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Den ländlichen Raum als medizinisches Reallabor nutzen

Prof. Dr. Christoph Strünck beschäftigte sich bei Forum Siegen mit innovativer gesundheitlicher Versorgung Siegen

Die Gesundheit ist das höchste Gut, heißt es im Volksmund. Wir krank ist, kann diesen Spruch nachvollziehen. Und wer krank ist, benötigt der Fürsorge und der Versorgung. Die Versorgungssicherheit gibt Menschen Rückhalt. Von daher sind Diskussionen über Ärztemangel und unzureichende medizinische und pflegerische Versorgung vor allem im ländlichen Raum ernst zu nehmende Faktoren. Auf diesem Hintergrund basieren der Modellversuch „Medizin neu denken“ und der Aufbau einer lebenswissenschaftlichen Fakultät der Universität Siegen. Diese stellte Prof. Dr. Christoph Strünck im Rahmen der Vortragsreihe „Forum Siegen“ vor. „Innovative gesundheitliche Versorgung zwischen Stadt und Land“ lautete sein Thema in der Aula des Lÿz in Siegen.

Strünck ist Professor für Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Sozialpolitik an der Universität Siegen, Direktor des Instituts für Gerontologie an der TU Dortmund und Prodekan für Strategie und Forschung der neuen Fakultät V der Universität Siegen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof.in Dr. Ulrike Buchmann, die Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Berufs- und Wirtschaftspädagogik ist.

Er werde einiges überspitzt darstellen, um Sachverhalte anschaulich zu machen, stellte Strünck zuvorderst in den Raum. Und: Er plädierte für ein Miteinander auf breiter Basis: „Medizin neu denken ist nur im Verbund mit Vielen zu machen.“ Zwar gebe es auch strukturschwache Städte, dennoch existierten in ländlichen Bereichen ganz spezielle Probleme, so der Referent. Der demografische Alterungsprozess sei in der Regel größer, es seien größere Distanzen zu einer Versorgung zurückzulegen, der Mangel an hausärztlichen Praxen sei nicht weg zu diskutieren. Laut Kassenärztlicher Vereinigung sei die heimische Region bei der Ärzteversorgung nicht unterversorgt. Statistiken spiegelten aber nur eine relative Wahrheit wider, wenn sie als Berechnungsgrundlage die Patientenzahlen pro Arzt festlegten und Distanzen unberücksichtigt ließen. Auf dem Land zeichneten sich zudem eine Lücke in der pflegerischen Versorgung ab, eine geringere Selbsthilfe-Dichte aber auch ein stärkeres ehrenamtliches Engagement. All diese Gesichtspunkte besagten aber nicht, dass Menschen auf dem Land einen schlechteren Gesundheitszustand aufwiesen.

Das deutsche Gesundheitssystem weist Probleme ganz eigener Art auf. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Delegation an und die Substitution von ärztlichen Aufgaben durch andere Berufsgruppen eher gering. In der professionellen Zusammenarbeit unterschiedlicher Gesundheitsberufe gibt es Optimierungspotenzial. Werden die Ärzte im ländlichen Raum rarer, kommt dieser Kommunikation erhöhte Bedeutung zu. Die Koordination zwischen ambulanter und stationärer ärztlicher und pflegerischer Versorgung ist bislang begrenzt. Die Problematik der medizinischen Versorgung in Pflegeeinrichtungen könnte sich auf dem Land in Anbetracht der schrumpfenden Hausarztquote verschärfen. Bei der medizinischen Versorgung liege in Deutschland ein Fokus auf der Akutversorgung, so Strünck, dabei erlange die Langzeitversorgung in Anbetracht einer alternden Gesellschaft immer größere Bedeutung. Defizite existieren zudem in den Bereichen Prävention und Rehabilitation sowie bei der Digitalisierung. Wobei es nicht Zielsetzung von „Medizin neu denken“ sei, die Region zu einem Hightech-Labor machen. Vielmehr gehe es darum, einen ganz besonderen Blick auf die Sinnhaftigkeit der Anwendung und den Nutzen für die Patienten zu haben.

Förderprogramme und Anreize für eine landärztliche Tätigkeit erachtete Strünck als nur bedingt wirkungsvoll. Neue Wege müssten in der Medizinversorgung beschritten werden. Mit Blick auf die Uni Siegen bedeute dies, dass in Kooperation mit der Uni Bonn Medizinstudentinnen und -studenten in der praktischen Studienphase an vier Kliniken der Region ausgebildet werden. Die Ausbildung weise ein eigenes Profil auf und habe einen Schwerpunkt in der landärztlichen Versorgung und der Allgemeinmedizin. Zudem sind medizinnahe Studienangebote geschaffen worden in Form dreier Master – und eines Bachelor-Studiengangs. Denn: Ein Teil der medizinischen Berufe müsse mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft neu gedacht werden. Im Modellversuch werde Südwestfalen als Reallabor gesehen, um innovative Versorgungsformen und auch -techniken zu erproben. Strünck: „Digitalisierung muss die Medizin nicht in erster Linie moderner machen, sondern besser.“ So soll an ausgewählten häufigen Erkrankungen gezeigt werden, wie eine lückenlose Versorgungskette in ländlichen Regionen geknüpft werden kann. Dabei komme die Siegener Tradition zum Tragen, in der Forschung ganz besonders auf den Nutzer zu schauen. Ein anderes Augenmerk gelte den Ärzten und der Frage, inwiefern digitale Werkzeug deren Berufstätigkeit erleichtern und Arbeitszufriedenheit erhöhen können.

Am 27. Juni 2019, 20 Uhr, ist Prof. Dr. Andreas Knie (WZB/TU Berlin) zu Gast bei Forum Siegen im Lÿz. Sein Thema lautet „Die Zukunft der Mobilität in Stadt und Land! Auf dem Weg in den Versuch und Irrtum!“