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Vorlesungsraum wird zum Tatort

Der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke war für ein Modul des neuen Medizin-Campus Bonn-Siegen an der Uni Siegen zu Gast. Neben weiteren fünf DozentInnen arbeitete Benecke täglich sechs Stunden theoretisch und praktisch mit den Studierenden.

Blutspritzer auf dem Boden, Aufkleber mit Maßeinheiten daneben – der Vorlesungsraum gleicht einem Tatort. Die Aufgabe ist leicht erklärt: In welcher Körperposition und an welcher Stelle befand sich das Opfer, als diese Blutspritzer verursacht wurden? 30 Augenpaare verschaffen sich einen ersten Eindruck, fokussieren die Blutspuren, um diese näher zu untersuchen. Bunte Fäden und errechnete Winkel helfen den Fall zu klären. Das erste Modul des neuen Medizin-Campus Bonn-Siegen hat es in sich: Fünf Tage lang beschäftigten sich die angehenden Medizinerinnen und Mediziner sowie Studierende medizinnaher Fachrichtungen mit dem Thema Rechtsmedizin und Medizinrecht. Insgesamt sechs Dozentinnen und Dozenten stellten ihre Spezialthemen in Theorie oder Praxis vor, allen voran der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke und sein Team. Die 30 TeilnehmerInnen des Moduls kamen dabei nicht nur aus Siegen, sondern auch aus Rotterdam, Marburg oder Ulm, um diese Zusatzqualifikation zu erlangen.

„Wir möchten mit den neuen Modulen der Nano-Zertifikate den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Blick über den Tellerrand und den Austausch mit Expertinnen und Experten anderer oder verwandter Fachrichtungen ermöglichen. Es sind derzeit sechs Module zu unterschiedlichen Fachthemen geplant, für die wir renommierte Dozentinnen und Dozenten nach Siegen holen. Die Block-Seminare leben von einer hohen Praxisorientierung und einer exzellenten und individuellen Betreuung in kleinen Gruppen“, erklärte Prof. Veit Braun, Studiendekan Gesundheitswissenschaften der Lebenswissenschaftlichen Fakultät (LWF) der Universität Siegen.

Bereits zum Einstieg in die Woche wurden die Teilnehmenden mit medizinrechtlichen Themen konfrontiert. Joachim Lüblinghoff, Vorsitzender des 26. Zivilsenats am Oberlandesgericht Hamm, und die Medizinrechtlerin Sabrina Diehl sensibilisierten für die hohe Verantwortung in medizinischen Berufen. „Ich denke es ist wichtig, dass sich die Studierenden schon während ihrer Ausbildung mit den Konsequenzen ihres Tuns beschäftigen“, sagte Joachim Lüblinghoff. Medizinrechtlerin Sabrina Diehl vertritt Patienten im Fall von Behandlungsfehlern. Sie weiß, wie wichtig der ausführliche Austausch zwischen ÄrztInnen und PatientInnen ist. „Ärzte müssen natürlich täglich schnell Entscheidungen treffen, sollten aber auch besonnen überlegen, was zu tun ist und dies mit dem Patienten detailliert besprechen. Denn jedes Handeln kann Konsequenzen für den Patienten und dann auch für den behandelnden Arzt haben. Arzt-Patienten-Gespräche finden scheinbar immer seltener statt“, weiß Diehl aus ihren Erfahrungen zu berichten.

Um diese Konsequenzen einmal selbst zu erfahren, wurde in dem Modul eine Gerichtsverhandlung nachgestellt, die einen „echten“ Fall zum Gegenstand hatte. Zwei Seminarteilnehmer und eine niederländische Seminarteilnehmerin nahmen die Rolle medizinischer Gutachter ein und mussten Rede und Antwort stehen. „Das ist ein Erlebnis, dass man nicht vergisst. Es ist sehr wertvoll diese Erfahrung in einem geschützten Raum machen zu dürfen“, sagte die niederländische Studentin Lizzy Munnik im Anschluss.
Patientensicherheit steht ganz oben auf der Prioritätenliste. Deshalb war es für Prof. Veit Braun naheliegend, einen Spezialisten einzuladen, der erstaunliche Parallelen aus der Luftfahrt auf die Medizin übertragen konnte. Konzentriert und gespannt folgten die Studierenden dem Vortrag von Frank Dunz. Der Flugkapitän in einem großen deutschen Luftfahrtunternehmen referierte über Risiken, Prioritäten und Sicherheitsmechanismen in der Luftfahrt. „So wie Passagiere eines Verkehrsflugzeuges höchste Sicherheit während ihres Fluges erwarten, verlassen Patienten sich darauf, dass sie im Krankenhaus eine gute und komplikationsfreie Behandlung erfahren. Sie erwarten, dass die Patientensicherheit für alle Beteiligten die höchste Priorität hat. Jedoch ist kein Flug und keine Behandlung frei von Risiken. In risikobehafteten Arbeitsumgebungen wie in der Luft- und Raumfahrt, in Kernkraftwerken und in OP-Sälen, sind Arbeitsbelastung, Entscheidungsfindung unter hohem Zeitdruck, Ablenkung, Müdigkeit durch Schichteinsätze und wirtschaftlicher Druck systemimmanent. Wenn weitere Variablen wie Konflikte im Team, Kommunikations- und Hierarchieprobleme hinzukommen, erhöht sich die Fehlerwahrscheinlichkeit“, so Frank Dunz. Durch die gemeinsame Analyse der Flugzeugkatastrophe im Jahre 2002 in Überlingen, verdeutlichte Dunz den TeilnehmerInnen, wie wichtig der richtige Umgang mit Fehlern und Verfahrensabweichungen ist, damit Gefahren rechtzeitig erkannt und gebannt werden können.

Um ein Fehlerbewusstsein auf moralischer Ebene warb Prof. Dr. Hartmut Collmann. Collmann war viele Jahre Kinderneurochirurg in Würzburg und hat sich intensiv mit der Vergangenheit der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie und damit auch mit der Medizin während des dritten Reichs beschäftigt. Er führte den jungen angehenden KollegInnen mit bewegenden Beispielen aus dieser Zeit vor Augen, dass medizinische Arbeit nicht vorurteilsfrei sein kann. Denn jeder Mensch habe Wünsche und Ängste, die das eigene Verhalten beeinflussen. Es sei eine Frage von Berufsethos und Moral wie weit man gehe, um das eigene Karriereziel zu erreichen. „Ich muss mich immer wieder auch selbst kritisch hinterfragen ohne dabei das Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit zu verlieren“, rät er seinen jungen Kollegen.

Für eine vernünftige Einschätzung der eigenen Fähigkeiten warb auch Veit Braun in seinem Vortrag. Er berichtete im Seminar von seinen persönlichen Erfahrungen als Bergsteiger. Auch dabei würden vorhandene Risiken häufig unterschätzt, erklärte Braun. „Bergsteigen ist Risiko, technische Ausrüstung vermittelt oft falsche Sicherheit und erhöht damit die Risikobereitschaft. Vielfach fehlt bei Kilimandjarotouren die vorhergehende Höhenadaptation. Trotz medikamentöser Prophylaxe kann es auch bei Jungen und Trainierten zu einer Höhenkrankheit kommen“, so Braun. Die Studierenden erfuhren von Prof. Braun wie man das Risiko minimieren und Bergsteiger bei ihrem Vorhaben medizinisch begleiten kann.

Den inhaltlichen Schwerpunkt des Seminars gestaltete jedoch der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke mit seinem Team. Sein Ziel: Den Studierenden vermitteln, warum es so wichtig ist, an Tatorten oder auch in der Klinik, Spuren und Details z. B. mithilfe von Fotos gut zu sichern und damit die Basis für die Aufklärung von mutmaßlichen Gewaltverbrechen zu legen. Aber nicht alle Indizien und Spuren weisen auf einen außergewöhnlichen Tathergang hin, erklärte Benecke. Manchmal seien sie auch ganz banal zu erklären. Verletzungen, die wie Foltermale aussehen, könnten beispielsweise durch Insekten am Leichenfundort verursacht worden sein. „Ich möchte den Teilnehmern ein Gespür dafür geben was man macht, wenn man ganz früh am Tatort ankommt, was mit Spuren passiert, wenn jemand zum Beispiel in der Notaufnahme gewaschen wird oder wie stark sich Spuren verändern,  weil sich der Körper nicht mehr am Fundort befindet“, erklärte Benecke. Die Gruppe sei sehr „auf Zack“ lobte Benecke und das Training auf englisch durchzuführen und mit internationalen Teilnehmern zu arbeiten, habe ihm besonders viel Spaß gemacht.

Prof. Dr. Veit Braun (r.) organisierte den Besuch des Teams (von links) von Dr. Mark Benecke, seiner Frau Ines Fischer und der Biologin Kristina Baumjohann.