknüpft, und zwar in der Technik, in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft gleichermaßen. Was das kleine Netzwerk angeht, haben wir den erstaunlichen Wandel erlebt, dass diese immer etwas suspekte
Sozialform zur möglichen Norm von Organisationen und Institutionen aufgestiegen ist und dabei auch juristisch kodifiziert wird, ohne die Emphase der spontanen Subjektivität zu verlieren. Das geschieht auf verschiedene Weisen, je nachdem ob es sich um öffentliche oder um kommerzielle Organisationen handelt. Das Ethos von Selbsthilfegruppen, die sich als ‚Netzwerke‘ an Kirchen, Nichtregierungsorganisationen und Behörden jeder Größe angliedern oder aus ihrer Mitte gebildet werden, ist sicher ein anderes als das der ‚Netzwerke‘, die in Firmen oder Forschungsorganisationen geschaffen werden, um Probleme zu beheben oder neue Aufgaben und Geschäftsbereiche zu entwickeln. Die Zwecke sind verschieden und oft auch grundverschieden, aber durch das gemeinsame Vokabular der ebenso eigennützigen wie uneigen­nützigen ‚Vernetzung‘ von Leuten, Interessen und Abläufen sprechen sie mittlerweile weltweit eine ziemlich einheitliche Management-Sprache. Alle juristisch steuerbaren Organisationsformen halb formeller, halb informeller Kontakte können mittlerweile ‚Netzwerk‘ genannt werden. ‚Vernetzung‘ ist ihre erste Pflicht, und sie beginnt – auch im Vokabular der Beteiligten – bereits mit dem ersten unverbindlichen Kennenlernen, und hört mit den Hilfestellungen der dicksten Kumpanei nicht auf.
Diese Herrschaft der Vernetzungsmetapher wäre kaum eingetreten, wenn nicht auch die gesamte Idee des Management sich seit den 70er Jahren grundlegend verändert hätte – von den pyramidal geordneten Befugnissen einer einzigen Firmenhierarchie zu einem Zwischenbereich verschiedener Organi­sationen und Aushandlungsprozesse, durch Beziehungen, die weder auf einem Markt angeboten noch in einer Hierarchie angeordnet wurden. Weder Markt noch Hierarchie, also ‚Netzwerk‘, lautete die Devise einer ganzen Generation von Managern, betriebsinternen Maßnahmen und neuen Geschäftsmodellen. Was diesen Umbruch in den Managementvorstellungen der westlichen Welt ausgelöst hat – waren es die Mikroprozessoren, die zur Dezentralisierung anleiteten? Waren es die davongaloppierenden Kosten des Nachkriegs-Fordismus? Waren es sowjetische Management-Innovationen, die vom Westen übernommen wurden? Waren es die 68er (aber wer waren die 68er?)? War es das neoliberale Netzwerk der Mont Pelerin Society? – und wie weit dieser Umbruch zurückreicht, ist eine spannende Frage, vielleicht sogar die zentrale Frage einer Diagnose der westlichen Nachkriegszeit.

Die Antwort der Historiker wird vermutlich ziemlich vielschichtig ausfallen. Man geht aber selten fehl in der Annahme, dass es bei der Durchsetzung von kommerziellen ‚Netzwerk‘-Ideen immer auch um Kostenersparnisse ging und geht, um das ‚lean management‘ einer Entschlankung des eigenen hierarchischen Apparats, dessen neue und etwas buntscheckigere Hierarchien – und dessen nach außen und unten abgewälzten bürokratischen Intensivierungen – seit den 80er Jahren immer wieder als ‚Enthierarchisierung‘ und ‚Entbürokratisierung‘ verkauft wurden, bis in die Politik und Universitätspolitik der letzten Jahre.

Verfasser: Erhard Schüttpelz

 

Ansprechpartner

Prof. Dr. Erhard Schüttpelz
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