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Dr. Dirk Balzer

balzer Schon während der Schulzeit erkannte Dirk Balzer seine persönlichen Leidenschaften: Meeresbiologie und Elektronik. Mit dem Lötkolben baute er Mischpulte und Boxen und machte auch ein wenig Musik. Mit seinen Gedanken war er häufig bei seinem nächsten Tauchgang. Bei der Studiengangswahl war die Richtung also klar: Entweder in die Welt von Jaques Cousteau eintauchen oder in die Fußstapfen von Thomas Alva Edison treten. „Meeresbiologie wurde mir damals als brotlose Kunst verkauft“, erklärt er seine Entscheidung für die Elektrotechnik, „also habe ich mir mein zweites Hobby vorgeknöpft“.

Aus Leidenschaft zur Innovation

Den Strom im Visier

1987 checkte Balzer an der Uni Siegen ein. Auf dem Einschreibebogen stand im Titel „Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik“. Der Siegerländer gab der damaligen Gesamthochschule den Vorzug vor der RWTH in Aachen. Nicht nur die regionale Nähe zur Heimat war dafür ausschlaggebend, auch die Studienbedingungen schienen damals in Siegen angenehmer und die Plätze in den Laborpraktika sicherer. Die Entscheidung bereut er bis heute nicht: „Die Fächer waren eine runde Sache“.
Zwar hatten die Siegener damals noch eine junge und weniger bekannte Uni. Die Qualität des Studiums konnte aber überzeugen: „Noch heute greife ich auf mein Grundlagenwissen aus dem Studium zurück. Regelungssysteme, Transformatoren oder die Kirchhoff'sche Regel kommen in Meetings nach wie vor regelmäßig zum Tragen“.
Neben allem Pauken blieb auch Raum für studentisches Leben. Die Krönchen-Stadt habe sich in den letzten Jahren zwar deutlich weiterentwickelt, aber auch damals mit ihren kleinen Lokalitäten, AStA-Partys und Fachbereichsfeiern einen studentischen Charme ausgestrahlt. Schließlich rundete sein Engagement bei der studentischen Theatergruppe „Drama statt Siegen“ die Studienzeit ab.

Schon aufhören, wo es doch gerade so schön ist?

Nach seinem Diplom startete Balzer seine Karriere als Laboringenieur am Lehrstuhl für Experimentelle Physik. Bei dem nobelpreis-verdächtigen Prof. Walenta arbeitete er rund ein Jahr zum Thema Serienproduktion von schnellen Analog-Digital-Wandlern für das Deutsche Elektron Synchroton (Desy); dem „kleinen Bruder“ des Teilchenbeschleunigers CERN. Während dessen bewarb sich der Jungwissenschaftler um ein Promotionsstipendium bei der Deutschen Telekom: „Davon war abhängig, ob es noch zu einer Dissertation käme, oder nicht“. Mit der Bewilligung wechselte der Ingenieur im Jahr 1995 wieder die Elektrotechnik (Hölderlinstrasse) und später an den Paul-Bonatz-Campus. Am Zentrum für Sensorsysteme (ZESS) forschte er zu dem nachrichtentechnischen Thema „Extended Kalman-Filter“, mit selbstentwickelter Hard- und Software zum Entfernen von elektronischen Störungen. Fünf Jahre sollten ihn diese Probleme beschäftigen, bis er dann 1999 neben seiner Promotionsurkunde gleich zwei attraktive Jobangebote in seinen Briefkasten fand: „Ich hatte sicher auch ein bisschen Glück. Aber bergeweise Bewerbungen schreiben musste ich nie“, erklärt der gestandene Ingenieur. Die beiden Automotiv-Riesen Daimler AG und die Adam Opel AG bekundeten ihr Interesse. Meist eröffnete sich eine solche Chancen, wenn ein alter Bekannter anrufe, den man vielleicht noch aus Studientagen kenne. Netzwerke seien ausgesprochen wichtig. Es sei vieles einfacherer, wenn man sich kenne: „Ich empfehle immer den persönlichen Kontakt zu suchen. Das macht die Wege kürzer und erfolgreicher“.
Der Rüsselsheimer Autobauer suchte einen Ingenieur für Sensortechnik und traf damit den Nerv des jungen Wissenschaftlers.

balzer

Nun aber reif für‘s Business, Interesse von Automobilindustrie, oder besser hier: Sensortechnik für die Automobilindustrie

Es folgten vier Jahre bei Opel als Entwicklungsingenieur. In der Vorausentwicklung des Autobauers wirkte er an Förder-Projekten zum so genannten Abbiegespurwechsel-Assistenten und der Addaptiv Cruise Control (ACC) mit. Das „Forscher-Handwerk“ war bekannt, die Management-Umgebung neu: „Ich hatte plötzlich viel Kontakt mit Kollegen und auch nach außen. Die vermehrte Kommunikation musste zwar gemanagt werden, machte aber auch Spaß und den Alltag interessanter“. Er lernte schnell seine Zeit angemessen zu einzuteilen und empfiehlt das Studierenden auch heute: „Schreibt Euch auf, wie viel Zeit Ihr „verplempert“. Das macht das Leben leichter“, rät er. Denn die Freizeit werde kostbarer und nur durch gutes Zeitmanagement sei sie gesichert.
Die Entscheidung für Opel war richtig. Auch privat sei der Technik-Fan stets neugierig auf das Thema Energie und überlege oft, was man da „Gutes“ tun könne, erklärt er. Und dieses Interesse ließe sich bei seinem neuen Arbeitgeber hervorragend einbringen. Gleichzeitig beschere seine berufliche Tätigkeit auch ihm immer wieder neue Sprünge in seiner Lernkurve: „Es ist toll, sich in seinem Interessensgebiet entfalten zu können“.
Auch die allgemeinen Rahmenbedingungen konnten ihn von Opel als Arbeitgeber überzeugen. Natürlich gebe es Leistungsspitzen, in denen man durchaus einmal sehr belastet sein könne. Das Miteinander sei aber sehr kollegial und grundsätzlich biete der Autohersteller seinen Angestellten viele Möglichkeiten für eine angemessene Work-Life-Balance. Aber: „Jeder ist seines Glückes Schmied. Man muss sich schon organisieren können“, gibt der Ingenieur zu bedenken.
Die Indrustrie fordert mehr als reines Fachwissen. Neben sozialen Kompetenzen ist geschicktes Ideenmanagement gefragt: „Als Entwickler leben wir von Ideen, die verwaltet, geprüft und durchgeführt werden wollen. Das muss professionalisiert ablaufen“. Überhaupt fordert der Arbeitsbereich „Entwicklung“ eine Vielzahl verschiedener Fähigkeiten. Rhetorik- und Präsentationskünste sind bei Kongressen aber auch Launch-Unterstützung (Produkteinführung) gefragt, um bei Journalisten, aber auch Fachkollegen die Firma mit technischen Themen zu vertreten. Balzer erinnert sich an den „Ampera-Launch“ 2010 in Den Haag: „Spätestens bei solch einer Veranstaltungen, sind solche Kompetenzen besonders gefragt“.

Expat-Chancen

Alleingelassen fühle man sich bei Opel allerdings nie. Die individuelle Entwicklung der Mitarbeiten werde nicht aus dem Blick verloren. So eröffnete sich 2003 eine neu Perspektive. Im Rahmen eines Expatriate-Programms stellte Opel ein „Global-Team“ für einen längerfristigen Auslandsaufenthalt zusammen. Das Angebot erreicht auch den mittlerweile Familienvater. Kein kleiner Schritt. Nach reiflicher Überlegung entschied sich die junge Familie für den Wechsel und siedelte für die nächsten zweieinhalb Jahre in die USA um. Das spannende Ziel: Die internationale Hochburg der Automotiv-Branche: Detroit.
„Auf den Auslandsdienst wird man hervorragend vorbereitet. So etwas wie einen Kulturschock haben wir nicht erlebt“, erinnert sich Balzer. Insgesamt sei es einerseits eine sehr arbeitsintensive Zeit gewesen, andererseits habe aber auch immer ein Gefühl von Urlaub mitgeschwungen. Schnell hatte Familie Balzer neue Kontakte geknüpft. Insbesondere weil Detroit einige Automobilwerke und Zulieferer beherberge, die wiederum Expatriates entsandt hatten, war sie schnell im gesellschaftlichen Leben integriert: „Im Laufe der Zeit hat sich Detroit zu einer zweiten Heimat entwickelt. Ich freue mich immer, wenn mich heute mal eine Dienstreise in diese Richtung verschlägt “.
2005 führte der Weg zurück nach Rüsselsheim. Das Leben in den USA war angenehm einfach, aber „es war auch eine Entscheidung für unsere zwei Kinder, die wir gerne auf eine deutsche Schule schicken wollten“, erklärte der Vater.

Zukunft vernetzte Hybridentwicklung

Heute forscht Dirk Balzer als Manager für Energiemanagement zu so genannten „Stop-Start“-Systemen und im Bereich der Hybrid- und CO2-reduzierenden Technologien. Er und seine Mitarbeiter erkennen hier bedeutendes Innovationspotenzial und waren an der Entwicklung des Opel „Ampera“ beteiligt. Das Elektro-Fahrzeug mit einem sogenannten Range Extender - kurz EREV - war das erste dieser Art, was primär elektrisch betrieben wird. Nur bei leerer Batterie wird auf den Batterieladezustand erhaltenden Modus wechselt und der Strom dann über einen Verbrennungsmotor produziert. Aktuell Marktführer in Europa.
Insgesamt seien Rad und Stoßdämpfer zwar schon erfunden, aber „gerade für Elektrotechniker ist die Automobilbranche noch immer sehr attraktiv. Themen wie Elektromobilität oder auch autonomes Fahren versprechen auch weiterhin ein interessantes Arbeitsfeld“, lässt er potenziellen Nachwuchs wissen.

Dieser Artikel wurde verfasst von Christian Lenz und basiert auf einem Telefoninterview.