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Palmyra – eine Brücke der Kulturen

Mittwochsakademie im Wintersemester feierlich eröffnet / Kurzvorträge drehten sich um das Thema Weltkulturerbe und dessen Erhalt / Veranstaltungen beginnen am 8. November

Volles Haus bei der feierlichen Eröffnung der Mittwochsakademie der Universität Siegen in der Aula des Lÿz. Wieder standen zwei Kurzvorträge im Mittelpunkt. Prof. Dr. Stephan Habscheid als wissenschaftlicher Leiter der Mittwochsakademie: „Das inhaltlich verbindende Element der beiden Vorträge heute ist der Begriff ,Weltkulturerbe‘, der in unterschiedlichen Perspektiven aufgegriffen werden wird.“

Bewegend und bewegt referierte der Alttestamentler Prof. Dr. Thomas Naumann über „Palmyra – Weltkulturerbe in Syrien. Was es einmal war“. Palmyra bietet eine der größten und interessantesten Ausgrabungsstätten des Vorderen Orients. Die Bilder von der Zerstörung Palmyras durch den IS gingen 2015 um die Welt. Untermalt von einem Fotoreigen präsentierte der Wissenschaftler ausdrücklich „kein Requiem auf Palmyra“, vielmehr wollte er den Bildern der Vernichtung eine Erinnerung an eine bedeutende römisch-orientalische Stadt des 2.-3. Jahrhunderts entgegensetzen, deren Lage und spektakuläre Ruinen Besucher seit Jahrhunderten begeistern. Naumann hielt seinen Vortrag ausdrücklich in Erinnerung an den durch IS-Schergen bestialisch umgebrachten palmyrenischen Archäologen Khaled al As’ad, einen der besten Kenner Palmyras weltweit.

Palmyra, die „Stadt der Dattelpalmen“ liegt auf halbem Weg zwischen Damaskus und dem Euphrat, in einer Oase inmitten der Syrischen Wüste. Während der Ort als Tadmor schon in altorientalischen Quellen des 2. Jahrtausends Erwähnung findet, wurde in der Spätantike zwischen dem 1.-3. Jh. neben der hellenistischen Besiedlung eine prachtvolle Stadt ganz in klassisch-römischer Bauweise neu errichtet, die später nicht mehr überbaut wurde, und deren steinerne Überreste (Tempel, Theater, Märkte, Prachtstraßen u.a.) in einer mehrere Quadratkilometer großen Ruinenfläche erforscht werden können. Außerhalb dieser Stadt befindet sich in drei Nekropolen mit annähernd 200 Grabbauten und kostbaren Skulpturen, Malereien und Grabbeigaben der größte erhaltene Friedhof des antiken Orients. Die Kunstschätze aus diesen Grabanlagen sind heute in allen bedeutenden Museen der Welt zu sehen. Naumann: „Palmyra ist ein besonderes Kleinod in der Fülle kultureller Denkmäler Syriens.“

Die gebildeten Europäer haben schon im 18. Jh. durch reich bebilderte Publikationen Kenntnis dieser Ruinenfläche erlangt, so dass in den gebildeten Kreisen die römisch-klassischen Ruinen Palmyras in aller Munde waren. Das antike Palmyra verdanke seinen Reichtum seiner einzigartigen Lage am östlichsten Rand des römischen Imperiums. Es etablierte sich als Zentrum des Fernhandels zwischen Rom und dem arabischen, mesopotamischen und iranischen Raum. Handelskontakte lassen sich bis nach Indien und China nachweisen. So wurden die Palmyrener (wie später die Venezianer) reich. Die griechisch-römische Architektur der Ruinenstadt täusche aber, so der Theologe. Palmyra war keine römische Stadt, sondern wie alle Handelszentren interkulturell und ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen. Seine arabischen Bewohner organisierten sich nach Stämmen, sprachen neben der Weltsprache Griechisch eine mit dem Aramäischen verwandte semitische Sprache, kleideten sich nach iranischer, regional-syrischer oder römischer Tracht und verehrter Gottheiten aus dem syrisch-mesopotamisch-arabischen Raum. Diese Vielfalt der Einflüsse macht „Palmyra so unverwechselbar in Kunst und Kultur.“

Eine spätantike arabische Stadt in römischer Architektur, die aber nicht sklavisch übernommen, sondern in erstaunlich freier Weise abgewandelt werden konnte. So lassen sich auch bei dem mächtigen Bel-Tempel mit seinen rund 200 Metern Seitenlänge nicht nur die bis 11m hoch aufragenden römischen Mauern und die säulenumstandene Cella bewundern, sondern auch mesopotamische Einfluss nicht übersehen. Nach der Christianisierung des Orients wurde dieser Tempel als Kirche, nach der Islamisierung als Moschee genutzt, bis im 8. Jh. n.Chr. Palmyra seine frühere Bedeutung verlor und vom Wüstensand der Jahrhunderte zugeweht wurde.

1980 hat Palmyra den Status eines Weltkulturerbes erhalten. 35 Jahre später sprengte der sogenannte IS die bedeutsamsten Ruinen und verwüstete das örtliche Museum. Naumann: „Die Tat zielte gegen die westliche Welt, gegen das Regime Assads, gegen das syrische Volk und die UNESCO.“ Und weiter: „Palmyra galt dem IS als Ikone westlichen Weltverständnisses.“ Allerdings, so sein leicht optimistischer Blick nach vorn, gehe die zerstörerische Rechnung nicht auf: „Die Ruinen von Palmyra werden den Vandalismus des IS wohl besser überstehen, als man zunächst befürchten musste.“

Dass Palmyra mit seiner jahrtausendealten interkulturellen Geschichte nicht wirklich untergeht oder in Vergessenheit gerät, dazu könnte auch modernste Technik beitragen. „Digital Cultural Heritage – ein Paradigmenwechsel? Zur Rolle von Vermessungswesen und Geoinformationen im Bemühen um den Erhalt des kulturellen Erbes“ lautete der Titel des Kurzvortrags von Prof.in Dr. Monika Jarosch. An der Universität Siegen hat sie den Lehrstuhl für Praktische Geodäsie und Geoinformation inne. „Wir befinden uns in einer Zeit massiven globalen Wandels“, so ihr Eingangsstatement. Die Digitalisierung hat unser ganzes Leben verändert. Das gelte auch für den Umgang mit Information ebenso wie mit Kommunikation. Im 18. Jahrhundert habe die industrielle Revolution eingesetzt, nun stehe Industrie 4.0 vor der Tür: „Der Roboter wird ein Mitarbeiter von uns.“

Auch im Bereich der Vermessung und der Geoinformation habe die Digitalisierung Einzug gehalten. Sie eröffne den Wissenschaftlern ganz neue Möglichkeiten und führe verstärkt zu interdisziplinärer Zusammenarbeit. Das Ergebnis der Digitalisierung werde „zu einem Instrument, mit dem man arbeitet“. Die Vermessung beispielsweise von Gebäuden mittels Laserscanner und Aufnahmen via Drohnen oder Satelliten erzeugten exaktes Datenmaterial. Werde dieses in Einklang gebracht mit altem Kartenmaterial sowie dem Wissen von Historikern und Archäologen, bestehe die Möglichkeit, dreidimensionale Ansichten zu modellieren und diese über 3D-Plots real werden zu lassen. Jarosch: „Hochgenaues Datenmaterial wird zu etwas, das haptisch wahrnehmbar ist.“ Wie so etwas aussehen kann, ist am interaktiven Stadtmodell Siegens im Museum des Oberen Schlosses zu betrachten.

Auch für Palmyra sind solche Rekonstruktionen denkbar. Dabei stellten sich jedoch Fragen wie diese: „An welchem Zeitpunkt setzt man an?“. Auch die Zerstörung sei ein Teil der Geschichte Palmyras. Es gebe Satellitenbilder aus der Zeit vor und nach der Zerstörung. Jarosch: „Man kann Palmyra mit digitalen Techniken wiedererstehen lassen. Das Datenmaterial hierfür steht in den Archiven bereit.“ Allerdings sollte „Disneyland“ vermieden werden. Und überhaupt: „Was gewünscht ist, muss das syrische Volk entscheiden“.

Wer an der Eröffnung der Mittwochsakademie nicht teilhaben konnte, oder die Vorträge bildlich und akustisch nochmals erleben möchte, kann dies über die Website www.uni-siegen.de/wissensstadt tun. Die Beiträge werden dort veröffentlicht. Dort findet sich auch der Link zum Facebook-Account der Stabsstelle Wissenschaft in der Stadt, über den Aktuelles gepostet wird. Für den musikalischen Rahmen der Eröffnungsveranstaltung sorgten Johannes Maximilian Koch (Gitarre) und Marco Hoffmann (Alt-Saxophon). Die Veranstaltungen der Mittwochsakademie in Olpe und Siegen starten – bedingt durch den Feiertag am 1. November - am 8. November 2017.