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Inhaltliche Ausrichtung

Die internationale und interdisziplinär angelegte Tagung geht hervor aus der Kooperation von Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft, Sprachwissenschaft und Fachdidaktik der Siegener Romanistik und stützt sich auf die Arbeiten des Forschungsnetzwerkes Langscape sowie des dort angesiedelten EU-geförderten Projekts ENROPE (European Network for Junior Researchers in the Field of Plurilingualism and Education).

Mit den Konzepten Mehrsprachigkeit und digitaler öffentlicher Raum bringt die Tagung Bereiche zusammen, die in einem dynamischen Wechselverhältnis stehen und sich gegenseitig bedingen. Der öffentliche Raum lässt sich topographisch und architektonisch als von Gesellschaften geschaffener Lebensraum ebenso beschreiben wie als Resultat dynamischer gesellschaftlicher, politischer, künstlerischer und medialer Praktiken. Der öffentliche Raum wird damit als wesentliche Kategorie des sozialen Lebens verstanden. Vermittels des Begriffs Öffentlichkeit lassen sich Konstituierungen und Dynamiken von (mehrsprachiger) Kommunikation, von sprachlich-kulturellen Haltungen und Praktiken der Lebensführung und des Zusammenlebens ebenso wie Wandlungen des städtischen und ländlichen Raumes, der Milieus, der (Bildungs-)Institutionen sowie des Verhältnisses zum Privaten oder zum Anderen nachzeichnen.

Gegenwärtig zu beobachten ist die Transformation sozio-kultureller und politischer Öffentlichkeit durch neue Formen der Partizipations- und Kommunikationsformen in digitalen Räumen. Hiermit eng verbunden sind die interdisziplinär zu definierenden Konzepte agency und connectivity (vgl. Thacker 2004, Yashima 2013), die sich auch auf gesellschaftliche Partizipation und kritisches Engagement beziehen. Durch die Vernetzung der Kommunikationsteilnehmer:innen in digitalen sozialen Medien wird das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit neu kalibriert (König/Oloff 2019). Hauser, Opilowski & Wyss (2019) sprechen in jüngster Zeit von digitalen „alternativen Öffentlichkeiten“, die im Unterschied zur „klassischen“ massenmedialen Öffentlichkeit von nicht-institutionellen Akteur:innen hervorgebracht werden. Im digitalen öffentlichen Raum entstehen so neue Formen der Dialogizität sowie spezifische Möglichkeiten der Selbstmanifestation und der Verhandlung von Identitäten. Diese neuen Formen und Möglichkeiten regen auch die ästhetischen Prozesse in Literatur und anderen Künsten an, wodurch die Literatur- und Medienwissenschaften zu einer Erweiterung der im 20. Jahrhundert ausgearbeiteten Theorien von Intertextualität und Intermedialität herausgefordert werden. Im Zuge dieser Dynamisierung des traditionellen Literatursystems haben sich im gegenwärtigen Forschungsdiskurs Begriffe wie „digitale“ oder „elektronische“ Literatur etabliert (cf. Winko 2016). Gerade die literarische Adaptation digitaler Räume, z.B. durch die Inszenierung von Chat-Kommunikationen in narrativen oder poetischen Texten, lässt eine neue, digital geprägte Sprache literarischer Kommunikation entstehen, die sich u.a. auf der Basis von diskursanalytischen, semiotischen und stilistischen Gesichtspunkten analysieren lässt. Ist auf gattungstheoretischer Ebene die Transformation traditioneller Genres zu beobachten, laden digital publizierte Literaturprojekte auf der Grundlage rezeptionstheoretischer und literatursoziologischer Ansätze zur Untersuchung digitaler Lesegemeinschaften ein. Im Rahmen der im Netz veröffentlichten Literatur kommt der Text­sorte des literarischen Blogs eine besondere Rolle im Hinblick auf das Potential der Subjektkonstitution/Autorepräsentation von Autor:innen zu (vgl. Folger 2008; Gatzmeier 2010), deren virtuelle „postures“ (vgl. Meizoz 2007) den öffentlichen Diskurs mitprägen und für ihre Leser:innen Identifikationsmuster schaffen können. 

Für die Modellierung sprachlich-kultureller Bildungsangebote, die die mehrsprachig-mehrkulturellen Identitäten der Lernenden berücksichtigen und umfassende sprachlich-kulturelle sowie digitale Handlungskompetenzen bzw. Multiliteracies entwickeln wollen, ist die Frage nach Formen der Öffnung des Unterrichts hin zum digitalen öffentlichen Raum als Lernort hoch relevant. Die Möglichkeiten der Einbeziehung und Gestaltung digitaler Räume eröffnen neue Bildungsszenarien und sind mit medienkritischen und medienethischen Fragen zu begleiten, um Lernende zu sprachlicher und kultureller Partizipation zu befähigen. Der kritische Umgang mit Angeboten der öffentlichen Meinungsbildung in sozialen Netzwerken ist Teil schulischer Medienbildung. Mit Web2.0-Anwendungen können Lernende auch selbst zu Akteur:innen im digitalen öffentlichen Raum werden. Dies kann im kreativen Umgang mit digitalen (literarischen) Texten oder durch den mitteilungsorientierten Umgang mit Sprachen und Mehrsprachigkeit geschehen (translanguaging, vgl. Canagarajah 2013, García/Wei 2014, Pennycook 2007). Wie dies im öffentlichen Raum erfolgt, kann beispielsweise über Linguistic Landscapes in den Unterricht ebenso eingebracht werden wie über die eigene Gestaltung digitaler mehrsprachiger Räume. Wie die Linguistic Landscape-Forschung in der Folge von Landry/Bourhis (1997) zeigt, ist Mehrsprachigkeit ein ubiquitäres Merkmal v.a. städtischer Sprachlandschaften und inzwischen auch in digitalen öffentlichen Räumen präsent, in denen sprachliche und kulturelle Diversität semiotisch repräsentiert und ausgehandelt wird. Dies wird dann Gegenstand der unterrichtlichen Reflexion über digital vermittelte mehrsprachige Praktiken und dynamische Identitätskonstruktionen (vgl. Lahire 2011) und ist auch für die Lehrer:innenbildung bezüglich der Einstellungen zu Dynamiken der Mehrsprachigkeit von Bedeutung.

Die Schaffung, Strukturierung und Nutzung digitaler öffentlicher Räume sowie ihre Wirkung auf bzw. Wechselwirkung mit Dynamiken von Mehrsprachigkeit in ihrer Komplexität zu analysieren, ist eine interdisziplinäre Aufgabe von Sprach-, Literatur-, Medien-, Kulturwissenschaft und Fremdsprachendidaktik. Die jeweiligen Perspektiven auf den Gegenstand Mehrsprachigkeit und digitaler öffentlicher Raum systematisch zusammenzuführen, ist Ziel der Tagung. Das Anliegen der Veranstalter:innen ist es, die Theoriebildung und Forschungspraxis interdisziplinär voranzutreiben sowie Einblicke in international laufende Projekte aus den genannten Disziplinen zu ermöglichen. Die Tagung fokussiert demgemäß folgende interdisziplinär angelegte Fragen:

  • Wie konstruieren öffentliche / berufliche / ästhetische Kommunikationspraktiken den digitalen öffentlichen Raum?
  • Welche Beschaffenheit und Dynamiken haben diese Kommunikationspraktiken im digitalen öffentlichen Raum im Hinblick auf Ästhetik, Faktizität, Normativität etc.?
  • Mittels welcher Praktiken kann ein Subjekt performativ auf die Konstruktion des digitalen öffentlichen Raumes wirken und welche Grenzen sind ihm gesetzt?
  • Wie kann der digitale öffentliche Raum zu einem Raum der Dialogizität und Heteroglossie gestaltet werden?
  • In welchem (Wechsel)Verhältnis stehen Sprachen des digitalen öffentlichen Raumes zu Sprachen in materiellen öffentlichen Räumen?
  • Welche Bedeutung hat der digitale öffentliche Raum für die Wahrnehmung, Entwicklung und (sprachlich, textuelle, ästhetische, mediale) Darstellung sozio-kultureller und mehrsprachiger Identitäten?
  • Wie können / wie werden digitale Räume sprachlich, medial und ästhetisch für sozio-kulturelle Transformationsprozesse und die Entwicklung von agency und connectivity in kulturellen, beruflichen Zusammenhängen und in Bildungskontexten genutzt?
  • Welche Wirkung haben digitale Räume auf sozio-kulturelle, sprachliche, künstlerisch-ästhetische und (berufs-)identitätskonstituierende Entwicklungsprozesse?