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Der Kirchenraum als außerschulischer Lernort

Projektteam

Prof. Dr. Ulrich Riegel & Katharina Kindermann

Problemkontext

Der Besuch des Kirchenraumes ermöglicht im Religionsunterricht eine originale Begegnung mit einem Ort gelebten christlichen Glaubens. Gerade angesichts einer mehrheitlich geringen religiösen Sozialisation heutiger Schülerinnen und Schüler bietet sich der Kirchenraum als außerschulischer Lernort an. Von dieser besonderen Form formellen religiösen Lernens wird erwartet, dass die anschauliche und ganzheitliche Begegnung mit dem Kirchenraum zu einem tieferen Verständnis desselben und seiner Prinzipalstücke führt. Analoge empirisch-didaktische Studien aus den naturwissenschaftlichen Didaktiken legen derartige Lerneffekte nahe. Allerdings gibt es noch keine eigene Studie zum religiösen Lernen im Kirchenraum, die die dort hervorgerufenen Lerneffekte mit empirischen Mitteln systematisch erhebt und mit den Lerneffekten eines analogen Lernszenarios im Klassenzimmer vergleicht. Gleiches lässt sich für das didaktische Verständnis von Religionslehrpersonen  im Hinblick auf den Besuch eines Kirchenraums im Rahmen des Religionsunterrichts festhalten. Obwohl mittlerweile differenzierte Konzeptionen und praktisch bewährte Leitfäden einer Kirchenraumpädagogik vorliegen, sind die subjektiven Theorien von Religionslehrpersonen zum Besuch eines Kirchenraums im Rahmen des Religionsunterrichts nicht systematisch mit empirischen Mitteln erforscht. Das Projekt „Der Kirchenraum als außerschulischer Lernort“ will beide Forschungslücken mit ersten empirisch validen Befunden füllen. Teilprojekt A fokussiert dabei die Lerneffekte von Schülerinnen und Schülern, Teilprojekt B die subjektiven Theorien von Religionslehrpersonen zum außerschulischen Lernen im Kirchenraum.  Beide Projekte tragen damit zu einer empirischen Fundierung der Kirchenraumpädagogik bei.


Teilprojekt A: Lerneffekte des Kirchenraumbesuchs

Gegenstand: Teilprojekt A fokussiert die Lerneffekte außerschulischen Lernens im Kirchenraum. I Diesem Lernszenario wird im Vergleich zu einer Erarbeitung der Thematik im Klassenzimmer das Potential zugesprochen, höhere Lerneffekte im Religionsunterricht zu bewirken Diese Annahme stützt sich auf die  Tatsache, dass außerschulisches Lernen anschaulich und ganzheitlich ist und den Kirchenraum in der originalen Begegnung unmittelbar erleben lässt.  Es gilt die Vermutung, dass außerschulisches Lernen im Kirchenraum insbesondere bei nicht religiös sozialisierten Schüler/innen zu  höheren Lerneffekten führt und sich gegenüber einer Erarbeitung des Kirchenraums ausschließlich im Klassenzimmer als nachhaltiger erweisen. Allerdings lassen sich auch Gründe finden, die gegen höhere Lerneffekte sprechen. Im Kirchenraum sind die Lernenden einer Komplexität vielfältiger, gleichzeitiger Eindrücke ausgesetzt, welche auch durch das Lernarrangement nur bedingt reduziert werden kann. Ferner muss die Atmosphäre im Kirchenraum nicht unbedingt positiv erlebt werden, . Schließlich kann der Lernortwechsel von den Schülerinnen und Schülern als befremdlich erlebt werden, weil der Unterricht nicht in der vertrauten/gewohnten Lernumgebung des Klassenzimmers stattfindet. Da es noch keine empirisch-didaktische Studie zu den Lerneffekten außerschulischen Lernens im Kirchenraum gibt, lässt sich das aufgeworfene Dilemma nicht beantworten. Diese Lücke will das Teilprojekt A schließen


Konzeptuelles Modell: Teilprojekt A versteht unter einem Lerneffekt das Produkt, das in der Auseinandersetzung mit den unterrichteten Inhalten entsteht, im konkreten Fall die Repräsentation des Kirchenraums und seiner Prinzipalstücke bei den Schülerinnen und Schülern. In Anlehnung an aktuelle kirchenraumpädagogische Entwürfe unterscheidet Teilprojekt A beim Lerneffekt zwischen kognitiven und affektiven Effekten.  Kognitive Lerneffekte beschreiben das Wissen der Lernenden zu den Raumbezügen und von den Prinzipalstücken. Dbzgl. unterscheiden Teilprojekt A nochmals zwischen nominellen, funktionalen und prozeduralen Effekten. Nominelle Effekte bezeichnen die Fähigkeit, erarbeitete Fakten und Kenntnisse korrekt wiederzugeben. Funktionale Effekte bezeichnen die Fähigkeit, neue Aufgaben, die einem bekannten Aufgabentyp entsprechen, anhand erlernter Fakten und Kenntnisse korrekt zu meistern. Prozedurale Effekte bezeichnen die Fähigkeit, einen unbekannten Aufgabentyp anhand erlernter Fakten und Kenntnisse korrekt zu meistern. Alle drei Effektniveaus sind den allgemeinen Kompetenzen für den Katholischen Religionsunterricht in der Grundschule inhärent. Affektive Lerneffekte beziehen sich auf die Emotionen, welche das Curriculum bei den Lernenden zum Kirchenraum auslöst. In Anlehnung an den kirchenraumpädagogischen Diskurs  unterscheidet das Teilprojekt A die Einstellung gegenüber dem Kirchenraum, die atmosphärischen Assoziationen zum Kirchenraum sowie das Flow-Erleben bei der Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand.

Fragestellung: Teilprojekt A beantwortet die folgenden Forschungsfragen:
a)    Welche kognitiven und affektiven Lerneffekte bewirkt ein Religionsunterricht zum Thema „Kirche – Gemeinschaft und Raum“?
b)    Welche Rolle spielt die religiöse Sozialisation der Schülerinnen und Schüler für die Verän-derung in den kognitiven und affektiven Lerneffekten?
c)    Führt ein Religionsunterricht zum Thema „Kirche – Gemeinschaft und Raum“, der im Sinn außerschulischen Lernens die Kirche vor Ort aufsucht und gemäß kirchenraumpädagogi-scher Prinzipien und Methoden erschließt, zu höheren kognitiven und affektiven Lernef-fekten als ein Religionsunterricht zum gleichen Thema, der seinen Gegenstand ausschließlich im Klassenzimmer erschließt?
d)    Sind die Lerneffekte eines um Elemente außerschulischen Lernens ergänzten Religionsun-terrichts nachhaltiger als die Lerneffekte eines Religionsunterrichts, der ausschließlich im Klassenzimmer stattfindet?

Methode: Teilprojekt A folgt dem quasi-experimentellen Design, demnach Schülerinnen und Schüler der 3. Jahrgangsstufe eine Unterrichtssequenz zum Thema „Kirche – Gemeinschaft und Raum“, welche auf sieben Unterrichtseinheiten angelegt ist, durchlaufen. Dabei durchlaufen die teilnehmenden Lerngruppen unterschiedliche Lernarrangements . Experimentalgruppe 1 erschließt sich sowohl die auratische als auch die liturgische und spirituelle Dimension des Kirchenraums durch außerschulisches Lernen. Experimentalgruppe 2 erschließt sich nur die auratische Dimension des Kirchenraums durch außerschulisches Lernen, während sie die liturgische und spirituelle Dimension dieses Raums im Klassenzimmer erarbeitet. Experimentalgruppe 3 erarbeitet sich die  auratische Dimension im Klassenzimmer, die liturgische und spirituelle Dimension erschließt sie durch außerschulisches Lernen im Kirchenraum. Die Kontrollgruppe schließlich erarbeitet das gesamte Thema im Klassenzimmer. Mit Hilfe von Pre- und Post-Tests werden die Lerneffekte beider Curricula erhoben. Zusätzlich zu diesen Tests füllen die Schülerinnen und Schüler zu jeder Unterrichtseinheit ein sog. „Nachdenkbuch“ aus, welches die Arbeitsergebnisse der Einheiten dokumentiert und gleichzeitig die Aufgaben enthält, welche nicht im Fragebogen der Testzeitpunkte selbst erhoben werden können. Die Untersuchung findet in bayerischen und nordrhein-westfälischen Grundschulen statt. Es wird angestrebt, dass jedes in der Untersuchung repräsentierte Lernarrangement (E1, E2, E3 und K) mit mindestens 10 Lerngruppen besetzt ist, die je zur Hälfte aus Bayern und NRW kommen. Das gibt in der Summe ca. 40 Lerngruppen.

Teilprojekt B: Subjektive Theorien zum Kirchenraumbesuch

Gegenstand: Teilprojekt B fokussiert subjektive Theorien von Religionslehrpersonen zum außerschulischen Lernen im Kirchenraum. Unter subjektiven Theorien werden in Anlehnung an Norbert Groeben (1988) Kognitionen zum Kirchenraum und didaktischen Möglichkeiten seiner Erschließung vor Ort verstanden, die es  den Lehrpersonenerlauben, zumindest rudimentär Phänomene vorherzusagen, zu erklären, Hypothesen zu entwickeln, diese an der Wirklichkeit zu überprüfen und daraus Orientierungen für das eigenen didaktische Handeln zu gewinnen. Subjektive Theorien werden als handlungsleitend angenommen, so dass es nahe liegt, dass die subjektiven Theorien von Religionslehrpersonen zum außerschulischen Lernen im Kirchenraum einen wesentlichen Indikator für die tatsächliche, unterrichtspraktische Rezeption kirchenraumpädagogischer Konzepte darstellt. Diesen Indikator will Teilprojekt B erheben.


Heuristisches Modell: Subjektive Theorien stellen mentale Repräsentationen einer bestimmten Thematik, d.h. ihrer einzelnen Sachverhalte und der inneren Zusammenhänge dieser Sachverhalte, dar. Die Lehrpersonen werden auf dem Gebiet der methodisch-didaktischen Vermittlung des Kirchenraumes als professionell Agierende angesehen. Folglich nehmen wir an, dass wir in ihren subjektiven Theorien zum außerschulischen Lernen im Kirchenraum Elemente und Strukturen des Modells professionellen Handelns nach Baumert & Kunter (2006) finden. Demnach müssten sich bei den mentalen Repräsentationen der Lehrpersonen die Aspekte Wissen, Motivation und Überzeugung unterschieden lassen. Folgt man weiterhin Baumert & Kunter, müssten sich im Bereich Wissen Aspekte von  Fachwissen,  fachdidaktischem Wissen, pädagogischem Wissen sowie Organisationswissen auffinden lassen. Im Bereich der motivationalen Orientierungen nehmen wir an, dass die subjektiven Theorien der Befragten Auskunft geben über die Rolle von Selbstwirksamkeitsüberzeugen und der Einstellung zum Unterrichtsgegenstand (Kirchenraum) und zur Unterrichtstätigkeit (außerschulisches Lernen). Daneben erwarten wir, dass individuelle Herangehensweisen der Lehrpersonen an den Religionsunterricht und damit grundlegende Überzeugungen im Hinblick auf dieses Fach ebenfalls Teil ihrer subjektiven Theorien zum außerschulischen Lernen im Kirchenraum sind, wie etwa die ihrer individuelle Religiosität oder ihre Vorstellung von einem idealen Religionsunterricht.

Fragestellung: Teilprojekt B will die folgenden Forschungsfragen beantworten:
a)    Welches Wissen zeigen Religionslehrpersonen bzgl. außerschulischen Lernens im Kirchenraum?
b)    Welche motivationale Orientierung zeigen Religionslehrpersonen bzgl. außerschulischen Lernens im Kirchenraum?
c)    Wie hängen die einzelnen Bereiche und Facetten des Wissens und der motivationalen Orientierung zum außerschulischen Lernen im Kirchenraum zusammen und in wieweit zeigen sich Verbindungen zu den Überzeugungen hinsichtlich des Religionsunterrichts. Konkret: Welche typischen Konstellationen lassen sich in den subjektiven Theorien identifizieren?

Methode: Teilprojekt B ist qualitativ-explorativ angelegt. Sein Ziel ist es, durch problemzentrierte Interviews und die Struktur-Lege-Technik nach Scheele & Groeben (1979)  einen ersten Einblick in die elementaren Strukturen der subjektiven Theorien zum außerschulischen Lernen im Kirchenraum zu erhalten. Erkenntnisleitend ist das oben beschriebene heuristische Modell, welches jedoch stets am empirischen Material erhärtet bzw. durch das empirische Material verändert wird. Dazu werden ca. 12 Religionslehrpersonen befragt, wobei sich das konkrete Sample gemäß des theoretical samplings erst im Forschungsprozess selbst ergibt. Um die Varianz an Kontexten möglichst gering zu halten, werden ausschließlich Religionslehrpersonen der Grundschule befragt. Die Auswertung der Interviews geschieht mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.

Ziel

Mit beiden Teilprojekten verfolgt das vorliegende Projekt eine empirische Fundierung der Kirchenraumpädagogik und eine theoretische Präzisierung der religionspädagogischen Diskussion außerschulischen Lernens. Bislang stützt sich der kirchenraumpädagogische Diskurs in der Religi-onspädagogik vor allem auf konzeptuelle Entwürfe und Praxiserfahrungen mit diesen. Empirische Einsichten zur Wahrnehmung von Kirchen liegen nur wenige vor, zur Wirkung kirchenraumpädago-gischer Konzepte und zu den subjektiven Theorien von Religionslehrpersonen zum außerschulischen Lernen in Kirchenräumen noch keine. Das Projekt versteht sich als ersten Schritt zu einer empirischen Fundierung dieses Diskurses. Mit den erwarteten Befunden lassen sich wesentliche Diskussionslinien mit einschlägigen empirischen Daten vergleichen und so weiter präzisieren oder ggf. korrigieren. Darüber hinaus verbindet das Projekt den kirchenraumpädagogischen Diskurs mit dem Diskurs religiösen Lernens in der Schule. Auch hier liegen vor allem Praxisentwürfe vor, welche kirchenraumpädagogische Elemente in die schulische Praxis integrieren. Eine Reflexion der Bedingungen eines solchen Lernens findet nur vereinzelt statt (z.B. Dressler 2003; Mendl 2008: 89-104). Mit den erwarteten Befunden des geplanten Projekts lassen sich hier wesentliche Bedingungsfaktoren beschreiben. Die Befunde des be-antragten Projekts sind also geeignet, den religionspädagogischen Diskurs außerschulischen Ler-nens theoretisch zu präzisieren.

Finanzierung

Teilprojekt A wird durch die DFG finanziert (10/12-9/15)

Publikationen

  • Kindermann Katharina & Riegel Ulrich (2016), Experiencing churches as spiritual and religious places: a study on children's emotions in church buildings during scholastic field trips, in: British Journal of Religious Education 20/10, 1-11 (doi: 10.1080/01416200.2016.1209458).
  • Riegel Ulrich & Kindermann Katharina (2016), The Impact of Participatory Learning on Attitutde. A Quasi-Experimental Study on German Primary Schools, in: Journal of Empirical Theology 29/1, 1-23.
  • Kindermann Katharina & Riegel Ulrich(2016), Subjektive Theorien von Lehrpersonen. Variationen und methodische Modifikationen eines Forschungsprogramms, in: Forum Qualitative Sozialforschung 17/2, Art. 1 (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs160218).
  • Riegel Ulrich & Kindermann Katharina (2016), Why leave the classroom? How field trips to the church affect cognitive learning outcomes, in: Learning & Instruction 41, 106-114 [DOI: 10.1016/j.learninstruc.2015.10.004].
  • Kindermann Katharina & Riegel Ulrich (2015), Außerschulisches Lernen und situationales Interesse, in: Zeitschrift für Grundschulforschung 8/2, 147-160.
  • Riegel Ulrich & Kindermann Katharina (2015), Tracing Informal Religious Learning. Children's Expertise about Church Buildings, in: International Journal of Pracitcal Theology 19/1, 122-137.
  • Kindermann Katharina & Riegel Ulrich (2015), Wie Religionslehrpersonen außerschulisches Lernen erleben, in: Schulpädagogik heute 6/11, o.S.
  • Riegel Ulrich & Kindermann Katharina (2015), Was Kirchenraumpädagogik bei Unterrichtsgängen in die Kirche leistet, in: Katechetischer Blätter 140/5, 364-375.
  • Kindermann Katharina & Riegel Ulrich (2013), Kirchenräume erschließen. Zum aktuellen Stand des kirchenraumpädagogischen Diskurses, in: Religionspädagogische Beiträge 70, 67-78.
  • Kindermann Katharina & Riegel Ulrich (2013), Kirchenraumpädagogik als Thema der empirischen Religionspädagogik. Ein Forschungsprojekt der Universität Siegen, in: kirchenPÄDAGOGIK 2(2013), 29-31.
  • Riegel Ulrich & Kindermann Katharina (2013), Eine Kirche konstruktivistisch erschließen. Der Kirchenraum als Lernumgebung, in: Büttner G., Mendl H., Reiß O., Roose H. (Hg.), Jahrbuch konstruktivistische Religionspädagogik. Band 3: Lernumgebungen, Hannover, 171-183.
  • Riegel Ulrich & Kindermann Katharina (2012), Der Kirchenraum als außerschulischer Lernort, in: Schröteler-von Brandt H., Coelen Th., Zeising A., Ziesche A. (Hg.), Raum für Bildung. Ästhetik und Architektur von Lern- und Lebensorten, Stuttgart 123-131.
  • Förster Katharina (2009), Auf Spurensuche. Grundschüler erkunden eine Kirche, Münster.