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Marco Trovatello

Raumfahrt ist die gemeinsame Sache, die uns all die anderen Konflikte überwinden lässt

Marco Trovatello über seine Arbeit als Communication Officer der Europäischen Weltraumagentur ESA

Marco Trovatello studierte an der Universität Siegen in den 90ger Jahren im Modellstudiengang Außerschulisches Erziehungs- und Sozialwesen. Der gebürtige Kölner hatte schon immer eine Affinität zur Arbeit mit Menschen und ein Ideal vom Dienst an der Gesellschaft. Nach verschiedenen Kultur- und Jugendarbeitprojekten begann er eine Karriere, die ihn zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und dann zur Europäischen Weltraumagentur (ESA) quer durch Europa und zu den Sternen führte. Seine Ambition, etwas für die Menschen dieses Planeten zu tun, verbindet er nun in seiner Tätigkeit als Communication Officer bei der ESA.

Ich blicke gebannt auf einen von sechs Monitoren, die in einem Cluster an der Wand hängen. Sie alle zeigen Außenaufnahmen der Internationalen Space Station (ISS). Auf allen ist es dunkel. „Die Station befindet sich grade über der Hudson Bay“, erklärt mir der kanadische Mitarbeiter auf Englisch, während er an einem weiteren Bildschirm einen Programmablauf überprüft. Er trägt ein Headset und kommuniziert simultan mit einer Astronautin auf der Station und dem Leiter des grade live durchgeführten Experiments in Moskau. Mein Blick ist immer noch auf die Monitorwand geheftet und langsam erkenne ich nun Umrisse. Wie ein dünner Kranz ist plötzlich der helle, bogenförmige Horizont zu erkennen, als sich die Station über die Tag- und Nachtgrenze bewegt und sich von dort ins Morgengrauen ihres nächsten Umlaufes begibt. Mit einem Mal scheint die Sonne auf die Außenkameras und zeigt zylinderförmige Module, die sich baukastenmäßig aneinanderreihen. Alles wirkt friedvoll und der blassblaue Planet darunter erscheint mir plötzlich viel plastischer. Mit einem Mal ereilt mich das Gefühl nicht „irgendwo auf der Welt zu sein“, in diesem Falle übrigens Köln-Porz, sondern mich auf der Oberfläche eines Planeten zu befinden mit einer Raumstation, die 406 Kilometer über mir schwebt und dort Kreise zieht. Die Welt ist eine andere aus dieser Perspektive.

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Die Internationale Raumstation ISS mit Space Shuttle Endeavour | Credit: ESA

Neben mir steht Marco Trovatello, Communicaton Officer des ESA-Astronautenzentrums und lächelt. Er hat dutzende Sonnenaufgänge der ISS und auch der russischen MIR gesehen und war erst eine Woche vor unserem Interview in Kasachstan, um die Rückkehr einiger ESA-, NASA- und Roscosmos-Astronaut*innen zu unterstützen. Er führt mich durch unterschiedliche Bereiche des Kölner ESA-Zentrums, während er mir von seinem Werdegang und seinen Ideen erzählt.

Begonnen hat seine Reise damals an der Universität Siegen als diese noch als Gesamthochschule organisiert war und damit den Universitätsbetrieb und die Ausbildung einer Fachhochschule vereinte. Studiert hat er von 1992 bis 1996 im Studiengang AES „Außerschulisches Erziehungs- und Sozialwesen“. Der gebürtige Kölner mit italienischen Wurzeln hatte schon immer eine Affinität, Dinge mit Menschen zu machen. Für ihn war dies die Arbeit in einem Kölner Kulturzentrum. Schon vor seinem Studium engagierte er sich in der Kultur- und Jugendarbeit und brachte dieses Thema auch in seine Abschlussarbeit ein. Heute leitet er das Team für PR und Kommunikation der ESA in Köln und sieht darin, zumindest teilweise, eine Weiterführung dieser Idee. Nach Siegen brachte ihn die Mischung aus dem Bildungskonzept Gesamthochschule und familiärerer Atmosphäre. Siegen war kulturell nicht wie Köln, doch die Möglichkeit, durch einen Zweitwohnsitz in Köln und das Studium in Siegen quasi beides erleben zu können, hatte seinen Reiz. „Kulturell gesehen kann Siegen mit Köln logischerweise schlecht mithalten, doch es gab interessante Nischendinge, wie etwa das Programmkino in Dahlbruch, welches auch experimentellere Filme zeigte“, erinnert sich Marco im Gespräch an seine Zeit in Siegen.

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Presseveranstaltung anlässlich der New Horizons Mission | Credit: ESA - J. Harrod

Von den Menschen zu den Sternen: Der Weg zur Raumfahrt

Auch die Affinität zur Kommunikation mit Sprache und Bildern war schon in Marcos Schulzeit vorhanden. Von der Schülerzeitung bis zur ESA widmete er sich der Aufgabe, wie der gezielte Einsatz von Sprache und Bild Menschen zusammenbringen kann. Die Universität Siegen bestärkte dies durch das in den 90er Jahren aufgebaute Medienzentrum, welches auch einen uneingeschränkten Zugang zum damals noch jungen Internet ermöglichte. Die dort gesammelten Erfahrungen in Kombination mit den im Studium erworbenen pädagogischen und kulturellen Fähigkeiten bildeten einen Teil der Grundlage für einen späteren Job als „Online-Redakteur“ im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Dass er einmal in der Raumfahrt sein Zuhause finden würde, hätte Marco als Student nicht erwartet. Zwar gab es durchaus das ständige Interesse an der Raumfahrt – nicht zuletzt wuchs er unweit des DLR- und ESA-Geländes auf -, doch die Idee war eine andere. Marcos eigentlicher Plan sah vor, sich nach dem Studium der soziokulturellen Arbeit zu widmen, doch es kam anders. In einer umfangreichen Diplomarbeit bearbeitete er gemeinsam mit Britta Kölsch das Thema „Kulturzentren: Anspruch und Wirklichkeit“. Das Autorenduo und stellte sowohl theoretische als auch empirische Forschungen dazu an. Auch betätige er sich bereits während des Studiums in der Kultur- und Jugendarbeit. Nach dem Studium und einer längeren Reise bewarb sich Marco aus Neugier und Interesse auf eine Stelle des DLR, als besagter Online-Redakteur. Obwohl dies erst einem mit einem Zeitvertrag geschah und zunächst nichts Längeres werden sollte, fühlte er sich in der Raumfahrt und ihrer PR zuhause. Seitdem beschreitet er seinen Weg dort mit unterschiedlichen Positionen beim DLR und dann später bei der ESA. Die Arbeit der ESA-Mitarbeitenden ist auch von einer hohen örtlichen Flexibilität gekennzeichnet und es kann durchaus sein, dass Menschen in ihren Berufsjahren die ESA-Standorte mehrmals wechseln. In Marcos Fall waren dies neben Köln-Porz auch Rom und Paris, wo er jeweils mehrere Jahre verbrachte. An allen Standorten arbeitete er im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation in unterschiedlichen Positionen und an unterschiedlichen Projekten. In Köln zum Beispiel übersieht er die Kommunikation rund um die astronautischen Missionen der ESA sowie die Forschungsaktivitäten des Zentrums, die sich zur Zeit auf den Mond als nächstes Ziel konzentrieren.

Die Europäische Raumfahrtagentur

Die ESA selbst ist als Internationale Organisation dezentral organisiert und wird aus Mitteln von 22 Mitgliedsstaaten, darunter auch Kanada als assoziertes Mitglied, finanziert. Die unterschiedlichen Zentren sind jeweils spezialisiert auf verschiedene Themen- und Aufgabengebiete. So findet sich beispielsweise in Köln das Astronautenzentrum. Andere Einrichtungen, wie etwa das Europäische Satellitenkontrollzentrum ESOC (European Space Operations Centre) in Darmstadt sind an anderen Standorten gelegen, doch sie alle kommunizieren live untereinander, sodass der eigentliche Ort keine große Rolle spielt. Die jeweils aktuelle Position der Internationalen Raumstation über einem bestimmten Staatsgebiet ist ja ebenfalls irrelevant. Man einigt sich auf die Arbeit nach der Universalzeit (UTC) und organisiert alles an diesem Gerüst. Die Arbeitssprachen der ESA sind Englisch und Französisch, weichen aber je nach Standort des Zentrums ein wenig in Richtung der jeweiligen Landessprache ab. Für Marco Trovatello kein Problem. Er spricht neben Deutsch auch fließend Englisch, Französisch, und Italienisch und ist damit bestens gerüstet auch unter den Mitarbeitern der ESA problemlos zu kommunizieren. „Raumfahrt ist das gemeinsame Projekt“, sagt er, „welches die irdischen Konflikte überbrücken kann. Nationen, welche auf der Oberfläche nicht so gut miteinander können, sind im All aufeinander angewiesen.“ Die ESA verfolgt ausschliesslich friedvolle Zwecke („exclusively peaceful purposes“) im All, welches sich in den Zielen und ihrer Außenkommunikation niederschlägt. Als ich Marco zu bemerken gebe, dass sein Jobtitel ja „Communication Officer“ lautet, schmunzelt er und meint, die scheinbar militärischen Bezeichnungen wären ein Relikt aus früheren Zeiten.

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Marco Trovatello im Interview mit einem ESA Astronaut | Credit: ESA– S. Zormpas

Marcos Arbeit als Communication Officer

Marco’s Aufgaben bei der ESA drehen sich in der Hauptsache um externe Kommunikation. Ihm arbeitet ein Team zu, welches sich um Blog, Medienkommunikation, Social-Media Kanäle und in der Hauptsache um die Durchführung individueller Kommunikationskampagnen der ESA-Missionen kümmert. Seine Aufgaben sind strategische Kommunikation sowie die Koordination seines Teams und dabei die Konsistenz der PR-Kommunikation einzuhalten. Es ginge nicht nur darum optisch schöne Videos und Photographien der Erde zu veröffentlichen, oder die Arbeit der Astronaut*innen öffentlichkeitswirksam zu präsentieren und zu dokumentieren. Vielmehr bestehe die Aufgabe, den die ESA finanzierenden Steuerzahler*innen etwas zurückzugeben: Wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse über unseren Heimatplaneten und unser Sonnensystem, Inspiration, offene Daten, neue Technologien, Interesse für für naturwissenschaftliche, technische oder gar kulturelle Themen der Weltraumforschung. Gerade die friedvollen Absichten, der wissenschaftliche Ansatz und die Idee etwas für die Menschheit als Gesamtes tun zu können, gehören zu diesem Bewusstsein. Wir Menschen waren 1969 schließlich nicht auf dem Mond, um dort Urlaub zu machen, sondern um eine Botschaft zu erzeugen, was mit internationaler Zusammenarbeit alles möglich sein kann. NASA, ESA und weitere Partner wollen das in nicht allzu ferner Zukunft wieder tun: Schon bald werden wir die nächsten Menschen im Mondorbit und auf der Mondoberfläche sehen.

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Selfie des ESA Astronauten Alexander Gerst | Credit: ESA

So lebt Marcos Arbeit von diesen Gedanken und Inspirationen. Bei der Kuration der digitalen ESA-Kanäle darf all dies mitgedacht werden, ebenso bei den Briefings seines Teams, aber auch bei beispielsweise der Kampagne zur Einstellung neuer Astronaut*innen. „Die ESA ist sehr auf Diversität bedacht.“, erzählt er, „Es darf in der astronautischen Raumfahrt keine Rolle spielen, wer welchen Glauben, welche Staatsangehörigkeit, welche sexuelle Orientierung oder Gender hat.“ Wichtig seien die gemeinsamen wissenschaftlichen und humanistischen Ziele. Als ich Marco frage, ob jeder, der in der Raumfahrt arbeitet im Inneren ein zwölfjähriges Kind trägt, das aus dem Staunen nicht mehr rauskommt, grinst er und nickt. Raumfahrt scheint zu den Randerscheinungen menschlicher Abenteuer zu gehören, doch sie ist eines der stark innovationsfördernden Abenteuer. Oder wie der berühmte Astronom und Philosoph Carl Sagan einst sagte, betreiben wir sie „to preserve and cherish the pale blue dot; the only home, we’ve ever known”.