
Lili - Heft 112
Thema: Kaleidoskop
Herausgeber dieses Heftes:
Wolfgang Klein
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Inhalt
Wolfgang Klein
Einleitung - Von der einfältigen Wißbegierde ![]()
Karl Kogler
»Eine schöne Leich«:
Kritische Bemerkungen zu wiederkehrenden letzten Begängnissen
der Buchdruckkultur
Christa Karpenstein-Eßbach
Inszenierungen der Schrift. Literatur und Medienkonkurrenz
Christa Karpenstein-Eßbach
Ästhetisierung von Tempo. Literatur in der
Mediengesellschaft
Waltraud Wende
Über die Unfähigkeit der Amerikaner, sich ein Bild vom
Vietnam-Krieg zu machen... Der Krieg, die Rolle der Medien und
Stanley Kubricks Film Full Metal Jacket
Rainer Küster
Kriegsspiele - Militärische Metaphern im Fußballsport
Christine Römer und Astrid Urban
Metaphern und semantische Unbestimmtheit
Veronika Bernard
Die fremde Stadt. Exotik als Katalysator projizierender
Reflexion
Mischa Meier
Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Eine
Kindertragödie?
Gerald Funk
Zur Poetik des Ähnlichen in Baudelaires Gedicht
Correspondances
Antje Mansbrügge
Der Text ist der Autor eines Buches? Einige Überlegungen zu
Libuse Moníkovás Pavane für eine verstorbene
Infantin
Ursula Töller
Nelly Sachs. Eine literarhistorische Verortung
Sabine Obermaier
Wider unsere Ignoranz. Zehn Überlegungen zum Umgang von
Lehrenden mit Problemen ausländischer Studierender beim
Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen
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Wolfgang Klein
Von der einfältigen Wißbegierde
O toi que j’eusse aimée, ô toi qui le savais!
1. Von der edlen Einfalt
Noch heute, nach vielen Jahren, sehe ich das Leuchten in den
Augen unseres Griechischlehrers, als er uns erzählte, als wie
verachtenswert es unter den wahren Liebhabern der Weisheit
gegolten habe, eben diese Weisheit um Geld weiterzugeben. In
der Einfalt des Schülers habe ich da bei mir gedacht, daß ja
eben dieser Lehrer ein behördlich bezahlter Oberstudienrat ist,
und so habe ich ihn denn gefragt, ob diese Bewertung heute
nicht mehr gälte. Nein, gab er da zur Antwort, sie gilt nicht
mehr. Es ist nicht mehr so, daß man seine Tage einfach der
Mehrung des Wissens widmen kann, um es, vielleicht, mit jenen
zu teilen, die sich gleichfalls darum bemühen.
Das ist wohl wahr. Die Zeiten sind vorüber, als es noch, wie in
der Antike, genügend Sklaven gab, die für den Lebensunterhalt
und das Alltägliche sorgten und dem Wißbegierigen die Freiheit
schufen, der reinen Erkenntnis nachzustreben, das Göttliche in
sich zu entfalten und so recht eigentlich Mensch zu werden. Wir
Spätgeborenen hingegen müssen, sieht man von ein paar reichen
Dilettanten ab, den Steuerzahler und seinen gesetzlich
gewählten Vertreter davon überzeugen, daß es richtig und
wichtig ist, uns nach A 13 bis C4 zu besolden, damit wir
forschen und lehren, lehren und forschen. Anders als die wahren
Liebhaber der Weisheit sind wir käuflich, unsere Ware ist das
Wissen, wir stellen es mühselig selber her oder übernehmen es
preiswert von andern, und wir geben es gegen Geld weiter. Wir
sind Teil des Marktes; die Friseure und die Briefträgerinnen,
die Stahlkocher und die Verkäuferinnen bezahlen uns dafür,
bestimmte Dinge zu tun, die zu tun wir und sie für richtig
halten.
Aber ganz so möchte man es eigentlich nicht sehen. Die
Selbstwahrnehmung der Lehrenden und Forschenden, gleich auf
welcher Gehaltsstufe, hat gegen die offenkundigen Tatsachen
sehr viel von der griechischen Einstellung bewahrt. Eigentlich
müssen sie uns bezahlen, denn wir tun etwas Edles. Wir
tun das, was den Menschen über das Tier hinaushebt - wir
fördern die Erkenntnis, indem wir, um unser eigenes Fach zum
Beispiel zu nehmen, eine Stelle in einem Gedicht Thomas Grays
auf neue Art interpretieren oder die Funktion des deutschen
Perfekts im Vergleich zum englischen und französischen Perfekt
bestimmen oder ein neuentdecktes Gedichtfragment aus der Zeit
Kaiser Ottos des Dritten edieren und mit erläuternden Hinweisen
versehen. Dies mag von der Erkenntnis dessen, was die Welt im
Innersten zusammenhält, noch sehr entfernt sein, eher Wagner
als Faust, aber es sind eben unsere Scherflein.
So radikalaristokratisch möchte man es freilich wiederum auch
nicht sehen. In der Tat bestehen, wenn man es genau betrachtet,
zur Sichtweise der antiken Wahrheitssucher drei zumindest
graduelle Unterschiede. Erstens möchten wir doch, und zwar
ehrlich, Frau Mayer aus Meppen und Herrn Kobes aus Kleve nicht
mit denselben Augen betrachten wie Plato und Aristoteles ihre
Sklaven. Herr Kobes und Frau Mayer sollen zwar für unseren
Lebensunterhalt aufkommen (wir sind sogar willens, einen Teil
davon als unsern eigenen Beitrag zum Steueraufkommen
zurückzuzahlen), und wir sind ihnen auch nicht direkt dankbar
dafür, daß sie es tun; im übrigen aber sind sie menschlich
gleichwertig. Zweitens haben wir durchaus die Vorstellung,
etwas für die Allgemeinheit zu tun oder zumindest tun zu sollen
und nicht nur für uns selbst. Und drittens sind wir der
Meinung, daß eben diese Allgemeinheit durch die Kraft des
Arguments und nicht durch bare Gewalt davon überzeugt werden
muß, uns zu alimentieren sei ein bonum. Es kommt also nur
darauf an, geeignete Argumente zu finden, Argumente, die den
Vielen und nicht zuletzt uns selbst einleuchten.
2. Von den Gründen, die Suche nach dem Wissen zu entgelten
Mir scheint, es gibt drei solcher Gründe; sie sind nicht
unvereinbar. Dies ist zum ersten die Neugier, die den
Wissenschaftler und in der einen oder andern Form auch jeden
andern Menschen plagt, zum zweiten der praktische Nutzen, den
unsere Arbeit gelegentlich abwirft, und zum dritten die
Vorstellung, daß letztlich irgendjemand doch Bescheid wissen
muß.
Wir sind uns alle einig, daß die Neugier, oder ihre etwas
edlere Spielart, die Wißbegierde, der wichtigste Beweggrund der
wissenschaftlichen Arbeit ist. In Stunden der Selbstbesinnung
und des moralischen Muts würde man vielleicht noch die
Ruhmsucht nennen; aber auch dann würde man sie sicher nicht als
Argument anführen wollen, so daß sie hier außer Betracht
bleiben kann. Der Neugier hingegen haftet selbst in ihren
minder edlen Formen ein Abglanz des Faustischen (»Zu wissen was
die Welt/Im Innersten zusammenhält«) an, und sie als Hauptmotiv
unseres Handelns zu betrachten, ist sicher nicht nur ehrlich,
sondern auch moralisch vertretbar. Es wäre aber nicht
glücklich, dies der Allgemeinheit gegenüber allzusehr
herauszustellen. Wie soll Frau Müller aus Bottrop einleuchtend
gemacht werden, daß ihre schon allzuhohe Lohnsteuer dazu
herhalten soll, die Neugier anderer Leute zu befriedigen, und
möchten sie dies für noch so edel halten? Wie soll das einem
verantwortungsvollen Politiker vermittelt werden, der von Frau
Müller wiedergewählt werden möchte?
Das beste Argument scheint natürlich der mögliche praktische
Nutzen. Daß die Wissenschaft dazu dienen soll, die Mühseligkeit
des menschlichen Daseins zu erleichtern, leuchtet fast jedem
ein, außer vielleicht den Wissenschaftlern selbst. Deshalb wird
diese Vorstellung ja auch gern als Argument beigezogen. Dennoch
ist es nicht ratsam, die Überzeugungsarbeit allzusehr darauf
abzustellen. Es besteht nämlich die Gefahr, daß jene, die so
reden, bisweilen auch daran gemessen werden, wie ein Politiker
an seinen Wahlversprechen, und je mehr der mögliche Nutzen
unserer Arbeit in der Öffentlichkeit betont wird, desto größer
wird diese Gefahr. Ein Tor, wer den praktischen Nutzen der
Wissenschaft zu einer zugesicherten Eigenschaft nach § 459 BGB
macht. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit hat einfach keinen
- jedenfalls wenn man unter ›praktischem Nutzen‹ das versteht,
was jeder normale Mensch darunter versteht. Natürlich kann man
den Vielen, und nicht zuletzt sich selbst, in dieser Sache
etwas vormachen. So kann man sagen, daß der praktische Nutzen
eben nicht immer so unmittelbar zu sehen ist, sondern nur auf
die Dauer. Dies ist ja auch richtig. So vieles, was uns heute
ein so viel angenehmeres, längeres und sichereres Leben
beschert als in den guten alten Zeiten, wäre nicht möglich
gewesen ohne die zunächst zweckfreie Grundlagenforschung, ohne
die erratische Wißbegierde und auch die eitle Ruhmsucht von
Physikern, Chemikern, Biologen - von Leuten kurzum, die einfach
nur einmal wissen wollten, wie das denn alles so ist. Diese
Argumentation vom vermittelten, langfristigen Nutzen wird aber
zusehends zur Nebelwerferei, wenn man sie auf Geistes- und
Sozialwissenschaften ausdehnt. Das Studium der Vergangenheit
beispielsweise lehrt uns viel über die Vergangenheit: aber daß
es uns ernstlich dabei helfen könnte, die Zukunft besser zu
gestalten, ist Sophisterei, ein Topos, den man gerne sagt und
gerne hört. In Wirklichkeit hat die Geschichtsforschung, von
seltenen Ausnahmen abgesehen, ebensowenig praktischen Nutzen
wie eine Deutung der Symbolik von Faust II und wie nahezu alle
geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung. Sie ist halt
interessant.
Was bleibt, ist der dritte der oben genannten Gründe - die
Vorstellung, »daß es einer doch wissen müßte«. Der
Durchschnittsbürger wird sich in seiner platten Neugier eher
für das Fortpflanzungsgebaren des monegassischen Fürstenhauses
interessieren als für jenes der letzten Berggorillas, dem die
Wißbegierde des ernsthaften Forschers und der ernsthaften
Forscherin gilt, und er wird nicht auf Anhieb nachvollziehen
können, weshalb man dafür seine Steuergelder ausgibt. Aber er
lebt doch in dem Bewußtsein, daß es letztlich Leute geben muß,
die im Zweifelsfall Auskunft darüber geben können, wie es denn
mit den Berggorillas im Vergleich zu den Bonobos ist, falls
diese Frage bei irgendeiner Gelegenheit einmal auftauchen
sollte - und sei es bei einer Wette. Irgendwo sollte klares
Wissen sein, soweit es denn menschenmöglich ist, auch wenn man
dieses Wissen nicht immer braucht. Dieses Bewußtsein ist
allgemein. Es findet sich, so merkwürdig dies scheinen mag,
selbst bei jenen, die der Wissenschaft höchst kritisch
gegenüberstehen (die einzige Ausnahme sind wahrscheinlich
wiederum die Wissenschaftler selbst, jedenfalls was ihr eigenes
Fach angeht). Es ist, für unsereinen vielleicht zum Glück,
meist unhinterfragt, es ist sehr fest, und es gilt für alle
Fragen, von der banalsten bis zur seriösesten. Irgendjemand muß
wissen, was der längste Fluß ist und was der höchste Berg,
irgendjemand muß wissen, wer wen wann in der Schlacht auf den
Katalaunischen Feldern geschlagen hat und ob die Emser Depesche
wirklich für den Ausbruch des Kriegs von Bedeutung war;
irgendjemand muß wissen, weshalb es eine Rolle spielt, ob van
Gogh die ›Sonnenblumen‹ gemalt hat oder ein anderer Mensch, der
genauso malt; irgendjemand muß erklären können, weshalb es
nachts dunkel wird, obwohl es doch so viele Sterne gibt;
irgendjemand muß wissen, wie das HIV-Virus übertragen wird und
wie BSE, wie gefährlich Dioxin wirklich ist, welche
Präventivfunktion die Todesstrafe hat und ob so viele aus Lust
am Töten an ihr festhalten oder aus welchen Motiven sonst;
irgendwo muß doch stehen, wieviele Sprachen es gibt und ob die
Lasen Türkisch sprechen, wieviele Tempora das Altbulgarische
hat und ob das Gotische eine Vorstufe des Deutschen ist,
weshalb es ›denken - dachte‹ heißt, nicht aber ›lenken -
lachte‹, was der historische Faust mit Goethes Faust zu tun
hat, von wem ›Nis Randers‹ stammt und ob dies ein bedeutendes
Gedicht ist; irgendjemand muß verläßlich darüber Auskunft geben
können, wer eigentlich Brechts Dreigroschenoper
geschrieben hat und weshalb Doktor Faustus ein weitaus
lesenswerteres Buch sein soll als Dr. Mabuse; usw usw.
Die dies wissen, sind die Wissenschaftler. So wenig
vermittelbar sein mag, was sie im Einzelfall tun - letzten
Endes produzieren sie etwas, ein Gut, eine Ware, deren
grundsätzliche Verfügbarkeit ein jeder erwartet, auch wenn er
sie nur manchmal braucht. Es ist diese einfältige Wißbegierde,
aus der die Wissenschaft ihr Daseinsrecht bezieht - nicht weil
ihre Befriedigung uns zu edleren Menschen macht, sondern weil
ein jeder sie hat. Sie ist die demokratische Legitimation für
die Söldner des Wissens.
Drei Züge sind für diese einfältige Wißbegierde kennzeichnend.
Sie ist allgemein; das wurde schon gesagt. Zum zweiten ist sie
ist konkret. Sie ist kein dumpfer Trieb, sondern sie will klare
Antworten auf klare Fragen. Es ist nicht die Suche nach der
letzten Wahrheit, nach dem endgültigen Verständnis der Dinge
(was würde man denn dann tun?). Vielleicht gibt es auch
Menschen, die von diesem Drang beseelt sind; aber persönlich
kenne ich keinen, weder im Alltagsleben noch in der
Wissenschaft; sie scheinen nur in der Literatur vorzukommen.
Was aber jedem Menschen hin und wieder passiert, ist, daß man
sich über etwas wundert, daß es zu einer Diskussion über etwas
kommt, und da möchte man wissen, wie es sich wirklich verhält,
und zwar so gut und klar wie es eben geht. Und eben solche
Antworten zu geben, dazu sind wir legitimiert, nicht für den
faustischen Drang. Zum zweiten sind die Fragen, die auf diese
Weise auftauchen, ganz unabhängig von irgendeinem praktischen
Nutzen. Die Antwort auf Fragen wie, weshalb die Dinosaurier
ausgestorben sind, wann das Weltall entstanden ist und warum
nur das Weibchen der Anophelesfliege sticht - Fragen, die
zumindest mich selbst zu verschiedenen Zeiten sehr interessiert
haben -, hat nicht den geringsten Nutzen, außer dem, die
Wißbegierde zu befriedigen. Natürlich gibt es auch Fragen von
großer praktischer Bedeutung; aber die demokratische
Legitimation des Wissenschaftlers ist nicht darauf beschränkt.
So denke ich, der bezahlte Wissenschaftler hat das Recht, auch
Fragen nachzugehen, die zu beantworten keinen Nutzen hat; aber
seine Antwort muß klar und ehrlich sein.
3. Vom fortwährenden Markt der Wissenschaft
So sind wir also jene Glücklichen, die der Wißbegierde mit
der Zustimmung und dem Geld der andern von Berufs wegen frönen
dürfen. Diese Legitimation ist demokratisch, sie ist moralisch,
aber sie ist fragil. Wenn man die gesamte Förderung der
›Kulturwissenschaften‹ auf einen Schlag einstellen oder doch,
sagen wir, auf ein Zehntel reduzieren würde, so würde man
sicher vieles, was man jetzt noch nicht weiß, nicht oder
jedenfalls nicht so schnell erfahren. Aber es steht schon so
viel im Brockhaus und im Meyer und den anderen Kompendien der
Gelehrsamkeit, und wenn diese Werke etwas länger auf dem
neuesten Stand blieben als jetzt, so bräche der
Krankengymnastin aus Herne, dem Steuerberater aus Tölz und all
den andern, die unsern Sold aufbringen, darum keine Welt
zusammen. Von Newton kennt man den Vergleich, er fühle sich wie
ein Kind, das am Strand, vor sich das Meer der Unwissenheit,
mit Kieseln spielt. Und in der Tat ist es ihm auch in
vieljährigen Anstrengungen nicht gelungen, die Chronologie der
biblischen Ereignisse zu entwirren, noch gar die Geheimnisse
der Alchemie, denen er so viel Zeit und Geist gewidmet hat. Wir
aber, obwohl wir gerne Newtons Gleichnis weiterverwenden,
ertrinken eher im Meer des Wissens; die Flut der Informationen,
und eben auch der wissenschaftlichen, wird oft genug beklagt.
Nun setzt die Fülle des schon Vorhandenen die menschliche
Wißbegierde nicht außer Kraft. Man mag sich aber wohl fragen,
ob nicht manche Felder nach vielen Jahren der Forschung weithin
leerbotanisiert sind. Was weiß man eigentlich über die
Geschichte der indoeuropäischen Sprachen, über die Literatur
der Mittelalters, über Schiller und Goethe und Hölderlin noch
nicht? Vieles, aber nicht viel, was man noch herausfinden
könnte, solange nicht vielleicht durch Zufall neue Zeugnisse
auftauchen. Aber die wissenschaftliche Tätigkeit geht weiter.
Vor kurzem hat mich ein Freund und exzellenter Kenner der
französischen Literatur gebeten, eine neue Interpretation von
Baudelaires wundervollem Gedicht »A une passante« (›La rue
assourdissante autour de moi hurlait...‹) in einem just
erschienenen und in den Rezensionen sehr gerühmten Buch zu
lesen, weil er sie nicht verstehen konnte. Ich konnte sie auch
nicht verstehen. Andere, die wir gefragt haben, konnten sie
auch nicht verstehen. Nicht einmal, wenn man das Gedicht selbst
als Interpretationshilfe seiner Deutung beigezogen hat, konnte
man sie verstehen. (Wenn es nicht so unhöflich wäre, würde ich
den Text gerne hier abdrucken, um zu sehen, ob ein Leser ihn
verstehen kann). Was mich selbst betrifft, will ich dieses
Nichtverstehen einem gewissen Mangel an Bildung in diesen
Dingen zuschreiben, schließlich verstehe ich auch einen Text
über Quantenmechanik nicht. Aber aus irgendeinem eigentümlichen
Grunde habe ich den Eindruck, ein Text über Quantenmechanik sei
mir zwar so verschlossen wie ein chinesisches Kursbuch, aber
letztlich so klar und logisch wie dieses, und ich bin im Herzen
bereit, den Aussagen eines solchen Textes soviel Vertrauen
entgegenzubringen wie die Friseuse aus Bottrop den Angaben des
Großen Meyer über die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern.
Bei der Baudelaire-Interpretation habe ich diesen Eindruck
nicht; in meiner Einfalt scheint er mir eine syntaktisch
korrekte, im übrigen aber weithin sinnleere Ansammlung von
Wörtern, bei denen der eine dies, der andere das assoziiert,
und weder dem einen noch dem andern recht gegeben werden
könnte. Ein schlechtes Gedicht über ein gutes Gedicht.
Ich erwähne all dies nicht, um mich über die hermetischen
Ausführungen mancher moderner Literaturwissenschaftler, noch
gar über diese Interpretation im besonderen, zu mokieren; das
wäre billig, zumal für einen Vertreter der Linguistik, einer
Disziplin, die sich nicht immer durch besondere Transparenz
ihrer Texte auszeichnet. Vielmehr wundere ich mich, wieso so
viele Vertreter einer Disziplin - und dies ist nicht die
einzige - eine solche Entwicklung genommen haben oder zumindest
dulden. Könnte es sein, daß die Disziplin kein neues Wissen,
keine klaren Antworten auf klare Fragen mehr zu bieten hat? Die
Fakten sind weithin bekannt, die Texte endlos ausgelegt, das,
was die einfältige Wißbegierde an beantwortbaren Fragen zu
stellen hat, ist bis auf Restbestände beantwortet. Die Söldner
des Wissens jedoch werden weiter bezahlt, sie müssen etwas tun,
das über die Verwaltung und Weitergabe des bisherigen Wissens
hinausgeht. Aber sie wissen nichts Neues.
4. Von dieser Zeitschrift und diesem Heft
Was haben all diese etwas melancholischen Überlegungen mit
dem vorliegenden Heft zu tun? Es ist das erste seit 28 Jahren,
das nicht einem speziellen Thema gewidmet ist. Als die
Zeitschrift gegründet wurde, war eine Überlegung bestimmend:
sie sollte für alles offen sein, was unser Wissen über die
Sprache und ihre Hervorbringungen bereichern kann. Sie umfaßt
daher nach Themen und Methoden ein sehr reiches Spektrum. Ein
solches Spektrum kann man aber nicht im einzelnen Heft
abbilden, ohne daß es allzu bunt und uneinheitlich würde.
Deshalb waren - nach dem ersten programmatischen Heft
»Methodische Perspektiven« - von Anfang an Themenhefte
vorgesehen. Das hat zwei Nachteile. Zum einen macht es die
Planung schwierig. Autoren müssen aufgefordert werden; nicht
alle aber können ihre Zusage einhalten. Deshalb muß man mehr
anfordern als endlich gedruckt werden können; manchmal aber
fällt keiner aus, oder es fallen zuviele aus. Die Beiträge sind
zu lang oder zu kurz, oder einfach nicht gut und müssen
abgelehnt werden. Oder sie sind sehr gut, kommen aber zu spät.
Dann können sie nicht, wie bei einer anderen Zeitschrift,
einfach ins nächste Heft genommen werden. Andere, die
unaufgefordert eingereicht sind, sind sehr gut, passen jedoch
nicht zu den gerade geplanten Themen. All diese praktischen
Probleme machen eine Punktlandung oft schwierig, manchmal
unmöglich; Verlage, Herausgeber, Autoren und Leser haben es
gelegentlich zu ihrem Leidwesen erfahren. Zum andern beschränkt
die Bindung an vorausgeplante Themen den spontanen Ausdruck der
wissenschaftlichen Neugier. Deshalb wurde schon vor vielen
Jahren beschlossen, in jedes Heft eine vom jeweiligen Thema
unabhängige Rubrik aufzunehmen - das »Labor«. Dieser Teil
sollte aber nicht nur thematisch, sondern auch im ganzen Duktus
freier sein als normale Aufsätze. Es heißt:
In der Rubrik Labor erscheinen Skizzen, Entwürfe,
Polemiken (Erwiderungen sind erwünscht) zu wissenschaftlich und
literarisch aktuellen Themen, Gedankensplitter zu großen
Problemen wie der mikroskopischen Trouvaille. Labor
soll Experimentcharakter haben: ein Startplatz für
Ideen-Luftballons sein, Einfällen und - inhaltlichen wie
formalen - Abweichungen eine Chance geben, soll offen sein auch
für zugespitzte Zunahmen zum kulturellen Zeitgeschehen - in der
Literatur, in den Medien, in den Literatur- und
Sprachwissenschaften. Es wäre willkommen, wenn im Labor auch
Diskussionen stattfänden.
Wichtig für einen Laborbeitrag war uns daher, ob er einen
interessanten, einen anregenden Gedanken ausdrückt, mag dieser
nun wissenschaftlich ausgereift sein oder nicht. Mehr als
andere Beiträge sind daher jene zum »Labor« unmittelbarer
Ausdruck dessen, was oben die einfältige Wißbegierde genannt
wurde. In den letzten Jahren ist die Zahl der Einsendungen, die
uns veröffentlichenswert scheinen, deutlich gestiegen. Dies
hat, da immer nur wenige Laborbeiträge in ein Heft aufgenommen
werden können, zu einem Rückstau geführt. Wir haben uns daher
entschlossen, ein ganzes Heft nur solchen Beiträgen zu widmen.
Der Grund für dieses erste nichtthematische Heft nach dem
allerersten war also ein praktischer - es ist den Autoren nicht
zuzumuten, allzulange auf eine Veröffentlichung zu warten. Aber
es entspricht auch durchaus dem Geist der Zeitschrift, einem
thematisch und methodisch breiten Spektrum von Ideen Raum zu
gewähren.
5. Schluß
Zu den ersten vier Herausgebern dieser Zeitschrift zählte
neben einem Mediävisten, einem modernen
Literaturwissenschaftler und einem Linguisten auch ein
Professor der Mathematik - Rul Gunzenhäuser. Dies war
programmatisch: erst der Einbezug mathematischer Methoden hat
vielen Disziplinen zu jener Genauigkeit und Festigkeit
verholfen, die wir mit dem Gedanken an Wissenschaft und
wissenschaftlichen Fortschritt verbinden. Rul Gunzenhäuser hat
in diesen Tagen seinen fünfundsechzigsten Geburtstag gefeiert;
ihm sei dieses Heft in Dankbarkeit gewidmet.
Er hat die Zeitschrift nach einigen Jahren verlassen, weil sich
seine eigene Wißbegierde stärker anderen Gegenständen zugewandt
hat. Aber es entspricht auch dem Gang des Faches, das sich die
Literatur zum Thema genommen hat: der Versuch, präzise Methoden
auf die Analyse der Dichtung anzuwenden, war nicht sehr
folgenreich, eine exotische Phase, von manchen mit Wohlwollen
und freundlichem Interesse gesehen, von wenigen fortgeführt,
von den meisten aber von Anfang an mit Unverständnis
betrachtet, weil sich die Dichtung, so eine gängige
Vorstellung, der Behandlung mit präzisen Methoden entzieht. Das
haben die meisten Physiker im Mittelalter von ihrem Gegenstand
auch gedacht, und die meisten Chemiker vor dreihundert Jahren
und die meisten Biologen vor hundert. Man kennt David Humes
Diktum in letzten Abschnitt der ›Enquiry‹, ein Buch, das weder
neue empirische Fakten enthalte noch mathematische Aussagen,
sei wertlos und gehöre ins Feuer. Das ist vielleicht etwas
übertrieben (einmal ganz abgesehen davon, daß Hume selbst es
nicht so ganz zu glauben scheint, denn seine eigenen Bücher
unter Einschluß der ›Enquiry‹ enthalten weder neue empirische
Tatsachen noch mathematische Aussagen). Aber es hat einen
Beigeschmack von Wahrheit, denn nur solche Bücher sind es, die
von der Legitimation durch die einfältige Wißbegierde gedeckt
werden: jene, die klare Antworten auf klare Fragen geben
wollen, gleich ob diese von praktischer Bedeutung sind oder
nicht.



