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Die Stärke liegt in der Gemeinschaft

Zum 200. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen stand das Genossenschaftswesen im Mittelpunkt von Vorträgen bei Forum Siegen

Revolution oder Reform – Karl Marx wird mit dem ersten Begriff in Verbindung gebracht, Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit dem zweiten. Beide – Marx und Raiffeisen – wurden vor 200 Jahren geboren, Grund für die Verantwortlichen von Forum Siegen, sich im Sommersemester des Themas „Zwischen Revolution und Reform – 200 Jahre Marx und Raiffeisen“ anzunehmen. „Raiffeisen hat auch auf die Bedürfnisse der industriellen Revolution reagiert“, konstatierte Prof. Dr. Gustav Bergmann einleitend zum Oberthema „Genossenschaften“ bei Forum Siegen. Und: Die neueste Welle in der Gesellschaft wird keine technische Innovation sein, sondern die Frage der Zusammenarbeit.“ Zu Gast waren Dr. Sc. Eckhard Priller vom Berliner Maecenta Institut („Genossenschaften haben Zukunft – ökonomische und Soziale Faktoren“) und Prof. Dr. Christoph Strünck von der Universität Siegen („Die Erneuerung einer sozialen Innovation: Warum Raiffeisen den Kapitalismus besser macht“).

Dass Raiffeisen den Kapitalismus besser gemacht hat, davon zeigte sich der Politikwissenschaftler Strünck überzeugt. Raiffeisen, am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg geboren, gründete 1862/64 als Bürgermeister den Heddersdorfer Darlehnskassenverein. Der überzeugte Christ, Sohn eines Bauern und Bürgermeisters, wollte mit dieser Initiative kleineren Viehbauern auf dem Westerwald die Existenz erleichtern und sichern. Dass sie Wucherern in die Hände fielen, überhöhten Zins zahlen mussten oder überhaupt keine Kredite erhielten, hatte er beobachtet. Genossenschaften sind bereits aus dem Mittelalter bekannt. Darlehnskassen in der von Raiffeisen erdachten Version nicht. Die Bauern hafteten mit ihrem ganzen Vermögen. Dennoch war das Risiko in der Gemeinschaft überschaubar.

Der Lebensweg Raiffeisens war nicht gerade. Eine militärische Laufbahn musste er aus gesundheitlichen Gründen abbrechen, ging als Bürgermeister in den öffentlichen Dienst. Als er auch diese Tätigkeit wegen seiner angeschlagenen Gesundheit aufgeben musste, versuchte er sich im Weinhandel. Strünck: „Raiffeisen war ökonomisch nicht vermögend, protestantisch, fromm, obrigkeitstreu, kritisch gegenüber der Arbeiterbewegung und empört über die soziale Lage der Bauern im Westerwald.“ Er wirkte in seinem Heimatbereich. Strünck weiter: „Dennoch hat er eine Idee maßgeblich mitentwickelt, die global gültig ist.“ Eine unumstrittene Lichtgestalt sei Raiffeisen jedoch nicht gewesen. Dem Sozialreformer Hermann Schulze-Delitzsch, ebenfalls ein Vordenker der Genossenschaften mit Fokus auf das Handwerk, musste er sich vor allem mit Blick auf die Diskussion der Notwendigkeit des Eigennutzes in/von Genossenschaften geschlagen geben. Schulze-Delitzsch erachtete die Nächstenliebe als alleinige Grundlage von Genossenschaften als nicht realistisch.

Demokratische Strukturen der Genossenschaften waren Raiffeisen nicht wichtig. Lokale Eliten sollten seiner Überzeugung nach die Verantwortung tragen. Strünck: „Raiffeisen wollte aus nächster Nähe den Bauern helfen und nicht den Kapitalismus verändern. Seine Ideen können aber auch den heutigen Kapitalismus besser machen.“ Gegenwärtig gibt es unterschiedliche Formen der Genossenschaften. Ihr Konzept ist nicht per se antikapitalistisch. Strünck: „Sie können den Kapitalismus durch die Grundidee der solidarischen Selbsthilfe, nachhaltiges Wirtschaften, gemeinschaftliche Verantwortung und durch die später hinzu gekommene Idee der Demokratie verbessern.“

Eckhard Priller absolvierte in jungen Jahren eine kaufmännische Lehre in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in der damaligen DDR. Seiner Meinung nach war es ein Fehler, die dortigen Genossenschaften zu diskreditieren und zumeist in die Rechtsform der GmbH überzuleiten. Obwohl die Anzahl der Genossenschaften in Deutschland seit Jahrzehnten abnehme, stünden diese vor allem mit Blick auf die Mitgliederzahlen vor einem neuen Boom. Nicht zuletzt auf dem Energiesektor, dem Gesundheitswesen, im Sozialbereich und Wohnungsbau böten Genossenschaften Lösungsansätze. Schwerpunkte von Neugründungen lägen in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Die Genossenschaftsthematik sei vielschichtig, differenziert und voraussetzungsvoll. Es bedürfe eines gewissen Wohlstands und der Bereitschaft zur Einlage, einer kritischen Masse „Gleichgesinnter“, des Vertrauens, des Kapitals, der Solidarität, der Gemeinschaft und selbstloser Initiatoren.