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Projektbeschreibung

Ausgangspunkt

Es ist der große Verdienst der ökonomischen Bildung in den vergangenen zwanzig Jahren substanzielle Befunde und Einsichten über ökonomische Kompetenzen sowie deren Messung erarbeitet zu haben. Die Studien zeigen, dass ökonomische Kompetenz insbesondere von vier Faktoren abhängig ist: dem kognitiven Entwicklungsstand, dem generellen Bildungsniveau, dem Geschlecht sowie dem sozioökonomische Status der Eltern. Überraschenderweise richtet die Literatur aber nur selten ihren Blick auf den Zusammenhang zwischen ökonomischer Kompetenz und gesellschaftspolitischen Komponenten. So spielt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen ökonomischer Bildung und normativer Urteilsfähigkeit wenn überhaupt eine marginale Rolle und es gerät häufig aus den Blick, was das eigentliche Ziel ökonomischer Bildung ist.

Projektidee

Ausgehend von der Einsicht, dass es das primäre Ziel ökonomischer Bildung ist, Schüler*innen zu informierten und reflexiven Mitgliedern einer aktiven Bürgergesellschaft zu machen, richtet sich das Forschungsinteresse auf den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Verstehen und moralischer Urteilsfähigkeit. Um vollwertiges Mitglied der sozialen Marktwirtschaft zu sein und in der Lage zu sein, normative Urteile zur weiterführenden Gestaltung einer solchen Gesellschaftsordnung formulieren zu können müssen Schüler*innen ökonomische Prozesse in ihrer sozialen Einbettung als originärer Bestandteil in gesellschaftliche Kontexte grundlegend verstehen können. Ein solches ganzheitliches ökonomisches Sinn-Verstehen – so eine zentrale These des Forschungsprojekts – unterscheidet sich aber signifikant von der in der Literatur üblicherweise verwendeten Kategorie ökonomischer Kompetenz.

Ökonomische Kompetenz und wirtschaftliches Verstehen sind somit notwendigerweise zu unterscheiden. Denn während in der Literatur mit ökonomischen Kompetenzen in der Regel die Fähigkeiten bezeichnen werden, kontextspezifisch wirtschaftlich adäquat zu handeln, soll ökonomisches Verstehen das inhaltliche Begreifen von allgemeinen ökonomischen Sachverhalten bezeichnen, wobei es nicht einfach um die bloße Kenntnisnahme geht, sondern vielmehr die intellektuelle Erfassung und Reflexion des Gesamtzusammenhangs wirtschaftlicher Prozesse in gesellschaftlichen Arrangements angesprochen wird. Während in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik ökonomische Kompetenzen in der Tradition von Wolfgang Klafki als die Fähigkeiten und Fertigkeiten bezeichnet, ökonomische Probleme zu lösen, handelt es sich beim wirtschaftlichen Sinn-Verstehen in der Tradition der verstehende Soziologie nach Max Weber um einen hermeneutischen Erkenntnisprozess bei dem subjektive Sinnzusammenhänge, Deutungsmuster und Handlungsorientierungen konstruiert und hierdurch handlungsleitend für soziale Akteure werden.

Um diesen Zusammenhang näher in den Blick zu bekommen, widmet sich das Forschungsprojekt in den kommenden Jahren der Untersuchung der Verbindung zwischen der Interpretation von wirtschaftlichen Zusammenhängen sowie gesellschaftlichen Strukturen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen und deren kognitiver Moralentwicklung und Urteilsfähigkeit.

In der Moderne hat sich eine komplexe Struktur gesellschaftlicher Subsysteme herausgebildet, in die Individuen durch jeweils unterschiedliche Rollen integriert sind. Ethische Verpflichtungen und soziale Beziehungen, die gesamtgesellschaftlich wirksam werden könnten, sind so schwerlich auszubilden. Jüngere Studien zeigen vielmehr, dass eine kontext-spezifische Moral (oder moralische Segmentierung) in der modernen Gesellschaft deutlich zu erkennen ist, so dass Individuen verschiedene moralische Beurteilungen, differenziert nach spezifischen Bereichen (z.B. Beruf- vs. Privatleben), aufzeigen. Gleichermaßen ist hinreichend belegt, dass sich die Moralvorstellungen der Menschen in Abhängigkeit von ihrer sozialen Lage und kulturellen Prägung unterscheiden. Betrachtet man beispielsweise die Verteilung von Einkommen und Vermögen in einer Gesellschaft, kann man für Deutschland feststellen, dass sozial besser gestellte Personen eher das Prinzip der individuellen Leistung als gerecht erachten, wohingegen bei Personen am unteren Ende der gesellschaftlichen Schichtung eine solche Regel wenig Zustimmung findet. Zudem zeigen international vergleichende Studien, dass gerade die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kulturkreis signifikante Auswirkungen auf die Gerechtigkeitsüberzeugungen von Menschen hat.

Basierend auf diesen Betrachtungen geht das geplante Forschungsprojekt der Annahme nach, dass die Entwicklung spezifischer moralischer Urteilskompetenzen zu unterschiedlichen Interpretations-mustern von sozialen Strukturen und insbesondere wirtschaftlichen Prozessen führt (oder auch vice versa), woraus unterschiedliche Zugänge zur Beurteilung von Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft resultieren.

Projektplan

Das Forschungsprojekt zielt somit zum einen auf die Analyse der moralischen Urteilskompetenz und Reflexionsfähigkeit bezüglich wirtschaftlicher Prozesse von Schüler/-innen aus verschiedenen Altersgruppen, Schulformen und sozialen Kontexten und zum anderen auf die Identifizierung von Lehr-Lern-Arrangements und ihrer inhaltlich-curricularen Verankerung, die die wirtschaftliche Reflexionsfähigkeit in sozialwissenschaftlicher Perspektive fördern.

Zur Erfassung des Zusammenhanges zwischen wirtschaftlichen Verstehen und moralischer Entwicklung werden mehrere Teilaspekte behandelt:

  1. Wirtschaftliches Verstehen und ökonomische Kompetenz
  2. Kategorien wirtschaftlichen Verstehens [Onlinebefragung]
  3. Verstehende Nationalökonomie
  4. Choosing Inequality [Sozialvertragliche Verteilungsexperimente]
  5. Indoktrinations- versus Selektionseffekt [Fachkulturforschung]