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Die Löcher im Netz. Was die Netzwerkmetapher verschweigt


Im großen Erfolg der Netzmetapher ist in den letzten Jahren etwas verlorengegangen: die ganze Zweischneidigkeit und Gefährlichkeit, die im Netz liegt, vielleicht sogar der eigentliche Sinn dessen, was eine Vernetzung ausmacht. Wie konnte es so weit kommen?

Bis in die 1980er Jahre waren Netzwerktheorien noch zwischen großer Technik und kleinen Sozial­beziehungen gespalten. Aber diese Polarität gilt nicht mehr, und schon in den 90er Jahren stießen beide in den Globalisierungseliten so aufeinander, dass ihre ‚Netzwerke‘ – wie Andrew Barry in einer Studie zur Forschungskommission der Europäischen Gemeinschaft feststellte – bereits ständig verwechselt wurden. Wir leben in der Welt der daraus resultierenden Fusion: Netzwerktheorien sind jetzt für jeden Maßstab der technischen und sozialen Betrachtung zuständig geworden, sie erheben ihre Ansprüche für die kleinsten technischen Verknüpfungen, etwa für die militärischen Abläufe, mit denen man die multimedial gerüsteten ‚Netzkrieger‘ der Zukunft trainieren will, und für die größten gesellschaftlichen Zusammenhänge – etwa für die globalisierte ‚Weltgesellschaft‘.

Außerdem haben sich die Theorien verändert: sie haben ihren Abstand verloren, denn sie befinden sich in ständiger Anwendung vor Ort. Nirgendwo in unserer Gesellschaft stoßen wir auf die Begriffe und Metaphern vom ‚Netz‘, ohne dass sich diese bereits in einer unaufhörlichen Oszillation zwischen universitären Forschungen und professionellen Anwendungen, zwischen einem fast schon theologischen Absolutheitsanspruch und alltäglich abgespulten Kulturtechniken befinden. Wir beobachten kein Netzwerk mehr, sondern nur noch die Rückkopplungen zwischen Netzwerktheorien und ihren ungläubigen bis gläubigen Anwendern, zwischen Lippenbekenntnissen und ihren spontanen Folgen. Bereits in den frühen 90er Jahren war das ‚Netzwerk‘ in das Selbstverständnis der politischen, ökonomischen, militärischen und kulturellen Globalisierungseliten eingewandert, es diente der Selbstverständigung über den Wunschhorizont und – durch die Sprache des sozialen ‚Netzwerkens‘ – über die praktische Organisationsform dieser Eliten.

Das Netz wirkt als Filter

Dass diese Verständigungsform seit einiger Zeit auch die Forenkultur des Internet durchzieht und euphorisiert, ist eine Fortsetzung – und eine Popularisierung – dieser Selbstauffassungen, ein weiterer Austragungsort, aber kaum ihr Ursprungsherd. Das Internet wird hier vor allem als ein Versorgungsnetz verstanden, als individueller Ort einer Versorgung mit Dienstleistungen, Sozialkontakten und interaktiven Angeboten. Diese Auffassung ist offensichtlich eine radikale Reduktion dessen, was das Internet anderswo darstellt, hat aber die Evidenz des alltäglichen privaten Nutzers für sich.
In der großen Verwirbelung der Vernetzungs­konzepte ist vom ‚Netz‘ einiges verloren gegangen, und der schmerzlichste Verlust ist die Metapher selbst – das, was im Archiv ihrer früheren Urbanität fruchtbar und stimmig war und bleibt. Wenn heute Netzwerkforscher aus den verschiedenen wissenschaftlichen Feldern zusammenkommen, aus den physikalischen, biologischen, neurologischen, soziologischen, technologischen und medienwissenschaftlichen Anwendungen dieses Begriffs, dann finden sie mit Zwangsläufigkeit nur noch eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Medium für diesen Begriff: das topologische Diagramm und seine Mathematisierung. Diese Entwicklung hatte sich lange angekündigt. Bereits in den frühen 50er Jahren prognostizierte der britische Ingenieur und Kommunikationstheoretiker Colin Cherry, dass der kleinteilig-soziale und der elektrisch-telekommunikative Netzwerk-Begriff sich bald vereinen würden. Das Mittel der Vereinigung – und mittelfristigen Vereinheitlichung würde in der Graphentheorie liegen, durch die man sowohl elektrische (und elektronische) Netzwerke, als auch soziale Netzwerke erfassen könne: „In einem Soziogramm können die Knoten Menschen und die Verbindungslinien Kommunikationskanäle darstellen – die Wege für die Nachrichten, Richtlinien, Vorschriften usw. Diese Verbindungen können einseitig gerichtet sein (z.B. bei Befehlswegen), was durch Pfeile an den Linien angezeigt wird; das Netzwerk heißt dann ein gerichteter Graph. ... Das gesamte Netzwerk und die soziale Situation, die es idealisierend darstellt, ist einem elektrischen Netzwerk, das aus miteinander verbundenen Schaltungen mit den Stellungen Ein und Aus zusammengesetzt ist, sehr ähnlich.“
Dieser Auffassung der damaligen Ingenieure entsprechend ist – einmal ganz ungeschützt gesprochen – sowohl das Internet konstruiert worden, als auch die Rede vom ‚Netzwerk‘ geglättet und geplättet worden. Das Netzwerk im gemeinsamen Nenner der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen von heute ist vor allem eins: das topologische Diagramm im Zugriff der Graphentheorie. Dieser gemeinsame Nenner kann immer weiter popularisiert oder mathematisch verfeinert werden, aber um den gemeinsamen Nenner mathematisch zu verfeinern und durch neue Gebrauchsweisen zu popularisieren (etwa durch ein ‚Social Web‘), müssen alle Reduktionen, die in die Zurichtung zur Topologie eingegangen sind, eingehalten werden. Und dann verschluckt die topologische Reduktion auch die ziemlich abenteuerliche Geschichte der verschiedenen Netzwerk-Analysen des 20. Jahrhunderts.

Das Netz, eine Falle

Das gemeinsame ‚Netz‘ der wissenschaftlichen Disziplinen, und seine Popularisierung in der allgemeinen Öffentlichkeit ist daher eine radikal gefilterte Metapher. Das topologische Diagramm mit seinen anschaulichen Serien und mathematischen Verfeinerungen ist dieser Filter, der als Barriere wirkt, sobald andere Verwendungen der Metapher ihr Recht behaupten wollen – sie erscheinen dann als ‚nur metaphorisch‘, das topologische Netzwerk hingegen als eine ebenso transparente wie übertragbare und berechenbare Realität. Die Pointe aller Netzwerk­forschungen des 20. Jahrhundert bestand darin, dass niemals ‚alles mit allem‘ vernetzt war, es ging um Beziehungen der Hierarchie und Isolation, der exklu­siven Kontrolle von oben und unten, der Übervorteilung und versteckten Machenschaften, der mühsamen Geländegewinne und der freibleibenden Flächen. Die leichte Übertragbarkeit und Vernetzung der Topologien scheint zu suggerieren, jetzt sei tatsächlich alles mit allem vernetzt, und ‚Netzwerke‘ seien eine prinzipiell unbegrenzte und sogar ständig demokrati­sierende Kraft der Integration. Diese Vorstellung geht von den Knoten im Netz aus und hält sie oft genug für Individuen, die durch das Netz ihre Individualisierung vorantreiben könnten.
Bereits 1948 schrieb Franz Baermann Steiner in einem unveröffentlichten Aphorismus zur damaligen Netz-Metapher: „Eine Gesellschaft besteht genausowenig aus Individuen, wie ein Netz aus Knötchen. Das Netz ist mithilfe der Knoten gemacht. Aber kein Knoten ist ein Stück oder eine Einheit von etwas, das man in welchem Sinne oder mit was für Absicht ein ‚Netz‘ nennen könnte.“

Was die Netzwerkmetapher anderswo sagt

Kann man eine Metapher kritisieren? Das ist kein einfacher Vorgang. Man kann nur die Verwendungen einer Metapher kritisieren, und hierfür kann man auf andere Metaphern zurückgreifen, und auf andere Verwendungen derselben Metapher. „Lasst uns Menschenfischer sein!“ Dieser Satz wird zu Fischern gesprochen, die gerade dabei sind, ihre Netze zu
flicken, er umgarnt diese Fischer, die ihre Netze fahren lassen, um Menschenfischer zu werden. Wenn man diese Situation als Ausgangspunkt einer Betrachtung der heutigen Netzmetapher wählen würde, wo käme man dann hin? In den Himmel, hoffentlich – aber darum soll es hier nicht gehen. Zu einer realistischeren Betrachtung der Netz-Metapher und in das Fegefeuer auf Erden, das wäre ein etwas anderer und ebenso beschwerlicher Weg, und über kurz oder lang würde er auf folgendes zurückkommen: Netze sind keine menschliche Erfindung, menschliche Netze bleiben Erfindungen, die vermutlich zuerst tierischen Netzen abgeschaut wurden. Das Netz ist über Jahrtausende vor allem eine Form der Falle gewesen, und sie verlangt unterschiedlichste Formen des Fallen­stellens und Belauerns. Der Ausgangspunkt des Wortes, seiner Metapher und ihrer Begriffe bleibt ‚Beute­machen‘ und Macht über das, was sich im Netz verfangen soll. Alle menschlichen Netze und ihre Praktiker – auch die ausgeklügelsten oder schmeichelhaftesten Netze, die hier erwähnt worden sind – bleiben auf Beutezug. Gerade ‚das Netz‘ besteht einzig und allein aus Organisationen, die ständig auf Beutezug sind, und ihre Netze jeden Tag neu (mit neuen Algorithmen) auswerfen müssen. Es handelt sich um Beute­macher par excellence, Parasiten am Gemeingut und am Eigentum der anderen. (Während ich dies schreibe, versucht eine kommerzielle Organisation, durch ihr ‚Netz‘ und durch ‚das Netz‘ Verbreitungsrechte an allen früheren Publikationen der gesamten Welt zu erbeuten.) Auch eine Netzwerk­theorie und jede Netzwerkmethode bleibt ein Netz, das seine Beute einfangen soll. Eine Netzwerk­theorie ist ein Netz, das andere Netze fangen soll und ihre Beute dazu. Das Fallenstellen nimmt kein Ende, weder ‚im Netz‘ noch in der Wissenschaft der Netze. Eine Form der theoretischen Netze ist das Diagramm – der Theoretiker und der Praktiker will sein Netz vor sich sehen, er will wissen, was er im Netz gefangen hat. Hinter den topologisch vereinheitlichten Diagrammen und ihren sehr verschiedenartigen Gegenstands­bezügen liegen weiterhin die Fallensteller auf der Lauer. In unseren topologischen Verortungen sind wir ihnen bereits auf den Leim gegangen.

Die Löcher im Netz

Es fällt also gar nicht so schwer, eine Metapher auf die Schnelle wiederzubeleben, und ihr einen anderen Sinn abzugewinnen. Aber die Geschichte von Jesus und den Fischern bleibt noch unausgelegt, denn die Menschenfischerei ist ihr Ziel, aber der Ausgangspunkt – für alle, die es nachlesen wollen – waren Fischer beim Flicken von Netzen. Jedes Netz hat Löcher, durch die eine Beute aus­gefiltert werden soll, aber auch entwischen kann, und die Netze unterliegen einem ständigen Verschleiß, der ebenso unaufhörliche Reparaturen verlangt. Das ist ein weiterer Realismus in der Metapher vom Netz, der jedem von uns geläufig bleibt, solange er seine verschiedenen ‚sozialen Netzwerke‘ pflegen und reaktivieren muß, und er gilt um so mehr für die ständige Wartung und Reparatur der großen und der kleinen Infrastrukturen aller Versorgungs- und Transportleistungen. Was ‚ein Netz‘ wirklich ist, lernt man eigentlich erst dort, zum Beispiel von Jörg Potthast, der die Wartung und Reparatur der Gepäckförderbänder von Großflughäfen in London und Paris untersuchte, von Richard Rottenburg, der die Entwicklungshilfe für ein Wasserwerk nachzeichnete und dabei auf die Löcher in den Listen stieß, auf denen alle weiteren Abrechnungen der lokalen und internationalen Organisationen beruhen, oder von Brian Larkin, der die Videoindustrie in Nigeria mit ihren Transportwegen unter die Lupe nahm. Netzwerkbeobachtungen haben dann eine etwas andere Form: das Gepäckförderband klemmt, die Wartungstechniker und zuständigen Ingenieure diskutieren anhand von Video-Aufnahmen, wie die Gleitschiene zu verbessern ist und wer für den Schaden aufkommen muß. Oder: Das Loch im Boden blieb mehr als ein Jahr, und das neue Verkehrsnetzwerk verzögerte sich. Der Weg zu den Löchern im Netz – den gewollten und den geflickten – führt immer zurück von der Topologie zur Topographie, und von den topographischen Daten zur mühsameren Ortskenntnis, zur situativen Befragung und teilnehmenden Beobachtung eines Ethnographen oder Journalisten.

Wenn alle Netze reißen

Beutemachen und Reparatur, die vorgesehenen und die ungewollten Löcher im Netz, durch diese alltäglichen Handlungen und Einsichten ließe sich die Netzmetapher – für alle uns heute geläufigen Netze – noch einmal etwas realistischer gestalten. Auch historische Erzählungen können demonstrieren, wie Infrastruktur-Netzwerke und soziale Netzwerke miteinander zusammenhängen und wie sie in einander umkippen, und manchmal stehen sie auch in der Zeitung. Eine große europäische Stadt nördlich der Alpen – ihren Stadtheiligen sei es gedankt! – hatte tausend Jahre lang Glück, denn sie wurde als einzige nie erobert und gebrandschatzt. Ihr Archiv war das vollständigste und vorübergehend auch das architektonisch modernste Europas. Ein neues unterirdisches Verkehrsnetzwerk sollte gebaut werden. Die leitenden Posten in den zuständigen Behörden und Gremien wurden nach Netzwerk-Gesichtspunkten vergeben. Sie waren die übliche Beute der Parteien. Die Organisation der Bauleitung und Baudurchführung wurde netzwerkförmig zergliedert und ausgelagert. Im Niemandsland zwischen Markt und Behörden-Hierarchie wurden die billigsten Gutachten und Durchführungen bevorzugt. Probleme mit Grundwasser wurden erkannt, aber mit den einfachsten Mitteln bekämpft. Der angrenzende Strom, die Bautrasse, der Baugrund und die Gebäude gerieten in Bewegung. Die Panzerschränke des Archivs waren geräumt, weil im Keller jedes Jahr das Hochwasser vom Strom nebenan drohte. Ein Grundwasserbruch – der schlimmstmögliche Unfall, in der Literatur wohlbekannt und im Laborablauf bereits simuliert – trat ein und wurde vertuscht. Die in Auftrag gegebenen Gutachten gelangten nie an die Öffent­lichkeit, ihre Warnungen wurden nicht beachtet und die Wassergefahren mit ungenehmigten Brunnen bekämpft. Wie diese Brunnen zustande kamen und warum sie im Behördengang nicht weiter auffielen – vielleicht wird man darüber nicht viel herausfinden. „Man kannte sich ja schon länger“ – dieser elementare Netzwerk-Satz galt auf allen Ebenen dieses Baus, von der Baugrube über die Firmen bis in die Behörden und Parteien. Als der größere Unfall geschah und die Toten geborgen waren, blieben die Zuständigen wochen­lang damit beschäftigt, ihre – ihnen selber unklar gewordenen oder unklar gebliebenen – Zuständigkeiten zu diskutieren und die Aufklärung tage­weise zu verschleppen. Zu einem Rücktritt kam es erst einmal nicht, denn die Fäden wollten und wollten nicht reißen. Es fiel den Beteiligten schwer zu glauben, dass ihr altes Netzwerk durch einen infrastrukturellen Unfall ein jähes Ende haben sollte.

Verfasser: Erhard Schüttpelz

 

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Prof. Dr. Erhard Schüttpelz
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