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„Menschen müssen Heimat haben dürfen“

Zeitforscher Ivo Muri: Das Einfrieden von Wirtschaftsräumen kann sinnvoll sein, um Arbeitsfrieden zu sichern

Provokativ war es schon, was der Schweizer Unternehmer und Zeitforscher Ivo Muri seinem Publikum bei Forum Siegen offenbarte. Seine Darlegungen unter dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Symptome – Ursachen – Lösungsansätze“ beinhalteten zum Teil scharfe Kritik an Finanzwelt und Politik. „Wir werden von Herrn Markt und Frau Wirtschaft regiert“, lautete sein Auftaktstatement. Unternehmen, Mitarbeitende und Familien würden sehr herausgefordert vom Megatrend zur Flexibilität. Die Ursache einer von vielen empfundenen gefühlten Zeitknappheit sah Muri in der „falschen gesellschaftlichen Organisation“. Denn: Jeder Mensch sei von Natur aus egoistisch genug, um mit seiner (Lebens-)Zeit richtig umzugehen. Zeitprobleme ließen sich nicht allein mit Uhren und Kalendern lösen. Die Ursachen für Zeitmangel seien kollektiv.

Eine Kernfrage sei: Wollen wir Menschen wieder Arbeitsplätze und damit eine Heimat bieten, oder einfach nur Jobs.“ Mit Blick auf Migration stellte er die Frage in den Raum: „Wollen wir das Geld in Länder bringen, um Arbeitsplätze zu schaffen, oder müssen diese Menschen zu Nomaden werden, um Arbeit zu finden?“. Bei der Schaffung großer Währungsräume sei vergessen worden, dass die Nation das Bindeglied zwischen Menschen und Menschheit sei. Muri: „Menschen müssen Heimat haben dürfen.“ Das Einfrieden von Wirtschaftsräumen könne sinnvoll sein, um Arbeitsfrieden zu sichern. So sei es in der Schweiz zu Zeiten der heimischen Tomatenernte üblich gewesen, Tomatenimporte hoch zu besteuern. So hätten die einheimischen Landwirte die Chance gehabt, ihre Produkte zu zufrieden stellenden Preisen auf „ihrem“ Markt zu verkaufen. Landwirtschaft gehöre in den Bereich der Lebenszeit. Lebewesen - Pflanzen, Tiere, Menschen – hätten hinsichtlich optimaler Produktivität ein Problem – sie brauchten Erholungszeit. Elektronischer Börsenhandel hingegen kenne keine Regenerationsphase. Der Landwirt könne das Getreide und das Vieh, das er produziert, nicht beliebig drucken oder vermehren, wie es der Finanzindustrie mit Geld möglich sei. Deshalb werde die Situation für Landwirte prekärer. Die Produktivität, die der Markt von ihnen fordere, sei nicht möglich. Daher sei es Zeit, über ein ganzheitliches Arbeitsrecht nachzudenken, das nicht nur für arbeitende Menschen, sondern auch für arbeitendes Geld gelte. Drei Arten von Zeit definierte der Gast aus der Schweiz: neben besagter Lebenszeit sind das die Zeit der Uhren sowie das Schlagwort „Zeit ist Geld“. Uhren und Kalender bilden eine Grundstruktur in jedem Kollektiv. Das Abschaffen von Feiertagen, Feierabenden und gemeinsamen Pausen sei eine Ursache der von vielen Menschen empfundenen Zeitnot.

Eine andere Ursache sei die Abschaffung von Raumgrenzen und die damit einhergehende Abschaffung der Zeitgrenzen. Immer schnellere Kommunikations- und Verkehrsmittel sowie die globale Arbeitsteilung hätten die ehemals 24 Zeitzonen für den ganzen Globus verdichtet und damit Zeit und Raum vernichtet. Muri: „Durch Globalisierung, Deregulierung und Privatisierung haben wir lokalen Bevölkerungen die Kontrolle über diejenigen Machtmittel entzogen, mit denen Gesellschaften früher die wirtschaftlichen Prozesse bewusst beschleunigen oder entschleunigen konnten.“ Die Menschen fühlten sich heute als wirtschaftende Subjekte, irgendwelchen diffusen und vor allem für sie unkontrollierbaren Kräften ausgeliefert. Insbesondere die Fusion von Währungsräumen und damit von Wirtschaftsräumen zu kontinentalen, gar suprakontinentalen Wirtschaftsstrukturen sei die Hauptursache von Beschleunigung. Entschleunigung sei nur über die Arbeitsfelder Kommunikation, Verkehrsmittel, Geld und Arbeitsteilung zu erreichen.

Auch in Sachen Demokratieverständnis trug Muri vor. In einer globalen Wirtschaft mit globalen Währungen sei am Ende alles privat. Demokratie gehe aber vom Menschen aus. Demokratie von oben funktioniere nicht. Deshalb müssten in einer direkten Demokratie Menschen Einfluss auf die wichtigsten Handlungsfelder haben. Nehme man der Demokratie Geldflüsse weg, könne sie nicht reagieren. Armut, Arbeitslosigkeit und Zeitnot müsse es in einer Demokratie nicht geben. Arbeitslosigkeit, so Muri, sei eigentlich Geldlosigkeit.